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Baha'u'llah - Eine Einführung












Religion als Licht und Finsternis

Baha'u'llahs härtestes Urteil gilt den Schranken, welche die organisierte Religion zu allen Zeiten zwischen den Offenbarungen Gottes und der Menschheit aufgebaut hat. Aus Aberglauben destil-lierte Dogmen, für deren Formulierung man eine beachtliche Intelligenz vergeudete, sind immer wieder einem göttlichen Prozeß in den Weg gestellt worden, der zu allen Zeiten geistig-sittliche Ziele verfolgte. Gesetze sozialer Interaktion, offenbart zur Festigung des Gemeindelebens, machte man zur Grundlage für Strukturen geheimnisvoller Lehrgebäude und Praktiken, die schwer auf den Volksmassen lasteten, zu deren Nutzen sie angeblich geschaffen waren. Selbst der Gebrauch der Vernunft - des Menschen größte Gabe - wurde absichtlich behindert, so daß der für die Kultur lebenswichtige Dialog zwischen Religion und Wissenschaft abbrach.
Die Folge dieser bedauerlichen Entwicklung ist, daß die Religion weltweit ihre Reputation verloren hat. Schlimmer noch: Die organisierte Religion ist selbst zur bösartigsten Quelle für Haß und Kampf zwischen den Völkern der Welt geworden. "Religiöser Fanatismus und Haß", warnte Baha'u'llah schon vor über hundert Jahren, "sind ein weltverzehrendes Feuer, dessen Gewalt niemand zu dämpfen vermag. Nur die Hand göttlicher Macht kann die Menschheit von dieser verheerenden Plage befreien."
Diejenigen, die Gott für diese Tragödie zur Verantwortung ziehen wird, sind nach Baha'u'llah die Religionsführer, die sich die ganze Geschichte hindurch angemaßt haben, für Gott zu sprechen. Ihre Versuche, das Wort Gottes zu vereinnahmen, seine Auslegung zur Erhöhung ihrer eigenen Reputation zu mißbrauchen, waren das größte Hindernis, das dem kulturellen Fortschritt im Wege stand. Um ihre Ziele zu erreichen, scheuten sie sich nicht, sich gegen die Boten Gottes zu stellen, als sie erschienen:

"Zu allen Zeiten hat die Geistlichkeit ihr Volk daran gehindert, die Küsten des Meeres ewigen Heils zu erreichen, denn sie hält die Zügel der Autorität über die Menschen in ihrem mächtigen Griff. Einige wurden aus Verlangen nach Führerschaft, andere aus Mangel an Erkenntnis und Verständnis zur Ursache der Unmündigkeit des Volkes. Mit ihrer Zustimmung und unter ihrer Amtsgewalt mußten alle Propheten Gottes vom Kelche des Opfers trinken..."
An die Geistlichen aller Religionen gewandt, weist Baha'u'llah auf die Verantwortung hin, die sie im Laufe der Geschichte so sorglos an sich gerissen haben:

"Ihr gleicht einer Quelle. Wenn sie sich verändert, werden die Ströme, die ihr entspringen, sich verändern. Fürchtet Gott und gesellt euch zu den Gottesfürchtigen! Verdirbt das Herz des Menschen, so verderben seine Glieder. Und verfault die Wurzel eines Baumes, so verdorren seine Äste, seine Triebe, seine Blätter und Früchte."

Diese Aussagen, zu einer Zeit offenbart, da religiöse Orthodoxien in der ganzen Welt zu den einflußreichsten Mächten gehörten, machten zugleich klar, daß deren Macht in Wirklichkeit zu Ende gegangen ist und die Geistlichkeit in der Zukunft der Menschheit keine gesellschaftliche Rolle mehr spielen wird: "O Schar der Geistlichen! Ihr werdet künftighin keine Macht mehr besitzen..." Zu einem unversöhnlichen Gegner aus der muslimischen Geistlichkeit spricht Baha'u'llah: "Du gleichst der letzten Spur des Sonnenlichts auf der Bergesspitze. Bald wird sie dahinschwinden, wie es Gott, der Allbesitzende, der Höchste, verordnet hat. Weggenommen ist von dir und deinesgleichen aller Ruhm..."
Nicht gegen die organisierte Religion wenden sich diese Erklärungen, sondern gegen deren Mißbrauch. Hoch schätzen Baha'u'llahs Schriften die großen Kulturbeiträge religiöser Autoritäten ein, aber auch den Nutzen aus der Selbstaufopferung und der Nächstenliebe, welche die Geistlichen und die religiösen Orden aller Glaubensrichtungen der Menschheit gebracht haben:

"Jene Geistlichen,... die wahrhaft mit dem Schmuck der Erkenntnis geziert sind und einen rechtschaffenen Charakter besitzen, sind wahrlich wie ein Haupt für den Leib der Welt und wie Augen für die Völker..."

Alle Menschen, Gläubige wie Ungläubige, Geistliche wie Laien, sind aufgerufen zu erkennen, daß das, was heute die Welt heimsucht, letztlich das Resultat einer weltweiten Entartung der Religion ist. Mit der das ablaufende Jahrhundert prägenden Entfremdung der Menschheit von Gott ist eine Beziehung zerbrochen, von der das Gefüge sittlichen Lebens abhängt. Die natürlichen Fähigkeiten der vernunftbegabten Seele, die so unverzichtbar sind für die Förderung und Bewahrung menschlicher Werte, sind weltweit abgewertet worden:

"Die Lebenskraft des Gottesglaubens stirbt aus in allen Landen. Nur Seine heilende Arznei kann sie jemals wiederherstellen. Der Schwamm der Gottlosigkeit frißt sich in das Mark der menschlichen Gesellschaft. Was außer dem Heiltrank Seiner machtvollen Offenbarung kann sie reinigen und neu beleben?... Das Wort Gottes allein kann für sich in Anspruch nehmen, zu einer so großen, so weitreichenden Wandlung fähig zu sein.."
Weltfrieden

Im Lichte der späteren Ereignisse sind Baha'u'llahs Schriften aus dieser Periode mit ihren Warnungen und Aufrufen von einer erregenden Gedankenschärfe:

"O ihr gewählten Vertreter des Volkes in allen Ländern!... Betrachtet die Welt wie einen menschlichen Körper, der bei seiner Erschaffung gesund und vollkommen war, jedoch aus verschiedenen Ursachen von schweren Störungen und Krankheiten befallen wurde. Nicht einen Tag lang wurde ihm Linderung zuteil, nein, seine Krankheit verschlimmerte sich noch, weil er in die Hände unwissender Ärzte fiel, die sich nur von ihren persönlichen Wünschen leiten ließen...
Wir sehen ihn an diesem Tage der Willkür von Herrschern ausgeliefert, die so trunken sind von Hochmut, daß sie ihren eigenen Vorteil nicht deutlich klar erkennen können, geschweige denn eine so verblüffende, herausfordernde Offenbarung wie diese..."

"Dies ist der Tag, da die Erde ihre Botschaft kundtut. Die Übeltäter sind ihr zur Last, könntet ihr es doch begreifen..."

"Der Mensch wurde erschaffen, eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen. Der Allmächtige bezeugt Mir: Wie die Tiere auf dem Felde zu leben, ist des Menschen unwürdig. Die Tugenden, die seiner Würde anstehen, sind Geduld, Erbarmen, Mitleid und Güte für alle Völker und Geschlechter der Erde..."

"Neues Leben durchpulst in dieser Zeit alle Völker der Erde, und doch hat niemand seine Ursache entdeckt und seine Triebfeder erkannt. Sieh, wie die Völker des Westens auf ihrer Jagd nach dem, was eitel und belanglos ist, zahllose Leben opfern, um diese Güter zu sichern und zu mehren..."
"In allen Dingen ist das rechte Maß zu erstreben. Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils... Seltsame, verblüffende Dinge gibt es in der Erde; aber sie sind dem Geist und Verständnis der Menschen verborgen. Diese Dinge sind imstande, die ganze Erdatmosphäre zu verwandeln, und eine Verseuchung mit ihnen wäre tödlich..."

In späteren Schriften - auch in denen, die an die gesamte Menschheit gerichtet sind - drängt Baha'u'llah, Schritte zu ergreifen zu dem, was Er den "Großen Frieden" nennt. Solche Schritte, sagt Er, lindern die Leiden und Erschütterungen, die das Menschengeschlecht so lange heimsuchen werden, bis die Völker der Welt die Offenbarung Gottes annehmen und durch sie den "Größten Frieden" herbeiführen:

"Die Zeit muß kommen, da die gebieterische Notwendigkeit für die Abhaltung einer ausgedehnten, allumfassenden Versammlung der Menschen weltweit erkannt wird. Die Herrscher und Könige der Erde müssen ihr unbedingt beiwohnen, an ihren Beratungen teilnehmen und solche Mittel und Wege erörtern, die den Grund zum Größten Weltfrieden unter den Menschen legen. Ein solcher Friede erfordert es, daß die Großmächte sich um der Ruhe der Völker der Erde willen zu völliger Aussöhnung untereinander entschließen. Sollte ein König die Waffen gegen einen anderen ergreifen, so müssen sich alle vereint erheben und ihn daran hindern. Wenn dies geschieht, werden die Nationen der Welt außer für die Wahrung der Sicherheit ihrer Reiche und die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung in ihrem Staatsgebiet keine Waffen mehr brauchen... Der Tag naht, da alle Völker der Welt eine universale Sprache und eine einheitliche Schrift annehmen werden. Wenn dies erreicht ist, wird es für jeden Menschen, in welche Stadt er auch reisen mag, sein, als betrete er sein eigenes Heim... Der ist wirklich ein Mensch, der sich heute dem Dienst am ganzen Menschengeschlecht hingibt... Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger."
"Nicht aus eigenem Antrieb"

Baha'u'llahs Brief an Nairi'd-Din Shah, den Herrscher Persiens, ist frei von jeglichem Vorwurf wegen Seiner Einkerkerung im Siyah-Chal von Teheran und des sonstigen Unrechts, das der König Ihm zufügte; vielmehr spricht Baha'u'llah von Seiner Rolle im Göttlichen Plan:

"Ich war nur ein Mensch wie andere und lag schlafend auf Meinem Lager. Siehe, da wehten die Lüfte des Allherrlichen über Mich hin und lehrten Mich die Erkenntnis all dessen, was war. Dies ist nicht von Mir, sondern von Einem, der allmächtig und allwissend ist. Und Er gebot Mir, Meine Stimme zwischen Erde und Himmel zu erheben, und um dessentwillen befiel Mich, was jedes verständigen Menschen Tränen fließen läßt. Die Gelehrsamkeit der Menschen studierte Ich nicht; ihre Schulen betrat Ich nicht. Frage nach in der Stadt, wo Ich wohnte, und sei dessen wohl versichert, daß Ich nicht zu denen gehöre, die falsch reden."

Die Aufgabe, der Er Sein ganzes Leben weihte, die Ihn das Leben eines geliebten Sohnes und Seinen gesamten Besitz kostete, die Seine Gesundheit ruinierte und Ihm Kerker, Verbannung und Schmach eintrug, hatte Er nicht selbst begonnen. "Nicht aus eigenem Antrieb", sagte Er, habe Er diesen Pfad beschritten:

"Meinst du, o Volk, es liege in Meiner Macht, Gottes Urwillen und Gottes Absicht zu lenken?... Läge des Gottesglaubens letzte Bestimmung in Meinen Händen, Ich hätte niemals auch nur für einen Augenblick eingewilligt, Mich euch zu offenbaren, noch hätte Ich einem einzigen Wort erlaubt, Meinen Lippen zu entfliehen. Gott selbst ist wahrlich dafür Zeuge."
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