|
|
|
Askese als "Handelsware"
In katholischen Kirchen brennen Kerzen vor so manchen Heiligenstatuen. - Warum ? - I"Ich bringe dir ein Opfer: ich zünde für dich eine Kerze und du hilfst, daß mein Gebet erhört wird." - Auch mit Gott wird nur zu oft auf diese Weise gehandelt. Als Opfer kann man auch einen den Anschein von Askese erweckenden Verzicht anbieten: " ich esse eine Woche lang kein Fleisch, enthalte mich der sexuellen Aktivität, ja, wenn es unbedingt sein muß, zahle ich einen noch höheren Preis: ich rauche zwei Tage lang keine Zigarette." Und Ähnlliches mehr. Dann ist Gott verpflichtet, das zu tun, was der Opferwillige wünscht.
Der Impuls zum Handeln mit Gott - oder mit seinen "Stellvertretern" wurzelt tief in der Seele des Menschen. Er muß schon auf den unteren Entwicklungsstufen lernen, daß er für alles, was er bekommt, auch eine Gegenleistung erbringen muß, nach dem Motto: "ohen Fleiß kein Preis". Und das erweist sich fraglos als richtig. - Weil dies im irdischen leben gilt, findet es der Mensch durchaus angemessen, wenn er diese Regel auch im Verkehr mit Gott anwendet. Ist er gewohnt, auf dem Jahrmarkt zu feilschen, so feilscht er auch mit Gott. Ja, er versucht ihn sogar zu bestechen.
"Ich tu etwas für dich, was mich ein Opfer kostet, und du gibst mir meine Gesundheit wieder, einen netten Mann, einen Lotteriegewinn oder läßt die Tante Bertha sterben, damit die Ärmste nicht so viel leiden muß (und ich endlich zu meiner Erbschaft komme)." - Sogar ernsthafte Askese: Enthaltsamkeit und Selbstkasteiung, kann Gott als Handelsware angeboten werden. Denn auch bei der Askese kommt es nicht darauf an, was jemand tut, sondern mit welcher Gesinnung er es tut. - Und was haben die Eltern davon, wenn ihr halbwüchsiges Kind sagt:" ich schneide mir in den Finger und dafür erlaubt ihr mir, heute länger vor dem Fernseher zu sitzen!" - Oder ist Gott nicht verständiger - sogar als manche Eltern ?
In Ordnung bringen
Anfänglich: im ersten Drittel der Reinigungsphase: gegen Ende der dritten Entwicklungsstufe, kann sich das unbewußte Schuldgefühl auch als das Gefühl melden, im Menschen sei etwas "nicht in Ordnung". - Zuerst versuchen die meisten, diesem beunruhigenden Gefühl auf eine Weise entgegenzuwirken. Ist jemand noch ganz unbwußt, so auferlegt er sich eine Zwangshandlung. ist er innerlich etwas reifer, so kann er dem Reinigungzwang unterliegen. Oder er kann versuchen, mit Hilfe seines Ordnungssinnes die - innere - Unordnung "in Ordnung zu bringen" und sein schlechtes Gewissen dadurch zu beschwichtigen, daß er in seiner äußeren materiellen, Welt "für Ordnung" sorgt - im Glauben, durch seine Bemühungen sei nun auch in seinem Inneren "alles wieder in Ordnung" gebracht. - Daß dies auf eine Selbsttäuschung hinausläuft, wird er - später - selbstverständlich einmal erfahren.
Die erhöhte Tätigkeit des Ordnungssinnes kann nur zu leicht zum Ordnungszwang werden, deren mildere Arten Pedanterie und Perfektionismus sind.
Tätig sein und helfen
Die Absicht, "alles wieder in Ordnung zu bringen" und damit alles wieder gutzumachen, kann - falls jemand noch unbewußt ist - zur gesteigerten Tätigkeit führen oder - bei innerlich Reiferen - sich als Bereitschaft kundtun, anderen beizustehen, ihnen helfen zu wollen.
Hinter dieser - an sich begrüßenswerten - Absicht steht anfänglich als wichtigster Impuls allerdings der Wunsch, Verschuldungen ungeschehen zu machen. Der Wunsch ist natürlich eine Reaktion auf die Angst vor Strafe und somit auf die Konfrontation mit Verschuldungen. Gerade deshalb sind so manche von ihrem - vielleicht noch unbewußten - Wunsch, ihre Schuld "wiedergutzumachen" - im Sinne: aus der Welt zu schaffen - , geradezu besessen. - Daher artet ihr Bestreben nicht selten in Sucht aus, wobei die Tätigkeiten dann als charakterische Erscheinungsformen des Wiedergutmachungs-Syndroms gelten.
Die wichtigsten und häufigsten sind: die Arbeits - und die Helfersucht. - Arbeit kann eine Fluchtstätte sein und zum Vorwand dienen, alle anderen Belange des Lebens , vor allem der zwischenmenschlichen , zu vernachlässigen. - Die Hilfsbereitschaft kann zu einem blinden Drang: zur Helfersucht werden, die sich im unersättlichen Bedürfnis äußern, überall - auch ungefragt und unerbeten - Hilfe zu leisten.
|
|
|
|
Der positive Aspekt
Doch selbst der Wunsch, die Schuld auf eine solche Weise wiedergutzumache, um das bedrückende Schuldgefühl zu mildern und ganz aufzulösen, kann zu Handlungen führen, die zur Wiedergutmachung tatsächlich etwas beitragen. Wer sich im Beruf oder als freiwilliger Helfer besonders einsetzt, kann Mitmenschen und Lebewesen tatsächlich nützlich sein. Außerdem entlastet eine solche Tätigkeit den Menschen: Sie setzt Spannung in der Seele herab, die durch die Konfrontation mit früheren Verschuldungen entstanden ist.
Wenn jemand etwas tut und dabei glaubt, seine Handlungen seien sinnvoll, so mildert sein Verhalten das Leiden, das durch sein Schuldgefühl entstanden ist. - Sein Leiden wird natürlich erst dann restlos aufgelöst, wenn er die Verschuldungen aufarbeitet und lernt, auf welche - nun sinnvolle - weise er sie tatsächlich wiedergutmachen kann.
Denn auch dann, wenn jemand innerlich reif genug ist, um zu wissen, daß er etwas nur dann wiedergutmachen kann, wenn er jenem , dem er Leid zugefügt hat, etwas Gutes erweist, oder in jenen Bereichen, in welchen er destruktiv war, positiv: nützlich und aufbauend, zu wirken versucht, muß er erst lernen, sein Verhalten zu realisieren: die Wiedergutmachung sinnvoll durchzuführen.
zum Vergleich:
Thema: Vergänglichkeit, Teil 1 von 2
Bald werden eure schnell dahinfliegenden Tage vergangen sein, und Ruf und Reichtum, Bequemlichkeit und Freude, die dieser Schutthaufen von Welt bereitet hat, werden spurlos verschwunden sein. (Abdu'l-Baha)
Erkenne den Wert dieser Tage; laß diese Gelegenheit nicht verstreichen.
(Abdu'l-Baha)
Diese Tage sind überaus kostbar; ergreife die Gelegenheit und entzünde eine Kerze, die nie verlöscht und ihr Licht ewig auf die Menschenwelt ergießt.
(Abdu'l-Baha)
Unsere wenigen kurzen Tage gehen dahin, unser Leben schwindet vor unseren Augen. (Abdu'l-Baha)
Seid euch des Wertes dieser Tage bewußt. (Abdu'l-Baha)
Bald wird unsere Handvoll Tage, unser vergängliches Leben, vorüber sein.
(Abdu'l-Baha)
Verströmt euren ganzen Lebensodem für diese große Sache und widmet all eure Tage dem Dienst an Bahá, so daß ihr am Ende, sicher vor schmerzlichem Verlust, die unermeßlichen Schätze des Himmelreichs erbt. Denn des Menschen Tage sind voller Gefahr; er kann sich nicht darauf verlassen, auch nur einen Augenblick weiterzuleben. (Abdu'l-Baha)
Kurz gesagt: Nur wenige Tage leben wir auf dieser Erde; schließlich werden wir darin bestattet, sie ist unser ewiges Grab. (Abdu'l-Baha)
Die Tage eueres Lebens werden ablaufen, und alles, womit ihr euch befaßt und dessen ihr euch rühmt, wird vergehen, und eine Schar Seiner Engel wird euch ganz gewiß zu Gericht laden an den Ort, wo der ganzen Schöpfung die Glieder erbeben, wo es jeden Bedrücker eiskalt überläuft. (Baha'u'llah, Ährenlese)
Der Zwang
Zwang auferlegt sich der Mensch - gleichsam "automatisch" - in jener Phase seiner inneren Entwicklung, welche - immer noch auf der dritten Stufe - nach der Phase der strengen Enthaltsamkeit: der Askese, erfolgt.
Verhaltensmuster nämlich, die längere Zeit: während Inkarnationen, angewendet wurden und deren Gebrauch gleichsam "zur zweiten Natur" des Menschen geworden ist, wirken noch viel später, oft auch dann nach, wenn der Mensch seine innere Einstellung schon - mehr oder weniger - geändert hat. dies gilt erst recht für jene Haltung, die sich der Mensch nur unter viel Kraftaufwand und Opfer und erst im Laufe einer Reihe von Inkarnationen aneignen kann.
So ist es auch mit der Askese. - Askese bedeutet: sich Zwang auferlegen: Sitzt im Menschen die Neigung dazu noch tief, weil sie nicht bloß eine Gewohnheit, sondern eine innere Haltung geworden ist, so haftet sie am Menschen noch lange und er versucht, seine Probleme auch dann noch mit Zwang zu lösen, wenn er über die Phase der Askese längst hinausgewachsen ist und die Askese für ihn nicht mehr sinnvoll ist. Und dabei kann es vorkommen, daß er auch andere zur Askese zwingt.
Askese ist nicht jedermanns Sache. Auch jene, die in mancher Hinsicht Enthaltsamkeit üben, sind nicht unbedingt willens, auf dieses oder jenes zu verzichten, wenn sie sich dazu nicht veranlaßt fühlen. Und Askese kann auch im häuslichen Rahmen: im trauten Heim, aufgezwungen werden. Der Mensch lebt ja nicht allein - oder zumindest die meisten tun es nicht. Wer in einer Familie, in einer Partnerschaft oder sonst mit Menschen eng zusammenlebt, wird sich überlegen müssen, was er mit seiner Askese den Mitmenschen zumutet. Rigorose Enthaltsamkeit zieht immer auch die anderen - bzw. die Angehörigen - in Mitleidenschaft. - So können Familienmitglieder zu unfreiwilliger Askese gezwungen werden, indem ihnen bspw. nur ganz bestimmte, ihrem Geschmack nicht unbedingt entsprechende Speisen und Getränke aufgetischt werden - die Speisekarte vegetarisch oder - gegen den Wunsch der Familie - nicht vegetarisch zusammengestellt wird oder daß sie bei der Ernährung bewußt kurz gehalten oder dadurch dem unfreiwilligen Fasten ausgesetzt werden. - Die Gründe dafür sind "Glaubensgründe", wobei der "Glaube" keineswegs religiös sein muß, es kann auch der Glaube an "gesunde Ernährung" , an "gesunde Lebensweise" nach Vorschriften irgendeines (Pseudo-)Wissenschaftlers oder "Gesundheitsgurus" sein.
Auch die Keuchheit kann aufgezwungen werden: in der Ehe oder in einer Partnerschaft, wenn beispielsweise der Mann oder die Frau das bislang munter geführte Sexualleben abbricht. Der Grund kann die - vielleicht unbwewußte - "Bestrafung" - des Partners bzw. der Partnerin sein, aber es kommt nicht selten vor, daß jemand auf einmal behauptet, er sei nun seelisch und geistig so weit entwickelt, daß er seine Sexualität nicht mehr auszuleben brauche: er sei darüber "erhaben". Die "Erhabenheit" wird sogleich unter Beweis gestellt: Er versagt sich von heute auf morgen dem ehelichen Geschlechtsverkehr , unbekümmert darum, ob der Partner bzw. die Partnerin damit einverstanden ist und seiner- bzw. ihrerseits ebenfalls Neigung zum zölibatären Leben verspürt.
Der Mensch, der glaubt, über all das Irdische erhaben zu sein, merkt vielleicht gar nicht, daß er mit seinem Verhalten Andere Leiden aussetzt. Und selbstverständlich weiß er nicht, daß hinter seiner "Enthaltsamkeit" das Gefühl der Erhabenheit - und damit der Hochmut - steht, ebenso wenig weiß er , daß er mit seiner unfreiwilligen Askese eigentlich sich selber - und die anderen - auf eine evt. harte Weise bestraft - ja: bestrafen will.
Die Zeit, in der Askese geübt wird, ist selbstverständlich keine verlorene Zeit. Im Gegenteil: der Mensch zieht daraus - geradezu enorm - großen Nutzen. Zum einen lernt er , daß die Lösung seiner inneren Schwierigkeiten nicht von den äußeren Umständen , sondern von ihm selber abhängt; zum anderen gewöhnt er sich daran, sich im Zaum zu halten, indem er sich in die Selbstdisziplin einübt.
Dies hat auch Folgen, die in den nachfolgenden Phasen seiner inneren Entwicklung in seinem Verhalten in Erscheinungen treten: einmal darin, daß er gegen Haltlosigkeit und Leichtlebigkeit - wenn auch vielleicht nicht vollständig - gewappnet ist: sodann darin, daß er weiß, daß er in seinem Leben bei der Überwindung von Hindernissen und der Bewältigung von Schwierigkeiten alles Nötige selber durchführen muss.
|
|
|
|
Zwänge
Die erlangte Selbstdisziplin lockert sich aber im Laufe der inneren Entwicklung, und wenn sie im Menschen wieder auflebt, so kann sie sich auf der einen Seite als Neigung zum Zwang, auf der anderen als Überzeugung äußern, der Mensch müsse alles selber in die Hand nehmen, alles selber machen, "erkämpfen" und im Griff behalten - besonders dann, wenn er etwas - tatsächlich - Gutes erreichen will. So wird er auch seine Schuldgefühle , die ihn in der angetretenen Phase: der Phase der Reinigung, immer deutlicher bedrängen, , ebenfalls selber auflösen wollen, und wir eigene Wege zur Wiedergutmachung seiner Verschuldungen suchen. - Dies führt einerseits zu inneren Zwängen und Zwangshandlungen, andererseits zu Verhaltensweisen, welche die Wiedergutmachung erzwingen wollen und sich bspw. in hektischem Tätigkeitsdran oder als Helfersucht äußern.
Gründe
Das Anwenden von Zwang hat Gründe: Der Zwang ermöglicht dem Menschen - meistens allerdings nur scheinbar - etwas, das nicht "in Ordnung war", "in Ordnung zu bringen", das heißt: es wieder "einzurenken", wiedergutzumachen. - er ist ein Mittel zur Selbstbestrafung und kann sogar zu einem Mittel der rigorosen Selbstzüchtung werden. - Die Zwangshandlung , die für jemanden selbstverständlich geworden ist, soll beweisen , daß er zu einer gegenseitigen Haltung: zur Liederlichkeit und Verantwortungslosigkeit, niemals fähig gewesen wäre.
Der Schutz
Überdies hat der Zwang für den Menschen - wie die Askese - immer auch eine Schutzfunktion. : Er soll ihn davor schützen, daß er wieder das tut, was er früher schon getan hat: daß er sich gehen läßt, haltlos ist, sich hemmungslos auslebt, sich verschuldet und sich dabei - letzten Ende - selber schadet. - Er legt sich also einen Zwang auf und zwingt sich damit in eine bestimmtes Verhaltensschema hinein, weil er ein "gebranntes Kind" ist und in seinem Inneren nur zu gut weiß, wohin es führte, als er sich hemmungslos auslebte und sogar austobte.
Vergleich:
Thema: Vergänglichkeit, Teil 2 von 2
Wandelt während der wenigen verbleibenden Tage eueres Lebens auf den Wegen des einen, wahren Gottes. Euere Tage werden dahinschwinden wie die Tage derer, die vor euch lebten. Zum Staube werdet ihr zurückkehren, wie euere Vorväter zum Staube zurückgekehrt sind. (Baha'u'llah, Ährenlese)
Warum legt ihr dann solche Raffgier nach den Schätzen der Erde an den Tag, wo doch euere Tage gezählt und euere Gelegenheiten bald vertan sind? (Baha'u'llah, Ährenlese)
Die Tage eueres Lebens sind fast dahin, o Volk, und rasch naht euer Ende. (Baha'u'llah, Ährenlese)
Die Tage eueres Lebens verfliegen wie an Windhauch, und all euere Pracht und Herrlichkeit wird vergehen wie die Pracht und Herrlichkeit derer, die vor euch dahingingen. Denkt darüber nach, ihr Menschen! Was ist aus eueren vergangenen Tagen geworden, was aus eueren verlorenen Jahrhunderten? Glücklich die Tage, die dem Gedenken Gottes gewidmet waren, und selig die Stunden, die Seinem, des Allweisen, Lobpreis galten. (Baha'u'llah,
Ährenlese)
Bald werden euere Tage dahingehen, wie die Tage derer, die jetzt in offenkundigem Hochmut vor ihrem Nächsten prahlen. (Baha'u'llah, Ährenlese)
Was immer du an diesem Tage siehst, wird vergehen. (Baha'u'llah, Ährenlese)
Blitzschnell werden euere Tage vorüber sein, und euere Leiber werden in einem Bett von Staub zur Ruhe gelegt. Was könnt ihr dann noch vollbringen? Wie könnt ihr dann euer früheres Versagen sühnen? (Baha'u'llah, Ährenlese)
Viele deiner Tage sind dahingegangen, und es galt dir nur das eigene Verlangen voll Wunsch und Wahn. Wie lange noch willst du auf deinem Lager schlafen? (Baha'u'llah, Die Verborgenen Worte)
In Ordnung bringen
Der Reinigungszwang
Der Ordnungszwang
Die Pedanterie
Der Perfektionismus
Als Machtmittel
Der Leidensdruck
Träume
Das Wiedergutmachungs-Syndrom
Die Motivation
Die Arbeitssucht
Die Helfersucht
Die Motivation
Hilfe, die keine ist
Die Abhängigkeit
Klarheit über sich selbst
Klarheit über die Art der Hilfe
Die erste Wiedergutmachung
|
|
|