Selbstständige Suche nach Wahrheit


Selbstständige Suche nach Wahrheit

O mein Bruder! Wenn ein wahrer Sucher sich entschließt, mit forschendem
Schritt den Pfad zu betreten, der zur Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage
führt, muß er vor allem sein Herz, den Sitz der Offenbarung der inneren
Mysterien Gottes, vom trübenden Staub allen erworbenen Wissens und von den
Andeutungen der Verkörperungen satanischer Wahngebilde reinigen. Er muß
seine Brust, das Heiligtum der immerwährenden Liebe des Geliebten, von jeder
Befleckung läutern und seine Seele von allem heiligen, was dem Wasser und
dem Lehm zugehört, von allen schattenhaften, flüchtigen Verhaftungen. Er muß
sein Herz so läutern, daß kein Rest von Liebe oder Haß darin verbleibt,
damit weder Liebe ihn blind zum Irrtum leite noch Haß ihn von der Wahrheit
scheuche. Denn wie du an diesem Tage siehst, sind die meisten Menschen
solcher Liebe und solchen Hasses wegen des unsterblichen Antlitzes beraubt,
sind von den Verkörperungen der göttlichen Mysterien weit abgeirrt und
streifen hirtenlos durch die Wildnis des Vergessens und des Irrtums. Der
Sucher soll allezeit sein Vertrauen in Gott setzen und sich von den
Erdenmenschen abkehren. Er soll sich von der Welt des Staubes lösen und Ihm,
dem Herrn der Herren, anhangen. Nie darf er sich über einen anderen erheben
wollen, jede Spur von Stolz und Dünkel soll er von der Tafel seines Herzens
waschen. Er soll in Geduld und Ergebung harren, Schweigen üben und sich
eitler Rede enthalten. Denn die Zunge ist ein schwelend Feuer, und zuviel
der Rede ein tödlich Gift. Natürliches Feuer verbrennt den Körper, das Feuer
der Zunge aber verzehrt Herz und Seele. Die Kraft des einen währt nur eine
Weile, aber die Wirkung des anderen dauert ein Jahrhundert lang.

Auch soll der Sucher üble Nachrede als schweres Vergehen betrachten und sich
von ihrem Einfluß fernhalten, denn sie verlöscht das Licht des Herzens und
erstickt das Leben der Seele. Er sollte sich mit wenigem begnügen und frei
sein von allen zügellosen Wünschen. Er soll die Gesellschaft derer schätzen,
die der Welt entsagt haben, und es als wertvollen Gewinn betrachten,
prahlerische, weltlich gesinnte Menschen zu meiden. In der Morgenfrühe eines
jeden Tages soll er sich Gott zuwenden und mit ganzer Seele bei der Suche
nach seinem Geliebten verweilen. Er soll jeden eigenwilligen Gedanken mit
der Flamme Seines liebevollen Gedenkens verbrennen und mit Blitzesschnelle
an allem außer Ihm vorübereilen. Er soll dem Vertriebenen beistehen und dem
Notleidenden niemals seine Gunst versagen. Er soll gütig sein zu den Tieren,
wie viel mehr zu seinem Nächsten, der mit der Macht der Sprache begabt ist.
Er soll nicht zögern, sein Leben für seinen Geliebten hinzugeben, und sich
nicht durch das Urteil der Menschen von der Wahrheit abbringen lassen. Für
andere soll er nicht wünschen, was er für sich selbst nicht wünscht, und
nicht versprechen, was er nicht hält. Aus ganzem Herzen soll er die
Gesellschaft der Frevler meiden und um Vergebung ihrer Sünden beten. Er soll
dem Sünder verzeihen und niemals dessen niedrigen Zustand verachten, denn
niemand weiß, wie sein eigenes Ende sein wird. Wie oft hat ein Sünder in der
Todesstunde zum Wesenskern des Glaubens gefunden und, den unsterblichen
Trank in Fülle trinkend, seinen Flug zur himmlischen Versammlung genommen!
Und wie oft hat sich ein ergebener Gläubiger zur Stunde des Aufstiegs seiner
Seele so gewandelt, daß er in das unterste Feuer fiel! Wir wollen mit der
Offenbarung dieser überzeugenden, gewichtigen Worte, dem Sucher tief
einprägen, daß er alles außer Gott als vergänglich ansehen und alles außer
Ihm, dem Ziel aller Anbetung, als äußerstes Nichtsein erachten soll.
Baha'u'llah, Das Buch der Gewißheit
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"Eine Stunde Nachdenkens ist mehr wert als
siebzig Jahre frommer Andacht."
Baha'u'llah
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