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Sein eigenes Selbst entfalten
Einmal wurde ich gefragt: „Was ist wichti¬ger, zu lieben oder geliebt zu werden?“ In unserem Zusammenhang muss diese Frage lauten: „Was ist wichtiger, von Gott geliebt zu werden oder Gott zu lieben?“ Denn beides ist voneinander abhängig. Niemand kann Gott lieben, ohne zuerst von ihm geliebt zu werden, und erst wenn ein Mensch Gott aufrichtig liebt, kann er auch seine Liebe wirklich empfinden. Mein Meister sagte oft: „Wenn ihr einen Schritt auf Gott zugeht, kommt er euch hundert Schritte entgegen.“ Wir müssen also diesen ersten Schritt tun – uns Gott zuwenden –, damit wir seine Liebe zu uns erfahren können. Dann werden wir tausend Segnungen von ihm empfangen.
In diesem Sinne lautet auch Jesu zentrale Botschaft: „Stelle Gott an die erste Stelle und die Welt an die zweite.“ Erst auf dieser Grundlage entwickelt sich auch die rechte Liebe zu uns selbst und anderen. Wer den spirituellen Pfad geht, entfaltet zunächst sein eigenes Selbst. Jesus selbst drückt das so aus: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden an seiner Seele nimmt?“ (Mt 16,26) Seine entscheidende Aufforderung lautet: „Entfaltet eure eigene Persönlichkeit, euer inneres Selbst! Je mehr ihr dies tut, desto freier werdet ihr von den Reizen und Bindungen der äußeren Welt. Strebt nach der tatsächlichen inneren Verbindung mit Gott und nach der Erlösung.“
http://www.magazin-visionen.de/rubr.....aechstenliebe_gottesliebe
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Gottesliebe geht der Nächstenliebe voran. Wer durch Meditation die Liebe zu Gott entfaltet hat, entwickelt mühelos auch die Liebe zu anderen, denn sie ist die Folge der Liebe zu Gott.
Es gibt aber auch den Kernsatz Jesu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Mt 19,19) Er wurde in der christlichen Tradition fast immer im Sinne der Selbstentsagung zugunsten des anderen gelehrt. Psychologisch ausgerichtete Theologie weisen darauf hin, dass eine gesunde, echte Liebe zum Nächsten erst einmal die Liebe zu sich selbst voraussetzt – die Selbstannahme mit allen Trieben und Wünschen.
Dabei wird eines meist übersehen: Das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ ist nur der zweite Teil des umfassenderen Gebotes: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Denken und deiner ganzen Kraft“ (Mk. 12,30; vgl. 5. Mose 6,5). Gottesliebe und Nächstenliebe lassen sich nicht befehlen. Jesu Worte sind daher auch nicht als ethisches Gebot gemeint, sondern als Maßgabe für jene, die sich der Spiritualität zuwenden. Jemand kann ein ganzes Leben lang um Gottes Liebe bitten, ohne dass er sie tatsächlich entfalten kann. Dagegen blüht sie ganz von selbst in einer Seele auf, die Gottes Offenbarungen empfängt.
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