Angst vor dem Tot meiner Mutter


Wahrscheinlich finden es viele lächerlich was ich schreibe, aber es gibt im Leben nichts, was mich mehr belastet. Ich bin 36 Jahre alt und lebe allein mit meiner Pflegetochter (7 Jahre). Ich habe zwei Brüder, die um einiges älter sind als ich und zu denen ich ein sehr schlechtes Verhältnis habe. Einer der beiden trinkt und der Andere kümmert sich einig um sich und sein Wohl. Meine mutter ist heute 71 Jahre und hat sich ihr Leben lang für Ihre Kinder aufgeopfert. Mein vater starb als ich gerade 1 Jahr alt war. Meine Mutter ist meine familie, ausser sie, habe ich niemanden. Wenn Sie von mir geht ist es so, als wäre meine Familie ausgelöscht. Ich habe eine sehr innige Beziehung zu ihr und ihr tot wird einmal einen Verlust für mich bedeuten, der für mich nicht zu verkraften sein wird. Immer mehr sehe ich wie sie abbaut und die Stärke die sie immer hatte verloren geht. Ich schlafe fast keine Nacht mehr aus Angst, dass ihr etwas passiert und ich nicht bei ihr bin. Diese Angst vor dem Tag wenn sie nicht mehr da ist, raubt mir die Freude an meinem Leben und die Kraft für meine Tochter. Was soll ich tun?
Lächerlich ist das ganz und gar nicht. Eher traurig.

Fühlst du dich gegenüber deiner Mutter für deine Brüder schuldig? Du als alleinerziehende Pflegemutter bist in die Fußstapfen deiner Mutter getreten, hast die Mühen und Sorgen einer Mutter kennengelernt und möchtest deiner Mutter nun dadurch danken, dass du sie vor dem Tod "rettest"? Liegt das wirklich in deiner Macht? Meinst du, dass deine Mutter weiß, wann ihre Zeit gekommen ist? Und was könntest du bzw. würdest du dann gerne tun? Dich von ihr verabschieden? Ihr danken? Schieb es nicht hinaus.wenn du ihr etwas zu sagen hast, dann ist die Gegenwart der beste Zeitpunkt dafür.

Für dich wird nach dem Tod deiner Mutter ein neuer Lebensabschnitt beginnen, dem du noch voller Unbehagen entgegensiehst. Denn ohne Mutter bzw. Familie kannst du dir ein Leben nicht vorstellen. Es ist der dunkle Wald der Unsicherheit, vor dem du dich fürchtest, der aber unausweichlich auf deinem Wege liegt.
Es könnte dir helfen, wenn du dich darauf vorbereitest. Vielleicht klingt es etwas makaber, dir zu überlegen, was du nach dem Tod deiner Mutter alles machen möchtest, aber es ist sicher etwas, was dich mit der Zeit nach ihrem Tod konfrontiert. Es hilft, wenn du deine Gewohnheiten umstellst, dich anders kleidest, vielleicht in eine andere Gegend umziehst, einem neuen Hobby nachgehst, etwas völlig Unbekanntes wagst, usw.

Gruß
Arti
Danke für deine Antwort Arti. Ich glaube dass jeder Mensch jemanden braucht auf den er sich stützen kann wenn er den Verlust seiner Mutter erlebt und genau dieses fehlt mir eben.Ich habe in dem Sinne keine Familie die mich stützt und den gleichen Schmerz erlebt wie ich, mit denen ich meine Trauer teilen kann. Ich habe mir etwas für die Gegenwart vorgenommen, was ich mit ihr noch tun will und das wird bald sein. Ich will ihr noch einmal den Süden zeigen, ich will dass sie Palmen sieht und endlich einmal die Füße hochlegen kann, nach Herzenslust essen und trinken ohne an Geld zu denken und sich verwöhnen lassen.- Ich habe für den Juli einen 14 tägigen Urlaub gebucht, allinclusive, in der Türkei. Sie hat wahnsinnige Angst vor dem Flug, aber sie soll einmal das Gefühl der Unbeschwertheit genießen.Was mit mir passiert wenn sie geht, egal wann, das weiß ich nicht. Sie ist ein so wichtiger Punkt in meinem Leben, dass ich mir davon keine Vorstellung machen kann.
Das ist sicher richtig. Wenn man einen geliebten Menschen verliert ist es wichtig einen sicheren Stand zu haben, weil man sonst leicht davon zu Fall gebracht wird. Psychischer Schmerz spricht die gleichen Bereiche im Gehirn an, wie der physische Schmerz. Ich will mir gar nicht ausmalen, welchen Schmerz der Verlust des Mittelpunkts im Leben auslösen kann.

Aber: Wie kann man etwas verlieren, was man gar nicht besitzt? Das Leben deiner Mutter, das Leben deiner Tochter, dein Leben.kannst du denn sagen, dass dir irgendetwas davon gehört? Es mag vielleicht bizzarr klingen, wenn ich ein Menschenleben mit einem Gegenstand vergleiche, aber im Grunde spreche ich nur aus, was in der Praxis Gang und Gebe ist. Wenn ich mich nun als Mensch an einen Gegenstand klammere und ihn zu behalten versuche, lebe ich ständig mit der Angst, ihn zu verlieren. Man könnte ihn mir wegnehmen, er könnte zerbrechen, verschwinden.abhanden kommen. Alles ist auf diesen Gegenstand konzentriert, Gedanken, Gefühle und sämtliche Sinne.

Nun, wie du ja selbst sagst, stehst du vor dem Verlust deiner Mutter. Deine Mutter ist von zentraler Bedeutung in deinem Leben und du hast niemand, auf den du dich stützen kannst, wenn sie nicht mehr da ist. Und je mehr du glaubst, dass sie ihrem Ende entgegenlebt, desto mehr wirst du dich an sie klammern. Es gibt aber eine Antwort darauf. Ich habe dir in meiner vorherigen Antwort eine Umstellung deiner Interessen nahegelegt, nun würde ich dich bitten einem Gebot Folge zu leisten, wie es in jeder Religion zu finden ist. Es heißt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

Wir Menschen können ohne Liebe nicht leben. Wir lieben unsere Mütter, unsere Partner, unsere Kinder oder uns selbst. Aber wenn wir nicht gerecht teilen, klammern wir uns an andere, oder klammern andere aus.
Es ist anfangs nicht leicht andere zu lieben, ohne jede Gegenleistung oder Gegenliebe, aber es ist für einen Menschen erfüllend.

Du hast bisher die Liebe auf dich, auf deine Tochter und deine Mutter verteilt. Nun wird es Zeit deine Liebe in alle Richtungen fließen zu lassen. Fang am besten bei deinen Brüdern an. Und glaub mir . deine Familie wird größer als du es dir je erträumen könntest.

Gruß
Arti
Hallo Arti,

ich glaube es wäre das letzte, dass ich jemals auf meine Brüder zugehen würde. Dieses habe ich oft versucht und jedes mal erfahren wie einseitig dieses war und wie sehr mein guter Wille ausgenutzt wurde.
Meiner Mutter ging es vor ca. 1 Jahr finanziell so schlecht, dass sie nichteinmal mehr in der Lage war für Lebensmittel zu sorgen. Damals habe ich meine Brüder gebeten je 25 euro zu überweisen, um ihr ein wenig zu helfen. Sie haben mich beschimpft und letztlich nichts getan. Meine Mutter aber, hat sie immer aufgenommen und aufgefangen als sie sich von ihren frauen getrennt haben. Nein! Wenn meine Mutter einmal von mir geht, sollten diese beiden Menschen nicht auf der Beisetzung auftauchen, denn dann wird mein Schmerz so groß sein, dass ich mein Gefühl nicht mehr kontrollieren kann.
Du möchtest also Gerechtigkeit? Du möchtest, dass Menschen darauf reagieren, wenn man sie liebt, wenn man sie umsorgt und aufnimmt. Du möchtest, dass deine Brüder deiner/ihrer Mutter gegenüber Respekt erweisen und sich dankbar zeigen. Damit bist du sicher nicht alleine. So ziemlich jeder Mensch möchte Gerechtigkeit. Unser Staat basiert auf dieser Denkweise. Und wenn der Staat das nicht macht, dann nimmt der Mensch das gerne selbst in die Hand oder vertraut darauf, dass Gott, wenn nicht im Diesseits, so doch bitte im Jenseits Gerechtigkeit schaffe.

Derselbe Mensch fragt sich bei kleinen bis großen Katastrophen, warum Gott ihm oder den anderen das nun antut. Warum nur? Nun, wer hat den gesagt, dass das Leben gerecht ist? Kann es das überhaupt werden? Oder ist das eine Utopie der Menschen?

Ich will es mal mit den Farben erklären. Rot und Grün sind zwei Farben, die gegeneinander gesetzt den größten Kontrast erzeugen. Sie liegen sich im Farbkreis gegenüber und sind Komplementärfarben. Sie wirken aufeinander und pumpen sich gegenseitig zu Höchstleistungen auf. Salat in einer roten Schüssel sieht viel leckerer aus, als in einer weißen. Und eine rote Rose in einem grünen Umfeld sticht sofort ins Auge. Aber: Kann Rot ohne Grün existieren?
Schau doch mal auf eine rote Fläche mehrere Sekunden lang. Wenn du wegschaust, wird dein Auge einen grünen Fleck auf deiner Netzhaut erzeugen Ist das nicht wundervoll!
Und wie zwischen Rot und Grün gibt es einen Kontrast zwischen Weiß und Schwarz, Gut und Böse, Frieden und Krieg, Glück und Unglück, Freude und Trauer.alles ist voller Dualität. Die Vorstellung das Gute in die Welt zu tragen und das Böse völlig zu vernichten mag die Menschen zwar bei Laune halten, sie wissen aber gar nicht, was sie sich selbst damit antuen würden. Denn wie gesagt: schaut man lange genug auf eine Farbe, erzeugt das Auge die Komplementärfarbe. Und selbst wenn nur noch ein kleiner schwarzer Fleck auf einem weißen Kleid zu sehen ist, ist er doch sofort sichtbar und durch das viele Weiß in einem ziemlich tiefen, dunklen Schwarz.


Wenn ich deine Berichte über deine Brüder verfolge, gehören deine Brüder sicher nicht zu den Vorzeige-Söhnen bzw. Brüdern. Der eine hat sich in die Flasche verliebt, die ihm dabei hilft, die Welt weniger konzentriert wahrzunehmen. Der andere hat sich in sich selbst verliebt. Auch eine Form von Verdrängung. Nun, vielleicht sahen sie sich nach dem Elternhaus mit Problemen konfrontiert, und sie versuchen die Probleme auf diese Weise zu lösen. Die Rückkehr zur Mutter kommt für sie immer in Betracht, wenn die Probleme zu groß werden. Insgeheim geben sie vermutlich der Mutter die Schuld. Die Liebe deiner Mutter ist groß, aber deinen Brüdern fehlte vielleicht die Strenge des Vaters.

Ich kann nicht sagen, ob sie auf der Beisetzung autauchen werden. Es kann sein, dass der Tod der Mutter sie vor neue Probleme stellt. Ich würde natürlich gerne daran glauben, dass dieses Ereigniss sie ihrer Zufluchtsburg beraubt und sie ihr Leben vielleicht neu anpacken. Vielleicht wenden sie sich reumütig an dich oder sie greifen zu noch mehr Alkohol, noch mehr Eigenliebe und gehen damit zugrunde.

Rede mit deiner Mutter über deine Brüder. Was du für Ungerechtigkeit hältst, könnte deiner Mutter gar nicht bewußt werden. Wahre Liebe erfordert keine Gegenleistung, daher kann dieser Strom an Liebe/Mutterliebe gar nicht versiegen.

Gruß
Arti
Hallo,ich war irgendwie froh deinen Beitrag hier zu lesen, denn mir geht es genauso. Ich bin 45 und habe genauso Angst davor meine Mutter zu verlieren. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihren Tod nicht überleben kann. Mein Vater verstarb als ich 1,5 Jahre alt war. Ich habe eine sehr starke innerliche Bindung zu meiner Mutter. Wie gehst du damit um? Ich bin teilweise dadurch sehr in meinem alltäglichen Leben eingegrenzt, leide zur Zeit an Depressionen.
Arti, ich finde Deine Beiträge super!

Hierzu vielleicht eine kleine Anmerkung:

Zitat:
Wie kann man etwas verlieren, was man gar nicht besitzt?


Wir besitzen die Nähe und verlieren somit (scheinbar) die Nähe.

Das „scheinbar“ schreibe ich hinein, da es eine Trennung in Wirklichkeit nicht gibt. Wir sind alle unsterblich und wir sind alle eins. Wenn wir sagen „von uns gegangen“ dann ist das ein „aus unserer Wahrnehmung gegangen“.

Ich spreche oft zu meinen verstorbenen Freunden und ich weiß, dass sie mich hören. Und da ich selbst seit früher Kindheit außerkörperliche Erfahrungen sammelte, weiß ich, dass es die andere Seite gibt. Vor ein paar Monaten sprach ich mit einem sterbenden Verwandten. Er war über meine Antwort auf seine Frage über den Tod geschockt. Denn ich sagte ihm, wenn ich wolle, dann käme ich wieder. Ich weiß, dass das zynisch für einen Atheisten klingt, denn ich habe ja hier meine Frau und zwei Kinder. Ich weiß, sie brauchen mich. Aber wer sagt denn, dass ich nicht vielleicht in meine eigene Familie geboren werde. Bin ich ihnen denn dann noch fern? Sind meine verstorbenen Freunde mir denn noch fern?

Alles ist hier und alles ist jetzt. Wir haben es nur vergessen.
Danke, Martin. H. Das Kompliment kann ich nur zurückgeben!

Grüße
Arti