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Hallo Leute,
gerade hat man mich per E-Mail informiert, dass dieses Forum existiert.
Und da bin ich auf die Frage gestoßen: "Warum glauben immer weniger Menschen an Gott?" - und das, so finde ich, ist eine interessante Frage, die auch mich beschäftigt. Dabei muss ich noch hinzufügen, dass ich Atheist bin und selbst eine Website zum Atheismus betreibe.
M. A. nach gibt es dafür eine Vielzahl an Gründen. Hier einige davon:
- Religionen dienten immer auch dazu, die (unverständliche) Welt zu erklären. Nun hat die Wissenschaft mit großem Erfolg diese Rolle übernommen - und ihre Ergebnisse kollidieren fundamental mit den früheren Welterklärungen. So ist die komplette Kosmologie der Bibel schlicht falsch. Die Ausrede, dass dies nur "symbolisch" gemeint war, ist erstens historisch falsch (auch heute gibt es ja noch viele Menschen, die meinen, die Erde sei in sechs Tagen erschaffen worden - früher war das allgemeiner Glauben) und zweitens unbefriedigend, muss man sich doch fragen, was noch alles symbolisch gemeint ist - etwa auch die Auferstehung Jesu?
- Außerdem ist es inzwischen schlicht möglich, nicht mehr an Gott zu glauben und dies öffentlich zu bekennen, ohne um sein Leben zu fürchten oder sein Dasein als gesellschaftlich Ausgestoßener zu fristen. Der Verlust der Macht der Kirchen, Atheisten zu ermorden, hat zu einem explosionsartigen Wachstum des Atheismus geführt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Europa fast keine Atheisten, heute sind es ca. 20%. Keine Religion konnte jemals in so kurzer Zeit so schnell wachsen. Und das, obwohl Atheisten keine systematische Mission betreiben.
- Viele der religiösen Probleme, teils älter als das Christentum, etwa das Theodizeeproblem (von Epikur) oder Euthyphrons Dilemma (von Sokrates), konnten bisher zufrieden stellend gelöst werden.
- Mit der Zunahme der Bildung wurden viele der alten Argumente der Atheisten besser greifbar, auch für die Masse der Menschen. Das Atheismus und Bildung zusammenhängen, kann man statistisch zeigen, die Bildung der Atheisten liegt über dem Durchschnitt. Das wird sich mit einer weiteren Ausbreitung des Atheismus allerdings wieder ändern.
- Viele der Vorbehalte gegen Atheisten haben sich vermindert, Atheisten sind weder die moralischen Monster, als die sie hingestellt wurden, noch Leute, die ein sinnloses Leben führen, sondern "Menschen wie Du und ich".
- Den Anspruch, Frieden unter den Menschen zu schaffen, haben die Religionen nie einlösen können. In der Historie wird das besonders deutlich, und wenn wir in den nahen Osten blicken, sehen wir, dass die drei großen Monotheismen (Judentum, Christentum, Islam) untereinander nicht zum Frieden fähig sind. Was Europa den Frieden gebracht hat, war die Demokratie: Noch nie haben demokratische Staaten untereinander Krieg geführt. Wo die Religionen versagt haben (und noch versagen), hat die säkulare Demokratie Erfolg gehabt.
- Die Vielzahl der Religionen relativiert den Absolutheitsanspruch jeder einzelnen Religion. Das wir die Vielheit der Religionen kennen, ist ein Verdienst der Bildung. Im Mittelalter kannten die meisten Menschen nur andere Menschen, die dasselbe geglaubt haben. Die meisten Religionen haben einen absoluten Wahrheitsanspruch, dass sie sich gegenseitig widersprechen, zeigt, dass nur eine von ihnen recht haben kann. Und woher will man wissen, welche das ist? Der unter Christen inzwischen verbreitete Relativismus in Wahrheitsfragen, gedacht als Abwehr gegen das Vielheitsargument, hat sich als Bumerang erwiesen. Wenn auch andere Religionen wahr sind, warum sollte ich mir dann nicht die bequemste aussuchen? Das hat dazu geführt, dass alleine die Anzahl der christlichen Bekenntnisse von knapp 2.000 im Jahre 1900 auf inzwischen über 35.000 gestiegen ist - Tendenz weiterhin steigend. Religion führt zu einer Zersplitterung (Divergenz) der Meinungen, Wissenschaft hingegen konvergiert. Es mag Abertausende von Religionen mit unterschiedlichen Meinungen geben, aber es gibt weltweit, kulturübergreifend, nur eine einzige Physik. Auch dort wird gestritten, aber man kommt zu einer Einigung. Religionen können sich nur gegenseitig ignorieren, was keine echte Toleranz ist.
- In Europa ist die alte politische Tyrannei zerbrochen, und das hat die christliche Religion in Europa, die den alten Tyrannen immer sehr verbunden war, deutlich geschwächt. Es gibt in Europa nur noch eine einzige Diktatur - bezeichnenderweise eine theokratische, nämlich im Vatikanstaat. Wenn das Christentum für "das Gute" steht, warum war es dann historisch gesehen meist auf der Seite der Tyrannen, Sklavenhalter, Freiheitsbekämpfer und Frauenunterdrücker zu finden? Das hat einige Menschen sehr nachdenklich gemacht . Und Gott, wenn er existiert, ist natürlich das Symbol für einen tyrannischen, absoluten Herrscher schlechthin, der auch dort Gehorsam verlangt (und Ungehorsam bestraft), wo unser Verstand sich weigert, die Ansprüche anzuerkennen. Die Auflösung der Höllendrohung hat zwar das Bild des "göttlichen Tyrannen" relativiert, aber um den Preis, dass Menschen nun im Ungaluben keine Bedrohung mehr sehen.
- Die Zerstörung sämtlicher Gottesbeweise durch Hume und Kant hat dazu beigetragen, dass vielen Menschen ein Glauben an Gott mit der Vernunft nicht mehr vereinbar bzw. kein Gebot der Vernunft mehr ist. Der Rückzug, dass man Gott "sowieso" nicht beweisen könne, ist äußerst schwach. Es ist der Versuch, eine akute Not zu einer Tugend hochzustilisieren. Das überzeugt viele nicht mehr.
- Mit dem Erstarken des Atheismus hat sich in der Philosophie eine neue Waffe gegen den Gotteglauben gebildet, die viele noch nicht kennen, aber doch zumindest einige: die sog. Atheologie. Atheologische Argumente dienen dazu, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen. Während die Gottesbeweise sämtlich an logischen Unzulänglichkeiten gescheitert sind, haben die wirkungsvollsten atheologischen Argumente diese Schwäche nicht. Woran erkennt man normalerweise Falschheit? Daran, dass die Argumente dafür scheitern (falsch oder ungültig sind), die Argumente dagegen aber erfolgreich sind (logisch korrekt sind). Würde man mit atheologischen Argumenten so missionieren wie die geldgewaltigen theistischen Missionsmaschinen das tun, der Glauben an Gott würde noch schneller erodieren.
- Trotz aller Vorbehalte gegen die Vernunft und ihrer Schwächen hat sie sich in wichtigen Bereichen durchgesetzt. Und sie ist auch in die Theologie vorgedrungen und hat ihre Wirkung entfaltet. So glauben z. B. weniger evangelische Theologen an die Auferstehung Jesu als die Mitglieder ihrer eigenen Kirche.
Es sind viele Faktoren also, von denen ich die wichtigsten hier nur sehr kurz (!) aufgezählt habe. Gott ist auf den Rückzug, und die Hoffnungen, dass dies nur vorübergehend so sein wird, sind unfundiert. Allerdings sind auch die Hoffnungen einiger Atheisten, dass der Glauben an Gott ganz verschwinden wird, arg übertrieben (eher sogar rundheraus falsch). Wir müssen uns damit abfinden, dass unter uns Atheisten sind, die nicht ohne die Anwendung von Gewalt verschwinden werden, und wir müssen lernen, damit in Frieden und Toleranz zu leben. Und obwohl es unter uns Atheisten auch militante Religionsfeinde gibt, steht der Atheismus insgesamt doch eher für religiöse Tolernanz, für positive und negative Religionsfreiheit. Deswegen kommen auch einige Muslime zu uns nach Europa, weil sie hier ihre Religion eher ausleben können als in islamischen Staaten.
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