Das Schweigen Europas zur Lage Palästinas


http://www.jungewelt.de/2006/09-02/056.php

02.09.2006 / Ausland / Seite 2

»Hisbollahs Sieg ist ein Sieg für uns alle«
Israel kann nicht mehr als regionale Supermacht bezeichnet werden. Ein
Gespräch mit Musa Abu Marzook

Musa Abu Marzook ist stellvertretender Vorsitzender des Politbüros der
Hamas und lebt im syrischen Exil
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mfG M.M.Hanel
„Aber wir haben ihnen doch den Gazastreifen zurückgegeben.“

http://www.steinbergrecherche.com/nahost.htm#G

Gideon Levy

Gaza’s darkness. Ha’aretz, 3. September 2006. Ins Deutsche übersetzt von
Krino Hoogestraat

Gaza ist wieder besetzt. Die Welt muss das zur Kenntnis nehmen, und auch
die Israelis müssen es zur Kenntnis nehmen. Die Zustände dort sind
schlimmer als je zuvor. Seit der Entführung von Gilad Shalit, und erst
recht seit dem Ausbruch des Libanon-Krieges, wütet die israelische Armee
in Gaza - anders kann man das nicht nennen - und es wird willkürlich
getötet und zerstört, bombardiert und geschossen.

Niemand denkt daran, eine Untersuchungskommission einzusetzen; es steht
nicht einmal auf der Tagesordnung. Keiner fragt, warum das alles
geschieht, oder wer das entschieden hat. Aber im Schatten des
Libanonkrieges ist die israelische Armee zu ihren alten Praktiken in
Gaza zurückgekehrt, gerade so, als ob es den Rückzug nie gegeben hätte.
Man muss es deutlich sagen: Der Rückzug aus Gaza ist Vergangenheit.
Abgesehen von den Siedlungen, die als Schutthaufen fortbestehen, ist vom
Rückzug und seinen Verheißungen nichts geblieben. Das ganze großartige
und blödsinnige Gerede vom "Ende der Besatzung" und der "Aufteilung des
Landes" wirkt nur noch erbärmlich. Gaza ist besetzt, und zwar brutaler
als zuvor. Dass es für die Besatzer zweckmäßiger ist, das Gebiet von
außen unter Kontrolle zu halten, ändert nichts an den unerträglichen
Lebensbedingungen der Menschen unter der Besatzung.

Kalkutta liegt am Mittelmeer

Gegenwärtig gibt es in großen Teilen des Gazastreifens keinen
elektrischen Strom. Das einzige Kraftwerk in Gaza wurde von den Israelis
bombardiert, und für mindestens ein weiteres Jahr wird mehr als die
Hälfte der Energieversorgung ausfallen. Es gibt kaum Wasser. Da es auch
keinen Strom gibt, ist es fast unmöglich, die Wohnungen mit Wasser zu
versorgen. In Gaza herrscht mehr Dreck und Gestank als je zuvor:
Aufgrund des Embargos, das Israel und die Welt gegen die gewählte
Hamas-Regierung verhängt haben, werden keine Gehälter mehr gezahlt, und
die Straßenreinigung streikt seit mehreren Wochen. Müllberge und
ekelerregender Gestank halten den Küstenstreifen im Würgegriff; es ist
wie in Kalkutta.

Ein riesiges Gefängnis

Gaza ist mehr denn je zu einem Gefängnis geworden. Der Grenzübergang
Erez ist nicht besetzt, der Übergang Karni war während der letzten zwei
Monate nur wenige Tage offen, und das Gleiche gilt für Rafah. Etwa
fünfzehntausend Menschen warteten zwei Monate lang auf die Ausreise nach
Ägypten, einige warten immer noch, unter ihnen viele Kranke und
Verwundete. Weitere fünftausend warteten auf der anderen Seite darauf,
nach Hause zurückkehren zu können. Einige sind währenddessen gestorben.
Man muss sich die Szenen in Rafah anschauen, um zu verstehen, welche
unendliche menschliche Tragödie sich dort abspielt. Der Übergang, an dem
eigentlich gar keine israelischen Kontrolleure stationiert sein sollten,
wird weiterhin zur Unterdrückung der eineinhalb Millionen Einwohner
Gazas genutzt. Dies ist eine verabscheuungswürdige und schockierende
Kollektivbestrafung. Auch die Vereinigten Staaten und Europa, deren
Polizeikräfte am Grenzübergang Rafah Dienst tun, tragen eine
Mitverantwortung für die Lage.

Es gibt in Gaza auch mehr Armut und Hunger als je zuvor. Der
Warenverkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen, Fischerei ist
verboten, Zehntausende Beschäftigte der Palästinenserbehörde bekommen
keinen Lohn, und eine Möglichkeit, in Israel zu arbeiten, besteht nicht.

224 Palästinenser getötet

Und über Tod, Zerstörung, Angst und Schrecken haben wir noch gar nicht
geredet. In den vergangenen zwei Monaten haben die Israelis 224
Palästinenser getötet, davon 62 Kinder und 25 Frauen. Sie bombten und
mordeten, schossen und demolierten Häuser, und niemand hat sie
aufgehalten. Keine Qassam-Werkstatt, kein Schmuggler-Tunnel kann derart
monströse Tötungsorgien rechtfertigen. Kein Tag vergeht ohne Tote,
meistens sind es unschuldige Zivilisten.

Wo sind die Tage geblieben, da in Israel über die gezielten Tötungen
noch debattiert wurde? In Vorbereitung solcher Tötungen werden
heutzutage unzählige Bomben und Geschosse auf Häuser gerichtet und ganze
Familien umgebracht. Es brechen Krankenhäuser zusammen mit mehr als 900
Patienten, die gerade behandelt werden. Im Shifa-Hospital, der einzigen
solchen Einrichtung in Gaza, die diesen Namen verdient, sah ich letzte
Woche herzzerreißende Szenen. Kinder, die Arme oder Beine verloren
hatten, an Beatmungsgeräten, gelähmt, zu Krüppeln gemacht für den Rest
ihres Lebens.

Familien wurden getötet, während sie schliefen, oder während sie auf
Eseln unterwegs waren, oder bei der Feldarbeit. Verängstigte Kinder,
traumatisiert durch das, was sie mit ansehen mussten, kauern in den
Häusern, in ihren Augen ein Entsetzen, das sich nicht in Worte fassen
lässt. Ein spanischer Journalist, der vor kurzem Gaza besuchte und sich
mit Kriegs- und Katastrophengebieten weltweit auskennt, meinte, was er
in den letzten zwei Monaten in Gaza an Horror gesehen und dokumentiert
habe, übertreffe alles bisherige.

Es ist schwer zu sagen, wer all dies so beschlossen hat. Ob die Minister
sich über die Realität in Gaza im klaren sind, ist zu bezweifeln. Aber
sie sind für alles verantwortlich, vom verhängnisvollen Embargobeschluss
über die Bombardierung der Brücken und Elektrizitätswerke bis hin zu den
Massenmorden. Israel ist jetzt, wieder einmal, für alles verantwortlich,
was sich in Gaza abspielt.

Der große Betrug der rechten Besatzungspartei

Die Ereignisse in Gaza verdeutlichen den großen Betrug, den die
Kadima-Partei begangen hat: Sie kam an die Macht im Anschluss an den
vermeintlichen Erfolg des Gaza-Rückzugs, der jetzt gerade in Flammen
aufgeht, und sie versprach Kompromissbereitschaft - ein Versprechen, das
der Premierminister bereits widerrufen hat. Wer noch glaubt, die Kadima
sei eine Partei der Mitte, sollte jetzt zur Kenntnis nehmen, dass es
sich um nichts anderes als eine rechte Besatzungspartei handelt. Das
Gleiche gilt für die Labor-Partei. Verteidigungsminister Amir Peretz ist
für die Vorgänge in Gaza genauso verantwortlich wie der Premierminister,
und Peretz’ Hände sind gleichermaßen blutbesudelt wie Olmerts. Er wird
sich nie wieder als ‘Mann des Friedens’ präsentieren können. Die
allwöchentlichen Bodeninvasionen, jedes Mal an einem anderen Ort, die
Tötungs- und Zerstörungsaktionen zu Wasser, zu Lande und aus der Luft,
all diese Operationen belegt man mit harmlosen Namen, die die Realität
übertünchen sollen, wie etwa ‘Sommerregen’ oder ‘Geschlossener
Kindergarten’.

Israel in gewohnter Selbstgerechtigkeit

Mit angeblichen Sicherheitsgründen lässt sich der wahnsinnige
Teufelskreis nicht rechtfertigen, und kein Gemeinwohl-Argument kann
unser aller unanständiges Schweigen entschuldigen. Gilad Shalit wird
nicht freikommen; der Qassam-Beschuss wird nicht aufhören. Im Gegenteil.
In Gaza findet ein Alptraum statt. Der kann vielleicht fürs erste die
eine oder andere Terrorattacke verhindern, aber langfristig wird er sehr
viel mehr mörderischen Terror erzeugen. Israel, in gewohnter
Selbstgerechtigkeit, wird dann sagen: „Aber wir haben ihnen doch den
Gazastreifen zurückgegeben.“

T:I:S (Titel und Zwischentitel), 7. September 2006
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mfG M.M.Hanel

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