Umgang mit Lebensbehinderungen


Hallo Martin,

es ist gleichgültig, was andere von dir denken. Sie erkennen in dir nur das, worauf sie ihre Aufmerksamkeit lenken und was sie selbst wissen. Manche glauben viel zu wissen, andere wissen, dass sie gar nichts wissen können. Aber das ist das Problem der anderen und hat mit dir nicht wirklich etwas zu tun.

Du bist nur verantwortlich für das, was du über die anderen denkst. Wenn du also 7 Jahre brauchst, um jemandem vergeben zu können, der dir das Nasenbein gebrochen hat, dann glaubst du nicht, dass dein Ego ob deiner eigenen, zahlreichen Fehlhandlungen im Laufe deines Lebens eigentlich noch etwas viel Schlimmeres verdient hätte und du glaubst auch noch nicht wirklich daran, dass Vergebung Liebe ist.

Die Welt ist für dich noch deine eigene Welt mit deinen eigenen Vorstellungen von richtig oder falsch, dein eigenes, subjektives Bewertungssystem funktioniert noch. Du hast diese Scheinwelt noch nicht überwunden, in der du der Mittelpunkt bist.

Für mich ist das so, dass ich durch die *schlechten* Handlungen der anderen, meine eigene Lektion lerne. Ich erfahre durch den Umgang mit solchen *Lebensbehinderungen*, wie weit ich wirklich von der Praxis entfernt bin. Theoretisch und für mich alleine habe ich nie ein Problem. Aber wie du schon schreibst: Sobald ein A oder ein I diot in mein Bewusstsein tritt, verschwindet alles in grauer Theorie. Und das ist der Knackpunkt. Ich bin nämlich das A und der I, weil ich es selbst bin, die es nicht auf die Reihe bekommt zu lieben.

Das Problem der Selbsterniedrigung liegt in deren Motivation, die meistens egoistisch ist und darauf abzielt Bewunderung oder zumindest Anerkennung hervorzurufen. Seht her wie selbstlos ich bin! Wahre Demut ist still, weil man begriffen hat, wie mickrig und unwichtig man doch in Wahrheit ist. Das Ego belügt sich ständig selbst und immer sind die anderen schuld. Aber das Ego weiß auch, dass dies alles nur Lügen sind und diese eines Tages der Wahrheit Platz machen werden. Die Zeit des Ego's ist begrenzt.

Wie willst du den anderen vermitteln, dass die Welt gut ist, so wie sie ist, wenn du selbst nicht daran glaubst? Du möchtest das Denken und die Handlungen der anderen doch gerade deswegen verändern, weil du glaubst, es sei nicht gut, so wie es ist. Du kannst ihnen die Dinge, die du als Fehler ansiehst, erst in 7 Jahren verzeihen. Du sagst, das Rezept sei lieben, lieben, lieben. Dann schluck diese bittere Pille. Liebe! Tu' es! Rede nicht nur davon (Theorie), sondern setze es spontan in die Praxis um.

Es geht nie um die anderen, es geht immer nur ganz allein um dich selbst.

Sei dem Nächsten, der dir *Böses* tut dankbar dafür und lerne an ihm, d.h. verzichte auf deine üblichen Gedanken, der andere sei ein A oder I, denn sie sind nicht die ganze Wahrheit. Es liegt in deiner Hand, die Welt zu verändern, indem du deine eigene Art und Weise mit ihr umzugehen veränderst. Das bleiben aber nur Worte, wenn du sie nicht in Handlungen umsetzt. Nur durch dein eigenes TUN erlebst du die Wunder. Dein Denken, deine Worte und Handlungen zeigen, woran du wirklich glaubst.

Ich darf dir das sagen, weil ich selbst damit kämpfe, jeden Tag aufs Neue. Es sind Herausforderungen, die ich annehme, um ganz ich selbst zu sein. Meditieren, In-sich-selbst-gekehrt-sein, strahlen wie ein Atomkraftwerk...das ist schön, aber das Leben hat auch noch eine andere Seite: Sich selbst im anderen begegnen.

Indem du dir selbst beweist, dass du lieben kannst, bezahlst du den Preis: Du verlierst dein Ego. Das ist der Preis, den wir alle bezahlen müssen. Am Ende bezahlt jeder sein Leben mit dem Tod des Ego's. Die Scheinwelt für die wahre Welt zu tauschen ist ein lächerlicher Preis und doch hängen wir Menschen so sehr am Ego, dass wir es nicht loslassen wollen.

Die Liebe, die aus dem Ego kommt, ist keine, weil sie immer egoistisch ist. Sie will darstellen, zeigen, bewundert werden und imitiert Liebesbeweise bis zum masochistischen Fürsorgeterror. Die Liebe aus dir selbst heraus verzichtet auf jeglichen Egoismus und ist daher die einzig wahre Liebe. Sie braucht es nicht gesehen zu werden, sie genügt sich selbst.

Das klingt nach hohem Ideal und doch ist so unser wahres Wesen und nichts ist einfacher als das. Alles, was anstrengt und erzwungen wird, geschieht ohne Liebe. Dieser Mangel an Liebe ist schuld an den Dingen, die wir als schlecht empfinden. Ursache, Wirkung, Konsequenz.

Niemand kann von außen einen Menschen dazu bringen, die Wahrheit anzuerkennen und sie zu leben. Alle Worte und Taten im Außen sind machtlos, denn der Weg der Liebe befindet sich im Inneren des Menschen. Jeder muss ihn ganz für sich alleine gehen und das ist kein leichter Spaziergang. Die Wahrheit zu erkennen ist äußerst schmerzhaft, doch die Lüge verursacht noch mehr Leid.

Ich will einem anderen kein weiteres Leid mehr zufügen, noch mir selbst. Wenn ich einem anderen Leid zufüge, dann fügt er dieses Leid wahrscheinlich 10 anderen zu und am Ende dieser Reaktionskette geschieht vielleicht etwas Grausames, an dem ich als Verursacher Anteil habe. So ist also meine tägliche Turnübung das Verzeihen. Noch kann ich es nicht immer, geschweige denn perfekt. Aber ich trainiere...

Liebende Grüße
karinchen