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Baha'u'llah - Eine Einführung












Vorbehaltlos dem Rufe Gottes ergeben, hegte Er keine Zweifel an der Rolle, die Ihm in der Menschheitsgeschichte zugedacht war. Als Gottes Manifestation für das Zeitalter der Vollendung ist Er der in allen heiligen Schriften der Vergangenheit Verheißene, das "Verlangen der Völker", der "König der Herrlichkeit". Er ist der "Herr der Heerscharen", den die Juden erwarten, die Wiederkunft Christi in der Herrlichkeit des Vaters, die "Große Verkündigung", die der Koran verheißt, der im Buddhismus erwartete Buddha Maitreya, die in der Bhagavadgita angekündigte neue Fleischwerdung Krishnas, der "Shah-Bahram", auf den die Anhänger Zarathustras warten.
Wie die Manifestationen Gottes vor Ihm, ist Er Stimme Gottes und zugleich ihr menschlicher Kanal: "Wenn ich, o Gott, über mein Verhältnis zu Dir nachsinne, so fühle ich mich bewogen, allen erschaffenen Dingen zu verkünden: ‚Wahrlich, Ich bin Gott!'; und wenn ich mein eigenes Selbst betrachte, siehe, so finde ich, daß es geringer ist als Staub!"
"Einige unter euch", erklärt Er, "haben gesagt: ‚Er hat den Anspruch erhoben, Gott zu sein.' Bei Gott! Das ist eine grobe Verleumdung. Ich bin nur ein Diener Gottes, der an Ihn und Seine Zeichen... glaubt. Meine Zunge, Mein Herz, Mein inneres und äußeres Sein bezeugen, daß es keinen Gott gibt außer Ihm, daß alle anderen durch Seinen Befehl erschaffen... sind... Ich bin Er, der zu allen von den Gunstbezeugungen spricht, mit denen Gott in Seiner Großmut Mich ausgezeichnet hat. Wenn dies Meine Übertretung ist, dann bin Ich wahrlich der erste der Übertreter..."
Seine Schriften greifen auf eine Vielzahl von Metaphern zurück, die das Paradoxon im Kern der Offenbarung des göttlichen Willens zu beschreiben suchen:

"Ich bin der königliche Falke auf dem Arm des Allmächtigen. Ich entfalte die matten Flügel jedes verzagten Vogels und helfe ihm, sich aufzuschwingen."

"Das hier ist nur ein Blatt, das die Winde des Willens deines Herrn, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, bewegt haben. Kann es ruhen, wenn der Sturmwind weht? Nein, bei Ihm, dem Herrn aller Namen und Eigenschaften! Sie bewegen es nach ihrem Belieben..."
Der Bund Gottes mit der Menschheit

Im Juni 1877 wurde der strenge Gewahrsam gelockert, so daß Baha'u'llah endlich die Gefängnisstadt 'Akka verlassen konnte. Er zog mit Seiner Familie nach Mazra'ih, einem kleinen Anwesen einige Kilometer nördlich der Stadt. Wie Er vor Jahren an die Adresse der türkischen Regierung vorhergesagt hatte, war Sulan 'Abdu'l-'Aziz in einer Palastrevolte gestürzt und ermordet worden; der Sturm politischen Wandels, der die Welt erfaßt hatte, erreichte auch die abgedichteten Grenzen des Osmanischen Reiches. Nach zweijährigem Aufenthalt in Mazra'ih zog Baha'u'llah um nach Bahji, einem großen, von Gärten umgebenen Landsitz, den Sein Sohn Abdu’l-Baha für Ihn und die Mitglieder Seiner großen Familie gemietet hatte. Die verbleibenden zwölf Jahre Seines Lebens waren weiteren Schriften gewidmet, in denen Er sich zu Fragen des spirituellen und gesellschaftlichen Lebens äußerte; daneben empfing Er einen steten Strom von Baha'i-Pilgern, die unter großen Schwierigkeiten aus Persien und aus anderen Ländern anreisten.
Überall im Nahen und Mittleren Osten bildeten sich unter denen, die sich zu Baha'u'llahs Botschaft bekannten, lebendige Gemeinden heraus. Für diese hatte Baha'u'llah Gesetze und Institutionen offenbart, die darauf zielten, die Grundsätze Seiner Schriften in die Praxis umzusetzen. Die Amtsgewalt ist Räten anvertraut, die von der ganzen Gemeinde demokratisch gewählt werden; Vorkehrungen sind getroffen, daß sich keine klerikale Elite herausbildet; Grundsätze der Beratung und der kollektiven Entscheidungsfindung sind fest verankert.
Im Zentrum dieses Systems steht, was Baha'u'llah den "neuen Bund" zwischen Gott und der Menschheit nennt. Der Reifezustand der Menschheit findet seinen augenfälligen Ausdruck darin, daß erstmals in der Geschichte, wenn auch noch verschwommen, das ganze Menschengeschlecht um seine Einheit weiß und erkennt, daß die Erde ein einziges Vaterland ist. Dieses Wissen ebnet den Weg für ein neues Verhältnis zwischen Gott und der Menschheit. In dem Maße, wie sich die Völker der Welt der geistigen Autorität der Gottesoffenbarung für unser Zeitalter unterstellen und sich von ihr führen lassen, werden sie - so Baha'u'llah - eine sittliche Kraft in sich finden, die rein menschliches Streben nicht erzeugen kann. "Ein neues Menschengeschlecht" wird aus diesem Verhältnis entstehen. Der Aufbau einer Weltkultur wird beginnen. Es ist der Auftrag der Baha'i-Gemeinde zu zeigen, daß dieser Gottesbund die Krankheiten zu heilen vermag, welche das Menschengeschlecht spalten.
Baha'u'llah starb am 29. Mai 1892 im 75. Lebensjahr in Bahji. Die Ihm vierzig Jahre zuvor im "Schwarzen Loch" von Teheran anvertraute Sache Gottes stand im Begriff, die Begrenzung auf die islamischen Länder, in denen sie Gestalt angenommen hatte, zu sprengen und sich zuerst in Amerika und Europa, dann in der ganzen Welt zu etablieren, als Bekräftigung der Verheißung des neuen Bundes zwischen Gott und der Menschheit. Als einzige der Weltreligionen sollte die Gemeinde Baha'u'llahs das kritische erste Jahrhundert ihrer Geschichte erfolgreich durchmessen, ohne ihre Einheit zu verlieren und dem zu allen Zeiten wirksamen Gift der Spaltung und der Sektenbildung zum Opfer zu fallen. Gerade diese Erfahrung ist von überzeugender Beweiskraft für Baha'u'llahs Versicherung, daß die Menschheit in all ihrer bunten Vielfalt es lernen kann, als ein Volk in einem gemeinsamen, weltumspannenden Vaterland zu leben und zu wirken.
Etwa zwei Jahre vor Seinem Tod empfing Baha'u'llah in Bahji Edward Granville Browne, einen der wenigen Menschen aus dem Westen, die Ihm je begegneten, der einzige, der einen schriftlichen Bericht über seine Eindrücke hinterlassen hat. Browne war ein vielversprechender junger Orientalist von der Universität Cambridge, der ursprünglich von der dramatischen Geschichte des Bab und Seiner heldenhaften Jünger gefesselt worden war. Er schreibt über seine Begegnung mit Baha'u'llah:

"Obgleich ich ahnte, wohin ich ging und wen ich sehen sollte (denn es war mir kein genauer Hinweis gegeben worden), vergingen eine oder zwei Sekunden, ehe ich mir in einem Augenblick ehrfürchtiger Verwunderung wirklich klar wurde, daß ich nicht allein im Zimmer war. In der Ecke, wo der Diwan an die Wand stieß, saß eine wundersame, ehrfurchtgebietende Gestalt... Das Antlitz dessen, den ich erblickte, kann ich nie vergessen, und doch vermag ich es nicht zu beschreiben. Diese durchdringenden Augen schienen auf dem Grund der Seele zu lesen; Macht und Autorität lagen auf dieser hohen Stirn... Hier bedurfte es keiner Frage mehr, vor wem ich stand, als ich mich vor einem Manne neigte, der Gegenstand einer Verehrung und Liebe ist, um die ihn Könige beneiden und nach der Kaiser sich vergeblich sehnen! Eine milde, würdige Stimme bat mich, Platz zu nehmen, und fuhr dann fort: ‚Preis sei Gott, daß du angelangt bist!... Du bist gekommen, einen Gefangenen und Verbannten zu sehen... Wir wünschen nur das Gute dieser Welt und das Glück der Völker; und doch betrachten sie Uns als Aufrührer und Unheilstifter, der Gefängnis und Verbannung verdient... Daß alle Völker eins im Glauben und alle Menschen wie Brüder werden sollen; daß die Bande der Zuneigung und Einheit zwischen den Menschenkindern verstärkt werden sollen; daß der Religionsstreit aufhören und die Rassenunterschiede beseitigt werden sollen - was könnte das schaden?... Und es wird so kommen. Diese nutzlosen Kämpfe, diese zerstörerischen Kriege werden vergehen, und der ‘Größte Friede’ wird kommen...'"
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