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Elf Thesen zum Dialog im Geiste der Interreligiosität












Aus 'Zu Theorie und Praxis der Toleranz' von Ram Adhar Mall.
(Gustav-Mensching-Vorlesungen für religiöse Toleranz, Bd. 2)

1. Nicht so sehr wir haben die Notwendigkeit und die Aktualität des heute so mit Recht als lebensnotwendig empfundenen interreligiösen Dialogs gesucht; sie sind uns eher widerfahren.

2. Dies verdanken wir in diesem Ausmaß in erster Linie dem groß angelegten Versuch der christlichen Missionierung im Gefolge und auch im Verbund mit dem europäischen Expansionismus.

3. Es ist vielleicht eine Ironie des expansionistischen Geistes, daß er, auf dem Gebiet der Religion zwar auf Einheit angelegt, pluralistisch endet. Der religiöse und auch theologische Pluralismus waren nicht im Sinne des Erfinders.

4. Das hermeneutische Anliegen ist so alt wie das menschliche Leben selbst. Gerade die Tradition der religiösen Hermeneutik weist ein ehrwürdiges Alter auf. Unsere heutige Rede von der Hermeneutik im Hinblick auf den Dialog der Religionen jedoch hat eine Horizonterweiterung erfahren, die in dem Desiderat der Pluralität der Religionen und auch Glaubensformen angelegt ist. Es geht heute nicht nur um eine intro-religiöse, sondern um eine inter-religiöse Hermeneutik.

5. Das hermeneutische Geschäft innerhalb der gleichen Religion ist schwierig genug. Heute bedürfen wir aber einer Hermeneutik der Interreligiosität, die offen, schöpferisch und tolerant genug ist, ohne Angst vor Aufgabe des eigenen Glaubensanspruchs das Fremde das sein zu lassen, was es ist, nämlich nicht bloß ein Echo meiner selbst.

6. Das Weltethos des Religiösen ist niemandes Besitz allein. Es gibt nicht die eine Religion, den einen Glauben, die eine Kultur und die eine Philosophie. Keine Hermeneutik darf diesen Grundsatz verletzen.

7. Die eine "religio perennis" (Hindus mögen sie "sanatana dharma" nennen) trägt viele Gewänder, spricht viele Sprachen und zeigt keine ausschließliche Vorliebe für eine bestimmte Tradition, Religion und Kultur. Kein bestimmtes Volk wird von ihr bevorzugt. Auch im interreligiösen Dialog gilt, daß man den Glauben des anderen verstehen und respektieren lernen kann, ohne ihn sich zu eigen zu machen oder ihn sich zu eigen machen zu müssen. Der Satz: Man versteht nur den Glauben, dem man anhängt, ist genauso wahr, wie er leer und bar jeder Information ist.

8. Der interreligiösen Hermeneutik im Kontext der Weltreligionen heute obliegt die Aufgabe, nicht reduktiv zu sein; denn eine reduktive Hermeneutik ist eigentlich dadurch gekennzeichnet, daß sie erstens eine bestimmte Religion, eine bestimmte Glaubensform und eine bestimmte Offenbarung zu der einzig wahren macht und zweitens alle anderen Glaubensformen höchstens im Geiste der revelatio generalis akzeptiert. Die revelatio specialis beansprucht sie für sich selbst.

9. Keine Hermeneutik kann Gott selbst sprechen lassen. Es sind wir, die diesen Anspruch in unserer Unkenntnis und Kurzatmigkeit erheben. Je absoluter wir diesen Anspruch erheben, desto schwieriger wird es mit dem Dialog der Religionen. Es ist offensichtlich, daß mehrere solche Ansprüche sich gegenseitig neutralisieren und einen Relativismus oder gar Skeptizismus heraufbeschwören.

10. Wer zu monistisch denkt, kann nicht vermeiden, anstelle zulässiger Differenzierungen unzulässige Diskriminierungen vorzunehmen. In diesem Sinne kann man den Geist des Polytheismus von seinem abwertenden Beigeschmack befreien und für den Dialog der Religionen nutzen. Die verschiedenen theistischen Religionen sind verschiedene Wege zu dem einen wahren Theos, zu dem einen wahren Gott, der orthaft und doch ortlos ist.

11. Das Studium der Religionen aus interreligiöser Sicht weist auf Gemeinsamkeiten hin, die grundsätzliche Ähnlichkeiten und erhellende Differenzen zeigen. Interreligiosität ist der Name eines alle Religionen verbindenden Ethos. Zu diesem Ethos gehört wesentlich nicht nur der Glaube an die Wahrheit des eigenen Weges, sondern auch die Überzeugung, daß es andere Wege zum Heil geben kann, die mir fremd, aber die nicht falsch sind. Nur ein solches Interreligiöses Ethos ist in der Lage, den viel zu engen dogmatisierten hermeneutischen Zirkel zu durchbrechen. Denn es muß wohl möglich sein, daß ein Christ einen Nichtchristen und umgekehrt verstehen kann. Interreligiöse Freundschaften mit tiefem Verstehen sind häufiger als gemeinhin zugegeben wird. Die Übernahme der Religion des anderen kann nicht zur Bedingung der Möglichkeit des Verstehens der anderen Religion gemacht werden.
Toll Wu, danke Dir. Punkt 11 gefällt mir besonders gut!

Herzliche Grüße, Deas
Liest sich gut - Punkt 11 fasziniert! Marion
Wu hat folgendes geschrieben:
Aus 'Zu Theorie und Praxis der Toleranz' von Ram Adhar Mall.
(Gustav-Mensching-Vorlesungen für religiöse Toleranz, Bd. 2)

10. Wer zu monistisch denkt, kann nicht vermeiden, anstelle zulässiger Differenzierungen unzulässige Diskriminierungen vorzunehmen. In diesem Sinne kann man den Geist des Polytheismus von seinem abwertenden Beigeschmack befreien und für den Dialog der Religionen nutzen. Die verschiedenen theistischen Religionen sind verschiedene Wege zu dem einen wahren Theos, zu dem einen wahren Gott, der orthaft und doch ortlos ist.


Hallo Wu,

ich kann dieser Unterstellung nicht zustimmen. Vielleicht sollten wir, damit wir nicht aneinander vorbei reden, auch wenn wir die gleichen Wörter benutzen, die Begriffe definieren. Polytheismus ist per Definition "Vielgötterei" und nicht zu verwechseln mit den verschiedenen Namen Gottes, des EINEN, in den verschiedenen Religionen. Monotheismus ist ist die Anerkennung Gottes, als des einzigen Gottes, egal welche Namen in welchen Religionen er trägt. Monismus ist ein eher philosophischer Begriff, der sich auf Dualismus und Pluralismus (als Gegensatz) bezieht. Hermeneutik bedeutet allgemein "die Kunst und Wissenschaft der Auslegung" und im besonderen theologisch "Wiederherstellung des ursprünglichen Sinnes der göttlichen Offenbahrung durch die Bibelexegese". Hermeneutik kann sich auch auf Recht, Philologie oder Philosophie beziehen. Ich betreibe Hermeneutik wenn ich im Koran nach Versen der Offenbahrung Allahs suche oder mir zu erschliessen versuche.

Die anderen Punkte würde ich einfacher, prägnanter formulieren:

1. Basis des religiösen Dialogs (Rede und Gegenrede) ist "mutual respect".

2. Inhalt des Dialog ist Trennendes (theologische Ebene) oder Gemeinsames (geistige Ebene) 1)

3. Die Religionen dürfen begriffen werden, als verschiedene Wege (zu Gott) und/oder als verschiedene Dialekte (des Sprechens Gottes mit den Menschen).

4. Die Hermeneutik folgt "Geist erkennt Geist". 2)

5. Priorität des Dialogs ist erkennen und offenlegen des "gemeinsamen Nenners". 3)

1) In dem Buch Hans Küng, Josef van Ess: Christentum und Weltreligionen - Islam (Serie Piper, 1908) fiel mir auf, dass Küng letztlich doch Jesus predigte und somit auf dem Trennenden bestand und Küng ist einer der Grossen des Dialogs.

2) Also die Hermeneutik Luthers, oder wie Jesus in den Evangelien den Christen den Heiligen Geist verheisst.

3) Gott, Glaube, Seele, Geist, Ethik, "die unsichtbare Kirche Gottes".

Liebe Grüsse

Bert
Hallo Bert,

ich habe keinen Zweifel daran, dass Mall ganz gut weiß, was mit Monismus gemeint ist -
da er (vermutlich) Hindu, und damit selbst 'Polytheist' ist, dürfte er damit wohl eher in
Richtung der Advaita Vedanta weisen und nicht dem Monotheismus etwas unterstellen
wollen, der sich ja i. A. eher dualistisch als monistisch darstellt. Der religiöse Dialog
sollte sich nicht auf die abrahamitischen Religionen beschränken, denke ich. Dass der
Begriff 'Polytheismus' einen abwertenden Beigeschmack hat, scheint mir aus Deinem
posting ja auch recht deutlich zu werden.
Forum -> Geschichten und Weisheiten


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