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http://www.pm-magazin.de/de/wissensnews/wn_id1532.htm
Auch nach Zerstörung Palästinas durch die Römer und vor Gründung des Staates Israel existierte ein einflussreicher Staat der Juden: das Reich der Chasaren im heutigen europäischen Teil Russlands.
Das frühmittelalterliche chasarische Reich bestand vorwiegend aus türkischen Nomaden, aber auch aus iranischen, ugrischen, finnischen, slawischen und kaukasischen Stämmen. Der ethnischen Vielfalt entsprach die religiöse Toleranz. Christen der verschiedensten Glaubensrichtungen, Juden, Anhänger schamanischer Kulte.
Der albanische Bischof Israel, der um 681 das Land schon einmal besucht hatte, beschreibt als chasarische Religion vor allem Riten, die an den alt-türkischen Tängri-Kult erinnern und insofern bereits die Konzentration auf einen einzigen Gott anzeigen. Da die Chasaren in der pontischen Steppe wichtige Handelswege zwischen der Rus beziehungsweise Osteuropa, Byzanz und dem Kalifat kontrollierten, gerieten sie ins Spannungsfeld mächtiger Nachbarn; insbesondere rivalisierten sie mit der muslimischen Großmacht im Süden um die Beherrschung des Kaukasusgebietes. Im Jahr 737 erlitt der Khagan eine empfindliche Niederlage gegen Marwan, einen späteren Kaufen, der ihn zur Annahme des Islam gezwungen hat. Auch wenn dieses religiöse Oktroi nicht lange Erfolg hatte, trug es neben der vorangegangenen Niederlage doch zur Diskreditierung der Schamanen und des Tängri-Glaubens bei. Bei einer religiösen Neuorientierung hatten die Chasaren die Wahl, ob sie mit Annahme des Christentums eine Dominanz des Kaiserreiches oder mit Übertritt zum Islam eine Vorherrschaft des Kalifats riskieren sollten.
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Das Judentum, das Jahwe an die Stelle Tängris zu setzen versprach, barg keine derart problematischen Implikationen. So bot sich der jüdische Glaube auch unter politischen Gesichtspunkten an. Erstmals hat sich der Khagan Bulan Mitte des achten Jahrhunderts zu ihm bekannt, die eigentliche Konversion unter dem Khagan Obadia datiert jedoch wohl aus der Zeit des Bagdader Kalifen Harun ar-Raschid (786-809). Auch im Westen, wo damals Karl der Große regierte, hat man bald von dem bemerkenswerten Ereignis gehört; hier erwähnte um 837 ein Bibelexeget das Volk Gog und Magog, das Gazari genannt werde, nun beschnitten sei und den ganzen Judenglauben beachte. Allerdings wurden die anderen Religionen bei den Chasaren nicht verboten. Fortan emigrierten viele Juden, die im Kaiserreich bedrängt wurden, von Byzanz zu den Chasaren.
Die Errichtung eines eigenen jüdischen Staates im äußersten Osten Europas hat das Judentum der Diaspora auch anderwärts beflügelt. Ein einzigartiges Zeugnis für die Ermutigung der sonst immer deklassierten Minorität ist der Briefwechsel des jüdischen Ministers Chasdai ibn Schaprut beim Kalifen von Cordoba mit dem chasarischen Khagan Joseph um 950. Chasdai bezeichnet sich dabei als »Nachkommen der Verbannten Jerusalems in Spanien«, jenem Land, das »in der heiligen (also hebräischen) Sprache Sepharact, in der Sprache aber der Ismaeliter, der Einwohner des Landes, al-Andalus heißt«. Er habe im Auftrag seines Herrn in Cordoba Boten der Könige aus der ganzen Welt empfangen. »Alle diese Gesandtschaften fragte ich beständig über unsere israelitischen Brüder, die Übriggebliebenen der Verbannten, ob sie nichts von der Unabhängigkeit derer gehört haben, die da schmachten in Knechtschaft und keine Ruhe finden - bis endlich die Gesandten von Chorasan (und) die Kaufleute mich benachrichtigten, daß die Juden ein eigenes Reich besäßen unter dem Namen al-Chasar.«
Im Jahr 965 zerstörten die Rus das Chasarenreich. Es gelang ihnen aber nicht, dort eine eigene Herrschaft zu errichten; stattdessen unterwarfen die muslimischen Choresmier die Chasaren und bekehrten sie zum Islam. Teile der jüdisch gebliebenen Chasaren sind wohl nach Ungarn, nach Halitsch-Wolhynien und in die Kiewer Rus ausgewichen, andere blieben auf der Halbinsel Krim zurück. Die Dokumente der Geniza von Kairo bezeugen noch im zwölften Jahrhundert eine messianische Bewegung unter den Krimchasaren. Das untergegangene Reich beschäftigte noch lange die Phantasie der mittelalterlichen Juden; so hat der Dichter Jehuda Halevi aus Toledo (gest. 1150) in seinem bedeutendsten Werk »Sefer ha-Kusari« Christen, Juden und Muslime vor dem König von Kusar ein Streitgespräch fuhren lassen, das an den brieflichen Bericht des Khagan Joseph erinnert. Dabei kommt der König zu dem Urteil, daß nur den Juden die rechte Lehre gegeben sei; andere Völker könnten sich ihnen wohl anschließen, aber gleichgestellt seien sie dem auserwählten Volk deshalb nicht.
Mehr darüber in dem prächtig illustrierten Buch "Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr." von Michael Borgolte.
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