Leben nach dem Tod im Judentum


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Was kommt nach dem Tod? - Was glaubt das progressive Judentum?

Im Unterschied zum Christentum gab es im Judentum nie eine eindeutige Vorstellung über das Geschehen im Jenseits. Stattdessen haben sich aus einer Anzahl unbestimmter Hinweise in der Bibel zwei verschiedene Lehrmeinungen herausgebildet. Die eine ist die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele. Sie geht davon aus, dass die Seele eines Menschen vom Zeitpunkt des Todes an unabhängig vom Körper weiterlebt (Proverbien 12,28; Schabbat 152b). Die andere ist die Vorstellung von einer Auferstehung der Toten. Sie setzt voraus, dass ein Mensch zum Zeitpunkt seines Todes zwar sterbe (sowohl die Seele als auch der Körper), dass er aber in der messianischen Zeit wiederbelebt und leiblich auferstehen werde (Daniel 12,2; Sanhedrin 10,1). Der zuletzt genannte Glaube wurde vor allem im rabbinischen Judentum wichtig und war einer der Hauptunterschiede zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern. Mit der Zeit verschmolzen diese beiden Lehrmeinungen zu dem Glauben, dass die Seele eines Menschen den Tod des Körpers überlebe und bis zur messianischen Zeit weiterlebe, in der sie sich schließlich wieder mit dem Körper vereinigen und die Person leibhaftig auferstehen werde. Dies bringt der zweite Abschnitt der Amida zum Ausdruck, der täglich, am Schabbat und an Festtagen gesagt wird und mit dem Satz schließt: "Gepriesen seist du, Ewiger, der die Toten belebt."

Im progressiven Judentum hielt man nicht am Glauben an die Auferstehung des Leibes fest, sondern prägte den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Der Unterschied zwischen den Auffassungen des progressiven Judentums und der Orthodoxie spiegelt sich in der abweichenden Übersetzung im Gebetbuch des progressiven Judentums: "Gepriesen seist du, Ewiger. Du schenkst Leben angesichts des Todes." Dies berücksichtigt die Vorstellung einer unsterblichen Seele, drückt aber nicht zwangsläufig eine Auferstehung des Körpers aus. Der genaue Wesenszustand der Seele nach dem Tod des Körpers wurde im Judentum nie näher beschrieben. Das progressive Judentum teilt diese Einstellung, weil eine solche Existenz jenseits unseres Verstehenshorizontes liegt und jede Aussage darüber nur spekulativen Charakter haben kann. Alles, was man sagen kann, ist, dass das Leben, das wir kennen, auf unseren momentanen Aufenthalt auf Erden begrenzt ist, dass es aber darüber hinaus ein Leben nach dem Tod gibt. Es ist nicht zwangsläufig begehrenswerter oder diesem Leben vorzuziehen, sondern eher ein anderes Stadium. Da Einzelheiten unbekannt sind, ist es die beste Einstellung, sich auf die Verdienste der uns bekannten Welt zu konzentrieren und das Leben hier vollständig zu nutzen. Viele vollbringen gute Taten weil es richtig ist, in dieser Art und Weise zu handeln, nicht um sich einen Lohn im nächsten Leben zu verdienen. Die Lehre von Lohn und Strafe, derzufolge unsere Verdienste oder Fehler in der kommenden Welt entsprechend vergolten werden, ist für die Orthodoxie wesentlich. Im progressiven Judentum wird dies weder geleugnet noch besonders betont, sondern bleibt eine Sache des persönlichen Glaubens. Einige halten es für eine hilfreiche Vorstellung, durch die viele der offenkundigen Ungerechtigkeiten dieser Welt in der nächsten Welt ausgeglichen werden. Andere gehen davon aus, dass Lohn und Strafe schon in dieser Welt Wirklichkeit werden, jedoch nicht zwingend in materieller Hinsicht, sondern im Sinne der Integrität, die eine gerechte Person hat und der Schuld und der schlechten Gefühle, die diejenigen belasten, die Unrecht getan haben.

Aus dem oben gesagten folgt, dass Menschen eine gewisse Existenzform haben, selbst nachdem ihr Körper gestorben ist. Schon seit langem versuchen sie, in dieses Geheimnis einzudringen und mit den Geistern der Toten zu sprechen. Parapsychologie und spiritistische Sitzungen sind moderne Beispiele solcher Versuche, die bis in die älteste Zeit zurückgehen. In der Bibel werden sie durchgängig abgelehnt und jemand, der "Wahrsagerei treibt, … der Geister befragt oder Tote beschwört" ist ein Greuel vor Gott (Deuteronomium 18,10-11 [Schoftim]). Die Geschichte über die Totenbeschwörerin von Endor, die anscheinend den Geist des verstorbenen Propheten Samuel herbeirief, damit er zu König Saul spreche, ist rätselhaft und viele gehen davon aus, dass es Sauls Vorstellungskraft war, die Samuels Gegenwart heraufbeschwor (1. Samuel 28,13-14). Selbst wenn man den Vorfall als tatsächliches Ereignis versteht, bleibt die ablehnende jüdische Position gültig. Dass es eine Geisterwelt gibt, wird nicht in Zweifel gezogen. Wir wollen aber betonen, dass man diesen Bereich am besten unberücksichtigt lässt. Wir alle sollten unsere Aufmerksamkeit auf die Welt richten, in der wir leben. Es ist töricht, in Gebieten herumzutappen, die unsere Kenntnis übersteigen.

Zwei pragmatische Einwände müssen hier ebenfalls angeführt werden. Zum einen kann es gefährlich sein, zuzulassen, dass man von einem Medium oder spiritistisch begabten Menschen kontrolliert wird, von dessen Führung man dann vollkommen abhängt. Dies kann besonders für diejenigen schädlich sein, deren Gefühle sehr verletzbar sind und die sich leicht manipulieren lassen. Zum anderen ist der Versuch von Trauernden, in den Kontakt zu einem verstorbenen Angehörigen zu treten, eine Weigerung anzuerkennen, dass diese tot sind, und ein Versuch, sie lebendig zu erhalten. Den Tot anzunehmen, kann ein langer und schwerer Prozess sein. Es ist eine wichtige Phase in der Trauerarbeit eines Menschen und auf dem Weg, wieder zur Fröhlichkeit des Lebens zurückzukehren, um neue Beziehungen eingehen zu können. Vom psychologischen Standpunkt aus ist es sehr wichtig, sich langsam mit dem erlittenen Verlust abzufinden, mit all dem, was ungesagt blieb, mit den Konflikten, die ungelöst blieben, anstatt zu versuchen, den Verstorbenen über das Grab hinaus zu verfolgen.

Astrologie wie auch der Glaube an Horoskope sind weitere Praktiken, die missbilligt werden. Astrologie wird in der Bibel zwar verdammt (Jesaja 47,13; Jeremia 10,2), in der talmudischen Zeit jedoch als ehrbare Wissenschaft geschätzt. Viele Rabbinen gingen davon aus, dass jeder Mensch seinen eigenen Stern habe, der sein Schicksal beschütze und lenke und ihn mit anderen Menschen verbinde, die unter dem selben Stern geboren sind (Schabbat 53b; Megilla 32a; Nedarim 39b). In unserer Zeit jedoch weiß man, dass das Leben eines Menschen von vielen verschiedenen Einflüssen bestimmt wird, unter anderem von genetischen Faktoren, von der frühen Kindheit und der sozialen Umgebung. Darüber hinaus ist die Astrologie ein Glaube an ein Schicksal, in dem die persönlichen Ziele eines Menschen vorherbestimmt sind. Dies widerspricht dem Judentum, das von einem freien Willen ausgeht und von Wahlmöglichkeiten, die jeder im Lauf seines Lebens hat. Diejenigen, die sich auf die Astrologie verlassen, um Entscheidungen zu treffen oder die Astrologie benutzen, um zu ergründen, was in der Zukunft passieren wird, stehen in der Gefahr, enttäuscht, wenn nicht gar zu ihrem Nachteil irregeleitet zu werden. Es soll nicht geleugnet werden, dass der Zeitpunkt der eigenen Geburt eine gewisse Bedeutung haben kann, doch es muss davor gewarnt werden, auf Spekulationen zu vertrauen und es sei nachdrücklich auf die Bedeutung der persönlichen Verantwortung hingewiesen.
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"Alle Religionen lehren, daß wir einander lieben und unsere eigenen Fehler herausfinden sollten, bevor wir uns erkühnen, die Fehler anderer zu verdammen, und daß wir uns nicht über unseren Nächsten erheben dürfen." -- Abdul-Baha