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Nur äußerst schwer kann sich der moderne Leser die sittlich-geistige Welt vorstellen, in der diese Monarchen vor über hundert Jahren lebten. Aus ihren Biographien und ihrem privaten Briefwechsel zeigt sich, daß sie mit wenigen Ausnahmen persönlich recht fromm waren und im religiösen Leben ihrer Völker eine führende Rolle spielten, oft als Oberhaupt der Staatsreligion, überzeugt von der unfehlbaren Wahrheit der Bibel oder des Koran. Die Macht, welche die meisten von ihnen innehatten, leiteten sie unmittelbar von einer göttlichen Bevollmächtigung durch Bibel- oder Koran-Stellen ab, einer Vollmacht, die zu betonen sie nicht müde wurden. Sie waren die Gesalbten Gottes. Prophezeiungen über den "Jüngsten Tag" und das "Reich Gottes" waren für sie keine Mythen oder Sinnbilder, sondern eine Gewißheit, auf der die ganze sittliche Ordnung ruhte und nach der sie selbst von Gott zur Rechenschaft über ihre Amtsausübung gezogen würden.
Baha'u'llahs Briefe gehen auf diese Geisteswelt ein:
"O Könige der Erde! Er, der souveräne Herr aller, ist gekommen. Das Reich ist Gottes, des allmächtigen Beschützers, des Selbstbestehenden... Dies ist eine Offenbarung, mit der niemals vergleichbar ist, was ihr besitzet, wenn ihr es doch wüßtet!...
Hütet euch, daß Hochmut euch nicht abhalte, den Quell der Offenbarung zu erkennen, daß die Dinge dieser Welt euch nicht wie ein Schleier von Ihm, dem Schöpfer des Himmels, trennen...
Bei der Gerechtigkeit Gottes! Wir haben nicht den Wunsch, Hand an euere Reiche zu legen. Unsere Aufgabe ist, die Herzen der Menschen zu ergreifen und zu besitzen..."
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"Wisset, daß die Armen das Pfand Gottes in euerer Mitte sind. Seid achtsam, daß ihr Sein Pfand nicht veruntreut, daß ihr nicht ungerecht an ihnen handelt und auf den Wegen der Treulosen wandelt. Ihr werdet ganz gewiß über Sein Pfand zur Rechenschaft gezogen werden an dem Tage, da die Waage der Gerechtigkeit aufgestellt ist, dem Tage, da jedem vergolten wird, was ihm gebührt, da die Taten aller Menschen, ob reich oder arm, gewogen werden...
Prüfet Unsere Sache, erforschet alles, was Uns widerfahren ist, entscheidet gerecht zwischen Uns und Unseren Feinden, und gehört zu denen, die unparteiisch mit ihrem Nächsten verfahren. Wenn ihr der Hand des Unterdrückers nicht Einhalt gebietet, wenn ihr versäumt, die Rechte der Getretenen zu schützen, welches Recht habt ihr dann, euch vor den Menschen zu brüsten?..."
"Wenn ihr den Ratschlägen, die Wir in unvergleichlicher, eindeutiger Sprache auf dieser Tafel offenbaren, keine Beachtung schenkt, wird göttliche Züchtigung von allen Seiten über euch kommen, und Seine Gerechtigkeit wird über euch ihr Urteil fällen. An jenem Tage werdet ihr keine Macht haben, Ihm zu widerstehen, und euere Ohnmacht erkennen..."
Die Vision vom "Größten Frieden" stieß bei den Herrschern des 19. Jahrhunderts auf taube Ohren. Im Westen erfüllte nationalistische Großmannssucht und imperialistischer Ausdehnungsdrang nicht nur die Könige, sondern auch die Parlamentarier, Akademiker, Künstler, Journalisten samt den Repräsentanten religiöser Institutionen - allesamt eifrige Propagandisten westlichen Überlegenheitsdenkens. Vorschläge für gesellschaftliche Veränderungen, so interessenfrei und idealistisch sie auch waren, fielen rasch einem Schwall neuer Ideologien zum Opfer, welche die steigende Flut eines dogmatischen Materialismus emporspülte. Der Orient hingegen ließ sich von seinem eigenen Anspruch blenden, alles zu verkörpern, was die Menschheit je über Gott und die Wahrheit wissen konnte; so sank die islamische Welt immer tiefer ab in stumpfe Unwissenheit und grämliche Widerborstigkeit gegen eine Welt, die ihr diese geistige Vorrangstellung verweigerte.
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Ankunft im Heiligen Land
Nach dem Vorspiel in Bagdad verwundert es, daß die osmanischen Behörden nicht die Folgen voraussahen, die Baha'u'llahs Aufenthalt in einer anderen wichtigen Provinzhauptstadt haben würde. Ein Jahr nach Seiner Ankunft in Adrianopel hatte ihr Gefangener das Interesse, später sogar die glühende Bewunderung der prominenten Persönlichkeiten des geistigen und politischen Lebens der Region auf sich gezogen. Zum Entsetzen der konsularischen Vertreter Persiens waren zwei der ergebensten Bewunderer Khurshid Pasha, der Provinzgouverneur, und der Shaykhu'l-Islam, der oberste sunnitische Würdenträger. In den Augen Seiner Gastgeber und der breiten Öffentlichkeit war der Verbannte ein Moralphilosoph und ein Heiliger, dessen Lehren nicht nur durch Seinen beispielhaften Lebenswandel bewiesen wurden, sondern auch durch die Veränderung, die sie bei der Flut persischer Pilger bewirkten, die in diese entlegene Stadt des Osmanischen Reiches strömten, um Ihn zu besuchen.
Eine derart beispiellose Entwicklung brachte den persischen Botschafter und seine Kollegen zu der Überzeugung, daß es nur eine Frage der Zeit sei, bis die Baha'i-Bewegung, die sich weiterhin in Persien ausbreitete, auch in Persiens rivalisierendem Nachbarreich zu bestimmendem Einfluß gelangte. In dieser ganzen Epoche kämpfte das baufällige Osmanische Reich gegen wiederholte Einfälle des zaristischen Rußlands, gegen Aufstände der unterworfenen Völker und gegen hartnäckige Versuche der vorgeblich wohlwollenden Regierungen Großbritanniens und Österreichs, türkische Gebiete abzutrennen und ihren eigenen Reichen einzuverleiben. Die daraus resultierende Unsicherheit der politischen Lage in den europäischen Provinzen der Türkei lieferte dem persischen Botschafter neue, gewichtigere Argumente für seine Forderung, man möge die Verbannten in eine entfernte Kolonie verlegen, wo Baha'u'llah keine Verbindung zu einflußreichen Kreisen der Türkei oder auch des Westens mehr halten könne.
Als der türkische Außenminister, Fu'ad Pasha, von einem Besuch in Adrianopel zurückkehrte, verhalf sein verwunderter Bericht über das Ansehen, das Baha'u'llah in der ganzen Region genoß, offenbar den Vorstößen der persischen Botschaft zu neuer Überzeugungskraft. In dieser Atmosphäre entschloß sich die Regierung plötzlich, ihren Gast in strengen Gewahrsam zu nehmen. Ohne Vorwarnung wurde Baha'u'llahs Haus eines frühen Morgens von Soldaten umstellt; die Verbannten wurden angewiesen, sich auf die Abreise an einen unbekannten Ort vorzubereiten.
Als nunmehr letzter Verbannungsort war die düstere Festungsstadt 'Akka an der Küste des Heiligen Landes ausersehen. 'Akka war im ganzen Reich berüchtigt für sein schlechtes Klima und die zahlreichen Krankheiten. Der osmanische Staat benutzte die Stadt deshalb als Strafkolonie für gefährliche Kriminelle, in der Erwartung, daß sie dort ihre Haft nicht lange überlebten. Nach der Ankunft im August 1868 machten Baha'u'llah, Seine Familie und die mit Ihm verbannten Gläubigen zwei leidvolle Jahre in der Festung durch. Dann wurde Er in einem benachbarten Gebäude, das einem ortsansässigen Kaufmann gehörte, unter Hausarrest gestellt. Lange Zeit wurden die Verbannten von den abergläubischen Bewohnern gemieden, die man in öffentlichen Predigten vor dem "Gott der Perser", dem Feind der öffentlichen Ordnung, dem Verbreiter gotteslästerlicher, unmoralischer Ideen, gewarnt hatte. Mehrere der Verbannten starben an den Folgen der unerträglichen Bedingungen.
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Rückblickend erscheint es als eine Ironie der Geschichte, daß die Auswahl des Heiligen Landes als Ort für Baha'u'llahs Gefangenschaft auf den Druck geistlicher und politischer Feinde zurückzuführen ist, deren Ziel es war, Seinen religiösen Einfluß auszuschalten. Palästina, von drei der großen monotheistischen Religionen als der Schnittpunkt der Welten Gottes und der Welt des Menschen verehrt, hatte damals wie schon seit Jahrtausenden einen einzigartigen Platz in den Zukunftserwartungen der Menschheit. Nur wenige Wochen vor Baha'u'llahs Ankunft hatten sich Templer aus Süddeutschland eingeschifft, um am Fuß des Berges Karmel eine Kolonie zu errichten und dort Christus willkommen zu heißen, dessen Advent nach ihrer Überzeugung unmittelbar bevorstand. Über den Türstürzen mehrerer kleiner Häuser, die sie damals mit Blick über die Bucht auf Baha'u'llahs Gefängnis in 'Akka errichteten, sind heute noch Inschriften wie "Der Herr ist nahe" zu lesen.
In 'Akka fuhr Baha'u'llah fort, eine bereits in Adrianopel begonnene Reihe von Sendbriefen an einzelne Herrscher zu diktieren. In einigen Briefen warnte Baha'u'llah den Adressaten vor dem Gericht Gottes wegen seiner Nachlässigkeit und seines Machtmißbrauchs. Einige der Sendbriefe enthielten Prophezeiungen, deren dramatische Erfüllung im ganzen Nahen Osten zu eingehenden öffentlichen Diskussionen führte. Zum Beispiel wurde Fu'ad Pasha, der osmanische Außenminister, dessen entstellender Bericht zu der überstürzten Verbannung nach 'Akka geführt hatte, kaum zwei Monate nach der Ankunft der Verbannten in der Gefängnisstadt abgesetzt; er starb kurze Zeit später in Frankreich an einer Herzattacke. Dieses Ereignis hatte Baha'u'llah vorausgesagt in einem Dokument, das auch die baldige Entlassung 'Ali Pashas, des Premierministers, den Sturz und den Tod des Sultans sowie den Verlust türkischer Besitzungen in Europa zum Gegenstand hatte - eine Serie von Katastrophen, die in kurzen Abständen aufeinander folgten.
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Ein Sendbrief an Kaiser Napoleon III. sagte diesem wegen seiner Unaufrichtigkeit und seines Machtmißbrauchs den Verlust seiner Macht voraus: "Für das, was du getan, soll dein Reich in Verwirrung gestürzt werden; deine Herrschaft soll deinen Händen entgleiten, zur Strafe für das, was du begangen... Hat dich dein Pomp stolz gemacht? Bei Meinem Leben! Er soll nicht von Dauer sein..." Über den verhängnisvollen Deutsch-Französischen Krieg und den Sturz Napoleons III., kaum ein Jahr nach diesen Worten Baha'u'llahs, schreibt Alistair Horne, ein Kenner der politischen Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: "Wahrscheinlich kennt die ganze Geschichte kein bestürzenderes Beispiel für das, was die alten Griechen peripateia, den furchtbaren Sturz aus stolzen Höhen, nannten. Mit Sicherheit ist in neuerer Zeit keine Nation, die so erfüllt war von strahlender Größe und materiellem Überfluß, in so kurzer Zeit einer schlimmeren Demütigung unterworfen gewesen."
Nur wenige Monate vor der unerwarteten Serie von Ereignissen in Europa, die zum Einmarsch der Truppen des neuen Königreichs Italien in den Kirchenstaat und zur Einverleibung Roms führten, hatte ein an Papst Pius IX. gerichteter Sendbrief den katholischen Oberhirten aufgefordert: "Übergib dein Reich den Königen und tritt hervor aus deiner Wohnstatt, dein Angesicht zum Reiche Gottes erhoben... Sei so, wie dein Herr gewesen... Wahrlich, der Tag der Ernte ist gekommen, und alle Dinge sind voneinander geschieden worden. Er hat, was Er wollte, in den Gefäßen der Gerechtigkeit verwahrt und ins Feuer geworfen, was diesem verfallen ist..."
Der preußische König Wilhelm I., dessen Armeen im Krieg gegen Frankreich einen triumphalen Sieg errungen hatten, wurde von Baha'u'llah in Seinem Kitab-i-Aqdas gewarnt, den jähen Sturz Napoleons und anderer ehedem siegreicher Herrscher zu bedenken und sich nicht stolz vor dieser Offenbarung zu verschließen. Baha'u'llah sah voraus, daß es der deutsche Kaiser versäumen würde, diese Warnung zu beachten, wie folgende schicksalsschwere Passage zeigt, die sich wenige Seiten später im selben Buch findet:
"O Ufer des Rheins! Wir sehen euch mit Blut bedeckt, da die Schwerter der Vergeltung gegen euch gezückt wurden; und es soll noch einmal geschehen. Und Wir hören das Wehklagen Berlins, obwohl es heute in sichtbarem Ruhme strahlt."
Ein bemerkenswert anderer Ton kennzeichnet zwei wichtige Verkündigungen, die an Königin Viktoria und an die "Herrscher Amerikas und die Präsidenten seiner Republiken" gerichtet sind. Die erstere preist die Pioniertat der Abschaffung der Sklaverei im gesamten Britischen Reich und lobt den Grundsatz der parlamentarischen Herrschaftsform. Die letztere beginnt mit der Ankündigung des "Tages Gottes" und schließt mit einem Aufruf, ja einem Mandat, das in keiner der anderen Botschaften Parallelen hat: "Richtet den Gebrochenen auf mit den Händen der Gerechtigkeit, und zermalmet den Unterdrücker auf der Höhe seiner Macht mit der Rute der Gebote eures Herrn, des Gebieters, des Allweisen."
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