Psychoanalyse als Therapie


Liebe Inanna,

ja, es ist richtig, die Psychoanalyse als Therapie ist (und will nicht sein) natürlich keine Wissenschaft, aber Freuds Theorien (z.B. die Phasentheorie) beanspruchen durchaus Wissenschaftlichkeit. Und nicht wenigen Forschern, die diese kritisiert haben, wurden von den Anhängern der PA "Widerstände" vorgeworfen. So kann man aber nicht diskutieren, wenn eine Kritik nicht metakritisierbar ist, sondern nur INNERHALB dieses Systems abgewertet werden kann.

Und genau das ist der Punkt, wenn Gläubige und Nichtgläubige miteinander diskutieren, es ist unendlich schwer, weil der Nichtgläubige das innerstrukturelle System des Gläubigen nicht anerkennen kann und der Gläubige nicht das des Ungläubigen.

Zum therapeutischen Wert der PA: Da sind wir einer Meinung, ich selbst habe eine Psychoanalyse gemacht, die mir vor 25 Jahre über eine sehr schwere Zeit hinweggeholfen hat.

>Also ich glaube nicht, dass ich mich und meine Meinungen als
>"sacrosankt" hinstelle.

Das ist richtig. Ich habe da aber auch nicht solche Menschen wie Gabriele und Dich gemeint, weil ich Euch für offen für Kritik halte, selbst wenn wir gänzlich anderer Meinung sind. Ihr versucht (genauso wie ich) zu argumentieren, aber das tun hier nicht alle.

>Und ich glaube auch nicht, dass ich meinen "Glauben" anderen
>Menschen als Maßstab aufzwinge. Ich bin mir viel zu sehr bewußt,
>wie unterschiedlich Emotionen und noch viel mehr spirituelle
>Erfahrungen geschildert werden können,

Genau! Ich habe diese Erfahrungen ja auch. Irgendwo hier im Forum steht, wie ich 4 Stunden mit einem Herzinfarkt in unserem Wohnzimmer lag und nicht um Hilfe rufen konnte, und wie ich dann plötzlich eine Stärke spürte, die ich mir nicht erklären konnte. Aber ich habe ANDERE Konsequenzen und Erklärungen daraus gezogen, als andere sie ziehen. Ich habe NICHTS gegen "Eure" Erfahrungen, um Erdes Willen. Ich tu mich nur sehr schwer, wenn ich diese Erfahrungen hier so niedergeschrieben finde, als seien sie eine allgemein anerkannte Realität.

>Und ich stelle diese Erfahrungen auch nicht als wissenschaftlich hin.

Das ist richtig, aber wie gesagt: Du warst da wirklich nicht gemeint.

> Aber ich möchte gerne, dass sie ernst genommen werden, ob sie nun
>falsifizierbar sind oder nicht.

Da kannst Du bei mir GANZ sicher sein. Ich halte es da mit Rosa Luxemburg, die sinngemäss sagte, dass sie für die Freiheit des anderen kämpfe, selbst wenn sie gänzlich anderer Meinung sei als dieser andere.

> Es gibt Dinge auf dieser Welt, die wertvoll sind und sich dennoch einer
> wissenschaftlichen Aussage entziehen. Das wertet auch die
>Naturwissenschaft nicht ab. Wo wären wir ohne sie. Aber sie ist nicht
>das nonplusultra. Sie ist EINE Methode der Erkenntnis, es gibt aber noch
>andere.

Nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt. Vielleicht mit anderen Worten, aber ich bin WEIT davon entfernt, mein Welt- und Lebens- und Menschenbild als das einzige wahre oder gar richtige darzustellen.

"Wer glauben WILL, wird überall Beweise für seinen Glauben finden, weil er selektiv wahrnimmt."

>Ja, da hast Du Recht, Sucher. Aber: wir alle nehmen selektiv wahr,
>weil es anders gar nicht geht.

RICHTIG! Aber ein wissenschaftlicher Mensch WEISS das nicht nur, sondern er betont das auch stets und ständig. Kennst Du viele Gläubige, die das auch machen? Ganz ehrlich: DU bist die bisher erste und einzige, die ich hier im Forum so offen dies eingestehen lese.

>Und davon spreche ich. Es gibt einfach Bereiche, die sind nicht
>wissenschaftlich erforschbar. Beispielsweise der Tod.
>Darüber wissen wir nichts.

Top! Absolute Zustimmung. Aber ich habe etwas dagegen, wenn ich dann (nicht von Dir!) zu hören bekomme, mir fehlen da halt gewisse Erfahrungen, die ich aber (wie grosszügig!) auch noch machen werde. Ich möchte ernst genommen werden, genauso wie ich andere ernst nehme. Für mich ist der Tod DAS ENDE des Lebens, danach ist für mich "nichts". Darauf will ich nicht lesen, dass mir nur gewisse Erfahrungen fehlen, und dass ich ein enges oder gar ein eingeschränktes Weltbild habe. Mir liegt dann SEHR oft auf der Zunge zu sagen, dass ich lieber ein enges Weltbild habe als dass ich halluzinierend durchs Leben gehen, aber das verbietet mir zum einen meine Höflichkeit, und zum anderen meine wissenschaftliche Redlichkeit, denn ich KANN zum Tod keine Aussage machen. Ich bin darum kein Atheist (wie manche wohl denken), sondern ich bin Agnostiker. Ich weiss "es" nicht. Wenn ich nach meinem Tod plötzlich einem weissbärtigen älteren Herrn gegenübertrete, werde ich einen Lachanfall bekommen, über mich selbst natürlich, und ich werde mich in den Gedanken fügen, völlig falsch gelegen zu haben Genauso wie ich ÄUSSERST skeptisch bin, wenn jemand behauptet, es gäbe Gott, bin ich ÄUSSERST skeptisch, wenn jemand behauptet, es gäbe ihn nicht.

>Ich glaube, der zentrale Satz in Deinem Beitrag ist:

"Die psychologische Kenntnis des Menschen, seiner Ängste und seiner Verdrängungsmethoden erlauben es mir nicht, DARAUF zu bauen. Mir ist knallharte Realität lieber als mir selbst aus Angst oder Panik oder Unsicherheit eine "Sicherheit" und "Tiefe" vorzugaukeln, die ich so nicht annehmen kann."

Ja, das ist richtig. Das ist das Fazit meines bisherigen Lebens, das zu weiten Teilen ein Ringen um Erkenntnis war, auch um religiöse Erkenntnis.

>Aber da gibt es noch immer die Möglichkeit, mich mit mir selbst
>zu konfrontieren, mit meinen Ängsten und Verdrängungsmethoden
>und mir selbst auf die Schliche zu kommen. "Erkenne dich selbst" ist ein
>spiritueller Weg.

Und ein wissenschaftlicher...

Womit wir uns doch wunderbar getroffen haben.

Und danke für Deinen Wunsch. Ich bin dafür offen, ich verhindere nichts bewusst.

Herzlich:

Sucher