Psychoanalyse


Lieber Sucher,

ich lese ja Deine Beiträge und weiß, dass du ein ernsthafter Suchender bist, der Fragen stellt, aber andere nicht abwertet, der einfach immer bohrt und bohrt und so den anderen zu klareren Erkenntnissen verhilft.

Ganz kurz zur Psychoanalyse. So weit ich weiß, beansprucht sie nicht den Titel: Wissenschaft. Aber Du mußt zugeben, sie hat unsere Welt verändert, sie hat vielen Menschen geholfen und sie voran gebracht (denke nur an C.G.Jung, an Hesse, usw.) Brauchts dann noch das Wort "Wissenschaft", ists dann nicht auch, obwohl es nicht "Wissenschaft" ist, etwas wert?

Also ich glaube nicht, dass ich mich und meine Meinungen als "sacrosankt" hinstelle. Und ich glaube auch nicht, dass ich meinen "Glauben" anderen Menschen als Maßstab aufzwinge. Ich bin mir viel zu sehr bewußt, wie unterschiedlich Emotionen und noch viel mehr spirituelle Erfahrungen geschildert werden können, wie wenig verbalisierbar sie sind, wie wenig nachvollziehbar sie für andere sind. Und ich stelle diese Erfahrungen auch nicht als wissenschaftlich hin. Aber ich möchte gerne, dass sie ernst genommen werden, ob sie nun falsifizierbar sind oder nicht.

Ich vertrete auch keine Religion, weil ich keiner angehöre.

Mit Dir bin ich auch der Meinung, dass Glaube sich einer wissenschaftlichen Aussage entzieht. Das ist doch, was ich sage. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die wertvoll sind und sich dennoch einer wissenschaftlichen Aussage entziehen. Das wertet auch die Naturwissenschaft nicht ab. Wo wären wir ohne sie. Aber sie ist nicht das nonplusultra. Sie ist EINE Methode der Erkenntnis, es gibt aber noch andere.

"Wer glauben WILL, wird überall Beweise für seinen Glauben finden, weil er selektiv wahrnimmt."
Ja, da hast Du Recht, Sucher. Aber: wir alle nehmen selektiv wahr, weil es anders gar nicht geht. Das ist mal wieder die berühmte Geschichte vom halb vollen und vom halb leeren Glas. Wissenschaftlich falsifizierbar sind beide Aussagen, beide sagen auch dasselbe aus. Und sind doch fundamental unterschiedlich. Für mich. In meinem Erleben.

Und davon spreche ich. Es gibt einfach Bereiche, die sind nicht wissenschaftlich erforschbar. Beispielsweise der Tod. Darüber wissen wir nichts.

Ich glaube, der zentrale Satz in Deinem Beitrag ist:

"Die psychologische Kenntnis des Menschen, seiner Ängste und seiner Verdrängungsmethoden erlauben es mir nicht, DARAUF zu bauen. Mir ist knallharte Realität lieber als mir selbst aus Angst oder Panik oder Unsicherheit eine "Sicherheit" und "Tiefe" vorzugaukeln, die ich so nicht annehmen kann."

Ich kann Dich so gut verstehen.

Aber da gibt es noch immer die Möglichkeit, mich mit mir selbst zu konfrontieren, mit meinen Ängsten und Verdrängungsmethoden und mir selbst auf die Schliche zu kommen. "Erkenne dich selbst" ist ein spiritueller Weg.

Und wenn ich dann die Gnade erfahre, dass ich dennoch eine Gotteserfahrung mache, dann bin ich sicher. Aber das ist nicht reproduzierbar, so wie auch ich und mein Leben nicht reproduzierbar sind. Ich bin nämlich einmalig!

Und noch etwas: eine spirituelle Erfahrung ist etwas derart Massives, derart Dominantes, dass Du keine Wahl hast als Dich Ihm hinzugeben. Da gibt es keine Zweifel mehr.

Ich wünsche Dir eine solche Erfahrung.

Inanna