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Was ist Kitsch?












http://www.schmidt-lellek.de/9.htm

2. Was ist Kitsch? Annäherungsversuche

Ausgangspunkt der Darlegung soll eine Definition des Kitsches in einem gängigen Lexikon sein:

"Wertlose 'Kunstware' (so um 1870 bei Malern und Kunsthändlern in München), ein kunstfertig, doch ohne künstlerische Intention hergestellter Gegenstand (Bild, Plastik u.a.), der ohne den Filter der ästhetischen Distanz unmittelbar den sentimentalen Selbstgenuss anspricht. (...) Unterschieden wird der 'süße Kitsch', der schöne Illusion und Rührung zu erwecken sucht, vom 'sauren Kitsch', der sich mit vorgetäuschter Tiefgründigkeit dem Zeitgeschmack anpasst." (Brockhaus/dtv-Lexikon 1997, Bd. 9, 321)

Folgende Merkmale seien hervorgehoben: (1) Die Wertedifferenz zu einem echten Kunstwerk (fehlende künstlerische Intention, fehlende ästhetische Distanz), (2) das Anstreben eines unmittelbaren, unkritischen Selbstgenusses (statt z.B. eines Sich-Öffnens für die Sache und für eine Auseinandersetzung mit ihr), (3) das Moment der Täuschung (sei es eine unbewusste Selbst- und Fremdtäuschung, sei es eine intendierte Fremdtäuschung auf Grund von Profitinteressen, z.B. in der Werbung). Die Beurteilung eines konkreten Gegenstands nach diesen Merkmalen ist jedoch oft problematisch oder nicht eindeutig möglich; und so sind weitere Aspekte heranzuziehen und zu untersuchen.

2.1 Kitsch als Täuschung

2.1.1 Täuschung durch Schönung

Das Moment der Täuschung scheint mir zunächst einmal ein wesentlicher Aspekt zu sein: Ein Gegenstand oder ein Sachverhalt wird geschönt dargestellt; zu ihm gehörende Aspekte, die ein harmonisches oder idealisiertes Bild von ihm stören würden, werden aus der Darstellung ausgeklammert. In diesem Sinne lassen sich viele Werbetexte oder -graphiken als Kitsch ansehen, da sie beim Betrachter eine Glückserwartung im Falle eines Kaufes hervorrufen sollen - hier gibt es überhaupt nur glückliche, schöne, wohlhabende und meist jugendliche Menschen. Während diese Absicht zumeist offensichtlich ist, kann das Moment der Täuschung z.B. im Falle von Wissenschaftspublizistik komplizierter sein: Nehmen wir als Beispiel Artikel über gesundheitsfördernde Maßnahmen in einer Illustrierten, in dem mit "wissenschaftlichen" Argumenten für ein Vitaminpräparat oder für ein Anti-Aging-Mittel geworben wird. Wenn dabei mögliche Gegenargumente ausgeklammert oder nicht ernst genommen werden oder das beworbene Präparat als "Wundermittel", als "garantiertes Allheilmittel" bezeichnet wird, dann fehlt die kritische Distanz zum Objekt der Darstellung, welche aber einen grundlegenden Wert in der Wissenschaft ebenso wie in der Journalistik darstellt (vgl. Bystrina 1985, 15). Hier gibt es eine wissenschaftlich erscheinende Oberflächenstruktur, der aber die "Tiefenstrukturen genuin wissenschaftlicher Aussagen" fehlen (ebd.).

Damit gelangt Bystrina (1985, 1 zu der folgenden Begriffsbestimmung: "Kitsch besitzt einige Merkmale der Oberflächenstruktur eines wertvollen Kulturobjekts (besonders eines Kunstwerks), ohne die Merkmale dessen Tiefenstruktur aufzuweisen, wobei er vortäuscht, dennoch ein wertvolles Kulturobjekt (Kunstwerk) zu sein."
Die Versuchung zum Kitsch ist immer dann besonders [color=green]naheliegend, wenn ein politisches System für sich beansprucht, endgültige Lösungen zu repräsentieren, mit der zwangsläufigen Folge, dass keine Widersprüche zugelassen werden: Alle Diktaturen sind Meister in der Produktion von Kitsch, wie wir uns insbesondere mit den "nicht entarteten" Werken der Nazizeit oder des "sozialistischen Realismus" des früheren Ostblocks vor Augen führen können. So vermerkt auch Adorno (1970, 520): "Der Kitsch des Ostbereichs sagt etwas über die Unwahrheit des politischen Anspruchs, dort wäre das gesellschaftlich Wahre erlangt."


Kitsch ist demzufolge ein Wechselspiel zwischen einerseits dem Betrug des Produzenten, den Betrachter mit billiger Münze abzuspeisen und zufrieden zu stellen, und andererseits dem Bedürfnis des Konsumenten, sich durch leicht verdauliche Kost den Anschein von starken Empfindungen zugänglich zu machen, ohne sich aber in der Tiefe berühren und verunsichern zu lassen[/color]

Kitsch lässt sich weiterhin beschreiben als verdünnter Widerschein von Utopien, Sehnsüchten, Vollkommenheitsträumen. Insofern ist es kein Zufall, dass Kitsch sich besonders häufig in der religiösen Kunst, in erotischen Text- und Bilddarstellungen und in nationalem Pathos findet. Im Kitsch zeigt sich die Sehnsucht nach Ganzheit, Harmonie, nach einem Aufgehen in einem größeren Ganzen, aber als konkretistische Verwechslung: Die "Utopie" (griech.: "Nicht-Ort") wird zur Ideologie. Hier lassen sich vorwärts gewandte Utopien (wie z.B. die "klassenlose Gesellschaft" im Kommunismus) von rückwärts gewandten Utopien unterscheiden, z.B. Vorstellungen von einer "guten, alten Zeit", vom "verlorenen Paradies", an dem jemand festhalten will. Insofern kann Kitsch ein Ausdruck regressiver Sehnsucht sein.[/color]


Hat der Mensch nicht aber auch ein Recht auf "seinen Kitsch" ?
Wenn der Mensch seiner Illusionen beraubt wird, dann bleibt ihm nur Hoffnungslosigkeit , denn nicht jeder sieht die Wirklichkeit und kann damit fertig werden.

Sollte man es nicht jedem Menschen selbst belassen, wie er zu diesen Dingen stehen möchte ?

Solange es keinem anderen schadet, warum nicht ?

Und wer kann bestimmen, was einem anderen gefallen soll oder muß ?

Niemand.

Jeder Mensch hat ein Recht auf seine Würde und jeder Mensch hat einen Anspruch auf den Respekt seiner Person durch andere Menschen.

Denn jeder Mensch ist ein individuelles Wesen. Ein Gedanken Gottes. Ein ganz spezieller Gedanken in jedem einzelnen Fall.


3.3 Kitsch und Narzissmus

Zitat:
Kitsch und Narzissmus miteinander in Verbindung zu bringen, liegt deshalb nahe, weil Menschen mit einem ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsanteil dazu neigen, sich und ihre Leistungen in einem idealisierten Licht darzustellen. So präsentiert sich ein Helfer als vollkommen "uneigennützig", er sieht sich als Retter und Erlöser oder verkörpert überhöhte normative Ansprüche an sich und an Andere. In idealisierten Bildern fehlen die Schatten, die Brüchigkeit und die Verletzbarkeit. Ein Narzisst will nur in seiner Schönheit, Überlegenheit, Grandiosität erkannt werden; die Not und die Beschädigung, die aber oft ein wesentlicher Antrieb für hervorragende Leistungen sind, müssen für Andere (und oft auch für ihn selbst) im Verborgenen bleiben, damit das kompensatorisch idealisierte Bild nicht getrübt wird. Dass viele Menschen wiederum ein ebenfalls kompensatorisches Bedürfnis haben, Menschen in Führungspositionen, die eine besondere Macht, Glanz und Charisma verkörpern oder hervorragende Leistungen erbracht haben, zu idealisieren, wird diese in ihrem idealisierten Selbstbild bestärken. Ein solches Ausklammern von Brüchigkeit ist aber eine der Bedingungen für Kitsch.

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