Über die Wunder, die Jesus Christus vollbrachte


Über Wunder
aus Abdu'l Baha, Beantwortete Fragen, Baha'i Verlag

Frage: Es wird von Wundern, die Christus vollbrachte, berichtet. Sind die Berichte über diese Wunder wirklich wörtlich zu nehmen oder haben sie eine andere Bedeutung? Die exakten Wissenschaften haben bewiesen, daß sich das Wesen der Dinge nicht ändert und daß alles Erschaffene einem umfassenden Gesetz und einer Ordnung unterworfen ist, von denen es nicht abweichen kann; etwas dem universalen Gesetz Widersprechendes ist daher unmöglich.

Antwort: Die heiligen Offenbarer sind die Quellen von Wundern und die Urheber wunderbarer Zeichen. Ihnen ist jede schwierige und unausführbare Sache möglich und leicht gemacht. Denn durch eine überirdische Macht gehen Wunder von ihnen aus, und mit dieser Kraft, die übernatürlich ist, beeinflussen sie die Welt der Natur. Von allen Offenbarern sind außergewöhnliche Dinge vollbracht worden.

Aber die heiligen Bücher haben ihre besondere Ausdrucksweise; und für die Offenbarer selbst haben diese Wunder und aufsehenerregenden Zeichen kein großes Gewicht, sie wollen sie nicht einmal erwähnt haben. Denn wenn wir Wunder als großartigen Beweis ansehen, so sind sie Zeugnis und Bestätigung doch nur für Augenzeugen, nicht aber für andere Menschen.

Wenn wir zum Beispiel einem Suchenden, dem Moses und Christus fremd sind, wunderbare Dinge von Diesen erzählen, wird er sie leugnen und sagen: „Auch von falschen Göttern werden durch das Zeugnis zahlreicher Menschen laufend erstaunliche Begebenheiten berichtet und in Büchern bestätigt. Die Brahmanen haben ein Buch über unerklärliche Wundertaten Brahmas geschrieben.“ Er mag auch sagen: „Wie können wir wissen, daß die Juden und Christen die Wahrheit berichten und die Brahmanen lügen? Denn beide haben allgemein anerkannte Überlieferungen, die in Büchern gesammelt sind, und sie mögen wahr oder falsch sein.“ Dasselbe kann auch von anderen Religionen gesagt werden: Wenn das eine wahr ist, sind alle wahr; wenn eines anerkannt wird, müssen alle anerkannt werden. Deshalb sind Wunder kein Beweis. Wenn sie auch Beweiskraft für Augenzeugen haben, für andere Menschen genügen sie als Bestätigung nicht.

Aber zur Zeit einer Offenbarung erkennen die Einsichtigen, daß alle Umstände, die mit dem Offenbarer zusammenhängen, Wunder sind, weil sie vor allen anderen ausgezeichnet sind, und das allein ist schon ein unbestreitbares Wunder. Denke daran, daß Christus, allein und nur auf Sich Selbst gestellt, ohne Beschützer und Helfer, ohne Truppen und Heer und unter schwerster Bedrückung das Banner Gottes vor der ganzen Welt aufrichtete und ausharrte und schließlich alle überwand, obwohl Er, äußerlich gesehen, gekreuzigt wurde. Das ist doch ein wahrhaftiges Wunder, das niemals geleugnet werden kann. Eines weiteren Beweises für die Wahrheit Christi bedarf es nicht.

Die äußeren Wunder sind für Menschen, die Sinn für die Wirklichkeit haben, ohne Gewicht. Wenn zum Beispiel ein Blinder sehend wird, so wird er schließlich doch wieder blind, das heißt, er wird sterben und alle seine Sinneskräfte verlieren. Einen Blinden sehend zu machen, ist darum weniger wichtig, weil seine körperliche Sehkraft letzten Endes doch verschwindet. Wenn ein toter Körper lebendig gemacht wird, was hat das zu bedeuten, wo er doch wieder vergehen muß? Wesentlich dagegen ist die Verleihung der inneren Sehkraft und des ewigen Lebens, das heißt des geistigen und göttlichen Lebens. Denn das körperliche Leben hat keinen Bestand und ist dem Nichtsein gleich. So kommt es, daß Christus zu einem Seiner Jünger sagte: „Laß die Toten ihre Toten begraben“; denn „was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.“ (Matthäus 8:22 und Johannes 3:6)

Beachte, daß Menschen, die nach außen hin lebten, von Christus Tote genannt wurden; denn Leben heißt ewiges Leben und Sein ist wahres Sein. Wenn daher in den heiligen Büchern die Auferweckung von Toten erwähnt wird, so bedeutet dies, daß sie ewiges Leben fanden; wenn ein Blinder sehend wurde, so ist jenes Sehen gemeint, das wirkliche, innere Einsicht bedeutet; wenn ein Tauber hörend wurde, so besagt dies, daß er geistiges und himmlisches Hören erlangte. Dies geht aus dem Text des Evangeliums hervor, wo Christus sagt: „Sie sind wie diejenigen, von denen Jesaja sagte, mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und Ich heilte sie.“ (Vgl. Matthäus 13:13-15 und Jesaja 6:10)

Damit soll nicht gesagt sein, daß die Offenbarer unfähig sind, Wunder zu vollbringen; denn sie besitzen alle Macht. Aber für sie sind inneres Sehen, geistiges Heilen und ewiges Leben die wertvollen und wichtigen Dinge. Folglich besagen jene Stellen der heiligen Bücher, die von einem Blinden berichten, der sehend wurde, daß er innerlich blind war und daß er geistige Sicht erlangte, oder daß er unwissend war und weise wurde, oder daß er gleichgültig war und wach wurde, oder daß er weltlich war und fromm wurde.

Da dieses innere Sehen, Hören, Leben und solches Heilen ewig sind, darum sind sie wesentlich. Was sind, damit verglichen, das Gewicht, die Bedeutung und der Wert dieses fleischlichen Lebens mit seinen Kräften? In wenigen Tagen wird es zu Ende sein wie fliehende Gedanken. Wenn man zum Beispiel eine erloschene Lampe anzündet, wird sie letztlich wieder erlöschen, aber das Licht der Sonne strahlt immerzu; und nur dies ist wichtig.
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"Alle Religionen lehren, daß wir einander lieben und unsere eigenen Fehler herausfinden sollten, bevor wir uns erkühnen, die Fehler anderer zu verdammen, und daß wir uns nicht über unseren Nächsten erheben dürfen." -- Abdul-Baha