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D. Gibt es eine "wahre" Antwort?
Die Geschichte des abendländischen Denkens läßt sich wie in einem Fokus zusammenfassen mit Hilfe der drei Antworten, die dieses Denken auf die Frage "Was ist Seele?" gegeben hat. Die drei Antworten gehen gemeinsam davon aus, daß Seele nicht gleich Körper (Materie) ist, sie unterscheiden sich jedoch fundamental in Hinblick auf das angenommene Verhältnis zwischen Körper und Seele. Aristoteles als hervorragendster Vertreter der antiken Ganzheits-philosophie beantwortet die Frage dahingehend, daß die Seele ein an den Körper gebundenes Lebensprinzip ist - die Seele ist unveräußerliches Eigentum des Körpers eines Lebewesens. Die christliche Kirche geht davon aus, daß die Seele von Gott erschaffen und dem Körper geliehen ist - die Seele ist Leihgabe an den Körper. Die moderne Naturwissenschaft schließlich spricht der Seele jegliche reale Existenz ab - es gibt keine Seele sondern nur den Körper (bzw. die Materie).
Angesichts dieses grundsätzlichen Dissenses im abendländischen Denken zum Seelenproblem drängt sich die Frage auf, ob es unter den drei Antworten eine "wahre", d.h. eine mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung befindliche Antwort gibt und wenn ja, welche der drei Institutionen - Philosophie, Theologie, Naturwissenschaft - in der Lage ist, diese Antwort zu finden und zu allgemeiner Anerkennung zu verhelfen.
Die Philosophie, bei Aristoteles noch "Königin der Wissenschaften", wurde während der Scholastik zur Magd der Theologie und durch den wissenschaftlichen Materialismus schließlich ganz aus den wirksamen Strömungen des modernen Lebens hinausgedrängt; die aristotelische Lehre von der dreigeteilten Seele ist praktisch der Vergessenheit anheimgefallen. Von seiten der Philosophie ist daher eine allgemein akzeptierbare Entscheidung in der Frage "Was ist Seele?" nicht zu erwarten. Es ergibt sich aus der Natur der Sache, daß auch von der Theologie keine Entscheidung zu erwarten ist, die allgemein (z.B. von der Naturwissenschaft) akzeptiert werden kann. Angesichts der Tatsache, daß die wissenschaftliche Denkweise zunehmend Einzug in alle gesellschaftlichen Bereiche gehalten hat und zu einem dominierenden Faktor geworden ist, wird eine Entscheidung mit allgemeiner Akzeptanz nur noch von der Naturwissenschaft zu erwarten sein. Allerdings kann diese Aufgabe nur von einer Naturwissenschaft geleistet werden, deren Erkenntnisstreben nicht in ein dogmatisches materialistisches Naturverständnis eingezwängt ist und die sich nicht dem Erfolg, sondern allein der Wahrheit verpflichtet fühlt. Eine von Vorurteilen und Dogmen befreite Naturwissenschaft ist auf Grund des vorhandenen Wissens schon heute in der Lage, die Frage "Was ist Seele?" mit modernen wissenschaftlichen Begriffen in Beziehung zu setzen und eine allgemein akzeptierbare Antwort auf diese Frage zu geben.
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F. Zweiter Nachtrag
Dem modernen Menschen dämmert allmählich, daß er geistig in eine Sackgasse geraten ist, er gleicht immer mehr einem Verirrten, der mit immer größerer Angst vorwärts hastet und dadurch immer mehr in die Ausweglosigkeit gerät. Ständig wird er aufgefordert, sein Augenmerk auf die Zukunft zu richten und sich nicht bei der Vergangenheit aufzuhalten. Für das einzig Vernünftige meint er keine Zeit zu haben, nämlich sich zu besinnen, woher er gekommen ist, sich zu erinnern, wo er geistig noch festen Boden unter den Füßen hatte.
Wenn es stimmt, daß wir modernen Menschen falsch handeln, weil wir falsch denken, dann gibt es nur eine Möglichkeit, wieder zu richtigem Denken zu gelangen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß es bei psychischen Krankheiten keine Heilung ohne Anamnese, ohne Offenlegung einer verdrängten Vergangenheit gibt. Analog wird es bei einer Krankheit des Geistes, und um eine solche handelt es sich beim falschen Denken doch wohl, keine Besserung geben, ohne eine Besinnung auf die Geschichte unseres Denkens. Nur ein solcher Rückblick in die Vergangenheit kann uns über die Herkunft unserer Irrtümer und Vorurteile belehren.
suchwort: seelenbegriff in der kirch
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