Baha'u'llah - Eine Einführung


Aus Anlass des heutigen Baha'i-Feiertages, dem Geburtstag Baha'u'llahs am 12.November 1817, bringen wie hier das Statement der Internationalen Baha'i-Gemeinde, Büro für Öffentlichkeitsarbeit, "Baha'u'llah - Eine Einführung". Da der Text sehr lang ist, wird er auf mehrere Seiten aufgeteilt, kann jedoch als Ganzes im PDF-Format hier downgeloaded werden. Das Statement ist auch beim Baha'i Verlag bestellbar.

Eine Kurz-Einführung gibt es auch hier:

Baha'u'llah (draufklicken)
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi
Baha'u'llah - Eine Einführung

Internationale Baha'i-Gemeinde, Büro für Öffentlichkeitsarbeit, New York
Baha'i-Verlag, Hofheim 1997-154

Vorwort 7
Baha'u'llah 9
Die Geburtsstunde einer neuen Offenbarung 12
Die Verbannung 20
Die Verkündigung im Garten Rivan 29
Gottes unwandelbarer Glaube 35
Die Manifestationen Gottes 43
"Eine ständig fortschreitende Kultur" 48
Der Tag Gottes 55
Die Verkündigung an die Könige 61
Ankunft im Heiligen Land 70
Religion als Licht und Finsternnis 77
Weltfrieden 81
"Nicht aus eigenem Antrieb" 85
Der Bund Gottes mit der Menschheit 88
Literatur 95

Vorwort

Am 29. Mai 1992 jährte sich das Hinscheiden Baha'u'llahs zum hundertsten Mal. Seine Schau von der Menschheit als einem Volk und der Erde als einem Land wurde vor über hundert Jahren von den Führern der Welt mißachtet; heute richten sich die Hoffnungen der Menschheit auf diese Vision. Auch der Zusammenbruch der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung, den Baha'u'llah mit erschreckender Deutlichkeit voraussah, vollzieht sich unerbittlich.
Der hundertste Jahrestag war Anlaß zur Veröffentlichung der vorliegenden kurzen Einführung in Baha'u'llahs Leben und Werk. Verfaßt im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, dem Treuhänder dieses weltumspannenden Glaubens, der Mitte des vorigen Jahrhunderts seinen Anfang nahm, will diese Schrift etwas von der zuversichtlichen Grundhaltung vermitteln, mit der die Baha'i in aller Welt die Zukunft unseres Planeten und der Menschheit sehen.

Internationale Baha'i-Gemeinde
Informationsbüro New York
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi
Baha'u'llah

An der Schwelle des neuen Jahrtausends ist die Menschheit auf eine einheitsstiftende Vision vom Wesen des Menschen und der Gesellschaft existentiell angewiesen. Aus dieser Not wurde der Menschheit während der letzten hundert Jahre ein ideologisches Wechselbad zuteil, das die Welt erschütterte; inzwischen haben sich diese Ideologien sichtlich erschöpft. Welch tiefgreifende Bedürfnisse dabei im Spiel sind, zeigt die Leidenschaft, mit der - trotz all der entmutigenden Ergebnisse - dieser Kampf ausgetragen wurde. Ohne eine gemeinsame Überzeugung über den Gang und das Ziel der Geschichte ist es unvorstellbar, daß Grundlagen für eine Weltgesellschaft gelegt werden können, denen sich die Menschheit mehrheitlich verpflichtet fühlt.
Baha'u'llah, die prophetische Gestalt des neunzehnten Jahrhunderts, dessen wachsender Einfluß die bemerkenswerteste Entwicklung der neueren Religionsgeschichte darstellt, entfaltet in Seinen Schriften eine solche Vision. Geboren am 12. November 1817 in Persien, setzte Baha'u'llah im Alter von 27 Jahren eine Bewegung in Gang, die heute das Bewußtsein von Millionen prägt - Menschen aus praktisch allen Rassen, Kulturen, Klassen und Nationen der Erde. Diese Erscheinung ist in der heutigen Welt ohne Beispiel. Ihre historischen Parallelen kann man in dramatischen Richtungsänderungen der Geschichte sehen. Denn Baha'u'llah beansprucht nicht weniger, als Gottes Bote für das Zeitalter menschlicher Reife zu sein, der Träger einer göttlichen Botschaft, welche die Verheißungen der früheren Religionen erfüllt und das geistige Kraftfeld für die Vereinigung der Völker dieser Welt schafft.
Lassen wir diesen Anspruch einmal beiseite - allein die heute schon sichtbaren Wirkungen, die Leben und Werk Baha'u'llahs hatten, fordern die ernsthafte Aufmerksamkeit eines jeden, der daran glaubt, daß der Mensch ein geistiges Wesen ist und daß die künftige Gestaltung unseres Planeten dem Rechnung tragen muß. Die historischen Fakten sind dokumentiert und stehen jedermann zur Prüfung offen. Erstmals in der Geschichte verfügt die Menschheit über einen detaillierten, nachprüfbaren Bericht über die Entstehungsgeschichte eines eigenständigen Religionssystems und vom Leben seines Stifters. Ebenso zugänglich sind die Berichte über den Widerhall, den der neue Glauben fand, über das Entstehen einer Weltgemeinschaft, die bereits heute mit vollem Recht behaupten kann, einen Mikrokosmos der Menschenwelt darzustellen.
Während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts blieb diese Entwicklung relativ unbekannt. Baha'u'llah verbietet die aggressive Proselytenmacherei, mit der religiöse Lehren oft verbreitet werden. Zudem gab die Baha'i-Gemeinde dem Aufbau von Gruppen auf lokaler Ebene überall in der Welt Priorität, was gegen die frühzeitige Konzentration großer Anhängerzahlen in einzelnen Ländern und gegen großangelegte Informationsprogramme sprach. Fasziniert von Indizien, die auf das Entstehen einer neuen Universalreligion hindeuten, bemerkte der Kulturphilosoph Arnold Toynbee in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts, der Baha'i-Glaube sei dem durchschnittlich gebildeten Abendländer etwa ebenso bekannt wie das Christentum dem Römer im zweiten Jahrhundert nach Christus.
Nachdem die Baha'i-Gemeinde in jüngster Zeit in vielen Ländern rasch gewachsen ist, hat sich die Situation grundlegend geändert. Es gibt in der Welt praktisch kein Gebiet mehr, wo das von Baha'u'llah gelehrte Lebensmuster nicht Wurzeln schlüge. Mit ihren Projekten zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung gewinnt die Gemeinde nach und nach Ansehen bei Regierungen, Universitäten und den Vereinten Nationen - ein weiterer Grund für eine unvoreingenommene, ernsthafte Prüfung des Impulses hinter einem Prozeß gesellschaftlicher Wandlung, der in der Welt einzigartig ist.
Die Quellen dieses schöpferischen Impulses liegen nicht im Dunkeln. Baha'u'llahs Schriften behandeln weitgespannte Themen, von gesellschaftlichen Problemen wie die Integration der Rassen, die Gleichheit der Geschlechter und die Abrüstung bis hin zu Fragen, die sich mit dem Seelenleben befassen. Die Originaltexte, viele von Seiner eigenen Hand, andere diktiert und von Ihm autorisiert, sind sorgsam gesichert. Seit Jahrzehnten macht ein systematisches Übersetzungs- und Veröffentlichungsprogramm eine Auswahl dieses Schrifttums den Menschen in aller Welt in über achthundert Sprachen zugänglich.
Die Geburtsstunde der neuen Offenbarung

Baha'u'llahs Sendung begann im August 1852 in einem unterirdischen Verlies von Teheran. Einer adligen Familie entsprossen, die ihre Vorfahren bis auf die großen altpersischen Dynastien zurückverfolgt, lehnte Er es ab, die Ihm offenstehende Laufbahn eines Staatsministers zu ergreifen. Er zog es vor, Seine Kraft karitativen Werken zu widmen. In den frühen 40er Jahren des 19. Jahrhunderts war Er weithin als "Vater der Armen" bekannt. Dieser privilegierte Lebensstil fand nach 1844 bald ein Ende, als Baha'u'llah Vorkämpfer einer Bewegung wurde, die den Lauf der Geschichte Seines Landes verändern sollte.
In vielen Ländern war das frühe neunzehnte Jahrhundert eine Zeit messianischer Naherwartung. Zutiefst verstört von dem Wandel, welcher durch wissenschaftliche Forschung und Industrialisierung eingeleitet worden war, wandten sich Menschen verschiedener Glaubensrichtungen ihren heiligen Schriften zu, in der Hoffnung, darin Hinweise zu finden, wie man diesen sich immer mehr beschleunigenden Prozeß verstehen könnte. In Europa und Amerika sahen Gemeinschaften wie die Templer und die Adventisten in der Heiligen Schrift Anhaltspunkte für ihre Überzeugung, daß sich die Geschichte ihrem Ende zuneige und die Wiederkunft Jesu Christi unmittelbar bevorstehe. Ein auffallend ähnlicher Gärungsprozeß entstand im Mittleren Osten aus dem Glauben an die unmittelbar bevorstehende Erfüllung der endzeitlichen Prophezeiungen im Koran und der islamischen Tradition.
Die bei weitem dramatischste dieser adventistischen Bewegungen bildete sich in Persien um die Person eines jungen Kaufmanns aus der Stadt Schiras und dessen Lehren; die Geschichte kennt Ihn als den Bab. Neun Jahre lang, von 1844 bis 1853, wurden Perser aller Gesellschaftsschichten mitgerissen von einem Sturm der Hoffnung und Begeisterung, ausgelöst durch die Ankündigung des Bab, der "Tag Gottes" sei angebrochen, Er selbst sei der in den Schriften des Islam Verheißene. Er verkündete, die Menschheit stehe an der Schwelle eines neuen Äons, in welchem alle Lebensbereiche neu gestaltet werden. Neue, noch unvorstellbare Wissenszweige würden es selbst den Kindern des anbrechenden Zeitalters verstatten, die gebildetsten Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts an Wissen zu übertreffen. Die Menschheit sei von Gott aufgerufen, diesen Wandel zu vollziehen, der eine Neugestaltung ihres sittlichen und geistigen Lebens voraussetze. Seine Mission sei es, die Menschheit auf ein Ereignis vorzubereiten, das im Zentrum dieser Entwicklung stehe: das Kommen des endzeitlichen Gottesboten, "Dessen, den Gott offenbaren wird", wie Ihn die Anhänger aller Religionen erwarten.
Mit diesem Anspruch erregte der Bab die grimmige Feindschaft der muslimischen Geistlichkeit, denn nach orthodoxer Lehre ist alle göttliche Offenbarung mit dem Propheten Muhammad beendet. Wer von dieser Lehre abweicht, ist Apostat und der Todesstrafe verfallen. Die öffentliche Verurteilung des Bab durch die Geistlichen fand bald die Unterstützung der persischen Staatsgewalt. Im ganzen Land wurden Tausende von Anhängern des neuen Glaubens Opfer einer Serie von entsetzlichen Massakern; der Bab selbst wurde am 9. Juli 1850 öffentlich hingerichtet. In einer Zeit wachsender westlicher Einmischung im Orient riefen diese Geschehnisse in einflußreichen Kreisen Europas Interesse und Mitleid hervor. Der Seelenadel des Bab, Seine Lehren, das Heldentum Seiner Anhänger und die in einem verfinsterten Land aufkeimende Hoffnung auf grundlegende Reformen - das alles hatte einen mächtigen Einfluß auf Gestalten wie Ernest Renan, Leo Tolstoi, Sarah Bernhardt und Graf Gobineau.
Wegen Seiner prominenten Rolle bei der Verteidigung der Sache des Bab wurde Baha'u'llah verhaftet und zu Fuß und in Ketten nach Teheran gebracht. Durch Seinen beeindruckenden Ruf und die gesellschaftliche Position Seiner Familie, aber auch durch die von den Babi-Pogromen ausgelösten Proteste der westlichen Botschaften einigermaßen geschützt, wurde Er nicht zum Tode verurteilt, wie einflußreiche Personen bei Hofe gefordert hatten. Stattdessen warf man Ihn in den berüchtigten Siyah-Chal, das "schwarze Loch", ein tiefes, von Ungeziefer verseuchtes Verlies in einem früheren Wasserreservoir der Stadt. Anklage wurde nicht erhoben; ohne Möglichkeit, sich dagegen rechtlich zur Wehr zu setzen, hielt man Ihn mit etwa dreißig Gefährten im Schmutz und Dunkel dieses Kerkers, umgeben von teils zum Tode verurteilten Schwerverbrechern. Um Baha'u'llahs Nacken lag eine schwere Kette, die unter den Strafgefangenen so berüchtigt war, daß man ihr einen Namen gegeben hatte. Als Er nicht so schnell umkam wie gedacht, versuchte man, Ihn zu vergiften. Die von der Kette verursachten Narben waren zeitlebens zu sehen.
Im Mittelpunkt der Schriften Baha'u'llahs stehen die großen Themen, die zu allen Zeiten die religiösen Denker vorrangig beschäftigt haben: Gott, Seine Offenbarung in der Geschichte, die Beziehungen der Weltreligionen zueinander, die Bedeutung des Glaubens und die grundlegende Aufgabe der Moral für das Funktionieren der Gesellschaft. In Passagen dieser Schriften finden sich Andeutungen über Seine eigene geistige Erfahrung, Seine Antwort auf den göttlichen Anruf, über Sein Zwiegespräch mit dem "Geist Gottes", den Wesenskern Seiner Sendung. Noch nie in der Religionsgeschichte bekam der Sucher die Möglichkeit zu einer so unmittelbaren Begegnung mit dem Phänomen göttlicher Offenbarung.
In einer der gegen Ende Seines Lebens verfaßten Schriften, in denen Er sich über Seine frühen Erfahrungen äußert, ist ein kurzer Bericht über die Zustände im Siyah-Chal enthalten:

"Vier Monate mußten Wir in einem unbeschreiblich schmutzigen Loch verbringen... Dieser Kerker war in undurchdringliches Dunkel gehüllt; Unsere Mitgefangenen zählten nahezu einhundertfünfzig Seelen: Diebe, Mörder und Straßenräuber. Trotz seiner Überfüllung hatte das Verlies keinen anderen Auslaß als den Gang, durch den Wir gekommen waren. Keine Feder kann diesen Ort beschreiben, keine Zunge seinen widerlichen Gestank schildern. Die meisten dieser Menschen hatten weder Kleider noch Stroh, darauf zu liegen. Nur Gott weiß, was Wir an diesem übelriechenden, finsteren Ort zu leiden hatten!"

Täglich kamen die Wachen die drei steilen Treppen in das Verlies herab, griffen Gefangene und schleppten sie nach oben zur Hinrichtung. In den Straßen Teherans wurden derweil Europäer entsetzt Zeugen, wie Babi vor Kanonen gebunden, zerfetzt und mit Äxten und Schwertern zerstückelt oder mit in den Leib gegrabenen brennenden Kerzen zur Todesstätte geführt wurden. So waren die Umstände, als Baha'u'llah, selbst vom Tode bedroht, die ersten Andeutungen Seiner Sendung erfuhr:

"Eines Nachts im Traum waren von allen Seiten diese erhabenen Worte zu hören: ‚Wahrlich, Wir werden Dich siegreich machen durch Dich selbst und durch Deine Feder. Gräme Dich nicht über das, was Dir widerfuhr, und fürchte Dich nicht, denn Du bist in Sicherheit. Binnen kurzem wird Gott die Schätze der Erde erwecken - Menschen, die Dir beistehen werden durch Dich selbst und durch Deinen Namen, mit welchem Gott die Herzen derer belebt, die Ihn erkennen.'"

Die Erfahrung göttlicher Offenbarung - in den Zeugnissen über das Leben Buddhas, Mose, Jesu Christi und Muhammads nur aus zweiter Hand überliefert - schildert Baha'u'llah bildhaft mit eigenen Worten:

"In den Tagen, da Ich im Kerker von ihran lag, vergönnten Mir die schweren Ketten, die Mich wundrieben, und die üble Luft nur wenig Schlaf; dennoch hatte Ich in den seltenen Augenblicken des Schlummers ein Gefühl, wie wenn etwas von Meinem Scheitel über die Brust strömte, einem mächtigen Sturzbach gleich, der sich vom Gipfel eines hohen Berges zu Tal ergießt. So wurde jedes Glied Meines Leibes in Flammen gesetzt. Meine Zunge sprach in solchen Augenblicken Worte, die zu hören kein Mensch hätte ertragen können."
Die Verbannung

Schließlich wurde Baha'u'llah ohne Prozeß und ohne Entschädigung aus dem Kerker entlassen und sofort aus Seinem Vaterland verbannt; Sein Vermögen und Seine Besitztümer wurden ohne Rechtsgrundlage enteignet. Der diplomatische Vertreter Rußlands, der Ihn persönlich kannte und die Babi-Verfolgungen mit wachsender Besorgnis beobachtet hatte, bot Ihm seinen Schutz und Zuflucht in den Ländern unter der Kontrolle seiner Regierung an. In dem damals in Persien herrschenden politischen Klima wäre die Annahme dieser Hilfe so gut wie sicher als Parteinahme mißdeutet worden. Wohl aus diesem Grund zog Baha'u'llah die Verbannung in das Nachbarland Irak vor, das damals unter osmanischer Herrschaft stand. Dies war der Beginn von vierzig Jahren Exil, Gefangenschaft und bitterer Verfolgung.
In den Jahren unmittelbar nach Seiner Ausreise aus Persien richtete Baha'u'llah Sein Hauptaugenmerk auf die Bedürfnisse der Babi-Gemeinde, die sich in Bagdad wieder sammelte. Diese Aufgabe fiel Ihm zu als dem einzigen fähigen Babi-Führer, der das Massaker überlebt hatte. Nach dem Tod des Bab und dem fast gleichzeitigen Verlust der meisten Lehrer und Führer des jungen Glaubens waren die Gläubigen versprengt und entmutigt. Als Baha'u'llahs Bemühungen, die in den Irak geflohenen Babi zu sammeln, Eifersucht und Zwietracht bewirkten, beschritt Er den Weg aller Gottesboten vor Ihm und zog sich in die Wildnis zurück; dafür wählte Er die Berge Kurdistans. "In Unserer Zurückgezogenheit", sagt Er später, "dachten Wir an keine Rückkehr... Nur darum lebten Wir in der Einsamkeit, weil Wir nicht wollten, daß Unserethalben unter den Gläubigen und den Gefährten Zwietracht und Unruhe aufkomme..." Wenngleich diese beiden Jahre von schlimmer Entbehrung und körperlichen Härten geprägt waren, beschreibt sie Baha'u'llah als eine Zeit inneren Glücks, in der Er tief über die Ihm anvertraute Sendung nachdachte: "Ganz allein verkehrten Wir mit Unserem Geist und vergaßen die Welt und alles darinnen."
Als die verzweifelten, noch in Bagdad verbliebenen Verbannten erfahren hatten, wo Er sich aufhielt, und Ihn baten, zurückzukehren und die Führung der Gemeinde zu übernehmen, kam Er dem nur sehr widerwillig und allein aus Verantwortung für die Sache des Bab nach.
Zwei der wichtigsten Werke Baha'u'llahs stammen aus dieser ersten Verbannungszeit noch vor der internen Bekanntgabe Seines Anspruchs im Jahre 1863. Das erste ist ein Büchlein, das Er "Die verborgenen Worte" nannte. Dieses Bändchen, eine Sammlung ethischer Sinnsprüche, stellt das sittliche Herzstück der Botschaft Baha'u'llahs dar. In Versen, die Baha'u'llah als die Quintessenz geistiger Führung aus allen Offenbarungen der Vergangenheit beschreibt, spricht die Stimme Gottes unmittelbar zur Seele des Menschen:

"O Sohn des Geistes! Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. Wende dich nicht ab von ihr, wenn du nach Mir verlangst, und vergiß sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten. Bedenke im Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich, Gerechtigkeit ist Meine Gabe und das Zeichen Meiner Gnade. So halte sie dir vor Augen."

"O Sohn des Seins! Liebe Mich, damit Ich dich liebe. Wenn du Mich nicht liebst, kann Meine Liebe dich niemals erreichen. Erkenne dies, o Diener!"

"O Sohn des Menschen! Gräme dich nicht, außer du bist Uns ferne; und freue dich nicht, außer du kommst Uns nahe und kehrest zu Uns zurück."

"O Sohn des Seins! Mit den Händen der Macht erschuf Ich dich, mit den Fingern der Kraft formte Ich dich, und Ich barg in dich das Wesen Meines Lichtes. Sei damit zufrieden und suche nichts anderes, denn Mein Werk ist vollkommen und Mein Gebot bindend. Sei dessen gewiß und zweifle nicht."
Das zweite von Baha'u'llah verfaßte Hauptwerk dieses Zeitabschnitts ist "Das Buch der Gewißheit", eine umfassende Darlegung vom Wesen und Ziel der Religion. In Passagen, die sich auf den Koran, aber mit der gleichen Vertrautheit und Einsicht auch auf das Alte und Neue Testament beziehen, werden die Offenbarer Gottes als die gestaltenden Kräfte in dem einzigen, ununterbrochenen Prozeß dargestellt, in dem die Menschheit zu ihrem spirituellen und sittlichen Potential erweckt wird. Eine Menschheit, die zur Reife gelangt ist, ist über die Sprache der Gleichnisse und Allegorien hinaus auch empfänglich für eine direkte Lehrverkündung. Glauben ist keine Sache blinden Fürwahrhaltens, sondern bewußter Erkenntnis. Auch der Führerschaft einer klerikalen Elite bedarf es nicht länger: Im neuen Zeitalter der Aufklärung und Erziehung verleiht die Gabe der Vernunft jedem Menschen die Fähigkeit, selbst auf die göttliche Führung zu antworten. Auf dem Prüfstand steht des Menschen Aufrichtigkeit:

"Kein Mensch vermag die Küsten des Meeres wahren Erkennens zu erreichen, ehe er nicht gelöst ist von allem im Himmel und auf Erden... Das ist der Sinn dieser Worte: Wer auf dem Pfade des Glaubens wandelt, wer nach dem Weine der Gewißheit schmachtet, muß sich läutern von allem, was irdisch ist - sein Ohr von nichtigem Geschwätz, sein Gemüt von leerem Trug, sein Herz von der Liebe zur Welt, sein Auge von allem Vergänglichen. Auf Gott muß er bauen, an Ihn sich halten und auf Seinem Wege wandeln. Dann wird er würdig sein, daß ihm in ihrer Glorie die Sonne göttlicher Erkenntnis und Einsicht strahle... Denn nie darf ein Mensch hoffen, zur Erkenntnis des Allherrlichen zu gelangen,... es sei denn, er lasse davon ab, die Worte und Taten sterblicher Menschen zum Maßstab wahren Erfassens und Erkennens Gottes und Seiner Propheten zu nehmen.
Schaut in die Vergangenheit! Wie viele, hoch und niedrig, haben zu allen Zeiten sehnlich auf das Erscheinen der Manifestationen Gottes in den geheiligten Gestalten Seiner Erwählten gewartet... Und wann immer die Tore der Gnade sich öffneten, die Wolken göttlicher Freigebigkeit sich auf die Menschheit ergossen und das Licht des Ungeschauten am Horizont himmlischer Macht aufleuchtete, haben Ihn alle verleugnet und sich von Seinem Antlitz, Gottes eigenem Antlitz, abgewandt...