Bahá’í beklagen „kulturelle Säuberung“


Bahá’í beklagen „kulturelle Säuberung“
Stellungnahme zum Abriss zweier heiliger Stätten im Iran

New York, 12. September 2004, Baha'i World News Service - Die Zerstörung einer weiteren heiligen Stätte der Bahá’í im Iran hat einen Aufschrei der Gläubigen auf der ganzen Welt ausgelöst. Aus ihrer Sicht betreibt die iranische Regierung eine Kampagne der Verfolgung, die so extrem fanatisch ist, dass sie sogar das unschätzbare Kulturgut des eigenen Landes aufs Spiel setzt. Nachdem schon Anfang des Jahres eine heilige Stätte in Babul dem Erdboden gleich gemacht wurde, brachte die Zerstörung eines historischen Hauses in Teheran im Juni nationale Bahá’í-Gemeinden mehrerer Länder dazu, eine Stellungnahme in großen Zeitungen zu veröffentlichen und die Zerstörungen zu beklagen. Die Annonce, die in der „New York Times“ am 12. September 2004 erschien, wird bald in Zeitungen in Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland und Großbritannien erscheinen.

Die spurlose Beseitigung des iranischen Bahá’í-Glaubens als Ziel

Die Bahá’í-Gemeinde des Iran ist mit etwa 300.000 Gläubigen die größte religiöse Minderheit des Landes. [...] Seit 1979 wurden im Iran über 200 Bahá’í allein wegen ihres Glaubens hingerichtet. Hunderte wurden gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Weil sie von den Geistlichen, die Iran regieren zu Häretikern erklärt wurden, verloren Zehntausende Arbeit, Rentenansprüche oder wurden von Bildungsgängen ausgesperrt. „Die extremistischen Mullahs werden von einem solchen Hass gegen die Bahá’í getrieben, dass sie nicht nur deren Religion auslöschen wollen: So wie die Taliban in Afghanistan die Buddha-Statuen von Bamian zerstörten, wollen sie alle Spuren der Bahá’í-Religion in deren Geburtsland beseitigen“, verlautet es in der Stellungnahme, die als Anzeige in der New York Times erschien. Das Haus, das im Juni zerstört wurde, gehörte Mirza Abbas Nuri (auch bekannt als Mirza Buzurg), dem Vater Bahá’u’lláhs. Mirza Buzurg war ein bedeutender Gouverneur einer Provinz und weithin bekannt als einer der größten Kalligraphen Irans. Die Stellungnahme in der „New York Times“ erwähnt, dass das Haus von Mirza Abbas Nuri „ein historisches Denkmal“ war, „das als herausragendes Beispiel islamisch-iranischer Architektur galt, als ‚einzigartiges Kunstwerk, ein Muster an Spiritualität und Architektur’“. „Entschlossen, den Iran von der Bahá’í-Gemeinde zu „säubern“ und jede Erinnerung an sie zu tilgen, sind die regierenden Fundamentalisten bereit, selbst das Kulturerbe ihres eigenen Landes zu zerstören. Sie ignorieren dabei, dass sie es treuhänderisch für die gesamte Menschheit verwalten,“ fährt die Stellungnahme fort.

Ein Appell an die iranische Bevölkerung in aller Welt

„Die Zeit ist gekommen, dass Iraner in aller Welt ihre Stimme zum Protest gegen solch mutwillige Schändungen erheben“, schließt die Erklärung. Die Platzierung der Stellungnahme in Zeitungen weltweit ist Teil einer koordinierten Aktion der Bahá’i außerhalb des Iran, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Zerstörung der historischen Kulturdenkmäler, die Teil des Welterbes sind, zu richten, sagt Glen Fullmer, Leiter des Öffentlichkeitsbüros der Bahá’í-Gemeinde der Vereinigten Staaten. „Diese Orte, die nun zerstört werden, sind für die gesamte Menschheit von Bedeutung,“ so Fullmer. „Sie spiegeln einzigartige Elemente der Kulturgeschichte des Iran wider. Deshalb rufen wir die Iraner auf der ganzen Welt auf, Protest gegen die Zerstörung ihrer eigenen Kultur einzulegen.“[...] Im Juli veröffentlichte die iranische Zeitung „Hamshahri“ einen langen Artikel über das Leben des Mirza Abbas Nuri und die Architektur seines Hauses. „Da er einen guten Geschmack für Kunst und Schönheit hatte, entwarf er sein Haus selbst. Es wurde bekannt als eines der schönsten Häuser seiner Zeit“, schrieb Imam Mihdizadih in „Hamshahri“ am 13. Juli. „Die Stuckatur und die Verarbeitung der Kacheln in den Zimmern, wie auch die begrünte Veranda und das Atrium mit dem zentralen Brunnen, die in Blumenbeete gepflanzten Bäume, dies alles schuf eine friedvolle Atmosphäre in diesem Haus.“ Das Haus wurde in einem Zeitraum von einer Woche im Juni zerstört. Die Zerstörung hatte Ayatollah Kani, Leiter der Marvi Schule und des Stiftungsamtes, im April angeordnet, angeblich, um einen islamischen Friedhof zu bauen. Bei Beginn der Zerstörung am 20. Juni waren Beamte des Informationsministeriums anwesend. Bis zum 29. Juni waren 70% des Gebäudes zerstört.

Lange Kette von Übergriffen

Die Zerstörung des Hauses von Mirza Buzurg ist nur die jüngste einer Reihe von Zerstörungen, die offensichtlich darauf abzielen, die heiligen Stätten der Bahá’í systematisch zu vernichten, sagt Bani Dugal, Repräsentantin der Bahá’í International Community bei den Vereinten Nationen. Im April wurde, trotz internationaler Proteste, das Grabmal eines frühen Apostels des Glaubens, in Babol zerstört. Der Bau markierte die letzte Ruhestätte von Mulla Muhammad-Ali Barfurushi, bekannt als Quddús. Quddús war der bedeutendste Anhänger des Báb. [...] Bahá’í beklagen „kulturelle Säuberung“ Stellungnahme zum Abriss zweier heiliger Stätten im Iran Laufende Zerstörung des Hauses von Mirza Abbas Nuri (Mirza Buzurg), Tehran, Iran, Juni 2004. 1993 wurden 15.000 Gräber eines gepflegten Bahá’í-Friedhofs in Teheran eingestampft, unter dem Vorwand, ein kommunales Zentrum zu bauen. 1979, kurz nach der Revolution, wurde das Haus des Báb in Shiraz, einer der heiligsten Orte für Bahá’í weltweit, zerstört. Das Haus Bahá’u’lláhs in Takur, wo der Stifter der Bahá’í-Religion seine Kindheit verbrachte, wurde ebenfalls kurz nach der Revolution zerstört, das Grundstück öffentlich zum Verkauf angeboten. „Wir sehen all dies als Teil eines konzertierten Planes der iranischen Regierung, den Bahá’í-Glauben als kulturelle und ganzheitliche Kraft schrittweise auszulöschen“, sagt Frau Dugal. „Im Laufe der Jahre hat sich die Strategie der Regierung geändert. Von offenen Ermordungen ist man zu Methoden übergangen, die weniger dazu angetan sind, internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – wie eben die Zerstörung heiliger Stätten.“ „Doch das Ergebnis bleibt dasselbe: die Bahá’í- Gemeinde Irans soll vollständig vernichtet werden, zusammen mit ihrer Geschichte und ihrem Erbe“, so Dugal. Historische Aufnahme des Eingangsbereiches des Hauses von Mirza Abbas Nuri (Mirza Buzurg), Tehran
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi