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Herodes - doch anders ?












http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,482871,00.html

Quellen zufolge ließ der Unhold sogar 3000 politische Gegner in einem Tempel abstechen, dann wieder schändete er "mit der größten Schamlosigkeit Frauen und Jungfrauen". Selbst das heilige Grab des großen Urkönigs David soll er angeblich gefleddert haben. Doch das sind offenbar Erfindungen.

Die Historiker zweifeln. Immer deutlicher tritt hervor, dass Herodes von Neidern und Rufmördern umstellt war. Den Römern schien er als Jude verdächtig. Die Priester von Jerusalem, die selbst an die Macht wollten, verunglimpften ihn als Frevler und heidnischen Prasser.

Ins Reich der Legende gehört auch jene übelste aller Nachreden, die Matthäus im Kapitel 2 seines Evangeliums verbreitet. Demnach ziehen die Heiligen Drei Könige zuerst zum Hof des Herodes, um die frohe Botschaft von der Geburt des Messias zu melden. Doch der eifersüchtige König sendet umgehend Häscher aus und lässt in ganz Betlehem alle Jungen im Alter bis zu zwei Jahren umbringen.

Keine Frage: Wahrheit und Lüge sind in der Person der Herodes verwirrend ineinandergeflochten.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,482871-2,00.html
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Selbst um das Ableben des Königs ranken sich Gerüchte, die eine medizinische Debatte ausgelöst haben. Ausführlich berichtet Flavius Josephus vom Siechtum des Herrschers. "Schmerzen in den Eingeweiden" hätten ihn geplagt, Schwellungen an den Füßen, Muskelkrämpfe und Atemnot. Zugleich bildete sich "an den Schamteilen ein fauliges Geschwür".


Oder ist auch die Geschichte vom absterbenden Gemächt nur erfunden? Misstrauen ist angesagt: Manche halten Herodes für einen machtbewussten "Realpolitiker" (Theologische Realenzyklopädie), andere für einen argwöhnischen Despoten "am Rande des Irrsinns" (der Historiker Abraham Schalit). Wie sehr die Zunft im Dunkeln tappt, offenbarte gerade erst eine Herodes-Konferenz in Bochum. "Vasallentyrann oder Friedensfürst" - so lautete das schwammige Motto.

Die Schändung des Grabmals beweist, wie hassbeladen sich die politischen Fraktionen im alten Israel gegenüberstanden.
Im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus hatten die Hasmonäer, ein Geschlecht strenger Priesterkönige, den Staat angeführt. Ihre Gegner, die Pharisäer, lehnten das monarchische Prinzip ab. Ständig brach Streit aus.

40 vor Christus wurde der junge Soldat in Rom zum "König von Judäa" gekürt und mit Rammböcken und Katapulten gewaltsam auf den Thron befördert.

Der religiöse Adel rümpfte die Nase. Herodes' Heimat Idumäa (nahe dem Sinai) war erst zwei Generationen zuvor zwangsweise zum Judentum bekehrt worden. Die Mutter kam aus dem Arabischen. Mit den Geboten der Rabbiner nahm es der neue Staatsführer nicht ganz so genau.

Jede Kritik vonseiten der Religionsparteien erstickte er in Blut. Dutzende Priester ließ er köpfen oder hängen.

Bald richtete sich der Argwohn auch gegen die eigene Familie. Die Gattin, deren Opa und drei seiner Sprösslinge ließ er beseitigen. Kommentar des Römer-Kaisers Augustus: "Lieber ein Schwein des Herodes sein als dessen Sohn."

Gleichwohl brachte der König das Land wirtschaftlich voran. Er schuf ein modernes Zollsystem. Das Monopol auf Bitumen vom "Asphaltsee", dem Toten Meer, aber auch die Erträge aus den königlichen Dattelplantagen füllten die Staatskasse. Rom war mit seinem botmäßigen Diener zufrieden und übertrug ihm die Verwaltung auch von Teilen Syriens.

Weil der daheim als "Fremder" und "Halbjude" verschriene Regent keine eigenständige Außenpolitik (vulgo: Kriege) führen durfte, verlegte er sich auf ein anderes Hobby: Er baute.

Eine Kette von Wehrburgen ließ Herodes quer durch die Judäische Wüste errichten. Die schönste, Massada, liegt erhaben auf einem Felssporn am Rand des Toten Meers.

Manche Forscher deuten Herodes' eifrige Burgenbauerei als Zeichen von Verfolgungswahn. Andere glauben dagegen, der Despot habe sich in seinen mit Bädern und Lustgärten ausgestatteten Militärschlössern schlicht ungestört der Sinnenlust hingeben wollen.


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Zugleich aber stampfte der König an der Küste eine heidnische Gegenhauptstadt aus dem Boden: Caesarea. Innerhalb von nur elf Jahren errichteten Zwangsarbeiter aus weißem Stein eine Metropole im Römerstil mit Pferderennbahn, Thermen, Amphitheater und einer Arena für Tierhatzen. Ein riesiger Hafen wurde ausgehoben - Israels neues Tor zur Welt.

Anschluss suchte Herodes an die römisch-hellenistische Kultur, er wollte das Land öffnen, versöhnen. Doch die Tora-Gelehrten und Schriftdeuter sperrten sich. Zu viele Gegner warfen sich dem säkular gestimmten Monarchen entgegen. Er brachte sie alle um - und nahm dabei selbst Schaden an seiner Seele.

Zum Ende hin sehen wir den Tyrannen mit verdüstertem Gemüt. Kraftlos hält er das Zepter. Unter seiner Haut haben sich Wurmnester gebildet. Er badet in warmem Öl, nimmt Schwefelkuren - nichts hilft. Immer sehnsüchtiger blickt er hinauf zu seiner Totenburg, dem Herodeion, die er sich als letzte Ruhestätte erkoren hat.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,482871-3,00.html
http://idw.tu-clausthal.de/pages/de/news208299

Wird der Fund des - vermuteten - Grabes von Herodes sein Bild in der Geschichte weiter präzisieren helfen? Im Vorwort ihres soeben erschienenen Bandes "Herodes und Rom" schreibt die Herausgeberin, die Bochumer Historikerin Prof. Linda-Marie Günther: "Erschweren somit die extrem tendenziösen Überlieferungen über den König von Judäa eine Bewertung seiner historisch-politischen Leistungen, so bieten doch archäologische Forschungsergebnisse ein anderes, zumindest teilweise korrigiertes Bild von Herodes, nämlich das eines großen und offenbar begeisterten Bauherren und Stadtgründers".[/color

http://www.google.de/search?hl=de&a.....che&meta=lr%3Dlang_de
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Die Frage ist: was werden wir noch alles erfahren ? Was wird noch alles korrigiert ? Was glaubten wir und was können wir noch glauben ?


Zitat:

Wer Herodes wirklich war
Vasallentyrann oder Friedensfürst
Erste „Herodeskonferenz“ in der RUB

Kaum eine biblische Gestalt ist so umstritten wie König Herodes: War er ein grausamer Tyrann und williger Handlanger Roms? Oder ein geschickter Diplomat, der sein Reich Judäa – eine notorische „Krisenregion“ – erfolgreich konsolidierte? Wissenschaft und Öffentlichkeit schwanken auch heute noch zwischen Ablehnung und Anerkennung. Zur Klärung beitragen will die erste Bochumer Herodeskonferenz unter dem Titel „König Herodes und Rom – Vasallentyrann oder Friedensfürst“ am Freitag, 28. April 2006 (9 bis 16 Uhr, Dekanatssitzungssaal GA 5/29). Veranstaltet von der Abteilung für Alte Geschichte (Prof. Dr. Linda-Marie Günther, Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB), treffen sich Referenten verschiedener Disziplinen aus ganz Deutschland in Bochum. Die Medien und die interessierte Öffentlichkeit sind herzlich willkommen.

http://www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2006/msg00141.htm
Forum -> Spiegel- und Reflexionsforum II


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