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http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,451126,00.html
Verschwörungstheorien im Fall Litwinenko
Von Alwin Schröder und Philipp Wittrock
Zum Tod von Alexander Litwinenko gibt es immer neue Theorien: Sitzen die Drahtzieher im Kreml? Oder beim russischen Geheimdienst? Oder wurde der frühere Spion vergiftet, weil er im Exil lebenden Oligarchen im Weg war? Vorläufige Bilanz eines mysteriösen Kriminalfalls.
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London/Moskau - In Kriminalfilmen bekommen die Ermittler oft wichtige Hinweise von den Gerichtsmedizinern, die ihnen mit ihrem Untersuchungsergebnis entscheidend helfen, den Mörder schnell zu fassen. Im Fall Litwinenko wird dies nicht so sein: Zwar kündigte der Rat des Londoner Stadtteils Camden an, der Tod des früheren russischen Spions werde rasch gerichtlich untersucht. Aber auch wenn die Mediziner schon am Donnerstag mit ihrer Arbeit beginnen, wird sich das Verfahren nach Ansicht von Experten über Monate hinziehen. Der Leiche Litwinenkos soll wahrscheinlich am Freitag obduziert werden - wegen der möglicherweise noch hohen Strahlenbelastung unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen.
Die Behörden und die Justiz in Großbritannien behandeln den Fall Litwinenko bislang nicht als Mord, sondern als "Tod unter verdächtigen Umständen". Scotland Yard ermittelt in verschiedene Richtungen. Nach Angaben von Innenminister John Reid wird derzeit "nichts" ausgeschlossen.
Im Urin des 43-Jährigen hatten die Mediziner eine hohe Dosis des radioaktiven Polonium-210 gefunden. Noch auf dem Sterbebett hatte Litwinenko Russlands Präsidenten Wladimir Putin beschuldigt, einen Giftanschlag auf ihn befohlen zu haben.
Inzwischen gibt es fast täglich neue Spekulationen über die Hintergründe der Vergiftung des Ex-Spions. SPIEGEL ONLINE hat die am häufigsten bemühten Theorien zum Tode Litwinenkos zusammengestellt.
Warum musste Litwinenko sterben?
Großbritanniens Premier Tony Blair will von solchen Verschwörungstheorien nichts wissen. "Es wäre verfrüht, zum jetzigen Zeitpunkt irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen", ließ er über einen Sprecher mitteilen.
In London messen die Ermittler derweil an immer neuen Orten radioaktive Strahlung (siehe Karte). Zunächst waren erhöhte Werte nur in einem Sushi-Restaurant, einem Hotel und im Wohnhaus Litwinenkos festgestellt worden. Möglicherweise wurde dem Ex-Agenten im Lokal oder in der Hotelbar das Gift ins Essen oder in ein Getränk gemischt. Doch jetzt schlug der Geigerzähler in zwei weiteren Gebäuden aus: in einem Büro der privaten Sicherheitsfirma Erinys im Westen Londons, das Litwinenko besuchte, und im Büro des in London im Exil lebenden Milliardärs Boris Beresowski. Litwinenko soll dort ein und aus gegangen sein.
Beresowski, der in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Vermögen angehäuft hatte, gilt als erbitterter Gegner Putins. Aus Angst vor einer Gefängnisstrafe setzte sich der Milliardär schon vor Jahren aus Russland nach Großbritannien ab. Nach britischen Presseberichten hat er Litwinenkos Unterhalt in den vergangenen Jahren mitfinanziert.
Auch Beresowski fürchtet um sein Leben
Aus Beresowskis Umgebung hieß es, auch der Milliardär fürchte jetzt um sein Leben. Der "Daily Telegraph" zitierte einen Vertrauten mit den Worten: "Beresowski fürchtet, er könnte der nächste sein."
Radioaktiv verstrahlte Orte in London
Nach offiziellen Angaben wurden bislang drei potenzielle Kontaktpersonen Litwinenkos zu genaueren radiologischen Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht. Sie wiesen nach Angaben der Gesundheitsbehörden Symptome auf, die Anlass zur Sorge gaben. Die Untersuchungen sollen rund eine Woche dauern. Auch ein Journalist des "Daily Mirror" ließ sich eigenen Angaben zufolge inzwischen testen. Er hatte Litwinenkos Kontaktmann Mario Scaramella, mit dem sich dieser in der Sushi-Bar getroffen hatte, in der vergangenen Woche in Neapel aufgesucht.
Scaramella selbst begab sich heute in britische Obhut, um sich ebenfalls auf radioaktive Verseuchung untersuchen zu lassen. Der Geheimdienstexperte hatte einen italienischen Parlamentsausschuss zur Aufklärung von Spionageaktivitäten aus der Sowjetära beraten. Der TV-Sender Sky berichtete, Scaramella sei in einem "sicheren Haus" in einem Londoner Außenbezirk untergebracht.
Seit dem Tod Litwinenkos haben sich bislang hunderte beunruhigte Menschen bei einer eigens eingerichteten Hotline gemeldet, weil sie sich an Orten aufgehalten, an denen Spuren von Radioaktivität nachgewiesen wurden. Die Behörden riefen die Londoner Bevölkerung angesichts der neuen Strahlenfunde jedoch zur Ruhe auf. Innenminister Reid betonte im Unterhaus, es gebe keinen Anlass für Panik. Die Strahlung verbreite sich höchstens über wenige Zentimeter hinweg.
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Mysteriöser Gifttod zieht weitere Kreise
Die Affäre um den vergifteten Kreml-Kritiker Alexander Litvinenko nimmt immer größere Ausmaße an.
Weitere Informationen
Ein italienischer Kontaktmann des Exil-Russen begab sich nach Angaben aus Justizkreisen in britische Obhut und lässt sich auf mögliche radioaktive Vergiftung untersuchen. In der Leiche des vergangene Woche gestorbenen Litvinenko war eine größere Menge des radioaktiven Isotops Polonium 210 gefunden worden. Der Kritiker von Präsident Wladimir Putin hatte die russische Führung auf dem Totenbett bezichtigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Russland hat die Vorwürfe zurückgewiesen.
Scaramella unter Polizeischutz?
„Er steht unter britischem Schutz“, sagte in Rom ein Informant aus der Justiz über den italienischen Kontaktmann. Der Wissenschaftler Mario Scaramella, der einen Parlamentsausschuss zur Aufklärung von Spionageaktivitäten aus der Sowjetära beraten hatte, lasse sich medizinisch untersuchen. Der Fernsehsender Sky berichtete, Scaramella sei in einem „sicheren Haus“ in einem Londoner Außenbezirk untergebracht und zitierte ihn mit der Äußerung, der Polizei bei der Aufklärung des Todes von Litvinenko helfen zu wollen. Er sei bereits in Rom negativ auf Radioaktivität untersucht worden. Die Londoner Polizei wollte nicht bestätigen, dass Scaramella unter ihrem Schutz steht oder befragt wird.
Scaramella hatte Litvinenko am 1. November getroffen. Am darauf folgenden Tag hatte sich der frühere Mitarbeiter der Geheimdienste KGB und FSB mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus begeben. Der Wissenschaftler erklärte, er habe Litvinenko E-Mails eines gemeinsamen Informanten gezeigt, wonach Verbrecher aus St. Petersburg nach ihrem – Litvinenkos und Scaramellas – Leben trachteten. Die Kriminellen hätten – möglicherweise im Auftrag der russischen Regierung – auch die Putin-kritische Journalistin Anna Politkowskaja umgebracht. Der frühere Geheimdienstler hatte in ihrem Fall recherchiert.
Auch Beresowski fürchtet um sein Leben
Die radioaktive Substanz Polonium 210, an der Litvinenko starb, wurde nach Angaben von Scotland Yard inzwischen an sieben verschiedenen Orten in London entdeckt. Darunter ist auch ein Büro des russischen Milliardärs Boris Beresowski, der in Großbritannien im Exil lebt. Aus seiner Umgebung verlautete am Dienstag, Beresowski fürchte nun ebenfalls um sein Leben.
Die Büroräume in der Londoner Innenstadt, wo Polonium-Spuren in der vierten Etage eines Gebäudes gefunden wurden, blieben versiegelt. Litvinenko ging dort angeblich regelmäßig aus und ein. Die Polizei ermittelte am Dienstag aber noch, ob der ehemalige Geheimdienstler auch am Tag des mutmaßlichen Giftanschlags, dem 1. November, dort zu Besuch war. Beresowski, der in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Vermögen angehäuft hatte, gilt als erbitterter Gegner Putins. Aus Angst vor einer Gefängnisstrafe setzte sich der Milliardär schon vor Jahren aus Russland nach Großbritannien ab. Nach britischen Presseberichten hat er Litvinenkos Unterhalt in den vergangenen Jahren mitfinanziert. Der „Daily Telegraph“ zitierte am Dienstag einen Vertrauten mit den Worten: „Beresowski fürchtet, er könnte der nächste sein.“
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