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Der Anti-Huntington
Der Nobelpreisträger Amartya Sen erklärt originell, "warum es keinen Krieg der Kulturen gibt". Dabei kritisiert er sowohl die islamischen Fundamentalisten wie ihre westlichen Gegner
VON STEFAN REINECKE
Seit dem 11. September 2001 suggerieren viele Meinungsmacher: Zwischen dem aufgeklärten Westen und dem fundamentalistischen Islam ist ein Kampf ausgebrochen. Dieser Kampf der Kulturen erscheint als eine Art neuer Kalter Krieg, in dem der Westen hart und energisch seine Werte verteidigen muss.
Amartya Sen ist in Indien geboren, hat in Großbritannien gelebt, in Harvard Wirtschaftswissenschaften gelehrt und für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie den Nobelpreis bekommen. Schon seine Biografie imprägniert ihn gegen kulturkämpferische Tunnelblicke und das Entweder-oder. Sen plädiert gegen das Lagerdenken, das islamistische Fundamentalisten mit westlichen Kulturkriegsideologen wie Samuel Huntington verbindet. Sein zentrales Argument klingt etwas schlicht, trifft aber zu: Niemand hat nur eine Identität. "Eine Person kann gänzlich widerspruchsfrei amerikanische Bürgerin, von karibischer Herkunft mit afrikanischen Vorfahren, Christin, Liberale, Frau, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Feministin, Heterosexuelle, Tennisfan" etc. sein.
Sen teilt keineswegs die allzu gut gemeinte Auffassung, dass sich die Menschen - Millionäre und Slumbewohner, New Yorker und Inuit, strenggläubige Hindi und atheistische Pornodarsteller - ziemlich ähnlich seien. Im Gegenteil: Sie sind, jeder für sich, "auf mannigfache Weise verschieden". Und genau diese Vielfalt spricht gegen die Engführungen des kulturalistischen Diskurses.
Ein Muslim ist nicht nur ein Muslim, sondern "auch Bengale und Bangladescher, der auf die bengalische Sprache, Musik und Literatur stolz ist, ganz zu schweigen von den Identitäten, die er durch Klasse, Geschlecht und Beruf noch haben kann". Das klingt sympathischer als die marktgängigen Tiraden gegen den Islam. Allerdings fragt sich, ob uns hier nicht ein Taschenspielertrick vorgeführt wird. Ist die Zuschreibung wirklich ausschlaggebend? Verändert der Betrachter das Betrachtete? Oder: Ist der Islamist nur Islamist, weil wir ihn dafür halten?
Nein, so meint Sen es nicht. Sondern: Der Islamismus ist eine Gefahr für die Freiheit - doch den Westen nun trotzig für die ewige Bastion der Freiheit und den halben Rest der Welt für eine totalitäre, unterentwickelte Bedrohung zu halten ist historisch falsch und politisch dumm. Das Dezimalsystem war eine indische Erfindung, die über Arabien nach Europa gelangte, der Buchdruck eine indische Innovation. Vor allem die Passagen über den indischen Kaiser Aschoka sind erhellend, der vor 2.300 Jahren jene religiöse Toleranz praktizierte, die sich in Europa erst gut zwei Jahrtausende später durchsetzten sollte. Solche Verweise, die Sen immer mal wieder einstreut, zeigen schlaglichtartig, wie kurzsichtig es ist, nur den Westen mit Toleranz und Aufklärung gleichzusetzen.
Die Assoziation von Westen und Demokratie ist also womöglich nur eine historische Momentaufnahme. So erschöpft sich dieser Essay nicht in Polemik gegen Huntington. In einem scharfsinnigen Kapitel wird die fatale "Dialektik des kolonisierten Geistes" ausgeleuchtet. Die früheren Kolonisierten, vor allem in Afrika und Asien, sind "parasitär besessen von den Exkolonialherren", denen sie eine eigene antiwestliche - und aufklärerische - Identität entgegensetzen. Doch dieser Versuch muss immer wieder scheitern weil er ja stets an "den Westen" gekoppelt bleibt.
Speerspitze dieser Bewegung ist derzeit der islamische Fundamentalismus, der ohne antiwestlichen Affekt kaum überlebensfähig wäre. Skeptisch blickt Sen aber auch auf westliche Kulturkämpfer, die seit dem 11. 9. 2001 über Nacht zu Islamexperten wurden, und auf Bemühungen, unbedingt mit moderaten Muslimen ins Gespräch zu kommen.
Denn auch hier wirkt jene Identitätslogik, die das Religiöse zum Schlüssel für alles macht. Da sind Muslime stets nur Muslime, nicht aber Arbeitslose, Ärzte, schwule Taschendiebe oder Fans von Arsenal London. Äußerst scharf fällt daher auch das Urteil über Tony Blairs Praxis aus, in Großbritannien konfessionelle Schulen aller Religionen staatlich zu fördern. Damit werden, so Amartya Sen, genau jene religiösen Identitäten zementiert, die eine fatale Neigung haben, alles andere zu überblenden.
In dieser Volte wird klar, dass Sen alles andere als jene Indifferenz im Sinn hat, die mitunter mit "Multikulti" verbunden wird. Sen ist ein kämpferischer Anhänger eines konsequenten, säkularen Republikanismus, der das Individuum und dessen Wahlfreiheit ins Zentrum rückt. Die Vorstellung, dass Staat und Gesellschaft aus verschiedenen kulturell-religiösen Milieus rekrutieren sollen, hält er, von Afghanistan über den Irak bis nach London, für einen fundamentalen Irrtum. Dass sich Briten oder Iraker zuerst als Sunniten, Christen oder Schiiten definieren und erst in zweiter Linie als Bürger der Republik, darin erkennt Sen, in dieser Frage an Mahatma Gandhi geschult, Gift für die Demokratie. Einer seiner Helden ist daher Sadoon al-Zubaidi, Mitglied des irakischen Verfassungsausschusses, der einem BBC-Reporter ins Mikrofon sagte: "Darf ich Sie bitten, mich als Iraker vorzustellen und nicht als Sunniten?"
"Die Identitätsfalle" ist ein origineller Essay mit lehrreichen Abschweifungen vor allem in die indische Geschichte, gewürzt mit gelegentlich aufblitzender, kühler britischer Ironie. Ärgerlich sind eine Reihe von Redundanzen. Was dagegen gutgetan hätte, wäre eine zumindest knappe Analyse, warum der radikale Islamismus etwa in Indonesien und Malaysia auf dem Vormarsch ist.
Doch vor allem ist Sen ein eigenständiger Denker, den wir uns als entschiedenen Kritiker des Kopftuches vorstellen dürfen - aber auch als entschiedenen Kritiker vieler westlicher Kritiker des Kopftuchs. Sein Buch ist jedenfalls geeignet, das Feld, auf dem sich westliche Kulturfundis und Multikulti-Ideologen so oft und routiniert bekämpft haben, gründlich umzupflügen
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Wir müssen mit den verschiedenen gegenteiligen Meinungen leben und uns eine eigene dazu aneignen.
http://www.welt.de/politik/article9.....ch_Jahrzehnte_dauert.html
Warum der Kampf der Kulturen noch Jahrzehnte dauert
Er ist der Vater der Theorie des Kampfes der Kulturen. Globale Politik, sagt Samuel Huntington, wird von einem tief sitzenden Konflikt zwischen Westen und Islam bestimmt. Im Gespräch mit WELT.de bleibt Huntington im Kern bei seiner umstrittenen These - auch wenn er einen leichten Hoffnungsschimmer sieht.
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| WELT.de Samuel Huntington: So wie ich es sehe, werden die Beziehungen zwischen Ländern im kommenden Jahrzehnt höchstwahrscheinlich eher kulturelle Verpflichtungen, Bindungen und Gegensätze als andere Umstände widerspiegeln. Ganz offensichtlich wird Macht in der globalen Politik auch weiterhin eine zentrale Rolle spielen, so wie sie es immer tut. Gewöhnlich jedoch steckt hinter Konflikten noch etwas anderes. Im Europa des 18. Jahrhunderts war es die Monarchie gegen die aufkommenden republikanischen Bewegungen, erst in Amerika und dann in Frankreich. Im 19. Jahrhundert war es der Nationalismus. Im 20. Jahrhundert kam die Ideologie ans Ruder, größtenteils, aber nicht ausschließlich als Folge der Revolution in Russland. Faschismus, Kommunismus und liberale Demokratie lagen im Wettstreit. Nun, das ist ziemlich vorbei. In der Theorie zumindest wird die liberale Demokratie rund um die Welt akzeptiert, wenn auch nicht immer in der Praxis. Also lautet die Frage, was wird der zentrale Brennpunkt der kommenden Jahrzehnte sein? Ich bleibe dabei, dass kulturelle Identitäten, Gegensätze und Zugehörigkeiten für die zwischenstaatlichen Beziehungen nicht nur eine Rolle, sondern eine bedeutende Rolle spielen werden.WELT.de: 45 Jahre lang, haben Sie geschrieben, sei der Eiserne Vorhang die zentrale Trennlinie Europas gewesen. Diese Linie habe sich mehrere hundert Kilometer nach Osten verschoben und trenne nun die westliche Christenheit von den Muslimen und Orthodoxen. Impliziert eine solche Dichotomie nicht die Uniformität des Westen und des Islam? Ignoriert sie nicht, dass es im Westen islamische Gemeinschaften gibt?Huntington: Diese Implikation ist völlig falsch. Ich behaupte nicht, dass der Westen uniform wäre. Offensichtlich gibt es Unterschiede innerhalb des Westens und des Islam. Es gibt unterschiedliche Religionsgemeinschaften, Gemeinden, Länder. Weder der Westen noch der Islam sind also homogen. Die Vorstellung stabiler Blöcke ist nicht hilfreich. Dennoch gibt es interne Gemeinsamkeiten. Überall sprechen Menschen vom Islam und dem Westen. Vermutlich hat das eine Verbindung zur Realität und einige Bedeutung. Im Kern geht es natürlich um religiöse Unterschiede.WELT.de: Gibt es denn Zeichen für eine Annäherung?Huntington: Westliche Länder arbeiten mit muslimischen Ländern zusammen und umgekehrt. Die globale Politik bleibt extrem komplex. Länder haben unterschiedliche Interessen, die zu bizarr anmutenden Koalitionen führen können. Die USA haben mit verschiedenen Militärdiktaturen zusammengearbeitet und tun es noch. Offensichtlich zögen wir ihre Demokratisierung vor, aus nationalem Interesse heraus tun wir es dennoch, geht es um Pakistan, Afghanistan oder wen immer.WELT.de: Sie haben behauptet, dass der demokratische Liberalismus in Amerika zunehmend zur Ideologie wurde.Huntington[/b] |
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Huntington: Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht, denn ich bin kein Islam-Experte, aber das verhältnismäßig langsame Tempo der Demokratisierung in islamischen, insbesondere arabischen Ländern ist auffällig. Bei der Abwehr westlicher Dominanz mag die koloniale Erfahrung, die all diese Länder durchmachen mussten, eine Rolle spielen. Viele dieser Länder waren bis vor kurzer Zeit großenteils bäuerliche Gesellschaften. Zweifellos entwickeln sie sich hin zu pluralistischeren politischen Systemen. Offensichtlich nehmen die Kontakte zu nicht-muslimischen Gesellschaften zu. Ein zentraler Aspekt, der die Demokratisierung beeinflussen wird, ist natürlich die Migration nach Europa.
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nach Bedarf selbst weiterlesen in o.g. Link
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