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Zu allen Zeiten hatte die Überzeugung der Gläubigen, der Stifter ihrer Religion nehme eine einmalige Stellung ein, zur Folge, daß über das Wesen der Manifestation Gottes angestrengt spekuliert wurde. Erschwert wurden solche Spekulationen aber durch Deutungsprobleme, insbesondere bei den zahlreichen bildhaften Gleichnissen in den Heiligen Schriften der Vergangenheit. Der Versuch, die Anschauungen in die Form eines religiösen Dogmas zu gießen, hatte deshalb historisch eher eine spaltende als eine vereinende Kraft. Tatsächlich gibt es heute trotz der immensen Energie, die auf theologische Studien verwendet wird - vielleicht auch wegen dieses großen Energieaufwands -, tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten unter den Muslimen über die genaue Stufe Muhammads, unter den Christen über Jesus und unter den Buddhisten über den Stifter ihrer Religion. Ganz offensichtlich sind die Kontroversen, zu denen solche Meinungsverschiedenheiten innerhalb einer bestimmten Tradition geführt haben, mindestens ebenso heftig wie die Kontroversen unter den verschiedenen Religionen.
Baha'u'llahs Lehre von der Einheit der Religionen wird besonders aus dem verständlich, was Er zur Stufe der aufeinanderfolgenden Gottesboten und zu ihrem Auftrag in der Geistesgeschichte der Menschheit gesagt hat:
"Alle Manifestationen Gottes haben eine zweifache Stufe. Die eine ist die Stufe reiner Geistigkeit und Wesenseinheit. In dieser Hinsicht bist du, wenn du sie alle mit einem Namen benennst und ihnen die gleichen Eigenschaften zuschreibst, nicht von der Wahrheit abgeirrt...
Die andere Stufe ist die der Unterscheidung, sie gehört der Welt der Schöpfung und ihren Begrenzungen an. In dieser Hinsicht hat jede Manifestation Gottes eine ausgeprägte Individualität, eine genau vorgezeichnete Sendung, eine vorherbestimmte Offenbarung und besonders gegebene Begrenzungen. Eine jede von ihnen ist unter einem anderen Namen bekannt, durch ein anderes Attribut gekennzeichnet, mit einer bestimmten Mission und einer besonderen Offenbarung betraut...
Im Lichte ihrer zweiten Stufe betrachtet,... legen sie unbedingte Dienstbarkeit, äußerste Armut und völlige Auslöschung des Selbstes an den Tag. So hat Er gesprochen: ‚Ich bin der Diener Gottes, Ich bin nur ein Mensch wie ihr.'
Würde eine der allumfassenden Manifestationen Gottes erklären: ‚Ich bin Gott!', so spräche Sie gewiß die Wahrheit, und es gäbe darüber keinen Zweifel. Denn... durch ihre Offenbarung, ihre Eigenschaften und Namen sind die Offenbarung Gottes, Seine Namen und Seine Attribute in der Welt offenkundig gemacht... Würde einer von ihnen sagen: ‚Ich bin der Gesandte Gottes', so spräche Er gleichfalls die Wahrheit, die unzweifelhafte Wahrheit... In diesem Lichte gesehen, sind sie alle nur Gesandte jenes vollkommenen Königs, jener unwandelbaren Wesenheit... Und würden sie sagen: ‚Wir sind die Diener Gottes', so ist auch dies eine offenkundige, unbestreitbare Wahrheit. Denn sie haben sich im äußersten Zustand des Dienens offenbart, eines Dienens, wie es wohl kein Mensch je erreichen kann..."
"Damit ist, was immer sie sagen, ob es sich denn auf den Bereich der Gottheit, auf den Herrn, den Propheten, den Gottgesandten, den Hüter, den Apostel oder den Diener bezieht, ohne den Schatten eines Zweifels wahr. So müssen diese Verse... aufmerksam bedacht werden, damit die voneinander abweichenden Aussagen der Manifestationen des Unsichtbaren und der Morgenröten der Heiligkeit nicht länger die Seele erregen und den Geist verwirren."
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"Eine ständig fortschreitende Kultur..."
Diesen Texten liegt eine Weltschau zugrunde, die der herausforderndste Aspekt dessen ist, was Baha'u'llah zum Auftrag der Manifestationen Gottes sagt: Göttliche Offenbarung ist die Triebkraft der Kultur. Bei jeder neuen Offenbarung verwandelt der göttliche Kraftstrom zunächst Geist und Seele derer, die auf ihren Ruf antworten, und nach und nach auch die Gesellschaft, die durch die Erfahrung der neuen Gläubigen neu gestaltet wird. Ein neues Loyalitätszentrum entsteht, dem sich Völker aus unterschiedlichsten Kulturen verpflichtet fühlen. Die Künste machen sich Symbole zu eigen, die reichere, reifere Inspirationen vermitteln. Eine radikale Neudefinition der Kategorien von Gut und Böse führt zur Formulierung neuer Rechts- und Verhaltensregeln. Neue Institutionen werden entworfen, so daß Aspekte sittlicher Verantwortung, die man früher nicht kannte oder übersah, formuliert werden können: Das Wort Gottes "war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht." In dem Maße, wie sich die neue Kultur entwickelt, nimmt sie Erkenntnisse und Einsichten vergangener Epochen in einer Vielfalt immer neuer Gestaltungen auf. Elemente alter Kulturen, die nicht assimiliert werden, verschwinden oder bleiben in gesellschaftlichen Randgruppen erhalten. Das Wort Gottes schafft einen neuen Horizont für das Bewußtsein des einzelnen und für sein Verhältnis zu den Menschen.
"Ein jegliches Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht, ist mit solcher Kraft versehen, daß es jeder menschlichen Gestalt neues Leben einflößen kann... Alle wunderbaren Werke, die ihr in dieser Welt seht, sind durch das Wirken Seines höchsten, erhabensten Willens, Seines wunderbaren, unerschütterlichen Planes offenbart... Kaum wird dieses strahlende Wort geäußert, da bringen seine belebenden, in allem Erschaffenen wirkenden Kräfte die Mittel hervor, die solche Künste schaffen und zur Vollendung bringen... In künftigen Tagen werdet ihr wahrlich Dinge sehen, von denen ihr nie zuvor gehört habt... Jeder Buchstabe, der aus dem Munde Gottes hervorgeht, ist in Wahrheit ein Urbuchstabe, jedes von Ihm, dem Urquell göttlicher Offenbarung, gesprochene Wort ist ein Urwort..."
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Die Aufeinanderfolge göttlicher Offenbarungen, versichert Baha'u'llah, ist, wie schon der Bab formulierte, "ein Ablauf ohne Anfang und ohne Ende". Ist der Auftrag einer Manifestation Gottes auch zeitlich und inhaltlich begrenzt, so ist sie doch integraler Bestandteil einer stetig fortschreitenden Entfaltung des machtvollen Willens Gottes:
"Betrachte mit deinem inneren Auge die Kette der aufeinander folgenden Offenbarungen, die die Manifestation Adams mit der des Bab verbindet. Ich bezeuge vor Gott, daß jede dieser Manifestationen durch das Wirken des göttlichen Willens und Heilsplanes herabgesandt wurde, daß jede Träger einer besonderen Botschaft war, daß jede mit einem göttlich offenbarten Buche betraut... war... Das jeder Offenbarung eigene Maß war genau vorherbestimmt..."
Wenn die geistigen Quellen einer stetig fortschreitenden Kultur erschöpft sind, dann beginnt, wie überall in der Erscheinungswelt, ein Prozeß der Auflösung. Baha'u'llah wendet sich auch hier den in der Natur zu findenden Analogien zu und vergleicht diesen Hiatus der Kulturentwicklung mit dem Anbruch des Winters. Die sittlichen Lebenskräfte versiegen, die Bande, welche die Gesellschaft zusammenhalten, werden schwächer. Probleme, die in früheren Zeiten gemeistert wurden und zu neuen Erkenntnissen und Errungenschaften führten, werden jetzt zu unüberwindbaren Hindernissen. Die Religion verliert ihre Relevanz, Problemlösungen werden immer fragmentarischer und vertiefen die gesellschaftlichen Gräben. Die Ungewißheit über den Sinn und den Wert des Lebens führt mehr und mehr zu Angst und Verwirrung. Von dieser Situation in unserer Zeit spricht Baha'u'llah:
"Wir nehmen sehr wohl wahr, wie das ganze Menschengeschlecht von großen, unberechenbaren Drangsalen umgeben ist. Wir sehen es auf seinem Krankenlager dahinsiechen, schwer geprüft und enttäuscht. Jene, die von Eigendünkel trunken sind, haben sich zwischen die Menschen und den göttlichen, unfehlbaren Arzt gedrängt. Sieh, wie sie alle Menschen, sich selbst eingeschlossen, in das Netzwerk ihrer List verstrickt haben. Sie können weder die Ursache der Krankheit erkennen noch haben sie die geringste Kenntnis von der Arznei. Sie halten das Gerade für krumm und wähnen, ihr Freund sei ihr Feind."
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Wenn sich die göttlichen Impulse erfüllt haben, setzt der Prozeß von neuem ein. Eine neue Manifestation Gottes erscheint mit einem noch reicheren Maß göttlicher Eingebung für die nächste Stufe in der Erweckung und Kultivierung der Menschheit:
"Sieh die Stunde, da die höchste Manifestation Gottes sich den Menschen enthüllt. Ehe diese Stunde kommt, ist das Altehrwürdige Sein, das den Menschen noch unbekannt ist und das Wort Gottes noch nicht ausgesprochen hat, selbst der Allwissende in einer Welt ohne Menschen, die Ihn erkannt hätten. Er ist wahrlich Schöpfer ohne Schöpfung. Denn in dem Augenblick, der Seiner Offenbarung vorausgeht, wird alles Erschaffene veranlaßt, seine Seele zu Gott aufzugeben. Dies ist wahrlich der Tag, von dem geschrieben steht: ‚Wessen soll das Reich an diesem Tage sein?' Und niemand ist bereit, darauf zu antworten!"
Bis ein Teil der Menschheit auf die neue Offenbarung antwortet, bis ein neues geistig-gesellschaftliches Paradigma Gestalt anzunehmen beginnt, fristen die Menschen ihr geistig-sittliches Leben mit den letzten Spuren der früheren göttlichen Stiftungen. Die Tagesroutine der Gesellschaft geht weiter oder auch nicht, die Gesetze werden befolgt oder verspottet, gesellschaftliche und politische Experimente werden eingeleitet oder scheitern, aber die Wurzeln des Glaubens, ohne den keine Gesellschaft auf Dauer weiterbestehen kann, sind erschöpft. Am "Ende der Zeit", am "Ende der Welt" wenden sich die geistig Gesinnten nach und nach wieder der schöpferischen Quelle zu. Wie unbeholfen und verwirrend dieser Prozeß auch anmutet, wie bizarr und verhängnisvoll manche in Betracht gezogenen Optionen auch erscheinen, spiegelt sich doch in dieser Suche die instinktive Erkenntnis, daß sich vor der Menschheit ein tiefer Abgrund auftut. Die Wirkungen der neuen Offenbarung sind, Baha'u'llah zufolge, allumfassend, nicht auf Leben und Lehre der Manifestation Gottes beschränkt; diese ist gleichwohl der Brennpunkt dieser Offenbarung. Auch unverstanden durchdringen solche Wirkungen zunehmend die Menschenwelt, legen die Widersprüche der Gesellschaft und ihrer allseits akzeptierten Prämissen offen und verstärken die Suche nach einem umfassenden Verständnis.
Fortschreitende Gottesoffenbarung ist eine Dimension menschlicher Existenz und wird es, wie Baha'u'llah erklärt, bleiben, solange die Welt besteht: "Gott hat Seine Boten herniedergesandt, damit sie auf Moses und Jesus folgten, und Er wird fortfahren, so zu tun bis an das ‚Ende, das kein Ende hat'..."
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Der Tag Gottes
Welches Entwicklungsziel sieht Baha'u'llah für den Menschen? Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit sollte sein Sinn darin bestehen, daß Gott Seine Vollkommenheiten immer klarer im Spiegel Seiner Schöpfung widergespiegelt sieht und es so - in Baha'u'llahs Worten -
"...jedem Menschen ermöglicht, in sich, durch sich und durch die Stufe der Manifestation seines Herrn zu bezeugen, daß in Wahrheit kein Gott außer Ihm ist, und daß auf diese Weise jedermann seinen Weg zu den Gipfeln der Wirklichkeit finden kann, bis niemand mehr etwas betrachtet, er sähe denn Gott darin."
Im Kontext der Weltgeschichte hat die Abfolge göttlicher Manifestationen das Ziel, das Denken und das Bewußtsein des Menschen vorzubereiten auf die Vereinigung des ganzen Menschengeschlechts, eines einzigen Organismus, der die Verantwortung für seine kollektive Zukunft zu übernehmen in der Lage ist: "Er, der euer Herr ist, der Allerbarmer, hegt in Seinem Herzen die Sehnsucht, das ganze Menschengeschlecht als eine Seele und einen Leib zu sehen." Nicht ehe die Menschheit ihre organische Einheit annimmt, kann sie die nächstliegenden Herausforderungen meistern, geschweige denn die künftigen. Baha'u'llah besteht darauf, daß "die Wohlfahrt der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit" unerreichbar sind, "ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist". Nur eine vereinte Weltgesellschaft kann ihre Angehörigen mit dem tiefen Gefühl der Gewißheit ausstatten, das Baha'u'llah in einem Seiner Gebete anklingen läßt: "Was immer Du Deinen Dienern geboten hast, damit sie Deine Majestät und Herrlichkeit aufs höchste preisen, ist nur ein Zeichen Deiner Gnade für sie, auf daß sie fähig werden, zu der Stufe aufzusteigen, die ihrem innersten Wesen verliehen wurde, der Stufe der Erkenntnis ihres eigenen Selbstes." Paradoxerweise kann die Menschheit nur dann ihre Vielfalt und Individualität voll kultivieren, wenn sie ihre Einheit erlangt. Dieses Ziel herbeizuführen, den Tag, da "eine Herde und ein Hirte sein werden, war die Mission aller Manifestationen, soweit die Geschichte von ihnen zeugt. Die Menschheit, sagt Baha'u'llah, ist unterwegs zu diesem Ziel, das eine neue Stufe menschlicher Kultur eröffnet.
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