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Anarchistische Pogopartei Deutschlands (APPD)












Ein Artikel - der die aktuelle Situation beleuchtet

http://www.klemence.de/stimmen/beitraege/berlin/sauer300606.htm

Warum ich als Muslim die Anarchistische Pogopartei Deutschlands (APPD)
unterstützte

30.06.2006 von Jens Sauer

Berlin-Kreuzberg am U Bahnhof Hallesches Tor. Die U-Bahn schlängelt sich
an mir vorbei wie ein überlanges Postauto, das die Ausfahrt in die
Seitenstraßen nicht findet. Eine Gruppe von türkischen Jugendlichen isst
zufrieden ihren Döner. „Hast Du gesehen?“, fragt der eine. „Das Graffiti
auf dem hinteren Wagen ist von mir!“ – Ich beglückwünsche den einen
Meter siebenundvierzig großen Urheber und lenke mein quietschendes
Fahrrad auf die Brücke über den Landwehrkanal. Die APPD sammelt dort
Unterstützerstimmen für ihren Antritt bei den Wahlen zum Berliner Senat.

Ich werde von einem glatzköpfigen Funktionär angesprochen, der ein
T-Shirt mit der Aufschrift „Friedrichshain“ im Stil der Kleidungsfirma
Londsdale trägt. „APPD steht für Balkanisierung und Gettoisierung der
Bundeshauptstadt“, steht auf einem Schild. Ich frage den Funktionär, wie
er glaubwürdig für eine administrative Neueinteilung der
Bundeshauptstadt eintreten will, wo er doch gleichzeitig ein
unübersehbares Bekenntnis zum Berliner Bezirkswesen auf seiner Brust
trägt. Wieso er das T-Shirt denn trage, frage ich ihn. „Nur so“, war
seine knappe Antwort. Das imponiert mir. Mir gefällt seine lockere und
ungezwungene Art, politische Themen anzupacken. Ich glaube, solche Leute
braucht unser kleines Bundesland.

In Gedanken stelle ich einen 3-Punkte-Katalog zusammen, wieso der
typische, medienimmanente Durchschnittsmuslim diese Partei unterstützen
sollte:

• Die APPD steht für die Balkanisierung der Bundeshauptstadt – das weckt
Vertrauen und Heimatgefühle!
• Nur eine Gettoisierung kann uns heute noch vor all zu demokratischen
und rechtsstaatlichen Zuständen retten
• Pogo ist die einzige Betätigungsform, die unserer Männlichkeit als
Muslime gerecht werden könnte
(die Frauen sind in diesem Fall eine zu vernachlässigende Größe, weil
sie eh wählen, was man(n) ihnen sagt).

Neulich habe ich in einem bekannten Nachrichtenmagazin gelesen, dass
Muslime „humorresistent“ sind. In meinem Fremdwörterduden habe ich das
Wort leider nicht gefunden. Eine Glaubensschwester aus dem Libanon
erklärte mir, es bedeute, dass Muslime immer so böse gucken. Ich schaue
in den Spiegel und erkenne sofort, was sie meint.

Ich entschließe mich in dieser Frage geistlichen Beistand zu suchen und
bewege mein überfordertes Fahrrad in Richtung der nächsten Moschee. Es
ist die Muradiye Camii am Kottbusser Damm. Dort frage ich den Imam, ob
er Deutsch spricht. Er verneint dies und stellt frech die Gegenfrage, ob
mein Türkisch denn besser sei. Daraufhin lässt er mich verduzt am
Eingang stehen, um seinen Tee zu trinken. Enttäuscht lasse ich die
Moschee und ihr Jugendzentrum, in dem türkische Jugendliche im Alter
zwischen dreißig und fünfundsechzig gebannt ein Fußballderby zweier
türkischer Vereine verfolgen, hinter mir.

Ein Glück ist dieser Teil Berlins mit Moscheen gepflastert, denke ich.
In einer arabischen Moschee in Neukölln bete ich das Nachmittagsgebet.
Ein Mitbetender weist mich zurecht. Er behauptet, dass ich falsch bete.
Skeptisch schaue ich ihn an und frage ihn selbstbewusst, wie er zur
Vereinbarkeit von Islam und Pogoanarchismus steht. Daraufhin reagiert
der Bruder entsetzt: „Achi, mein Glaubensbruder, Anarchie ist eine Bida.
Eine Neuerung in der Religion, die nach Deinem Tod sofort ins Fegefeuer
führt!“ – Mir war von Anfang an bewusst, dass meine Unterstützung für
den Pogoanarchismus auch auf Kritik aus der muslimischen Gemeinschaft
stoßen könnte. Vergeblich argumentiere ich, dass der politische Zustand
der Ummah, der muslimischen Gemeinschaft nach dem Tod des Propheten
durchaus mit einer Anarchie vergleichbar gewesen sei.

Ein wenig genervt von der Diskussion fahre ich zurück nach Kreuzberg in
die Oranienstraße. Dort treffen sich linke Jugendliche in einem
selbstverwalteten Zentrum. Ich kenne einige von ihnen, sie haben am
ersten Mai eine Demonstration organisiert. Ein süßlicher Duft liegt in
der Luft. Im Hintergrund läuft Purification, eine italienische
Hardcore-Band, für die Bruder Schahid mal die Background-Vocals
übernommen hatte. Sie singen über soziale Ungerechtigkeit, Veganismus
und Tierrechte. Ich werde von Adrian angesprochen, ein blonder junger
Mann in meinem Alter, dessen Gesicht von den Schlägen eines Boxkampfes
gezeichnet ist. „Wir haben sechs Runden geboxt, dann musste der andere
aufgeben“, sagte er nachdenklich. Ich nicke anerkennend und oute mich
vorsichtig als Kenner von Vollkontaktkampfsport, in der Hoffnung nichts
unter Beweis stellen zu müssen. Plötzlich schaut mein Gesprächspartner
verschwörerisch: „Hast Du die Nepal-CD schon? Dort ist gerade Revolution
und die Massen gehen täglich auf die Straße. Die maoistische Guerilla
stürzt den König.“ – Ich bedanke mich für diese Information und kaufe
eine CD, auf der Bilder und revolutionäres Liedgut aus Nepal sein
sollen. Nach dieser solidarischen Geste an die nepalesische Revolution
erzähle ich Adrian von meinem widersprüchlichen Problem.

Er nickt verständnisvoll, zuckt aber hilflos mit den Schultern. Ein
Mädchen mit grüner Irokesenfrisur hinter der Theke lächelt uns an. Sie
scheint sich mit Identitätskonflikten auszukennen. „Quatsch nicht rum
und komm auf unser nächstes Konzert am Freitag im Bethanien.“ – Da
erhellt sich mein Gemüt ein wenig. Der Gedanke an ein Punk-Konzert
scheint mir die Welt plötzlich wieder bunter zu machen. Ich verspreche
ihr zu kommen und verabschiede mich höflich von beiden. Eine Antwort auf
mein Problem habe ich nicht gefunden. Egal, überlege ich
schulterzuckend, während mich mein müdes Fahrrad nach Haus bringt. Die
Sonne neigt sich dem Horizont zu. Das Abendgebet wartet. Zum Glück
versteht mich wenigstens einer, denke ich entspannt.
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