Psychrembel


Liebe Joop,

also, ein Mensch mit einer Behinderung ist halt auch ein Mensch wie die anderen auch. Der eine hat blaue Augen, die andere blonde Haare, jemand hat ein schweres Schicksal, diese da kommt mit ihrer Ehe nicht zu Recht, der dort mit einer Krankheit nicht - jedes Leben ist bis an den Rand angefüllt mit Leid, aber auch mit Freude. Und ich hinke und du hast rote Hände. Na und?

Ich habe im Pschyrembel nachgeschlagen über das R-Syndrom. Das ist ja wirklich etwas Ekelhaftes. Und es ist etwas hormonelles, das heißt, dass man viel Geduld haben muss, bis man herausfindet, was es auslöst und wie das zu behandeln ist. Und schmerzhaft ist es auch? Das finde ich viel schlimmer als die Farbe Deiner Hände.

Ich kann gut verstehen, dass Dir diese neue, fremde Diagnose Angst macht, denn sicher hast Du vorher - so wie ich - noch niemals von diesem Syndrom gehört. Informiere Dich, werde zur Fachfrau für Deine Krankheit! Liefere Dich nicht aus an andere, die alles wissen (angeblich!) und Dir sagen, was Du machen sollst. Sei selbst die Queen!

Im Internet habe ich auf Anhieb ziemlich viel über diese Krankheit gefunden, auch Behandlungsmöglichkeiten sind dort aufgelistet. Ebenso Kliniken, die sich auf die Behandlung des Syndroms spezialisiert haben.

Wenn ich eine neue Krankheit bekomme, dann informiere ich mich auf allen Kanälen, hole auch Zweitmeinungen bei anderen Ärzten ein, schaue, wo ich Studien finde (geht gut übers Internet) und diskutiere dann mit meinen Ärzten, frage nach, bis ich so gut Bescheid weiß, dass ich weniger Angst habe. Denn Nichtwissen macht Angst.

Wenn Dir das Nitroglyzerin gut getan hat, Du es halt wegen des Blutdrucks nicht vertragen hast, dann heißt das doch, dass es Behandlungsmethoden gibt, Du halt so lange suchen mußt, bis die Nebenwirkungen auf ein Minimum reduziert werden. Also nicht aufgeben!

Das ist das eine Problem. Ich glaube aber fast, das Mobbing Deiner Umgebung trifft Dich noch viel härter.
Du brauchst jemanden wie meine Omi, ich habe Dir die Geschichte nicht einfach so erzählt. Du brauchst jemanden, der Deiner Umgebung sehr deutlich sagt, was Sache ist. Denn nach meiner Erfahrung besteht dann die Chance, dass das Mobbing aufhört.

Du schreibst, dass du viel arbeitest. Heißt das, dass Dir Deine Arbeit Spaß macht? Das wäre doch schön. Aber Du schreibst, Du bist eine Gefangene, weil Du Dein Leben der Arbeit geopfert hast. Auch da gibt es Möglichkeiten, die guten Seiten zu verstärken und die schlechten einzudämmen.

Ich bin auch schon einmal fast "drüben" gewesen, und auch ich weiß, wie hell und strahlend vor Liebe das andere Land ist. Aber ich denke mir, dass es sicher kein Zufall ist, dass ich noch hier bin, und ich möchte meine Sache hier so gut wie möglich machen. Und es ist ja nicht so, dass wir ewig im tiefsten Loch sind, es geht ja immer auch wieder aufwärts. Und dann hat man viel gelernt in der Tiefe, nachträglich, allerdings wirklich nachträglich hat es sich gelohnt, das durchgestanden zu haben.

Wenn in Deinem Leben viel schiefgelaufen ist und das schon in der Kindheit angefangen hat, dann hast Du natürlich nicht so viele Ressourcen, wie es wünschenswert wäre. Aber da ist immer noch Gott, der Dich, so wie Du bist wollte und der dich liebt und Dich einhüllt in seine Liebe, wenn Du das möchtest. Fehlende Liebe im Leben kann man gut ausgleichen mit Spiritualität. Allerdings ist auch dies ein Weg, es geht nicht von jetzt auf gleich.

Und beziehungsunfähig sind wir doch alle immer mal wieder und immer mal wieder nicht. Auch das ist ein Weg und auch das geht nicht von jetzt auf gleich.

Geh neue Wege, suche Dir einen Sinn. Man muss nicht immer gleich in ein tibetisches Kloster gehen wie Martin es vorschlägt, aber auch das ist ein Weg. Such Dir Deinen eigenen, du findest ihn, da bin ich sicher.

Geh die Punkte, die Du angesprochen hast Schritt für Schritt an:
- Infos über Deine Krankheit
- Auseinandersetzung mit den Ärzten
- Suche nach Hilfe beim Mobbing

Wenn Du das möchtest, so würde ich Dich gerne begleiten auf Deinem Weg. Und es ist mir egal, wenn Du erst spät schreiben kannst, ich schreib dann halt, wenn ich kann.

Inanna

Joop, Deine leuchtenden Tage kommen noch!