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Eine der eindrucksvollsten Analogien im Schrifttum Baha'u'llahs, aber auch schon in den Schriften des Bab, ist die zwischen der Phylogenese der Menschheit und der Entwicklung des einzelnen Menschen. Die Menschheit durchlief in ihrer Stammesgeschichte Stufen, die an das Säuglingsalter, die Kindheit und die Jugendzeit des einzelnen Menschen erinnern. Heute erleben wir den Beginn unserer kollektiven Reife, die Fähigkeiten und Möglichkeiten in sich birgt, die wir heute noch kaum erahnen.
Vor diesem Hintergrund verstehen wir unschwer den Vorrang, den Baha'u'llah dem Grundsatz der Einheit gibt. Die Einheit der Menschheit ist das Leitmotiv des jetzt beginnenden Zeitalters: Sie ist die Elle, an der alle Pläne zur Besserung der Welt gemessen werden müssen. Es gibt, darauf beharrt Baha'u'llah, nur eine Spezies Mensch; überlieferte Vorstellungen, eine besondere rassische oder völkische Gruppe sei in irgendeiner Hinsicht dem Rest der Menschheit überlegen, sind bar jeder Grundlage. Und da alle Gottesboten Repräsentanten des einen göttlichen Willens waren, sind ihre Offenbarungen das kollektive Erbe der ganzen Menschheit. Jeder Mensch auf Erden ist rechtmäßiger Erbe dieser geistigen Überlieferung. Auf Vorurteilen welcher Art auch immer zu beharren, schädigt die Interessen der Gesellschaft und verstößt gegen den Willen Gottes für unser Zeitalter:
"O ihr streitenden Völker und Geschlechter der Erde! Wendet euer Angesicht der Einheit zu und laßt euch vom Glanz ihres Lichtes bescheinen. Versammelt euch und beschließt um Gottes willen, alles zu tilgen, was zum Streit unter euch führt... Ohne Zweifel verdanken die Völker der Welt, welcher Rasse oder Religion sie auch angehören, ihre Erleuchtung derselben himmlischen Quelle. Sie sind einem einzigen Gott untertan. Unterschiede der Regeln und Riten, denen sie folgen, müssen den wechselnden Erfordernissen und Bedürfnissen der Zeitalter zugeschrieben werden, in denen sie offenbart wurden. Alle bis auf wenige, die aus menschlichen Launen entstanden, wurden von Gott verfügt und sind eine Widerspiegelung Seines Willens und Zieles. Erhebt euch und schlagt, bewaffnet mit der Kraft des Glaubens, die Götzen eures leeren Wahns in Stücke, die Zwietracht unter euch säen..."
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Das Thema Einheit zieht sich durch das ganze Schrifttum Baha'u'llahs: "Das Heiligtum der Einheit ist errichtet; betrachtet einander nicht als Fremde." "Verkehret mit den Anhängern aller Religionen im Geiste des Wohlwollens und der Brüderlichkeit." "Ihr seid die Früchte eines Baumes, die Blätter eines Zweiges."
Der Reifeprozeß der Menschheit vollzieht sich in der Entwicklung ihrer gesellschaftlichen Strukturen. Beginnend mit der Familie hat die Menschenwelt mit unterschiedlichem Erfolg Gesellschaftsformen entwickelt, die auf die Sippe, den Volksstamm, die Stadt und in neuerer Zeit die Nation gegründet sind. In der immer größeren Komplexität politischer Strukturen findet der Mensch Anregung und Raum zur Entfaltung seines Potentials, und diese Entwicklung hat wiederum Rückwirkungen auf die Gesellschaft. Die Reife der Menschheit muß deshalb eine völlige Umgestaltung der Gesellschaftsordnung nach sich ziehen. Die neue Gesellschaft muß die ganze Vielfalt des Menschengeschlechts umfassen und aus der Fülle geistiger Gaben und Erkenntnisse Nutzen ziehen, die in einer Jahrtausende währenden kulturellen Erfahrung herangebildet worden sind:
"Dies ist der Tag, da Gottes erhabenste Segnungen den Menschen zugeströmt sind, der Tag, da alles Erschaffene mit Seiner mächtigsten Gnade erfüllt wurde. Alle Völker der Welt haben die Pflicht, ihre Gegensätze auszugleichen und in größter Eintracht und in Frieden im Schatten des Baumes Seiner Obhut und Gnade zu wohnen... Bald wird die heutige Ordnung aufgerollt und eine neue an ihrer Statt entfaltet werden. Wahrlich, dein Herr spricht die Wahrheit, und Er weiß um das Ungeschaute."
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Das Hauptwerkzeug für die Verwandlung der Gesellschaft und die Schaffung der Welteinheit ist, wie Baha'u'llah versichert, die Gerechtigkeit. Sie muß in allen Lebensbereichen herrschen. Dieses Thema hat in Seinen Lehren eine zentrale Stellung:
"Der Menschen Licht ist die Gerechtigkeit. Löscht es nicht durch die Stürme der Unterdrückung und der Tyrannei. Der Zweck der Gerechtigkeit ist die Stiftung von Einheit unter den Menschen. Das Meer göttlicher Weisheit wogt in diesem erhabenen Wort, und alle Bücher der Welt können seine innere Bedeutung nicht fassen..."
In Seinen späteren Schriften verdeutlicht Baha'u'llah, was dieser Grundsatz für das Reifezeitalter der Menschheit konkret bedeutet: "Im Angesicht Gottes waren Frauen und Männer von jeher gleich und werden es immer sein." Eine fortschreitende Kultur verlangt von der Gesellschaft Strukturen, die dieser Tatsache voll Rechnung tragen. Die materiellen Ressourcen der Erde sind das Eigentum der ganzen Menschheit und nicht einzelner Völker. Unterschiedliche Beiträge zum wirtschaftlichen Gemeinwohl verdienen ein verschiedenes Maß an Lohn und Anerkennung; was aber beseitigt werden muß, ist ein Übermaß an Reichtum und ein Übermaß an Armut, von dem die meisten Länder auf Erden heimgesucht werden, gleich, welcher Wirtschafts- und Gesellschaftslehre sie anhängen.
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Die Verkündigung an die Könige
Die Schriften, aus denen zitiert wurde, entstanden größtenteils unter den Bedingungen neu einsetzender Verfolgungen. Kaum waren die Verbannten in Konstantinopel eingetroffen, da wurde schon klar, daß die Baha'u'llah auf der Reise erwiesenen Ehren nur ein kurzes Zwischenspiel darstellten. Die Entscheidung der osmanischen Behörden, den "Babi"-Führer und Seine Gefährten nicht in eine entlegene Provinz, sondern in die Reichshauptstadt zu verle-gen, vertiefte die Unruhe unter den persischen Regierungsvertretern. Sie fürchteten, daß sich die Vorgänge von Bagdad wiederholten und diesmal nicht nur die Sympathie, sondern vielleicht gar die Gefolgschaft einflußreicher Persönlichkeiten in der türkischen Regierung fänden. Der persische Botschafter drängte deshalb auf die Deportation der Verbannten in einen weiter entfernten Teil des Reiches, weil - so sein Argument -, die Ausbreitung einer neuen religiösen Lehre in der Hauptstadt unerwünschte politische und religiöse Folgen haben könnte.
Zunächst widersetzte sich die osmanische Regierung. Der Großwesir 'Ali Pasha ließ westliche Diplomaten wissen, seiner Meinung nach sei Baha'u'llah "ein Mann von hohem Rang, vorbildlichem Verhalten, großer Mäßigung und eine überaus würdige Gestalt". Seine Lehren seien "hoher Beachtung wert", da sie den religiösen Streitigkeiten zwischen den jüdischen, christlichen und muslimischen Untertanen des Reiches entgegenwirkten.
Nach und nach entwickelte sich jedoch ein gewisses Maß an Verstimmung und Argwohn. In der osmanischen Hauptstadt lag die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen von Hofleuten, die fast alle wenig fähig oder inkompetent waren. Bestechung war das Öl, das die Regierungsmaschinerie in Gang hielt; wie ein Magnet zog die Hauptstadt Scharen von Leuten an, die aus allen Teilen des Reiches und noch weiter her kamen, um Gunst und Einfluß zu gewinnen. Von einer prominenten Gestalt aus dem Ausland oder aus einem der tributpflichtigen Gebiete wurde erwartet, daß sie sich sofort nach ihrer Ankunft in Konstantinopel unter die Protektion suchenden Besucherscharen in den Empfangshallen der Paschas und Minister einreihte. Dabei hatte keine Gruppe einen schlechteren Ruf als die miteinander im Streit liegenden politischen Exilanten aus Persien, die für ihre Durchtriebenheit und Skrupellosigkeit bekannt waren.
Zum Kummer Seiner Freunde, die Ihn drängten, die ablehnende Haltung des Hofs gegenüber der persischen Regierung und die Sympathie zu nutzen, die man Ihm wegen Seiner Leiden entgegenbrachte, machte Baha'u'llah allen klar, daß Er keine Wünsche vorzubringen habe. Obwohl Ihm mehrere Minister an dem Ihm zugewiesenen Domizil Höflichkeitsbesuche abstatteten, nahm Er diese günstigen Gelegenheiten nicht wahr. Er sei, so sagte Er, in Konstantinopel als Gast des Sultans und auf dessen Einladung; Sein Interesse liege auf dem Gebiet des Geistig-Sittlichen.
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Jahre später kam der persische Botschafter Mirza usayn Khan auf seine Dienstzeit in der osmanischen Hauptstadt zu sprechen. Er beklagte den Schaden, den die Gier und der Mangel an Vertrauenswürdigkeit seiner Landsleute Persiens Ansehen in Konstantinopel zugefügt hatten, und zollte dem von Baha'u'llah während Seines kurzen Aufenthalts gezeigten beispielhaften Verhalten einen bemerkenswert ehrlichen Tribut. Damals jedoch hatten er und seine Kollegen die Lage ausgenutzt: Sie sprachen von einem schlauen Versteckspiel des Verbannten und von geheimer Verschwörung gegen die öffentliche Sicherheit und die Staatsreligion. Unter dem Druck dieser Einflüsse entschlossen sich die osmanischen Behörden zu guter Letzt, Baha'u'llah samt Seiner Familie in die Provinzhauptstadt Adrianopel zu verlegen. Der Umzug geschah überstürzt mitten in einem bitterkalten Winter. In unzulänglichen Gebäuden untergebracht, ohne ausreichende Kleidung und andere Güter des täglichen Bedarfs, machten die Verbannten ein Jahr schwerer Leiden durch. Es war klar, daß sie, denen man keine Verfehlung vorwarf, und denen man auch keine Gelegenheit zur Verteidigung gab, willkürlich zu Staatsgefangenen gemacht worden waren.
Religionsgeschichtlich gesehen, haben die aufeinanderfolgenden Verbannungen Baha'u'llahs nach Konstantinopel und Adrianopel eindrucksvolle Symbolkraft. Zum erstenmal hatte eine Manifestation Gottes, der Stifter einer unabhängigen Religion, die sich bald über den ganzen Planeten verbreiten sollte, die schmale Meerenge überquert, die Asien von Europa trennt, und hatte den Fuß auf den Boden des Westens gesetzt. Alle anderen großen Religionen sind in Asien entstanden, ihre Stifter haben nur in Asien gewirkt. Auf die Tatsache verweisend, daß die Sendungen der Vergangenheit, besonders diejenigen von Abraham, Christus und Muhammad, ihre bedeutsamsten Auswirkungen auf die Kulturentwicklung im Verlauf ihrer Westexpansion zuwege brachten, sagte Baha'u'llah voraus, dasselbe werde auch in diesem Zeitalter eintreten, nur in viel größerem Maße: "Im Osten ist das Licht Seiner Offenbarung angebrochen, im Westen erscheinen die Zeichen Seiner Herrschaft. Sinnt darüber nach in euren Herzen, o Menschen..."
So ist es wohl nicht überraschend, daß Baha'u'llah diesen Augenblick wählte, um mit der Sendung an die Öffentlichkeit zu treten, die nach und nach die Babi im ganzen Mittleren Osten gewonnen hatte. Für diese Verkündigung wählte Er eine Folge von Sendbriefen, die zu den bemerkenswertesten Dokumenten der Religionsgeschichte gehören. Darin wendet sich die Manifestation Gottes an die "Könige und Herrscher der Welt", verkündet ihnen, daß der Tag Gottes angebrochen sei, und sagt damals unvorstellbare Veränderungen voraus, die auf der ganzen Welt immer mehr an Boden gewönnen. Er ruft die Herrscher auf, sich als Treuhänder Gottes und ihrer Völker zu erheben und für die Vereinigung des Menschengeschlechts zu wirken. Verehrt von der Masse ihrer Untertanen und größtenteils absolute Herrschaft ausübend, liege es in ihrer Macht, sagte Baha'u'llah, zu dem beizutragen, was Er den "Größten Frieden" nannte, eine von der Idee der Einheit geprägte, von göttlicher Gerechtigkeit beseelte Weltordnung.
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