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http://mitglied.lycos.de/teozofia/Sanskrit.html
JESUS HAT GELEBT. Welchen Namen er auch immer gehabt
haben mag, der als Jesus bekannte Mann war ein großer
Weiser, ein wirklicher Mensch. Sein hebräischer Name war
Jeshua oder Joshua. Er hat tatsächlich gelebt und war überdies
in die Geheimlehre seiner Zeit eingeweiht. Nach seinem Tod
rankten sich um seine Persönlichkeit Legenden und
Erzählungen, die in späterer Zeit – sagen wir, ein Jahrhundert
nach seinem Tod – in die so genannten Evangelien eingeflochten
wurden.
Wer aber war Jesus? Niemand weiß es wirklich. Es gibt
keine einzige bestimmte, endgültige und bestätigte Antwort
auf diese Frage – keine einzige, die als Gewissheit anzusehen
wäre.
Wann hat Jesus gelebt? Wann wurde er geboren? Hat er
überhaupt gelebt? War er ein Mythos? Die Antworten auf
diese Fragen wurden noch nicht gefunden und beschäftigen
noch immer die Aufmerksamkeit einer großen Schar
Gelehrter und Suchender. Hinter dem Nebel der
Ungewissheit und dem Wirbel all die Zeitalter hindurch
widerstreitender Meinungen jedoch – seit Jesus, der später
der Christus genannt wurde, auftrat und seine Mitmenschen
lehrte – erkennen wir durch all das und hinter alledem die
erhabene Gestalt eines großen Lehrers. Er ist in den Annalen
der Geschichte nicht der einzige große Lehrer, sagen wir
Theosophen, aber dennoch ein großer und erhabener Lehrer
der Menschen mit einem Herzen voller Liebe und Mitleid für
die irrende Menschheit. Er verbrachte sein Erdenleben damit,
dem Denken der Menschen und ihren Herzen erhabene Lehren
nahe zu bringen und erlitt schließlich nach der Theorie der
Evangelien die Todesstrafe am Kreuz. Wurde er tatsächlich
gekreuzigt oder wurde er es nicht? Während die meisten
Gelehrten glauben, dass er gekreuzigt wurde, müssen wir
wiederum sagen: Niemand weiß es wirklich!
Die Evangeliengeschichte ist nur eine idealisierte Erdichtung,
von christlichen Mystikern in Nachahmung der esoterischen
Mysterien der Heiden geschrieben, um die Einweihungsprüfungen
und -tests der Initianden zu erklären. Diese
Dichtung weist jedoch Mängel auf, denn es finden sich viele
Irrtümer und Fehler in den Evangelien.
Kurze Zeit nach der angeblichen Kreuzigung des Meisters
Jesus – jedenfalls von dem Zeitpunkt an, da sich die christlichen
Schriften in der Welt um das Mittelmeer zu verbreiten
begannen – und das ganze Mittelalter hindurch bis nahezu in
unsere Zeit stritten und kämpften die Menschen wegen der
Dokumente, die das christliche Neue Testament zusammensetzen.
Sie stritten sich nicht nur um den Inhalt der Schriften,
sondern auch um bloße Worte und Redewendungen und auch
um das Alter der Aufzeichnungen und darum, wer diese verschiedenen
christlichen Schriften geschrieben hat. Selbst
heutzutage weiß niemand Bestimmtes, Wirkliches und
Tatsächliches darüber, obwohl viele kluge und gelehrte
Theorien in Umlauf gesetzt und als wahr angenommen
wurden.
Es ist zu überlegen, was das alles bedeutet. Die Menschen
kennen weder das genaue Datum, wann die vier Evangelien
geschrieben wurden, noch wann die Apostelgeschichte zusammengestellt
wurde. Sie kennen auch nicht den exakten
Zeitpunkt, wann die verschiedenen Briefe geschrieben und
ausgesandt wurden, noch wann das letzte Buch, die Offenbarung
des Johannes (von diesem angeblich auf der Insel Patmos
verfasst) genannt, geschrieben wurde. Auch heute noch weiß
niemand etwas über die Schreiber dieser verschiedenen
Schriftstücke, auch ‘Heilige Schriften’ genannt. Niemand
weiß, wer sie verfasst hat, niemand weiß, wann sie geschrieben
wurden, und ferner weiß niemand, ob die Berichte in diesen
Büchern des Neuen Testaments wahr sind. Auch weiß
niemand etwas über die mystischen, strebenden Empfindungen
derer, die sie niederschrieben. Es muss auch bedacht werden,
was das Christentum nahezu 1800 Jahre lang gewesen ist:
eine Religion intensiver dogmatischer Propaganda, eine
Religion, die gewisse sehr bestimmte und strenge Glaubenssätze
lehrte, die man glauben muss, wenn man nicht Gefahr
laufen will, seine angeblich unsterbliche Seele zu verlieren.
Die vier kanonischen, christlichen Evangelien sind keineswegs
die einzigen Evangelien, die jemals geschrieben wurden.
Aus der Kirchengeschichte des Christentums weiß man, dass
es Dutzende von alten Evangelien gab, die – mit Ausnahme
der vier jetzt kanonisch anerkannten – nach dem 3. oder 4.
Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung verworfen und
viele Jahrhunderte lang ‘apokryph’ genannt wurden.
Was sollen wir nun angesichts der fast völligen dunklen
Ungewissheit, welche die Quellen und Verfasser dieser
mystischen Schriften umgibt, daraus schließen? Wir wissen,
dass es wenigstens vierundzwanzig oder fünfundzwanzig
verschiedene jetzt als apokryph bezeichnete Evangelien gibt.
Auch gibt es eine große Anzahl von Briefen, Apostelgeschichten
und Evangelien aller Art, die durch die
verschiedenen frühchristlichen Sekten ausgegeben und in
Umlauf gebracht wurden. Sie werden nur darum ‘apokryph’
oder fragwürdig genannt, weil sie jetzt nicht zum Kanon der
anerkannten Schriften gehören. Und doch wissen die
Gelehrten sehr wohl, dass diese so genannten apokryphen
Schriften zu ihrer Zeit von denen, die sie anerkannten und
gebrauchten, als kanonisch betrachtet wurden.
Die Geschichte von Jesus ist in ihrer Art nicht neu. Sie ist
im Falle dieses besonderen Lehrers, Jesus genannt, im
Wesentlichen eine Wiederholung dessen, was andere große
Seher und Weise, Avataras oder Buddhas taten und lehrten.
Die meisten dieser großen Gestalten der Geschichte hinterließen,
nachdem sie gestorben oder verschwunden waren, ein
verwirrendes System von Symbologie, Symbolen und Allegorien,
die gewöhnlich in viel späteren Jahren für genaue
geschichtliche Berichte gehalten wurden, was sie aber keinesfalls
waren. Dies bedeutet nun jedoch nicht, dass diese
verworrenen Berichte, ob im Falle Jesu oder bei anderen,
nicht einige wirkliche geschichtliche Tatsachen oder überlieferte
Begebenheiten enthalten, sondern es bedeutet, dass
die historischen Berichte oder die wirklichen Ereignisse so
mit Symbolen umkleidet oder allegorisch so stark verschleiert
wurden, dass sie unter diesen verhüllenden Schleiern nur
schwer zu erkennen sind.
Es gibt, historisch gesehen, keinen Bericht vom Erscheinen
des großen syrischen Weisen, Jesus genannt, in dem
angenommenen Jahr ‘1’ der christlichen Zeitrechnung oder
im Jahr ‘4’ vor der Zeitrechnung. Das ist einer der Gründe,
warum kritisch denkende abendländische Gelehrte sagen,
dass der Mensch Jesus niemals gelebt hätte, da es außerhalb
der christlichen Bibel keine zweifelsfreien historischen
Berichte über ihn gibt. Und doch hat er wirklich gelebt – und
zwar etwa einhundert Jahre vor dem Jahr ‘1’ der christlichen
Zeitrechnung, wie es gegenwärtig angenommen wird.
Das Datum der gegenwärtigen christlichen Ära wurde
zuerst willkürlich von dem christlichen Mönch Dionysius
Exiguus ( das heißt ‘Dionysius der Kleine’) festgelegt. Er lebte
im 6. Jahrhundert der christlichen Ära unter den Kaisern
Justin und Justinian. Er wusste nicht, wann der Meister Jesus
geboren wurde, aber er stellte nach dem literarischen Material,
das ihm zur Verfügung stand – es war nicht viel, aber was er
gerade besaß –, Berechnungen an. Er setzte die Geburt des
christlichen Meisters auf ungefähr sechshundert Jahre vor
seiner eigenen Zeit fest. Bald danach wurde dieses hypothetische
Datum als das Jahr ‘1’ des christlichen Zeitalters
angenommen – das Jahr der Geburt des großen Weisen,
genannt Jesus. Aber tatsächlich wurde Jesus etwas mehr als
einhundert Jahre vor der von Dionysius Exiguus festgesetzten
Zeit geboren.
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Jesus – als einer der größten Reformatoren, hartnäckiger
Feind jeden theologischen Dogmas, Verfolger der Frömmelei,
Lehrer der erhabensten Gesetze der Ethik – ist eine der
größten und am klarsten gezeichneten Figuren des geschichtlichen
Panoramas. Seine Epoche mag mit jedem Tage ferner
und ferner im nebelgrauen Dunst der Vergangenheit versinken,
und seine Theologie – auf menschlichen Vorstellungen
basierend und von unhaltbaren Dogmen getragen – mag, ja
muss mit jedem Tage mehr und mehr von ihrem unverdienten
Vorrang verlieren; anstatt weiter zu verblassen, wird allein die
große Gestalt des philosophischen und moralischen Reformators
mit jedem Jahrhundert deutlicher und exakter bestimmt.
Erhaben und universal wird sie erst in jenen Tagen herrschen,
in welchen die gesamte Menschheit nur einen Vater anerkennen
wird, den UNERKENNBAREN EINEN oben, und einen
Bruder – die gesamte Menschheit hienieden.
– Isis Unveiled, II : 150-1
DIE AVATARALEHRE
IN DEN VORANGEGANGENEN KAPITELN wurden die Grundlagen
oder Schlüssel zur esoterischen oder mystischen
Erzählung von Jesus umrissen. Jetzt wollen wir die Frage
stellen: Wer war Jesus wirklich? War er ein Mensch-Gott, ein
großer Seher oder ein Mythos? Die Antwort ist: Jesus war ein
Avatara, wie wir Theosophen sagen.
Avatara ist ein Sanskritwort. Es bedeutet den Abstieg
eines göttlichen Wesens, aber nicht in menschliches Fleisch,
sondern gleichsam in Richtung auf eine Inkarnation in
menschliches Fleisch. Es bedeutet die Überschattung oder,
korrekter ausgedrückt, die Über-Strahlung eines hohen,
edlen Menschen durch eine Gottheit, einen Gott. Somit ist
also ein Avatara, um die übliche Ausdrucksweise zu benutzen,
ein inkarnierter Gott, weil der so auserwählte, edle Mensch
durch sich selbst einen mehr oder weniger großen Teil des
ihn Über-Strahlenden zum Ausdruck bringt.
Jesus war ein Avatara in menschlicher Gestalt, die Manifestation
eines Gottes, einer Gottheit, eines der spirituellen
Wesen, die unseren Teil des stellaren Universums leiten.
Ein Avatara vereinigt in seinem Wesen drei Elemente:
eine inspirierende Gottheit, eine hoch entwickelte Zwischen-
natur oder Seele – den Kanal für die inspirierende Gottheit –
und einen sehr reinen, makellosen physischen Körper. Ein
Avatara ist die teilweise Manifestation einer Gottheit in einem
Menschen, jedoch nicht die Manifestation des eigenen,
inneren Gottes eines Menschen, denn wenn sich letzteres
ereignet, dann haben wir einen ‘Buddha’ in unserer Mitte, wie
wir Theosophen ihn nennen. Das ist unser Fachterminus für
einen ‘Erwachten’, für einen, der jene Gottheit manifestiert,
welche der innerste Kern des Kernes seines eigenen Wesens
ist. Ein Avatara hingegen stellt nicht die Wiedergeburt eines
reinkarnierenden Egos dar und ist daher kein einheitliches
Wesen wie die gewöhnlichen Menschen. Vielmehr erscheint
er als eine hohe, himmlische Herrlichkeit unter den Menschen
und vollbringt ein besonderes Werk auf Erden. Ein Avatara
als Gesamtwesen wurde niemals zuvor geboren, noch wird er
danach wieder reinkarnieren.
So wird z. B. der Avatara Jesus nie wieder auf Erden
geboren werden, anders ausgedrückt, er wird nie wieder
reinkarnieren. Ein Avatara ist nämlich solcherart: eine
Gottheit, die sich durch den psychologischen Apparat eines
Meisters manifestiert – eines Meisters der Weisheit, des Mitleids
und des Friedens, wie wir Theosophen sagen, der sich
für diesen Zweck hingibt, auf dass die erhabenen Kräfte der
Gottheit, die auf diese Weise offenbar werden, sich den
Menschen zeigen und sie lehren können.
Offensichtlich ist also eine solche besondere, zusammengesetzte
Wesenheit, eine solche spirituell-psychologischphysische
Zusammensetzung nicht die Reinkarnation einer
vorhergegangenen, einheitlichen Wesenheit, die als ein
reinkarnierendes Ego aus früheren Leben herüberkommt und
zukünftige Reinkarnationen erleben wird, wenn das gegenwärtige
Erdenleben beendet ist, wie das bei allen anderen
Menschen der Fall ist. [b]Jesus hat nie zuvor, und wird nie
wieder als eine Wesenheit existieren. Es handelt sich hier
nicht um eine Reinkarnation, sondern um einen Avatara: die
Inkarnation des Strahles einer Gottheit, des Feuers einer
Gottheit unter gewissen, sehr mystischen Umständen zum
Zweck zyklischer Unterweisung. Der erscheinende Strahl
blitzt am Horizont der menschlichen Geschichte wie ein
großes Licht auf und ist dann verschwunden.
Wie geht das aber vor sich? [/b]Handlungen wurden vollbracht.
Lehren wurden gegeben, so dass dadurch vielleicht das
Schicksal der gesamten menschlichen Rassen verändert wurde.
Wer ist verantwortlich? Jener Teil des Avataras, der die
Zwischennatur des avatarischen Wesens, das lebte, bildete.
Wie gesagt, besteht ein Avatara aus dreierlei: einem physischen
Körper, einem Verbindungsglied und einem Strahl – der
tatsächlich das spirituelle Feuer eines Gottes ist, eines göttlichen
Wesens, das durch diesen Zwischenteil wirkt; und beide
bringen sich dann durch den physischen Körper zum Ausdruck.
Das Verbindungsglied eines Avat¥ra wird von einem der
Meister der Weisheit gestellt, der gleichsam seine eigene Seele
für dieses zyklische Werk ausleiht, der seine eigene Zwischennatur
verleiht, damit der heilige Körper des Kindes das
spirituelle Feuer Gottes oder von der Gottheit empfangen
kann. Daher nimmt der Meister der Weisheit, der sich selbst
verleiht, die Last der Verantwortung für das auf sich, was
vollbracht wird. Denn ihm haftet das Karma an – die Folgen
und deshalb auch die Verantwortung.
Da also Jesus die Manifestation oder vielmehr der Kanal
für die Manifestation eines Teiles der Kräfte einer Gottheit
war, war er ein Mensch-Gott oder ein Gott-Mensch. Natürlich
war er zugleich auch ein großer Seher und Weiser; denn
ein Weiser war er mit Sicherheit, und ein Seher war er ganz
entschieden, da er Weisheit besaß und ‘sah’.
Es gibt zwei Klassen großer, menschlicher, spiritueller
Leuchten: die Buddhas des Mitleids und die Avataras. Ein
Avatara ist ein erhabenes, natürliches Mysterium; nicht ein
Mysterium in dem Sinne, dass man es nicht verstehen könnte,
sondern ein Mysterium in dem Sinne, dass der Durchschnittsmensch
die Erklärung dafür nicht kennt. Ein Buddha aber ist
einer, der durch viele Leben andauernde selbst-geleitete
Anstrengung die erhabene Größe der Buddhaschaft erlangt
(Von diesen ungewöhnlichen Wesen gibt es auch zwei Arten:
1. Menschliche Avataras, von dieser Art waren Jesus und
Sankaracharya in Indien. 2. Nicht-menschliche Avataras; der Fachausdruck
für diese ist ‘Aupapaduka’-Avataras. Diese letztere Art bezieht
sich nur auf das, was man ein kosmisches Mysterium nennen kann.
Aupapaduka ist ein zusammengesetztes Sanskritwort, das buchstäblich
‘elternlos’ oder ‘ohne einen Elter’ bedeutet oder genauer ‘einer, der
nicht nachfolgt’, wie ein Sohn seinem Vater in direkter Linie nachfolgt.
Diese letztere Klasse von Avataras zu erklären, wäre für eine
kurze Abhandlung zu lang. Der Studierende, den diese technische
Lehre interessiert, sei auf mein Werk Okkultes Wörterbuch verwiesen.)
hat. Damit steht er in einem Sinne tatsächlich noch höher als
ein Avatara – wenn man so sagen darf.
Jesus gehörte zur ersteren Klasse, war also ein Avatara
und daher – wie schon gesagt – eine direkte Manifestation
eines Teiles der Kräfte einer Gottheit, die durch den psychologischen
Apparat eines der Meister des Mitleids, der
Weisheit und des Friedens wirkte. Das wirbelnde Schicksalsrad
war an einem zyklischen Zeitpunkt angekommen, und der
Meister gab sich hin, damit die in diesen Fall involvierte,
besondere Gottheit zumindest einen Teil ihrer erhabenen
Kräfte den Menschen offenbaren, sie lehren und wieder
einmal auf den Pfad der Wahrheit, des Lichtes und des
Mitleids hinweisen konnte. Denn die Weisen kommen nicht
unregelmäßig, zufällig oder von ungefähr. Sie kommen zu
festgesetzten Zeiten, da sich alles im Universum nach Gesetz
und Ordnung bewegt. Folglich brauchen jene, die wissen, wie
sie zu berechnen sind, nicht einmal die Sterne zu befragen. Sie
wissen, dass zu einer bestimmten Zeit, nachdem eine große
Seele unter den Menschen erschien, eine andere große Seele
folgen wird.
Im Fall von Jesus, dem Avatara, gibt es überhaupt keine
Reinkarnation, denn er war in keinster Weise die Wiederverkörperung
eines reinkarnierenden Egos. Ein Avatara ist
etwas, was man wahrhaftig als einen Akt erhabener Weißer
Magie bezeichnen kann. Die Meister der Weisheit, des
Mitleids und des Friedens wussten, dass die Zeit für die Manifestation
einer Gottheit unter den Menschen gekommen war,
eine wirkliche Manifestation eines der Götter, mit denen das
Universum – und in diesem Fall genauer das Sonnensystem –
vollkommen erfüllt ist. Einer dieser edlen Gemeinschaft,
dieser Bruderschaft der Meister der Weisheit, gab sich zu dem
Zweck hin, diese Gottheit zu befähigen, sich durch ihn zu
manifestieren. Er überschattete den Menschen, der – auf
vollkommen normale, menschliche Weise – in Palästina als
kleines Kind geboren werden sollte; er belebte und inspirierte
jenen Knaben. Und dann, als die Zeit seines Mannesalters
gekommen war, wurde Jesus – der damals oder später mit
diesem Namen benannt wurde, in einem der Heiligtümer der
Mysterien, die in jenen Tagen existierten – ‘getauft’. Letzteres
ist ein Fachausdruck, der besagt, dass er vom Menschsein
zur Göttlichkeit ‘erhoben’ wurde durch den ‘Abstieg’ oder
den ‘Avatara’ der Gottheit in ihm, die anschließend durch ihn
wirkte. Jesus der Avatara befolgte in seiner Jugend alle esoterischen
Lehren seiner Zeit und wurde im frühen Mannesalter
in den Mysterienschulen Syriens im Nahen Osten eingeweiht.
Er wurde „gekreuzigt, war tot, wurde begraben, ist am dritten
Tage auferstanden von den Toten und aufgefahren zu seinem
Vater im Himmel“. Jedes Wort dieser Aufzählung ist literatim,
buchstäblich der Sprache der Einweihungskammer entnommen
– ein Beispiel für den Gebrauch der mystischen Sprache,
auf die schon hingewiesen wurde. Wie aber soll man sie
interpretieren?
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DAS MYSTERIUM DER KREUZIGUNG
DER SPEERSTOSS UND DER SCHREI AM KREUZ
DIE KREUZIGUNG WAR EINE der Phasen des alten zeremoniellen
Ritus. Der sich in Trance befindende Neophyt
wurde mit ausgesteckten Armen auf ein kreuzförmiges Lager
gelegt. Während drei langer Tage und Nächte – manchmal
sogar noch länger, etwa sechs oder neun Tage und Nächte –
wanderte der Geist des Neophyten durch die Sphären kosmischen
Seins und lernte so aus erster Hand die Mysterien
des Universums kennen. Denn wahrlich, ich sage euch: Es
gibt einen Weg, den Geist des Menschen aus den Fallen und
Ketten seines niederen Teiles zu lösen, so dass er frei als
Pilger von Planet zu Planet und von Planet zur Sonne wandern
kann, bis er wieder zum irdischen Körper zurückkehrt, den er
vorübergehend verlassen hat.
In diesem Zusammenhang gibt es einen äußerst interessanten,
sehr tief mystischen und vielsagenden Passus in einer
der skandinavischen Eddas; er ist dem bekannten Runengesang
Odins entnommen und lautet wie folgt:
Ich weiß, dass ich hing an einem vom Winde gewiegten
Baume neun ganze Nächte,
Von einem Speer verwundet und Odin dargeboten – ich
selbst mir selbst –
An jenem Baum, von dem niemand weiß, welcher Wurzel
er entspringt.
Die wenigen Zeilen dieser Stelle aus der Edda enthalten
eine andere höchst interessante Version des Mysteriums der
‘Kreuzigung’: Der Hinweis auf das ‘Hängen an einem Baum’
ist äußerst vielsagend, da gerade dieser Ausdruck in den
frühchristlichen Schriften häufig in der Bedeutung ‘am Kreuz
hängen’ gebraucht wurde. In dieser mystischen Erzählung
Skandinaviens steht der ‘Baum’ hier augenscheinlich für den
Kosmischen Baum, ein mystischer Ausdruck für das verkörperte
Universum. Denn im Altertum wurde das Universum
von vielen Nationen bildlich durch das Symbol eines Baumes
dargestellt, dessen Wurzeln aus dem göttlichen Herzen der
Dinge hervorwachsen. Der Stamm und die Äste, die Zweige
und die Blätter waren die verschiedenen Ebenen, Welten und
Sphären des Kosmos. Die Frucht dieses kosmischen Baumes
enthielt die Samen der künftigen ‘Bäume’, nämlich der Wesenheiten,
die durch Evolution das Ende ihrer evolutionären
Reise erreicht hatten, wie die Menschen und die Götter, die –
selbst Universen im Kleinen – dazu bestimmt sind, in der
Zukunft zu kosmischen Wesenheiten zu werden, wenn sich
das kreisende Rad der Zeit lange Äonen hindurch auf seiner
majestätischen Runde gedreht haben wird.
Diese skandinavische Version der kosmischen Kreuzigung,
die auch von Plato in griechischer Form erwähnt wird,
bezieht sich auf den kosmischen Logos, der in und an dem
kosmischen Weltenbaum ‘gekreuzigt’ wurde, dessen belebender
und intellektueller Geist derselbe Logos ist.
Soweit der bildhafte Ritus oder der metaphorische Symbolismus
ging, widerspiegelte die gesamte Einweihung die
mystische Struktur und die Arbeitsweisen und Geheimnisse
des verborgenen Universums. Sie wurden durch die Handlungen
und Worte des Meister-Initiators und des Neophyten
zum Ausdruck gebracht.
Der ‘Speerstoß’ war ein Teil des Einweihungsritus oder
der Einweihungszeremonie und hatte seine eigene besondere
Bedeutung. Es war jedoch keine physische Handlung, die eine
physische Wunde verursacht hätte. In einigen Einweihungszeremonien
wurde im symbolischen Ritus statt eines Speeres
eine andere Waffe benutzt, z. B. ein Dolch. Die grundlegende
Bedeutung war aber in allen Fällen die gleiche, nämlich die,
dass der Mensch seine niedere Persönlichkeit als Opfer darbrachte,
so dass die Kraft und der Einfluss des inneren Gottes
die ganze Konstitution des Menschen frei durchfluten konnte,
nachdem er nach vollzogener Einweihung die ‘Kammer des
Lichtes’ verlassen hatte. Der Speerstoß bedeutete das Sterben
der Persönlichkeit, so dass der innere spirituelle Mensch
befreit, ungehindert und ungebunden sein konnte.
Die letzten Worte am Kreuz sind in den ersten beiden
Evangelien zu finden, bei Matthäus Kapitel 27, Vers 46, und
bei Markus Kapitel 15, Vers 34: ‘Eli’, ‘Eli’, lamah shavahhtani
(yntxbs hml yla yla). Diese Worte, die der ‘Schrei am
Kreuz’ genannt werden, sind im christlichen Neuen Testament
ins Griechische übersetzt worden, und dies ist die deutsche
Wiedergabe der griechischen Übersetzung: „Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Obwohl die
Übersetzung aus dem Griechischen ins Deutsche richtig ist,
ist die Übersetzung in das Griechische falsch; denn die Worte
bedeuten im hebräischen Original: „Mein Gott, mein Gott,
wie hast du mich verherrlicht!“ Diese Worte sind gutes, altes
Hebräisch, und das Verb shavahh 1 bedeutet ‘verherrlichen’
und bestimmt nicht ‘verlassen’. Aber im 22. Psalm des Alten
Testaments stehen im 1. Vers im Original folgende Worte:
‘Eli’, ‘Eli’, lamah ‘azavtani (yntbzi hml yla yla), was
bedeutet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?“
Dies ist ein Beweis dafür, dass die Evangelien in symbolischer
Form und mit mystischen Andeutungen geschrieben
wurden. Warum aber im Namen der heiligen Wahrheit sollten
die Verfasser dieser beiden Evangelien gute hebräische-->
(Das Thema dieses so genannten ‘Schrei am Kreuz’ liegt in der
Bedeutung und Kraft des hebräischen Wortes ‘shavahh’ (xbs), denn
dieses Verb hat mehrere Bedeutungen, z. B. ‘Frieden bringen’, ‘verherrlichen’,
‘besänftigen’, alles mit dem Fluidum sich daraus
ergebender Belohnung oder vielleicht eher der Frucht einer beachtenswerten
spirituellen und intellektuellen Leistung. Das andere im
Text erwähnte Verb ‘azav’ (bzi) bedeutet ‘aufgeben’ oder ‘im Stich lassen’.)
--<Worte gebraucht und doch eine völlig falsche Übersetzung
von ihnen gegeben haben? Weil es die Absicht war, die
Wahrheit zu verbergen und doch eine Wahrheit auszusprechen,
was für die mystische Atmosphäre und die Gebräuche
der Alten typisch war, wenn es sich um die Mysterien drehte.
Wenn sie richtig verstanden werden, sind sowohl die
ursprüngliche hebräische Bedeutung als auch die falsche
griechische Übersetzung richtig. Wenn die Persönlichkeit
des Menschen stirbt, ruft sie immer aus: „Mein Gott! Mein
Gott! Warum hast du mich verlassen, dass ich zu Staub
werde?“ Aber der höhere, der edlere Teil des Menschen, der
innere spirituelle Mensch, stößt einen Freudenschrei aus und
ruft: „Mein Gott! Mein Gott! Wie verherrlichst du mich!“
Dies ist eine genaue Wiedergabe der tatsächlichen Reaktion
des Neophyten, wenn er während der Einweihung die
Verherrlichung erlangte. Es war der symbolische Ausruf eines
jeden Neophyten, der von dem großen Lehrer in das höhere
Leben eingeweiht worden war.
Es ist auch ein Beweis für den symbolischen Charakter
der christlichen Evangelien für den, der sie zu lesen weiß.
Obgleich deren Bedeutungen alle verschlungen waren,
geschah dies absichtlich, damit die wirkliche, innere Lehre
nicht von jedem Neugierigen, der daherkam und zu lesen
versuchte, empfangen werden konnte. Sie enthielten gerade
ausreichende Andeutungen mystischer Gedanken, um für jene
Menschen einen Anreiz darzustellen, deren innerer
Charakter, deren inneres Wesen, zu erwachen begann, so dass
beim Lesen dieser Dinge, beim Erkennen dieser seltsamen
Unstimmigkeiten und Widersprüche, ihr Interesse geweckt
würde und sie zum Tempeltor kommen und ‘anklopfen’ – auf
die rechte Art ‘anklopfen’ – und eintreten würden.
Diese Einweihungen finden wohlgemerkt auch heute
noch statt, und zwar zu einer bestimmten Zeit des Jahres.
Wenn diese Einweihungen vor sich gehen, befindet sich der
Neophyt, der die Zeremonie erfolgreich durchgemacht und
während seines Menschseins seine Göttlichkeit errungen hat,
in einer so erhabenen, ekstatischen Verfassung, dass diese
innere Gottheit wie der flammende Glanz der Sonne für
kurze Zeit sein ganzes Wesen durchstrahlt, so dass er in
Wirklichkeit ‘mit der Sonne umkleidet’ ist, wie die Alten es
ausdrückten. Wenn dieses erhabene Ereignis während der
Einweihung eintritt, reagiert das ganze spirituelle Wesen des
Menschen gleichsam mit dem Freudenschrei: „O, mein innerer
Gott! Meine Gottheit im Kern meines Wesens, wie verherrlichst
du mich!“ Genau das sind die Worte, die Jesus angeblich
am Kreuz ausgesprochen hat.
Jesus, der Christus, war einer von jenen, die auf das kreuzförmige
Lager gelegt wurden, von dem ich schon gesprochen
habe, und der die schreckliche Prüfung erfolgreich bestand.
Nach drei Tagen erhob er sich über die, ‘die tot waren’; und
das ist die wirkliche Bedeutung der Redewendung ‘von den
Toten’ – und nicht vom Tode – als ein Christus.
Nun war der Christus in ihm manifestiert. Diese letzte
und höchste Phase dieser Einweihung brachte den inneren
Gott hervor, so dass er seine Mitmenschen als einer lehrte,
der Autorität besaß; denn er entnahm das, was er sagte, der
Quelle der Wahrheit, die in ihm aufsprudelte. Diese Quelle
der Wahrheit ist der Pfad der spirituellen Selbstheit, die euer
Bindeglied mit dem Universum ist; dieser Pfad führt immer
weiter nach innen, immer tiefer nach innen, bis das innerste
Herz des Universums als mit euch eins erkannt wird. Jeder
Mensch ist in seiner spirituellen Natur ein untrennbarer Teil
des Universums, sein Kind: sozusagen Bein von seinem Bein,
Fleisch von seinem Fleisch, Blut von seinem Blut, Leben von
seinem Leben. Wie kann es auch anders sein? Ihr könnt nicht
außerhalb des Universums leben, ihr seid ein Teil von ihm.
Das ist es, was die alten Weisen Hindustans lehrten, wenn sie
von dem Atman oder dem spirituell-göttlichen Selbst
sprachen. Sie sagten: Atmanam Atmana pasya! 1 – „Erkenne das
SELBST durch das Selbst!“ Das besagt: Versteht die Gottheit
durch die Gottheit in euch. Denn es gibt keinen anderen
Weg, die Gottheit zu verstehen, als durch euren eigenen göttlichen
Teil. Kann das Tier den Menschen, seinen Besitzer,
verstehen? Nein, denn das Tier hat das Menschsein noch
nicht erreicht. Der Mensch aber versteht den Menschen, und
nach demselben Gesetz kann der Mensch durch seinen inneren
Gott die Gottheit verstehen. Größe erkennt Größe. Der
Genius antwortet auf den Ruf des Genius. Göttlichkeit
erkennt Göttlichkeit.
Wenn ihr einmal diesem inneren Pfad, dieser spirituellen
Selbstheit, zu eurer göttlichen Essenz gefolgt seid und dann
dahin gelangt zu erkennen, dass eure Natur aus derselben
Struktur besteht wie das Universum, dann werdet ihr fühlen,
dass alle Dinge euer sind, weil ihr sie seid. Unendlichkeit und
Ewigkeit sind lediglich Worte. Im Innern aber erlebt ihr die
tatsächliche Verwirklichung eures Einsseins mit dem grenzenlosen,
unbeschränkten All in grenzenloser, unbeschränkter
Dauer. Nein, dieser Weise, dieser syrische Seher wurde nicht
buchstäblich und physisch gekreuzigt. Ein gekreuzigter Gott
ist für menschliches Denken abnormal. Ein gekreuzigter
Neophyt oder Aspirant dagegen nicht, und zwar in dem Sinne,
wie ich es darzustellen versucht habe. Es gibt auch noch eine
andere mystische Anwendung des Ausdrucks ‘Kreuzigung’:
Ein Mensch kann von seinen Leidenschaften gekreuzigt, in
Stücke gerissen, zerfleischt werden, statt wie ein Mensch frei
dazustehen, als freier Mensch. Das ist eine sehr reale und
doch mystische Kreuzigung. Wenn ihr etwas von dem
inneren Christus wisst, werdet ihr Freiheit erlangen, und das
ganze grenzenlose Universum wird dann eure Bühne sein,
und zwar nicht bloß in Gedanken, nicht bloß in der Vorstellung,
nicht dadurch, dass ihr im Lehnstuhl sitzt oder auf der
Couch liegt und denkt, dass es so oder so sei, sondern durch
tatsächliche Erfahrung. Denn ein Mensch kann seinen Geist
befreien und mit ihm fortschreiten, ja, sogar bis zu den Toren
der Sonne und darüber hinaus.
Die alten Mysterien wurden mit äußerster Achtsamkeit
bewacht. Wenn irgendwelche Hinweise auf sie gegeben
wurden – und die Strafen für den Verrat der Geheimnisse der
Einweihung waren außerordentlich hart –, so wurden diese
Hinweise durch bildhafte Ausdrucksweise, durch Metaphern,
figurative Sprache, durch Märchen, Mythen und Erzählungen
gegeben. Nichts war so verhüllt, dass ein anderer Eingeweihter
es nicht lesen konnte. Die Wahrheit wurde gesagt, aber nur
jene, die den Schlüssel zu dieser mystischen Sprache besaßen,
konnten sie verstehen. Für diejenigen, die diesen Schlüssel
nicht besaßen, hatte der Hinweis oder die Erzählung den
Anschein, als wäre sie ein bloßer Mythos oder eine seltsame
Legende.
Der Mensch Jesus war wahrhaftig ein ‘Christos’, und zwar
einfach darum, weil dieser Avatara in Palästina die Gottheit
manifestierte, deren Träger er war. Jeder Mensch hat ein ähnliches,
wenn auch nicht identisches Ziel als seine Bestimmung
vor sich – nämlich die Manifestation seines eigenen inneren
Gottes, seines ‘Vaters im Himmel’. (Man beachte den Unterschied
zwischen dem Avatara auf der einen Seite und auf der
anderen Seite jenem, der ein Buddha wird, die Manifestation
oder der Träger seines eigenen inneren Gottes.) Das ist die
Botschaft von Weihnachten. Vergesst die buchstabengetreue
alte Erzählung vom Kindlein in der Krippe und all die anderen
Legendenhaften Ausschmückungen im wörtlichen Sinne,
die der erhabensten Erzählung in der Menschheitsgeschichte
von frommen, aber unweisen Menschen zugedacht wurden,
um einfach in das Denken der nicht Unterrichteten die Geschichte
einer spirituellen Initiation zu übertragen, die nicht
allein auf Jesus angewendet werden kann, sondern auf eine lange
Reihe von Weisen, die ihm vorangingen und ihm folgten.
Vergesst die wörtliche Formulierung von alledem und denkt
daran, dass die essenzielle Bedeutung der Christusgeschichte
der lebendige Christus in euch ist, der jedes Mal von neuem
geboren wird, wenn sich ein Mensch seinem spirituellen
Selbst, seinem inneren Gott, hingibt. Dann wird der Christus
‘von neuem geboren!’.
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II – DIE GEBURT VON JESUS
UND DAS WEIHNACHTSFEST
WIE SCHON ERWÄHNT, ist das genaue Geburtsdatum des
Menschen Jesus völlig unbekannt, und zwar nicht nur
in Bezug auf das Jahr, sondern auch auf den Monat und den
Tag, an dem er geboren wurde. Von der frühesten Zeit an
sind die Christen über das Geburtsjahr und den Geburtstag
ihres großen Lehrers in Zweifel gewesen. Mit der Zeit wurde
dann schließlich der 25. Dezember als der Tag seiner physischen
Geburt angenommen.
Nun sollte der 25. Dezember – das war offensichtlich –
der Tag der Winter-Sonnenwende sein, die zu unserer Zeit
am 21./22. Dezember eintritt und im Römischen Reich von
früher Zeit an als der Tag der Neugeburt von Sol Invictus oder
der Unbesiegten Sonne gefeiert wurde, was den tiefsten Stand
der solaren Umlaufbahn zur Winterzeit und den Beginn der
Rückkehr zu ihrer Reise nach Norden anzeigt.
Auch der persischen Gottheit Mithras wurde der Titel
‘Der Unbesiegte’ gegeben. Wie einer der frühesten christlichen
Schriftsteller – Justin der Märtyrer (Dialog with Trypho,
S. 305) – erzählt, wurde in mystischer Weise über Mithras
gesagt, er wäre in einer Höhle oder Grotte geboren worden,
genau wie Jesus – gemäß der sehr frühen, weit verbreiteten
christlich-orthodoxen Legenden. Justin fügt hinzu: „Er wurde
im Stall des Augeas geboren an dem Tag, an dem die Sonne
von neuem geboren wurde.“ Wie wir alle wissen, berichten
die jetzt als kanonisch angesehenen christlichen Evangelien,
dass Jesus in einer ‘Krippe’oder in einem ‘Stall’ geboren wurde,
weil für Maria und Josef, wie es in der Legende im Neuen
Testament heißt, kein Raum in der Herberge war.
Der ehrwürdige Beda, ein englischer Chronist, der im
7. Jahrhundert der christlichen Ära sein Buch De Temporum
Ratione [Über die Berechnung der Zeit] schrieb, berichtet, dass
die alten Angelsachsen, die er kurz die Angli nennt, „das Jahr
am 25. Dezember begannen, an dem wir jetzt den Geburtstag
des Herrn feiern.“ Er meint Jesus, der sein Herr war.
„Und dieselbe Nacht, die für uns jetzt so heilig ist (24./25.
Dezember), nannten sie in ihrer Sprache modra necht. 1 Das
bedeutet ‘Nacht der Mütter’ und bezieht sich auf die
Zeremonien, die – so weit wir wissen – während dieser die
ganze Nacht dauernden Nachtwache ausgeführt wurden.“
Es ist offensichtlich, dass Bedas Hinweis auf dieses
Winter-Sonnenwendfest einem alten nicht-christlichen Ritual
oder einer Zeremonie entnommen wurde, die sich auf der
Tatsache einer göttlichen Mutterschaft gründete, die ihre
menschliche Entsprechung in einer mystischen menschlichen
Geburt fand. Wenn die Sonne auf eine Weise symbolisiert
oder figuriert wurde, als sei sie zu einer bestimmten Zeit des
Jahres geboren, dann ist es klar, dass mit dieser Idee hinter
dem Ritual die Idee der Mutterschaft eng verknüpft war –
sehr wahrscheinlich der Mutterschaft der Himmlischen Jungfrau,
die den größten Freund und Lichtbringer der Menschen
1 Beda hat dieses angelsächsische Wort falsch buchstabiert; es
müsste heißen: modra niht.
gebar. Solche Gedanken müssen in etwa das Denken der
frühen Christen bewegt haben, als sie so entschieden ein heidnisches
Fest als Gedenktag für die Geburt ihres menschlichen
Erlösers Jesus durch die Jungfrau Maria, wie sie sie nennen,
festlegten.
Geradeso wie vom Christkind in der schönen christlichen
Legende gesagt wird, dass es am 25. Dezember geboren wurde,
wurde auch von der Mithras-Gottheit gesagt, sie sei am
gleichen Tag des Jahres in menschlicher Gestalt geboren, das
heißt zur Wintersonnenwende. Der Geburtstag anderer
‘religiöser Idealgestalten’ wurde ebenfalls an diesem Tag oder
einige Tage später gefeiert.
Nur in einem Sinn ist das Weihnachtsfest ein christliches
Fest. Es gründet sich aber auf etwas, was zum griechischen
und römischen Heidentum gehört und das die Christen übernahmen.
Es ist daher älter als das Christentum. Es ist
‘heidnisch’, um es volkstümlich auszudrücken.
Es gab wenigstens 3 Daten, an welchen in frühchristlichen
Zeiten Erinnerungsfeiern abgehalten wurden: am 25. Dezember,
am 6. Januar, Epiphania genannt, und am 25. März,
faktisch die Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Alle diese
Zeitpunkte gründeten sich auf astronomische Daten und
Tatsachen. Die Christen etwa des 5. und 6. Jahrhunderts der
christlichen Zeitrechnung wählten schließlich das Datum, das
für die Geburtstagsfeier des persischen Gottes Mithras in
Gebrauch war – den 25. Dezember.
Die Mysterien der Antike wurden zu unterschiedlichen
Zeiten im Jahr gefeiert – im Frühling, im Sommer, im Herbst
und zur Wintersonnenwende. Aber die höchste dieser mystischen
Feiern, das größte der Mysterien, fand zur Winterzeit
statt, wenn die Sonne ihren südlichsten Punkt erreicht hat und
sich umwendet und ihre Rückreise nach Norden beginnt.
Mit der Wintersonnenwende am 21. Dezember begannen
diese heiligsten der alten Mysterien. Bestimmte, auserwählte
Menschen wurden in diese Mysterien eingeweiht, nachdem
sie eine bestimmte vorbereitende Schulungsperiode
abgeschlossen hatten. Sie waren auserwählt worden, Einweihungsprüfungen
durchzumachen, um die göttlichen
Fähigkeiten und Kräfte des inneren Gottes im Menschen zu
manifestieren.
Zwei Wochen dauerte diese Periode der Schulung oder
Einweihung. Am 6. Januar, der später Epiphania genannt
wurde (ein griechisches Wort, das das Erscheinen eines
Gottes bedeutet) und der sogar noch heute in der Christlichen
Kirche gefeiert wird, kam der höchste Augenblick in
den alten Einweihungs-Krypten, da sich der Aspirant – wenn
er alle Vorprüfungen erfolgreich durchlaufen hatte – seinem
eigenen inneren Gott gegenübergestellt sah.
Wenn er diese höchste Prüfung erfolgreich bestand, umhüllte
ihn plötzlich ein heller Glanz – ein Licht, das aus ihm
hervorschien, so dass er dastand, Licht ausstrahlend wie die
Sonne. Sein Antlitz leuchtete herrlich, und hinter seinem
Haupt erstrahlte ein glänzender Glorienschein. Dann sagte
man von ihm, er sei ‘mit der Sonne umkleidet’. Dieser Glanz
ist das Christus-Licht, das man im Orient den Buddhischen
Glanz nennt. Es ist einfach die konzentrierte, spirituelle
Vitalität des Menschen, die leuchtend hervorstrahlt. Die
‘Christus-Sonne’ war geboren.
Ich könnte mit Hilfe der griechischen und lateinischen
Literatur mancherlei Beweise dafür erbringen, was zu dieser
sehr heiligen Zeit des heidnischen Einweihungszyklus stattfand.
An jenem Tage wurde der Christus geboren, um die
mystische Ausdrucksweise der Urchristen zu gebrauchen.
Wenn wir aber die Ausdrucksweise der Griechen und Römer
benutzen, von denen die Christen die Idee übernahmen – und
leider! umarbeiteten –, so wurde an jenem erhabenen Tage
der mystische Apollo geboren, um dem Menschen, der sich so
erhob, einen mystischen Namen zu geben. Im Orient hieß es,
ein Buddha war geboren.
Ich kann euch hier nicht offen sagen, warum die
Wintersonnenwende gewählt wurde. Ich kann euch jetzt nur
sagen, dass dies von bestimmten Stellungen der
Himmelskörper abhing. Wenn ich dieses Thema ausführlich
behandeln wollte, würde ich mich mit Dingen befassen, über
die ich öffentlich nicht sprechen darf. Aber es ist zu
bedenken, dass wir Theosophen das Weihnachtsfest auf
Grund der Tatsachen feiern, die ich kurz umrissen habe.
Und weiterhin sollte bedacht werden, dass diese Initiationen
auch heute stattfinden.
Theosophen blicken mit Verehrung und Ehrfurcht auf
diese Zeit des Jahres. Denn sie wissen, dass an geeigneter
Stelle irgendein Mensch die höchste Prüfung durchlebt und –
wenn er erfolgreich ist, wenn er ‘erhoben wird’, wenn er seine
Persönlichkeit erheben und mit seinem inneren Gott in
Verbindung bringen und sie dort halten kann, so dass er mit
dem göttlichen Glanz überflutet wird – dass dann der Welt
ein neuer Christus, ein Lehrer des Vergebens, des Mitleids
und allmächtiger Liebe zu allem, was ist, geboren wird.
Ihr könnt jetzt vielleicht verstehen, wie verworren die ganze
Geschichte von Jesus ist. Das liegt zum Teil an denen, die sie so
dargestellt haben, und zum anderen Teil am mangelnden Verständnis
unserer Zeit für die alten Methoden und Einrichtungen.
Wir ersehen daraus, dass die christliche Erzählung von
Jesus eine Reihe von symbolischen Schriften darstellt, die auf
symbolische Art und in einem ebensolchen Stil geschrieben
wurden. Sie beanspruchen nicht, eine genaue persönliche
Lebensgeschichte zu sein, sondern sie versuchen vielmehr, den
Menschen eine Wahrheit, einen spirituellen Anreiz, zu vermitteln.
Sie versuchen, den Menschen eine mystische Hoffnung
und einen mystischen Ruf in allegorischer und symbolischer
Verkleidung zu überbringen, so dass diejenigen, die
diesem Aufruf folgen, erkennen, dass ihr Denken fasziniert
wird und ihr Herz sich dem Licht zuwendet. So werden sie
aller Wahrscheinlichkeit nach kommen und um Einweihung
bitten oder – wie die alte Ausdrucksweise lautete: Sie werden
zum Tor eines Tempels kommen und ‘anklopfen’ und ‘bitten’.
Das war die alte Art und Weise, einen öffentlichen Appell oder
Aufruf ergehen zu lassen, ‘höher heraufzukommen’ und den
spirituellen Teil der menschlichen Konstitution zu entwickeln.
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III
DIE LEHREN VON JESUS
JESUS, DER SYRISCHE Avatara, lehrte nichts Neues. Er wies
nur wieder einmal auf den uralten Pfad zu spirituellem
Leben hin, auf den Pfad zu Weisheit und spiritueller Kraft;
und er sagte seinen Anhängern, was und wie sie es vollbringen
könnten, wenn sie diesem Pfad folgten, so dass sie schließlich
so werden könnten wie er – so weit seine Weisheit und seine
Kraft reichten. Denn im Herzen des Herzens jedes Menschen
gibt es eine Gottheit, seinen eigenen inneren Gott, den die
Christen mit einer mystischen Veranlagung heute den immanenten
Christus nennen.
Daher liegt es bei jedem von uns in der Macht unseres
Willens und in unserer Wahl, diesem Pfad zu folgen, den die
großen Seher und Weisen vergangener Zeitalter beschritten,
und ihnen gleich zu werden. Diese inspirierende Lehre war
der Grund dafür, dass ein so hohes Individuum gewählt und
um seine Persönlichkeit, als die er auf Erde erschien, Legenden
gewoben wurden, eine mystische Erzählung, die in
symbolischer Form beschreibt, was in der Einweihungskammer
stattfand.
Jeder dieser großen Weisen und Seher – ob es nun Buddha
Gautama in Indien war oder Lao-Tse in China, Sankaracharya,
wiederum in Indien, Jesus oder Empedokles, Phytagoras oder
Appolonius von Tyana –, jeder aus dieser zahlreichen Schar
lehrte dieselben fundamentalen Lehren, die daher identisch
sind. Was nun gehörte zu diesen Lehren? „Mensch, erkenne
dich selbst!“ Denn Selbsterkenntnis – das Wissen um das
höhere, spirituelle Selbst – ist der Pfad der Weisheit und des
Verstehens, des Lichtes, des Friedens und der Kraft; und der
Mensch erlangt sie durch Selbstvergessen, und Selbstvergessen
heißt ‘Anklopfen’, das mystische Anklopfen an das Tor der
Einweihungskammer des Tempels. Ihr könnt die universalen
Kräfte nicht zum Ausdruck bringen, ihr könnt die Gottheit in
euch nicht manifestieren, wenn euer Denken und euer Herz
durch persönliche Wünsche eingeengt und gefesselt sind
(weil jene Gottheit völlig unpersönlich ist). Ihr müsst eure
Natur ausweiten und sie öffnen, um das Sonnenlicht des Spirituellen
in euch einströmen zu lassen. Folglich bedeuten
Selbstvergessen und Unpersönlichkeit den Erwerb von Weisheit
und hoher, heiliger Kraft.
Eine andere ihrer Lehren war die, dass jeder Mensch, ja
jede Wesenheit überall, ein Kind des Universums ist. Das
Universum ist seine oder ihre Heimat. Der Mensch ist tatsächlich
in den Sternenräumen ebenso zu Hause wie hier auf unserem
Planeten Erde. So lehrten die großen Seher und Weisen
auch, dass es einem Menschen möglich ist, von Sphäre zu
Sphäre, von Ebene zu Ebene, von Sonnensystem zu
Sonnensystem zu wandern, während sich die Zyklen der
Evolution entrollen. Der Aufenthalt des Menschen auf Erden
gleicht der Einkehr in einen Gasthof oder eine Herberge für
einen Tag und eine Nacht.
Diese edle Lehre erweckt die Erkenntnis der essenziellen
Einheit von allem, was ist; denn wir sind von der Substanz des
Universums. Jeder von uns ist sein Kind, ein untrennbarer
Teil von ihm. Daher sind wir überall zu Hause und bleiben es
für endlose Dauer.
Wie zerschneidet doch diese Lehre die Wurzel der Selbstsucht
und somit auch die schlechter Handlungen! Sie liefert
einen starken, unwiderlegbaren Beweis für die natürliche Wirklichkeit
der Ethik: Wie doch die Ethik auf der wahren Struktur
und dem Wirken des Universums gegründet ist! Denn was das
All ist, das sind wir, und was auch immer der Mensch ist, das ist
auch das Grenzenlose. Der Mensch ist Bein aus seinem Bein,
Herz aus seinem Herzen, Blut aus seinem Blut, Stoff aus seinem
Stoff. Seine ewige Heimat ist das grenzenlose All, spirituell ist er
mit allen Dingen vereint. Denn alle Dinge gehen aus derselben
Quelle des Seins hervor und kehren, nachdem ein beliebiger
individueller Zyklus beendet ist, zu derselben Quelle
zurück, nur um erneut zu einer Pilgerfahrt der Evolution aufzubrechen,
die noch erhabener als die vorherige ist.
Ist es überhaupt vorstellbar, dass die das Universum
regierenden, inspirierenden und mit Licht und Leben, mit
Führung und Intelligenz erfüllenden spirituellen Mächte, von
denen wir Menschen nur schwache Widerspiegelungen sind,
existieren konnten – was sie ganz sicher tun – und doch die
gesamte Menschheit seit ihrem Erscheinen auf der Erde ohne
spirituelle Führung und ohne spirituelle Belehrung gelassen
haben, bis vor etwa zweitausend Jahren ein gewisser jüdischer
Knabe geboren wurde? Was für eine beschränkte, unsinnige
und darum abstoßende Idee! Die alte Lehre von einem Gott,
der im Innersten des Innersten eines jeden Menschen lebt,
berichtet uns in bewegten Worten eine ganz andere
Geschichte. Wenn wir diese frei von Vorurteilen, Missverständnis
und falscher Erziehung erwägen, dann wird unser
Herz wie unser Geist sofort in Schwingungen voller Sympathie
für die Theosophische Lehre von der Gottheit versetzt,
die im Innersten eines jeden Wesens wohnt. Wie vertraut ist
uns doch diese Lehre über den innewohnenden Gott in unserem
Herzen! Ich sage euch im vollen Ernst meiner Seele, dass
im Herzen des Herzens eines jeden von euch ein lebendiger,
inspirierender Gott wohnt, von dem ihr als Menschen nur
schwache Ausdrucksformen seid und die göttlichen Kräfte der
individuellen Gottheit im Inneren nur schwach manifestiert.
Was sagt die christliche heilige Schrift dazu? „Wisset ihr
nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes
in euch wohnt?“
Auch von Jesus, dem Avatara, wird gesagt, er habe gelehrt,
dass jeder Mensch ihm gleich werden könne; und wie er,
könnten auch die Menschen aus ihrem Innern die göttlichen
Kräfte offenbar werden lassen. Anstatt nun aber diese erhabene
Lehre neben anderen schönen Doktrinen und Lehren des
spirituellen Christentums anzunehmen, haben die Menschen
um Dogmen und Meinungen, Worte, Redewendungen und
Theorien gekämpft, so dass auf gewissen mittelalterlichen
Schlachtfeldern in europäischen Ländern menschliches Blut
strömte, vergossen, weil die Menschen sich sinnlos über die
Bedeutung von Worten stritten. Wie konnte es auch anders
sein? Verliert das Spirituelle, und ihr verliert die Vision; und
wenn ihr die Vision verliert, besitzt ihr nicht länger Wahrheit
und Mitleid, Frieden, Liebe und Bruderschaft.
Um den Menschen die Erhabene Vision wiederzugeben,
wurde in unseren Tagen die Theosophische Gesellschaft
gegründet. Dies ist eines der verschiedenen Ziele, die zu
erlangen uns so sehr am Herzen liegen. Wir Theosophen
sagen, und zwar mit Recht, dass wir den Christen die Lehre
über den Christus im Inneren zurückbringen. Wir behaupten,
dass es eine mystische, eine innere, esoterische und
wahre Überlieferung über Jesus gibt, welche die wirkliche
Geschichte über ihn und sein Leben darstellt. Sie wurde nur
deshalb esoterisch, weil sie vergessen und aus den Augen
verloren wurde. Diese Überlieferung studieren wir Theosophen,
nicht nur weil es zu unserer Schulung gehört, sondern
auch darum, weil wir Jesus, der Christus genannt, als einen der
theosophischen Lehrer seiner Zeit ansehen. Unsere Lehren
sagen uns, dass es eine lange Reihe solcher Lehrer gegeben
hat und gibt, die sich weit zurück erstreckt in die dunklen
Nebel des Altertums und in umgekehrter Richtung sogar bis
auf den heutigen Tag – eine lange Reihe großer Seher und
Weiser. Jeder von ihnen ist mit seiner inneren Göttlichkeit
eins geworden, mit dem Gott im Innern, dem immanenten
Christos, dem inneren Buddha. Da sie mit der inneren
Göttlichkeit auf diese Weise vollständig eins geworden
waren, besaßen sie alles notwendige Wissen, weil sie es
erschauten. Deshalb waren sie in der Lage, die Wahrheit zu
lehren.
Die Lehren, die Jesus im Neuen Testament zugeschrieben
werden, sind nicht neu. Ihr werdet nicht das geringste Neue
in all den angeblichen Lehren von Jesus finden – nicht das
geringste; und darin liegt in einem Sinne der glänzende Beweis
für die Mission von Jesus auf Erden. Er hat dieselben alten
Weisheitslehren gelehrt, die den menschlichen Urformen vor
Äonen und aber Äonen der fernen evolutionären Vergangenheit
von spirituellen Wesenheiten gegeben wurden, welche zu
den Menschen hinabstiegen, mit ihnen arbeiteten, sie leiteten
und lehrten. Entweder degeneriert oder absichtlich blind sind
jene Menschen, die nach Studium der religiösen und
philosophischen Berichte der Geschichte die Spuren oder
Insignien nicht erkennen, die in spiritueller Flammenschrift
quer durch das menschliche Leben geschrieben sind und
welche die Ideale – das Spirituelle dessen, was diese großen
Wesen lehrten – herausstellen.
Jesus lehrte Theosophie, und zwar auf eine Weise und mit
Worten, die für die Menschen seiner Zeit geeignet waren.
Weil also das, was er lehrte, theosophisch ist, beanspruchen
wir ihn als einen der unseren. Er war der Theosophische
Lehrer jener Menschen, zu welchen er in seiner Zeit kam;
doch war er ein sehr hoher und edler Lehrer, denn Theosophische
Lehrer sind untereinander verschieden – genauso wie
gewöhnliche Menschen. Es gibt durchschnittliche Lehrer,
höhere, noch höhere und schließlich die höchsten – wenn ihr
sie so nennen wollt. Aber ihre Hierarchie hört hier nicht auf.
„Glaubt den Menschen nicht“, sagte dem Inhalt nach der
syrische Weise damals zu seinen Schülern, „wenn immer sie
zu euch kommen und euch sagen: ‘Siehe, ich bin der Christus,
folgt mir!’ Glaubt ihnen nicht!“ Wenn aber einer vor euch
hintritt und euch im Namen des Christus-Geistes sagt, dass
ihr der Wahrheit folgen sollt, deren klingende Töne in jedem
normalen Menschenherzen zu hören sind, und wenn er im
Namen des Gottes im Innern, im Namen des inneren
Christus, im Namen des inneren Buddha spricht, dann – so
sagte der syrische Weise dem Inhalt nach – „ist er wie ich.
Ihm folget!“
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