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Eine unmoralische Geschichte...












Die Geschichte von Bobo Roshi
(frei nach Jw. van de Wetering in 'Der leere Spiegel')

In einem japanischen Zen-Kloster lebte ein Mönch, der sich seit Jahren
durch unermüdliche Übung hervortat. Niemals war er nachts über die
Klostermauer geklettert, nie hatte er Wein getrunken, nie ein sesshin
[strenges Meditationsretreat] ausgelassen, oft saß er morgens vor dem
Wecken im zendo [Zen-Halle] oder ganze Nächte hindurch im Garten...
Er hatte viel Erfahrung gesammelt und war nach einigen Jahren sogar
zum jikijitsu [Mönchsoberer, Aufseher im zendo] ernannt worden -
aber er hatte ein großes Problem: er konnte seinen koan [spirituelle
Aufgabe, Rätselfrage] nicht lösen. Die anderen Mönche lösten im Lauf
der Jahre einen koan nach dem anderen, bekamen inka [Nachfolge-,
Erleuchtungsbestätigung] und verließen das Kloster wieder - er saß
jahrein, jahraus mit seinem ersten koan - und fand keine Lösung.
Sobald er zum roshi [Meister] ging und zu einer Lösung ansetzte,
läutete der die Glocke, und der Mönch musste den dokusan-Raum
wieder verlassen...
Als er auf die Vierzig zuging, erfasste ihn die Krise - er zog die
Mönchsrobe aus, schnürte sein Bündel, steckte sein weniges erspartes
Geld ein und verließ stillschweigend das Kloster. Ziellos wanderte er
durch die Stadt - seit vielen Jahren hatte er das Kloster nicht mehr
verlassen, und die äußere Welt war ihm völlig fremd geworden.
So geriet er ins übel beleumundete Weidenviertel. Dort lehnte vor
einem kleinen Häuschen eine hübsche junge Frau am Zaun und sagte
etwas zu ihm, das er nicht verstehen konnte. Er fragte sie höflich, ob
er ihr irgendwie behilflich sein könne. Sie lächelte ihn freundlich an,
öffnete die Gartentür, nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Haus.
Dort bewirtete sie ihn mit Tee und sake [Reiswein], der ihm natürlich
heftig zu Kopf stieg. Dann meinte sie, er sei wohl bei seiner
Wanderung staubig geworden und komplimentierte ihn ins Bad.
Dort entkleidete sie ihn und wusch ihn von Kopf bis Fuß, wie's
Bademägde zu tun pflegen, und setzte sich zu ihm in die Wanne.
Sie unterhielten sich freundlich, wie man's im Familienbad eben tut;
nach dem Bad und nachdem sie ihn abgetrocknet hatte, führte sie ihn
jedoch in ein üppig ausgestattetes Schlafzimmer [was in gesitteten
Kreisen einigermaßen unüblich ist]. Durch den genossenen Alkohol
und durch seine jahrelange Enthaltsamkeit enthemmt, verlor er dort
seine Unschuld - und der dabei erreichte Höhepunkt wurde zum
doppelten - in diesem Augenblick erkannte er die Lösung seines koan,
er erlangte satori [große Erleuchtung], und alle Fragen der Welt
schienen ihm plötzlich wie Kinderrätsel. Er sprang auf, warf sich
irgendein Stück Stoff um den Leib und rannte aus dem Haus.
Sein Gewand, das Geld und das Bündel blieben zurück.
Er begann zu arbeiten - zuerst als Gärtner, später als Hafenarbeiter,
als LKW- und Taxifahrer, er mischte sich unter die Bettler in den
Städten, lebte in vollen Zügen, hatte Freundinnen und Freunde -
sein Erlebnis vergaß er aber nie, und sein satori blieb ihm immer
gegenwärtig. Nach Jahren hatte er wieder Geld erspart und kaufte
am Rande von Kyoto ein halbverfallenes Haus. Dort fanden sich
mit der Zeit auch einige Schüler ein, die mit einem normalen Kloster
nichts am Hut hatten. Hier begann nun ein seltsames Klosterleben -
Jeder durfte kommen und gehen, es wurde Alkohol getrunken, Feste
gefeiert, sogar Frauen durften die Mönche besuchen - aber sie
mussten sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, und Bobo Roshi
['Meister F.ck'], wie er bald genannt wurde, führte ein eisernes
Regiment. In keinem anderen Kloster wurde so intensiv meditiert,
in keinem gab es ein strengeres dokusan [Einzelgespräch, Prüfung
durch den roshi] oder schärfere mondo und hossen [rituelle religiös/
philosophische Streitgespräche] - und in keinem andern Kloster gab
es so viele, die aufgaben und weggingen. Bobo Roshi hat nie von
jemandem inka erhalten, aber nach einiger Zeit verstummten alle
Zweifel, und er blieb als erleuchteter [wenn auch als etwas
exzentrischer] Meister stillschweigend geachtet und anerkannt...

Leicht vorstellbar, dass mir erstmal die Luft wegblieb, als ich den
Nick 'Bobo' und die dazugehörige Geschichte las...
Inzwischen habe ich aber (vorsichtig) nachgefragt und erfahren,
dass das Wort 'Bobo' im Französischen die Bedeutung
'Wehwehchen,
Schmerz' hat, dass Bobo selbst die Geschichte ebenso gut gefällt
wie mir, und dass sie nicht vorhat, den Nick deswegen zu ändern...
Tja, da wir hier recht wenig Japaner haben, denke ich das ich bei Bobo bleiben kann.

Bis dann
Bobo
Forum -> Hinduismus, Buddhismus, Zoroastrische Religion


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