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Biographie Baha'u'llahs












Die Tore des Gefängnisses öffnen sich

Auch während der Zeit der schlimmsten Einkerkerung waren die Baha'i nicht entmutigt, und ihr heiteres Vertrauen wurde nie erschüttert. Schrieb doch Baha'u'llah in der Kaserne von Akka an verschiedene Freunde:

"Fürchtet euch nicht. Diese Tore werden sich öffnen. Mein Zelt wird auf dem Berge Karmel aufgeschlagen werden, und die herrlichste Freude werden wir erleben."

Diese Erklärung war eine große Quelle des Trostes für Seine Gefährten, und im gegebenen Augenblick erfüllte sie sich wörtlich. Die Geschichte, wie die Gefängnistore sich öffneten, ist am besten erzählt mit den Worten von Abdu'l Baha, wie sie dessen Enkel Shoghi Effendi (ins Englische) übersetzt hat:

"Baha'u'llah liebte die Schönheit und das Grün des Landes. Eines Tages bemerkte Er nebenbei: ‘Ich bin jetzt neun Jahre lang nicht mehr im Grünen gewesen. Das Land ist die Welt der Seele, die Stadt die Welt des Körpers’. Als man mir diesen Ausspruch mitteilte, erkannte ich, daß Er sich nach dem Lande sehnte, und ich war sicher, daß von Erfolg begleitet sein würde, was ich auch tun würde, um Seinen Wunsch zu erfüllen. Es gab in Akka zu jener Zeit einen Mann, namens Muhammad Pasha Safwat, der gegen uns sehr feindselig war. Er besaß einen Palast, der Mazra'ih hieß, etwa vier Meilen nördlich der Stadt, einem lieblichen Ort, von Gärten umgeben und mit einem fließenden Gewässer. Ich ging und besuchte diesen Pasha in seinem Heim. Ich sagte: ‘Pasha, du läßt deinen Palast leer stehen und lebst in Akka.’ Er erwiderte: ‘Ich bin gebrechlich und kann die Stadt nicht missen. Wenn ich hinausgehe, ist es mir zu einsam, und ich bin von meinen Freunden abgeschnitten.’ Ich sagte: ‘Weil du nicht draußen lebst und das Haus leer steht, überlasse es doch uns’. Er war erstaunt über den Vorschlag, aber bald war er damit einverstanden. Ich bekam das Haus zu einer sehr niedrigen Miete, etwa fünf Pfund das Jahr, bezahlte diese auf fünf Jahre und schloß einen Vertrag mit ihm ab. Ich schickte Arbeiter, den Platz instandzusetzen und den Garten in Ordnung zu bringen, auch ein Bad ließ ich einbauen. Ich hatte auch ein Gefährt zur Benutzung durch die Gesegnete Schönheit² bereitgestellt. Eines Tages entschloß ich mich, hinauszugehen und den Ort selbst anzusehen. Trotz der wiederholten Einschärfungen in späteren Befehlen, daß wir unter keinen Umständen die Grenzen der Stadtmauer überschreiten dürften, ging ich zum Stadttor hinaus. Dort standen Wachen, aber sie erhoben keinen Einwand, und ich begab mich sogleich zu dem Palast. Am nächsten Tage ging ich wieder hinaus, begleitet von verschiedenen Freunden und Beamten, unbelästigt und ohne Widerstand zu finden, obgleich die Pförtner und Wachen zu beiden Seiten der Stadttore standen. Andern Tags veranstaltete ich ein Gastmahl, stellte eine Tafel unter die Pinienbäume von Bahji und versammelte die Spitzen und Beamten der Stadt. Abends kehrten wir zusammen in die Stadt zurück."

Eines Tages nun begab ich mich in die heilige Gegenwart der Gesegneten Schönheit und sagte: ‘Der Palast zu Mazra'ih steht für uns bereit und ein Gefährt, um Dich dahin zu bringen’. (Um jene Zeit gab es in Akka oder Haifa keine Fahrzeuge.) Er weigerte sich zu gehen und sagte: ‘Ich bin ein Gefangener.’ Später bat ich Ihn wieder, erhielt aber die gleiche Antwort. Ich ging soweit, Ihn ein drittes Mal zu bitten, aber Er sagte nur: ‘Nein’, und ich wagte nicht, weiter in Ihn zu dringen.

Nun wohnte in Akka ein gewisser muhammadanischer Shaykh, ein wohlbekannter Mann von bedeutendem Einfluß, der Baha'u'llah liebte und der bei Ihm in großer Gunst stand. Ich besuchte diesen Shaykh und legte ihm die Sache dar. Ich sagte: ‘Du darfst es wagen. Begib dich zur Nacht in Seine heilige Gegenwart, falle auf die Knie vor Ihm, erfasse seine Hände und lasse nicht nach und gehe nicht, bis Er verspricht, die Stadt zu verlassen.’ Er war ein Araber... Er begab sich unverzüglich zu Baha'u'llah und ließ sich vor Ihm auf die Knie nieder. Er ergriff die Hände der Gesegneten Schönheit, küßte sie und frug: ‘Warum verlässest Du die Stadt nicht?’ Er sprach: ‘Ich bin ein Gefangener.’ Der Shaykh entgegnete: ‘Da sei Gott vor! Wer hat die Macht, Dich zu einem Gefangenen zu machen? Du hast Dich selbst in Gefangenschaft gehalten. Es war Dein eigener Wille, gefangengehalten zu werden, und nun bitte ich Dich, herauszukommen und zu dem Palaste zu gehen. Es ist herrlich und grün. Die Bäume sind lieblich und die Orangen glühen wie Feuerbälle!’ Sooft die Gesegnete Schönheit sprach: ‘Ich bin ein Gefangener, es kann nicht sein’, griff der Shaykh nach Seinen Händen und küßte sie. Eine ganze Stunde lang ließ er nicht nach, auf Baha'u'llah einzureden. Schließlich sagte Baha'u'llah: ‘Khayli khub (also gut)’, und des Shaykhs Geduld und Ausdauer waren belohnt. Er kam zu mir in großer Freude, mir die frohe Neuigkeit der Einwilligung Seiner Heiligkeit zu bringen. Trotz dem strengen Befehl von 'Abdu'l-'Aziz, der mir eine Begegnung oder sonst eine Verbindung mit der Gesegneten Vollkommenheit³ verbot, nahm ich am nächsten Tage das Gefährt und fuhr mit Ihm zu dem Palast hinaus. Niemand machte eine Einwendung. Ich verließ Ihn dort und kehrte zur Stadt zurück.

Zwei Jahre lang verblieb Er an diesem reizenden und lieblichen Ort. Dann entschied Er sich, anderswohin zu gehen, nämlich nach Bahji. Damals brach eine Seuche in Bahji aus, und der Eigentümer des Hauses entfloh aus Angst mit seiner ganzen Familie und erklärte sich bereit, sein Haus irgendeinem Bewerber umsonst zu überlassen. Wir übernahmen das Haus gegen eine ganz niedrige Miete, und hier wurden die Tore der Majestät und der wahren Herrschaft weit geöffnet. Baha'u'llah war dem Namen nach ein Gefangener (denn die strengen Befehle des Sultans 'Abdu'l-Aziz wurden nie aufgehoben), aber in Wirklichkeit zeigte Er eine solche Vornehmheit und Würde in Seinem Leben und Seinem Auftreten, daß Er von jedermann verehrt wurde und die Herrscher von Palästina Ihn um Seinen Einfluß und Seine Macht beneideten. Gouverneure und Mutisarrifs, Generäle und örtliche Beamte suchten demütig um die Ehre nach, in Seine Gegenwart zu gelangen - eine Bitte, der Er selten entsprach.

Einmal suchte ein Gouverneur der Stadt auf höheren Befehl um die Gunst nach, die Gesegnete Vollkommenheit mit einem gewissen General zusammen besuchen zu dürfen. Dem Verlangen wurde entsprochen, und der General, ein sehr wohlbeleibter Mann, ein Europäer, war so beeindruckt von der majestätischen Gegenwart von Baha'u'llah, daß er knieend auf dem Boden in der Nähe der Türe verharrte. So groß war die Schüchternheit der beiden Besucher, daß es wiederholter Einladungen von Baha'u'llah bedurfte, sie zu bewegen, die Nargileh (Wasserpfeife) zu rauchen, die Er ihnen anbot. Auch dann berührten sie diese nur mit den Lippen, legten sie wieder beiseite, kreuzten dann ihre Arme und saßen in solcher Demut und Hochachtung da, daß es für die Anwesenden ganz erstaunlich war.

Die liebevolle Ergebenheit der Freunde, die Rücksicht und Hochachtung, die Ihm von allen Beamten und Standespersonen entgegengebracht wurde, der Zustrom der Pilger und Sucher nach Wahrheit, der Geist der Hingabe und des Dienstes, der rings um Ihn offenbar wurde, die hoheitsvolle und königliche Haltung der Gesegneten Vollkommenheit, die Wirkungskraft Seines Gebotes, die Zahl der Ihm so eifrig Ergebenen, all dies legte Zeugnis ab für die Tatsache, daß Baha'u'llah in Wirklichkeit kein Gefangener war, sondern ein König der Könige. Zwei despotische Regenten standen gegen Ihn, zwei mächtige Selbstherrscher, und doch, auch als Er eingeschlossen war in ihren Gefängnissen, redete Er sie in gebietendem Tone an, wie ein König seine Untertanen. Später lebte Er, trotz strenger anderweitiger Befehle, in Bahji wie ein Fürst. Er konnte oft sagen: ‘Wahrlich, wahrlich, das elendeste Gefängnis hat sich in das Paradies Eden umgewandelt.’"

"Sicher, etwas Derartiges ist noch nicht dagewesen seit der Schöpfung der Welt."
Das Leben in Bahji

Hatte Er in den früheren Jahren Seiner Leiden gezeigt, wie man Gott in einem Zustande der Armut und Schmach verherrlichen kann, so zeigte Baha'u'llah in Seinen späteren Jahren in Bahji, wie Gott in Zeiten der Ehre und des Wohlstandes zu verherrlichen ist. Die Gaben von Hunderttausenden Seiner ergebenen Anhänger stellten große Beträge zu Seiner Verfügung, um deren Verwaltung Er gebeten wurde. Obgleich Sein Leben in Bahji als wirklich königlich im höchsten Sinne des Wortes beschrieben worden ist, darf man doch darunter nicht verstehen, daß Sein Leben durch äußerlichen Prunk oder durch Verschwendung gekennzeichnet war. Die Gesegnete Vollkommenheit (=Baha’u’llah) und Seine Familie lebten auf sehr einfache und bescheidene Art, und Ausgaben für eigenen Luxus waren etwas, was man in Seinem Haushalt nicht kannte. Nahe bei Seinem Haus legten die Gläubigen einen schönen Garten mit Namen Ridvan an, in welchem Er oft mehrere Tage und selbst Wochen zubrachte, wobei Er des Nachts in einem Landhäuschen inmitten des Gartens schlief. Gelegentlich ging Er auch über Land. Er besuchte öfters Akka und Haifa, und mehr denn einmal hat Er Sein Zelt auf dem Berge Karmel errichtet, wie Er vorausgesagt hatte, als Er noch in der Kaserne von Akka eingekerkert war. Baha'u'llah verbrachte die meiste Zeit in Gebet und Andacht, mit der Niederschrift der heiligen Bücher, mit Offenbaren von Tablets und mit der geistigen Erziehung der Freunde. Um Ihm vollständige Freiheit für Sein großes Werk zu geben, übernahm Abdu'l Baha alle andern Geschäfte selbst, sogar den Besuch der Mullas, der Dichter und der Mitglieder der Regierung. Alle diese Leute waren entzückt und beglückt vom Zusammensein mit Abdu'l Baha, und waren völlig zufriedengestellt durch Seine Erklärungen und die Unterhaltung mit Ihm, und obgleich sie Baha'u'llah selbst nicht gesehen hatten, waren sie voll freudiger Gefühle für Ihn durch die Begegnung mit Seinem Sohn, da die Haltung von Abdu'l Baha ihnen ebenfalls volles Verständnis für die Stufe Seines Vaters übermittelte.

Der hervorragende Orientalist, Professor Edward G. Browne von der Universität in Cambridge, besuchte Baha'u'llah im Jahre 1890 in Bahji und schrieb seine Eindrücke wie folgt nieder:

"Mein Führer stand einen Augenblick stille, während ich meine Schuhe ablegte. Mit einem raschen Griff zog er den Vorhang zurück, und ich betrat ein großes Zimmer, an dessen oberem Ende ein Diwan und der Türe gegenüber zwei oder drei Stühle standen. Obschon ich dunkel ahnte, wohin ich jetzt ging, und wen ich sehen sollte (eine bestimmte Andeutung war mir nicht gemacht worden), stand ich doch einige Sekunden mit Herzklopfen und voll Ehrfurcht da, bevor ich mir endlich bewußt wurde, daß der Raum nicht leer war. In der Ecke, wo der Diwan an die Wand stieß, saß eine hoheitsvolle, ehrwürdige Gestalt mit jener Kopfbedeckung, wie sie bei den Derwischen Taj genannt wird (aber von ungewöhnlicher Höhe und Form), und um deren unteren Teil ein kleiner weißer Turban gewunden war. Das Antlitz, in das ich nun blickte, kann ich nie vergessen, obgleich ich nicht imstande bin, es zu beschreiben. Diese durchdringenden Augen schienen auf dem Grunde der Seele zu lesen. Macht und Würde lagen über diesen breiten Augenbrauen; die tiefen Falten auf Seiner Stirne und Seinem Gesicht verrieten ein Alter, das Sein tiefschwarzes Haar und der in üppiger Fülle bis zur Leibesmitte herabwallende Bart Lügen zu strafen schienen. Unnötig zu fragen, in wessen Gegenwart ich stand, als ich mich vor Dem verneigte, Der das Ziel einer Verehrung und Liebe ist, um die Ihn Könige beneiden könnten und nach der sich Kaiser vergeblich sehnen."

"Eine milde, würdevolle Stimme bat mich, Platz zu nehmen, und sprach sodann:"

"‘Gelobt sei Gott, daß du es erreicht hast! ... Du bist gekommen, um einen Gefangenen und Verbannten zu sehen ... Wir wünschen nur das Wohl der Welt und das Glück der Völker; dennoch hält man Uns für Anstifter von Streit und Aufruhr, die Gefangenschaft und Verbannung verdienen ... Wir wünschen, daß alle Völker in einem Glauben vereint und alle Menschen Brüder werden; daß das Band der Liebe und Einigkeit zwischen den Menschenkindern gestärkt werde; daß Religionsverschiedenheit aufhöre und die Unterschiede, welche zwischen den Rassen gemacht werden, aufhören - was ist nun Schlimmes hieran? ... Aber trotz all dem wird es dahin kommen; diese fruchtlosen Kämpfe, diese zerstörenden Kriege werden aufhören und der 'Größte Friede' wird kommen ... Habt ihr dies in Europa nicht auch nötig? Ist dies nicht das, was Christus verhieß? ... Aber dennoch sehen Wir eure Könige und Regenten die Schätze ihrer Länder mehr auf die Zerstörung der menschlichen Rasse verschwenden als darauf, was zum Glück der Menschheit führen würde ... Diese Kämpfe, dieses Blutvergießen und diese Zwietracht müssen aufhören, alle Menschen müssen sein, also ob sie einem Geschlecht und einer Familie angehörten. Es rühme sich kein Mensch dessen, daß er sein Land liebt, sondern eher dessen, daß er das ganze Menschengeschlecht liebt ...’"

"Solcher Art waren, soweit ich sie aus dem Gedächtnis wiedergeben kann, die Worte, die ich, neben vielen anderen, von Baha hörte. Mögen die, die sie lesen, sie gut daraufhin ansehen, ob solche Lehren Tod und Ketten verdienen, und ob die Welt von ihrer Verbreitung nicht vielleicht mehr gewinnen als verlieren würde."
Sein Hinscheiden

So verbrachte Baha'u'llah Seinen Lebensabend einfach und ruhig, bis Er nach einem Fieberanfall am 29. Mai 1892 im Alter von 75 Jahren verschied. Eines Seiner letzten Tablets, die Er offenbarte, war Sein letzter Wille und Sein Testament, das Er mit eigener Hand schrieb, formgerecht unterzeichnete und siegelte. Neun Tage nach Seinem Tode wurden die Siegel von Seinem ältesten Sohn in Gegenwart von Familienmitgliedern und einigen Freunden zerbrochen und der Inhalt der kurzen, aber bedeutsamen Urkunde bekanntgegeben. Durch diesen letzten Willen wurde Abdu'l Baha als Seines Vaters Bevollmächtigter und als Ausleger seiner Lehren bestimmt. Die Familie und die Verwandten von Baha'u'llah und alle Gläubigen wurden angewiesen, sich Ihm zuzuwenden und Ihm zu gehorchen. Durch diese Anordnung wurden Sektiererei und Spaltung verhindert und die Einheit der Sache sichergestellt.
Baha'u'llah als Offenbarer

Es ist wichtig, sich eine klare Vorstellung von Baha'u'llah als Offenbarer zu machen. Seine Aussprüche können gleich denen anderer göttlicher "Manifestationen" in zwei Arten eingeteilt werden, in eine, in der Er schreibt und spricht wie ein Mensch, der von Gott mit einer Botschaft an Seine Mitmenschen beauftragt ist, während in der andern die Worte unmittelbare Äußerung Gottes selbst sind. Im Buch Iqan schreibt Er (S.119f):

"Wir haben schon auf den vorausgegangenen Seiten einer jeden der Leuchten, die sich von den Aufgangsorten ewiger Heiligkeit erheben, zwei Stufen zugeschrieben. Die eine dieser Stufen, die Stufe der Wesenseinheit, haben Wir bereits erläutert. ‘Keinen Unterschied machen Wir zwischen irgendwelchen von ihnen.’ (Koran 2:136) Die andere Stufe ist die der Unterscheidung und gehört der Welt der Schöpfung und ihren Begrenzungen an. In dieser Hinsicht hat jede Manifestation Gottes eine ausgeprägte Individualität, eine genau vorgezeichnete Sendung, eine vorherbestimmte Offenbarung und besonders gegebene Begrenzungen. Eine jede von ihnen ist unter einem anderen Namen bekannt, ist durch eine andere Eigenschaft gekennzeichnet, erfüllt eine bestimmte Sendung und ist mit einer besonderen Offenbarung betraut. So wie Er spricht: ‘Einige der Sendboten haben Wir vor den anderen ausgezeichnet. Zu einigen hat Gott gesprochen, einige hat Er erhoben und erhöht. Und Jesus, dem Sohne Marias, verliehen Wir offenbare Zeichen, und Wir stärkten Ihn mit dem Heiligen Geist.'(Koran 2:253)"

"Durch diese Verschiedenheit ihrer Stufe und Sendung kommt es, daß die Worte und Aussprüche, die von diesen Urquellen göttlicher Erkenntnis strömen, scheinbar voneinander abweichen und verschieden sind. Dagegen sind in den Augen derer, die in die Mysterien göttlicher Weisheit eingeweiht sind, alle ihre Aussprüche in Wirklichkeit nur der Ausdruck einer Wahrheit. Da die meisten Menschen diese Stufen, auf die Wir hingewiesen haben, nicht richtig einzuschätzen vermögen, fühlen sie sich verwirrt und bestürzt angesichts der verschiedenartigen Aussprüche der Manifestationen, die doch in ihrem Wesen ein und dieselben sind. Es ist von jeher klar gewesen, daß alle diese Unterschiede im Ausdruck den Unterschieden in der Stufe beizumessen sind. So sind, vom Gesichtspunkt ihrer Einheit und erhabenen Loslösung aus gesehen, die Kennzeichen Gottheit, Göttlichkeit, höchste Einzigkeit und innerstes Sein von jeher und auch heute auf diese wahrsten Wesen des Daseins anwendbar, da sie ja alle auf dem Throne göttlicher Offenbarung weilen und sich auf dem Sitze göttlicher Verborgenheit niedergelassen haben. Durch ihr Erscheinen ist die Offenbarung Gottes offenkundig geworden und durch ihr Antlitz die Schönheit Gottes enthüllt. So geschieht es, daß durch diese Manifestation des göttlichen Seins die Sprache Gottes selbst vernommen worden ist."

"Im Lichte ihrer zweiten Stufe betrachtet - der Stufe der Auszeichnung, der Unterscheidung, der zeitlichen Begrenzungen, der Kennzeichen und Maßstäbe - zeigen sie unbedingte Dienstbarkeit, äußerste Armut und völlige Auslöschung des Selbstes. So hat Er gesprochen: ‘Ich bin der Diener Gottes. Ich bin nur ein Mensch wie ihr.’"

"Gehe nun von diesen unwiderleglichen und vollständig dargelegten Erklärungen aus und sei darauf bedacht, den Sinn der Fragen, die du gestellt hast, zu begreifen, auf daß du standhaft im Glauben Gottes seiest und nicht durch die Verschiedenheiten in den Aussprüchen Seiner Propheten und Auserwählten erschüttert werdest."

"Würde eine der allumfassenden Manifestationen Gottes erklären: ‘Ich bin Gott!’, so spräche Sie gewißlich wahr, und es gäbe darüber keinen Zweifel. Denn es ist wiederholt dargetan worden, daß durch ihre Offenbarung, ihre Eigenschaften und Namen die Offenbarung Gottes, Sein Name und Seine Eigenschaften in der Welt offenkundig gemacht worden sind. So hat Er enthüllt: ‘Jene Pfeile waren von Gott, nicht von Dir!’ (Koran 8:17) Und ebenso spricht Er: ‘Wahrlich, die Dir Treue gelobten, gelobten sie in Wirklichkeit Gott.’ (Koran 48:10)

Würde einer von Ihnen den Ausspruch tun: ‘Ich bin der Gesandte Gottes’, so spräche Er auch die Wahrheit, die unzweifelhafte Wahrheit. So spricht Er: ‘Muhammad ist nicht der Vater irgendeines Menschen unter euch, sondern Er ist der Gesandte Gottes.’ In diesem Lichte gesehen sind sie alle nur Gesandte jenes vollkommenen Königs, jener unwandelbaren Wesenheit. Würden sie alle verkünden: ‘Ich bin das Siegel der Propheten’, so sprächen sie gewißlich nichts als die Wahrheit, und sie wären über den geringsten Schatten eines Zweifels erhaben, denn sie alle sind nur eine Persönlichkeit, eine Seele, ein Geist, ein Wesen, eine Offenbarung. Sie alle sind die Manifestation des ‘Anfangs’ und des ‘Endes’, des ‘Ersten’ und des ‘Letzten’, des ‘Sichtbaren’ und des ‘Verborgenen’ - all dies kommt Ihm zu, Ihm, dem innersten Geiste der Geister und dem ewigen Wesen der Wesen."

"Und würden sie sagen: ‘Wir sind Diener Gottes’ (Koran 33:40), so ist auch dies eine offenkundige und unbestreitbare Tatsache. Denn sie haben sich im äußersten Zustande des Dienens geoffenbart, eines Dienens, wie es wohl kein Mensch erreichen kann. Darum haben diese Wesen des Daseins in Augenblicken, da sie tief in die Meere altehrwürdiger und ewigwährender Heiligkeit untertauchten, oder wenn sie zu den erhabensten Höhen göttlicher Mysterien emporstiegen, den Anspruch erhoben, daß ihre Sprache die Stimme der Gottheit, der Ruf Gottes selbst sei. Wäre das Auge der Unterscheidung geöffnet, so würde es erkennnen, daß sie sich in eben diesem Zustand als völlig ausgelöscht und nicht bestehend betrachteten vor dem Antlitz Dessen, welcher der Alldurchdringende, der Unbestechliche ist. Mich dünkt, sie haben sich ganz wie ein Nichts angesehen und ihre Erwähnung in jenem heiligen Hof als einen Akt der Gotteslästerung erachtet. Denn die leisesten Einflüsterungen des Selbstes sind in solch einem Hof ein Beweis von Selbstbetonung und Eigendasein. In den Augen derer, die in diesen Hof gelangten, ist solch eine Regung schon ein schweres Vergehen. Wieviel schlimmer wäre es, würde in solcher Gegenwart sonst noch etwas erwähnt werden, würden des Menschen Herz, Zunge, Gemüt oder Seele von etwas anderem eingenommen werden als von dem Vielgeliebten, würden des Menschen Augen ein anderes Antlitz betrachten als Seine Schönheit, würde des Menschen Ohr einer anderen Melodie sich zuneigen als Seiner Stimme und würden des Menschen Füße einen anderen Weg gehen als Seinen Weg."

"An diesem Tage weht der Hauch Gottes, und Sein Geist hat alle Dinge durchdrungen. So mächtig ist die Ausgießung Seiner Gnade, daß die Feder ruht und die Zunge schweigt. Kraft dieser Stufe haben sie für sich den Anspruch erhoben, die Stimme der Gottheit und dergleichen zu sein, während sie kraft ihrer Stufe als Gesandte sich als die Gesandten Gottes erklärt haben. In jedem Fall haben sie einen Ausspruch getan, der den Gegebenheiten des Augenblicks angepaßt war, und haben alle diese Erklärungen sich selbst zugeschrieben, Erklärungen, die sich vom Reich göttlicher Offenbarung bis zum Reich der Schöpfung erstreckten und vom Bereich der Göttlichkeit bis zum Bereich irdischen Daseins. Daher rührt es, daß alle ihre Aussprüche, ob sie dem Reich der Gottheit, des Herrn, des Propheten, des Gottgesandten, des Hüters, des Apostels oder des Dieners zugehören, alle wahr sind ohne den Schatten eines Zweifels. So müssen diese Sprüche, die Wir zur Stützung Unseres Beweises angeführt haben, aufmerksam erwogen werden, damit die voneinander abweichenden Worte der Manifestationen des Unsichtbaren und der Morgendämmerungen der Heiligkeit nicht mehr die Seele erregen und den Geist verwirren." (Baha'u'llah, Das Buch der Gewißheit, S.119f)

Wenn Baha'u'llah als Mensch spricht, ist die Stufe, die Er in Anspruch nimmt die äußerster Bescheidenheit, des "Aufgehens in Gott". Was die "Manifestation" in ihrer menschlichen Persönlichkeit anderen Menschen gegenüber auszeichnet, ist ihre völlige Selbstverleugnung und die Vollkommenheit ihrer Macht. Unter allen Umständen ist sie fähig zu sagen, wie Jesus im Garten Gethsemane: "doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe". So sagt Baha'u'llah in Seinem Brief an den Shah:

"O König! Ich war nur ein Mensch wie andere und schlief auf Meinem Lager - siehe da wehten die Winde des Herrlichsten über Mich und gaben Mir Kenntnis von allem, was war. Diese Sache ist nicht von Mir, sondern von Dem, welcher allmächtig und allwissend ist. Und Er gebot Mir, Meine Stimme zu erheben zwischen Erde und Himmel, und um dessentwillen befiel Mich, worüber ein jeder Mensch mit Einsicht weinte. Die allgemein übliche Gelehrsamkeit der Menschen studierte Ich nicht; Ihre Schulen betrat Ich nicht. Frage nach in der Stadt, wo Ich wohnte, auf daß du wohl versichert seiest, daß Ich nicht zu denen gehöre, die falsch reden. Dies ist nur ein Blatt, das die Winde des Willens deines Herrn, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, bewegt haben. Kann es ruhig bleiben, wenn der Sturmwind weht? Nein, bei Ihm, dem Herrn aller Namen und Eigenschaften! Er bewegt es, wie Er will. Das Vorübergehende ist wie ein Nichts vor Ihm, dem Ewigen. Sein allbezwingender Ruf hat Mich erreicht und ließ Mich Seinen Lobpreis unter allem Volke anstimmen. Fürwahr, Ich war wie ein Toter, als Sein Befehl erscholl. Die Hand des Willens deines Herrn, des Mitleidigen, des Barmherzigen, verwandelte Mich. Kann irgend jemand aus eigenem Willen das aussprechen, weswegen alle Menschen, hoch und niedrig, sich gegen ihn erheben werden? Nein, bei Ihm, Der die Feder die ewigen Geheimnisse lehrte: das kann nur, wem die Gnade des Allmächtigen, des Allgewaltigen Kraft gab." Baha'u'llah

Wie Jesus die Füße Seiner Jünger wusch, so hat Baha'u'llah manchmal Speise für Seine Jünger bereitet und andere niedrige Dienste für sie verrichtet. Er war ein Diener der Diener und war im Dienen einzig glücklich. Er war zufrieden, auf hartem Boden zu schlafen, falls es notwendig war, und nur von Brot und Wasser zu leben oder selbst zeitweise, wie Er es nannte, von "göttlicher Nahrung, das heißt, Hunger zu leiden". Seine vollendete Demut war zu erkennen an Seiner tiefen Ehrfurcht vor der Natur, vor dem menschlichen Wesen und besonders vor den Heiligen, den Offenbarern und den Märtyrern. Zu Ihm sprachen alle Dinge von Gott, vom kleinsten bis zum größten.

Seine menschliche Persönlichkeit ist von Gott auserwählt worden, das göttliche Sprachrohr und die göttliche Feder zu sein. Es war nicht Sein eigener Wille, daß Er diese Stellung von unvergleichlicher Schwierigkeit und Härte auf sich nahm. Wie Jesus sagte: "Vater, ist's möglich, so lasse diesen Kelch an Mir vorübergehen", so sagte Baha'u'llah:

"Hätte sich ein anderer Erklärer und Sprecher gefunden, so hätten Wir Uns nicht dem Tadel, dem Hohn und den Verleumdungen seitens der Menschen preisgegeben."

Aber der göttliche Ruf war klar und zwingend, und Er gehorchte. Gottes Wille wurde Sein Wille, und was Gott wohlgefiel, erwählte Er auch für Sich. Und mit "strahlender Ergebung" erklärte Er:

"Wahrlich, Ich sage: Was sich auch immer auf dem Pfade Gottes zuträgt, es ist das Wohlgefallen der Seele und der Wunsch des Herzens. Tödliches Gift ist auf Seinem Pfade reiner Honig und jede Trübsal ein Trunk kristallklaren Wassers."

Zu anderen Zeiten sprach Baha'u'llah, wie wir schon erwähnten, "von der Stufe der Gottheit" aus. In diesen Äußerungen tritt Seine menschliche Persönlichkeit so vollkommen zurück, daß sie völlig außer Betracht bleibt. Durch Ihn spricht Gott zu Seinen Geschöpfen, verkündet Seine Liebe zu ihnen, lehrt sie Seine Merkmale, gibt ihnen Seinen Willen bekannt, verkündet Seine Gesetze zu ihrer Führung und fordert ihre Liebe, ihre Ergebenheit, ihren Dienst.

In den Schriften von Baha'u'llah wechselt die Redeweise häufig von der einen Form zur andern. Manchmal ist es zweifelsohne der Mensch, der spricht, dann, ohne eine Pause, fährt der Text fort, als ob Gott selbst sprechen würde. Jedoch auch, wenn Er als Mensch spricht, spricht Baha'u'llah als Gottes Gesandter, als ein lebendes Beispiel völliger Ergebenheit in Gottes Willen. Sein ganzes Leben wird vom Heiligen Geist in Bewegung gehalten. Deshalb können keine bestimmten, klaren Linien gezogen werden zwischen den menschlichen und den göttlichen Elementen in Seinem Leben und Seiner Lehre. Gott sagt zu Ihm:

"Sprich: Nichts ist in Meinem Tempel zu sehen als Gottes Tempel und in Meiner Schönheit nur Seine Schönheit, in Meinem Wesen nur Sein Wesen, in Mir nur Er, in Meinem Walten nur Sein Walten, in Meiner Ergebung Seine Ergebung, in Meiner Feder Seine Feder, die Kostbare, die Gepriesene. Sprich: Es gab in Meiner Seele nichts als die Wahrheit, und in Mir kann man nichts sehen als Gott." Baha'u'llah
Seine Sendung

Die Sendung von Baha'u'llah auf der Welt ist, die Einheit zu verwirklichen, die Einheit aller Menschen in und durch Gott. Er spricht:

"Vom Baum der Erkenntnis ist folgendes erhabene Wort die allerherrlichste Frucht: Von einem Baum seid ihr alle die Früchte und von einem Zweige die Blätter. Lasset niemand sich rühmen, daß er sein Land liebe, sondern eher dessen, daß er das ganze Menschengeschlecht liebt."

Die früheren Offenbarer haben ein Zeitalter des Friedens auf Erden angekündigt, des Wohlgefallens unter den Menschen, und haben ihr Leben dahingegeben, um Sein Kommen zu beschleunigen; aber sie alle haben deutlich erklärt, daß diese gesegnete Erfüllung sich erst ereignen wird nach dem "Kommen des Herrn" in den letzten Tagen, wenn der Gottlose gerichtet und der Gerechte belohnt wird.

Zarathustra prophezeite 3000 Jahre des Streites vor dem Kommen des Shah Bahram, des Welterlösers, der Ahriman, den Geist des Bösen, überwinden und ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten würde.

Moses sagte einen langen Zeitabschnitt von Verbannung, Verfolgung und Unterdrückung für die Kinder Israels voraus, ehe der Herr der Heerscharen erscheinen werde, sie aus allen Nationen zu sammeln, ihre Unterdrücker zu vernichten und Sein Königreich auf Erden aufzurichten.

Christus sprach: "Ihr sollt nicht wähnen, daß Ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." (Matth.10:34) Und Er sagte eine Zeit von Kriegen und Kriegsgeschrei voraus, von Aufruhr und Trübsalen, die dauern würden bis zum Kommen des Menschensohnes "in der Herrlichkeit des Vaters". Muhammad erklärte, daß wegen ihrer Missetaten Gott Feindschaft und Haß gesetzt habe zwischen Juden und Christen, die dauern werden bis zum Tage der Auferstehung, wenn Er erscheinen werde, um sie alle zu richten.

Baha'u'llah andererseits verkündet, daß Er der von allen diesen Offenbarern Verheißene sei, die göttliche Manifestation, in deren Zeitalter das Reich des Friedens tatsächlich aufgerichtet werde. Diese Erklärung ist beispiellos und einzigartig, aber sie paßt wundervoll zu den Zeichen der Zeit und zu den Prophezeiungen aller großen Offenbarer. Baha'u'llah offenbarte mit unvergleichlicher Klarheit und Verständlichkeit die Mittel, um Frieden und Einigkeit unter den Menschen hervorzurufen.

Es ist wahr, daß seit dem Kommen von Baha'u'llah und noch jetzt Krieg und Zerstörung in nie dagewesenem Maße stattgefunden haben, aber dies ist gerade das, was alle Offenbarer sagten, daß es sich ereignen werde beim Dämmern des "großen und schrecklichen Tages des Herrn", und ist somit nur eine Bestätigung der Ansicht, daß das "Kommen des Herrn" nicht nur bevorsteht, sondern bereits vollendete Tatsache ist. Dem Gleichnis Christi zufolge muß der Herr des Weinbergs erst das gottlose Gesinde übel umkommen lassen, bevor Er den Weinberg an andere gibt, die Ihm die Früchte zu rechter Zeit geben. Bedeutet dies nicht, daß beim Kommen des Herrn schreckliche Vernichtung der despotischen Regierungen harrt, der habsüchtigen und unduldsamen Priester, der Mullas, der tyrannischen Führer, die Jahrhunderte hindurch, dem gottlosen Gesinde gleich, die Erde schlecht verwaltet und die Früchte vergeudet haben?

Mag es schreckliche Ereignisse geben und nie dagewesenes Elend auf der Erde herrschen, Baha'u'llah versichert uns: "Binnen kurzem werden diese nutzlosen Streitigkeiten, diese zerstörenden Kriege aufhören und der Größte Friede wird kommen."

Krieg und Streit sind mit ihren zerstörenden Kräften so unerträglich geworden, daß die Menschheit sich davon losmachen muß oder zugrunde geht.

"Die Fülle der Zeiten" ist gekommen und mit ihr der verheißene Erlöser!
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