Gott ist Einbildung


Hallo diogenes,

dass es da keine klare Trennlinie gibt ist richtig. Jedoch gibt es eine grobe Trennlinie zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Ich muss mich entschuldigen, ich habe Wissenschaft anstatt Naturwissenschaft geschrieben.

Und ich hoffe, du teilst meine Meinung, dass hier bei diesem Thema einerseits von der Perfektion des menschlichen Körpers gesprochen wird und andererseits von einem gewissen Plan.

Meine Antwort lautet:
Perfekt? Nein.
Plan? Vielleicht. Mir scheint schon, dass diese unsere Welt zumindest nicht völlig chaotisch ist.

Ein herzliches Hello an diese unsere Welt.
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Gerade genug Religion besitzen wir, um uns zu hassen - zu wenig aber, um uns zu lieben. Jonathan Swift, Schriftsteller (1667-1745)
...jetzt werde ich etwas philosophisch...wann ist etwas perfekt ?Was definiert diesen begriff,ist es nicht zu abstrakt?
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..."wer die Menschen beurteilt,hat keine Zeit sie zu lieben..."Mutter Theresa
perfekt, allmächtig, allwissend, unendlich, ...

Das alles ist ziemlich abstrakt. Auf Menschen trifft es nicht zu.

Von daher bleibe ich bei meiner Meinung:

Der Mensch ist nicht perfekt. Ob man das nun am Blinddarm aufhängt, wie Unien, oder an der Fähigkeit zu lügen, wie Heinrich Heine, die er wenigstens dann nicht besitzt, wenn er den Mund voll Brei hat, der Mensch ist nicht perfekt.

PS: Dein Zitat von Dostojewski gefällt mir dennoch.

Gruß
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Gerade genug Religion besitzen wir, um uns zu hassen - zu wenig aber, um uns zu lieben. Jonathan Swift, Schriftsteller (1667-1745)
gruß,hello world !
...ja, wir sind nicht perfekt !...und trotzdem haben die menschen eine gewisse vorstellung ,eine idee von alldem-'perfektheit,-allmacht,-allwissen-unendlichkeit '...woher kommt diese sehnsucht nach der vollkommenheit ? ...schlummert villeicht doch tief in uns -mindestens als idee-der 'perfekte mensch '?(...damit meine ich mehr der erfüllte mensch,so wie ihn gott haben will...)
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..."wer die Menschen beurteilt,hat keine Zeit sie zu lieben..."Mutter Theresa
diogenes hat folgendes geschrieben:
gruß,hello world !
...ja, wir sind nicht perfekt !...und trotzdem haben die menschen eine gewisse vorstellung ,eine idee von alldem-'perfektheit,-allmacht,-allwissen-unendlichkeit '...woher kommt diese sehnsucht nach der vollkommenheit ? ...schlummert villeicht doch tief in uns -mindestens als idee-der 'perfekte mensch '?(...damit meine ich mehr der erfüllte mensch,so wie ihn gott haben will...)


Zur Perfektion:
Karl Popper hat folgendes geschrieben:
Der Wissenschaftler arbeitet, wie alle Organismen, mit der Methode von Versuch und Irrtum. Der Versuch ist eine Problemlösung. Der Irrtum, oder genauer die Irrtumskorrektur, ist in der Evolution des Pflanzen- und Tierreichs gewöhnlich die Ausmerzung des Organismus; in der Wissenschaft die Ausmerzung der Hypothese oder Theorie.

Karl Popper vertritt die Ansicht, dass das gezielte Fehlermachen eine originär menschliche Eigenschaft ist, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Man sollte sich allerdings bewußt darüber werden, dass es korrigierbare und nicht korrigierbare Fehler gibt. Daran hapert es uns Menschen manchmal ein wenig.

Eine innere Zufriedenheit und Ausgefülltheit sozusagen das Streben nach innerer Perfektion ist davon, wie du richtig erwähnt hast, zwingend zu unterscheiden.

Gruß
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Gerade genug Religion besitzen wir, um uns zu hassen - zu wenig aber, um uns zu lieben. Jonathan Swift, Schriftsteller (1667-1745)
In der Zeitschrift PM hab ich diesen schönen Text gefunden


Zitat:
Der gelbrotweiße Blütenteppich einer Maiwiese, die nektarsammelnden summenden Insekten oder der betörende Gesang einer Nachtigall rufen in uns regelrechte Glücksgefühle hervor. Wie wunderbar ist die Natur eingerichtet, wie genau passt alles ineinander, und wie schön ist das Ganze! Noch größer wird unser Staunen und unsere Bewunderung, wenn wir uns im Detail mit den Erscheinungen der Natur befassen: Der Sturzflug eines Falken, das Orientierungsvermögen der Fledermäuse, die Umwandlung von Sonnenlicht in Zucker, der Blutkreislauf, das Immunsystem, das genial einfache Alphabet unserer Genbausteine oder gar das menschliche Gehirn – kann all dies wirklich noch das Produkt natürlicher evolutiver Vorgänge sein? Jahrhundertelang war es Tradition und entspricht unserem Bedürfnis nach Kausalität, hinter diesen Wundern einen Gott bzw. einen »intelligenten Schöpfer« zu vermuten.

Nun machen die Erkenntnisse der Evolutionsforschung einen Schöpfergott unnötig – und lösen dadurch immer noch bei vielen Menschen großes Unbehagen aus. Doch zahlreiche religiös geprägte Naturwissenschaftler wie der Physiker Max Planck oder der Molekularbiologe F. S. Collins machen deutlich, dass sich Religion und Naturwissenschaft durchaus vereinen lassen, wenn man sie auf verschiedene Ebenen der Realität bezieht. Naturwissenschaften richten sich auf objektive Vorgänge in der realen, materiellen Welt, während die christliche Religion die Grundlagen unserer Ethik darstellt. Auf dieses Agreement haben sich die großen Kirchen mit der Wissenschaft geeinigt. Nicht so die Jünger des Intelligent Design: Sie vermischen die christliche Glaubensebene mit der objektiven Wissensebene. Warum sie das tun und was dabei herauskommt, wollen wir uns einmal
näher ansehen.

Es war eine Gerichtsverhandlung ganz besonderer Art, die sich im Januar 2006 im Bundesgericht von Harrisburg (Pennsylvania) abspielte. Verhandelt wurde ein Kulturgut, das wir in unserem kulturellen Fundus sicher verwahrt glauben: die strikte Trennung von Religion und Wissenschaft. Das Gericht sollte klären, ob »Intelligent Design« (ID) eine religiöse Vorstellung ist oder aber eine Wissenschaft, also auf Fakten und Versuche gegründet, experimentell überprüfbar und falsifizierbar.

Nach wochenlangen Verhandlungen wurde auch Amerikas prominentester Vertreter von ID, Michael Behe, Biologe und Professor an der Lehigh-Universität, ins Kreuzverhör genommen. Der gegnerische Anwalt Eric Rothschild fragte ihn: »Stimmt es, dass kein einziger wissenschaftlicher Artikel Intelligent Design unterstützt, der zuvor einem unabhängigen Gutachter vorlag?« (In wissenschaftlichen Fachzeitschriften werden alle Artikel vor ihrer Veröffentlichung von unabhängigen Gutachtern geprüft.) »Ja, stimmt«, musste der Zeuge einräumen. Dann las der Anwalt aus einem Buch vor, das Michael Behe mitverfasst hat. Darin steht, dass die verschiedenen Lebensformen abrupt mithilfe »eines Trägers von Intelligenz« entstanden sind, und zwar schon mit »ausgeprägten Merkmalen«, Fische etwa mit Flossen. »Wenn man das Wort ›Träger von Intelligenz‹ durch ›christlichen Schöpfer‹ ersetzen würde, verlöre die Definition keineswegs ihren Sinn, oder?«, schlussfolgerte der Anwalt. Mit seinen Gegenargumenten konnte Michael Behe Richter John Jones nicht überzeugen. Dieser befand, die Missionare des ID hätten »wieder und wieder gelogen«, um ihr wahres Ziel zu erreichen, nämlich »Religion ins Klassenzimmer der öffentlichen Schulen zu tragen«. Ihr Verhalten geißelte Richter Jones als »atemberaubende Hirnverbranntheit«.

Eine Schlappe für ID – die erste seit geraumer Zeit. Religion im Klassenzimmer ist in Amerika per Verfassung verboten. Es herrscht strikte Trennung von Kirche und Staat. Deshalb versuchen religiöse Gruppen immer wieder, ihre Glaubensinhalte über den Biologieunterricht in die Köpfe von Kindern und Jugendlichen zu bekommen.

Schon 1987 wurde der Kreationismus – der Glaube an die Genesis, das erste Buch Mose, in wörtlicher Auslegung – im Biologieunterricht verboten. Als Reaktion darauf entwickelte sich in den letzten zehn Jahren die Lehre vom intelligenten Schöpfer. Auf allzu enge Bibelauslegung wird dabei verzichtet, zum Beispiel auf die Behauptung, die Erde sei nur sechs- bis zehntausend Jahre alt. Auch ist es nicht mehr Gott, sondern ein ungenannter »intelligenter Schöpfer«, der das Universum erschaffen hat. Auf gar keinen Fall aber, behaupten die Anhänger, könne die Welt in all ihrer Komplexität durch Zufall, Mutation und Selektion (also Evolution) entstanden sein. Zwar wird eine gewisse Evolution zugestanden, bei der sich die Arten an verschiedene Umwelten anpassen und aufspalten können, die so genannte Mikroevolution. Abgelehnt wird jedoch die Annahme einer Makroevolution, d. h. einer evolutionären Höherentwicklung, durch die komplexe Merkmale wie die Geißel eines Bakteriums, das Auge oder gar das menschliche Gehirn entstanden sein könnten.

Mit diesem neuen Konzept hat ID in den letzten Jahren durch einprägsame Parolen wie »Evolution ist ein Märchen für Erwachsene« oder »Evolution, was für eine dumme Idee« und aggressive Öffentlichkeitsarbeit in den gesamten Vereinigten Staaten Spuren hinterlassen. In den vergangenen drei Jahren wurden in mehr als 20 Bundesstaaten, wie etwa Ohio und New York, Georgia und Misssouri, Gesetzesentwürfe eingebracht, um ID im Biologieunterricht zu lehren oder sogar, wie in Kansas, die Evolution infrage zu stellen. Evolutionslehre fehlt heute bereits in den Lehrplänen von vier Bundesstaaten, darunter das bevölkerungsreiche Florida.

Die ID-Anhänger gehen dabei sehr flexibel und mit schwer fassbaren Strategien vor. Da sie keine eigenen Forschungsergebnisse vorweisen können, drehen sie einfach den Spieß um und stellen die Evolutionstheorie auf die Anklagebank: Sie suchen nach vermeintlichen Schwachstellen, bohren darin herum, und wenn sie widerlegt werden, weichen sie hinter den gerade aktuellen Wissensstand zurück. So leugneten sie zum Beispiel zunächst, dass Wale von Landtieren abstammen – ein Paradebeispiel für die Evolution –, weil angeblich Zwischenformen fehlten. Seit jedoch immer mehr »Missing Links« auftauchen und die »Walwerdung« durch Fossilfunde nahezu lückenlos dokumentiert ist, ist an dieser Front Ruhe eingekehrt.

Bei vielen Behauptungen verwechseln die Evolutionskritiker zwei Dinge miteinander: die Evolution als dokumentierte Tatsache und die Fragen nach den Mechanismen und Antriebskräften des evolutiven Artenwandels. Während Erstere wie kein anderes wissenschaftliches Gedankengebäude durch Fossilien, anatomische, embryologische und molekulare Ähnlichkeiten usw. bewiesen ist, sind Detailfragen zum Mechanismus der Evolution noch Gegenstand der Forschung. Zu den offenen Fragen gehört zum Beispiel der exakte Mechanismus der Artenbildung oder die Herkunft des Zellkerns.
Vor allem folgende Behauptungen der ID-Strategen tauchen immer wieder auf:

1. Die Evolution kann man nicht beweisen, noch niemand hat die Entstehung neuer Arten beobachtet.

2. Es gibt keine Makroevolution. Die heute auf der Erde verbreiteten Organismen gehen auf wenige, vom Schöpfer getrennt erschaffene Grundtypen zurück, die sich dann durch Mikroevolution ausgebreitet haben.

3. Alle Lebewesen sind optimal angepasst; ein intelligenter Schöpfer erzeugt keine unperfekten Lebewesen.

4. Statistisch betrachtet ist es ausgeschlossen, dass eine funktionierende DNA-Sequenz spontan – ohne Schöpfer – entstanden sein könnte.

All diese Argumente lassen sich jedoch leicht widerlegen.

Zu 1: stimmt nicht. Längst kann man die Evolution in vielen Labors der Welt beobachten und lenken. Schon vor Jahrzehnten hat der britisch-koreanische Biologe Kwang-Jeon – nicht zu verwechseln mit dem als Betrüger entlarvten Koreaner Hwang Woo-Suk – mit einer berühmten, oft wiederholten Versuchsreihe gleich zwei wesentliche Schritte der Evolution im Labor nachvollzogen: nicht nur die Bildung neuer (Amöben-)Arten, sondern etwas noch Grundlegenderes, nämlich die Verschmelzung von Organismen, in diesem Fall Bakterien und Amöben, zu einer Endosymbiose. Durch eine solche Endosymbiose – die Verschmelzung zweier oder dreier zunächst unabhängiger Protozellen – ist auch die erste sauerstoffverbrauchende Zelle, der Vorläufer allen Lebens auf der Erde, entstanden.

Zu 2: stimmt nicht. Bei der Makroevolution wirken keine grundsätzlich anderen evolutionären Mechanismen als bei der Mikroevolution (Aufspaltung der Arten durch Selektion und veränderte Genfrequenz). Ein rasanter Entwicklungsschub kann zum Beispiel durch die Vermischung des Erbguts bei sexueller Vermehrung auftreten. Oder durch eine Verdopplung des Genoms, bei der dann mit der einen Hälfte »experimentiert« werden kann, während die andere die normalen Funktionen garantiert, wie es bei der Entwicklung der Getreidepflanzen der Fall war. Ziemlich neu ist die Entdeckung der so genannten Homöobox-Gene: ein universelles Set von Genen, das die Entwicklung der tierischen Gestalt bestimmt, und zwar aller Tiere, gleichgültig, ob Qualle, Plattwurm, Marienkäfer oder Mensch. Diese Gene sagen den Zellen im Embryo, ob sie zum Beispiel Kopf oder Zensur werden sollen. Solche uralten Gene funktionieren wie ein Baukasten der Evolution für die Konstruktion neuartiger Geschöpfe. Die Vielfalt entspringt nicht dem Inhalt des Baukastens, sondern dessen Nutzung. Es müssen nicht mehr Hunderte von Genen zufällig mutieren, bis aus ihnen wie durch ein Wunder eine neue Konstruktion erwächst. Es genügt, mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger abzulesen, mal an einer anderen Stelle im Körper oder zu einem anderen Zeitpunkt der Entwicklung.

Zu 3: stimmt nicht. Lebewesen sind nicht optimal angepasst. 99,99 Prozent der jemals bestehenden Arten sind bereits wieder ausgestorben, ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass sie nicht gut genug angepasst waren. Da Selektion nicht in die Zukunft schauen kann, können Organismen auch nicht zielgerichtet einer Perfektion zustreben, sondern sind immer nur so gut, wie sie unter den herrschenden Selektionsbedingungen der vorherigen Generation – von der sie ja geboren werden – sein mussten. »Tiere sind immer Sammlungen von Merkmalen, die als eine Art Bündel sorgsam erwogener Kompromisse gemeinsam in einem Organismus funktionieren«, sagt Axel Meyer, Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz, »und diese Kompromisse enden immer in einem insgesamt suboptimalen Tier, die eierlegende Wollmilchsau gibt es deshalb nicht.«

Zu 4: stimmt nicht. Die Behauptung, die Entstehung einer funktionierenden DNA wäre zu unwahrscheinlich, ist besonders hanebüchen. Der Denkfehler besteht in der Annahme, die Vielzahl der DNA-Moleküle müsste sich spontan, in einem einzigen Schritt, miteinander verbunden haben. Die chemische Evolution in den Ur-Ozeanen war jedoch ein über zahlreiche Stufen ablaufender Prozess, der immer länger und komplexer werdende Moleküle hervorbrachte, welche dann die Vorstufen von noch größeren wurden usw. Zudem übersehen die Evolutionskritiker die Milliarden-Zahl der Moleküle, die an der Entwickung der Zellen über Milliarden Jahre beteiligt waren. Denn auch unwahrscheinliche Ereignisse können eintreffen, wenn eine genügend große Anzahl von Individuen im Spiel ist, wie wir zum Beispiel beim Lotto erleben. Je mehr spielen, umso wahrscheinlich wird es, dass einer sechs Richtige tippt.

Wissenschaftlich lässt sich ID also nicht halten. Umso erstaunlicher ist es dann, dass die Lehre wachsende Popularität genießt, sogar bei Wissenschaftlern. Schaut man genauer hin, wundert man sich allerdings weniger: Immerhin ist es der Präsident der Vereinigten Staaten, der hinter ihr steht. Präsident George W. Bush, nach eigener Aussage ein wiedergeborener Christ, sagte im August zu texanischen Reportern, sowohl Evolution als auch ID sollten in der Schule unterrichtet werden. Schon im Wahlkampf des Jahres 2000 hatte sich Bush wohlwollend über Kreationismus im Unterricht geäußert. Seine Wähler danken es ihm, denn zum großen Teil sind es fundamentalistisch-christliche Bush-Wähler, die den Kern der ID-Bewegung ausmachen. Ihre Hochburg ist das Discovery-Institut in Seattle mit seinen Hauptvertretern, dem Juristen Phillip E. Johnson, dem Philosophen Stephen C. Meyer und dem Biologen Jonathan Wells. Einflussreiche Spender sorgen dafür, dass die Lehre vom intelligenten Designer mit aufwändigen Werbekampagnen und allen erdenklichen Mitteln verbreitet wird.

Ein Strategie-Papier des Discovery-Instituts ist vor einigen Jahren an die Öffentlichkeit gelangt: Wie »ein Keil« soll Intelligent Design in die amerikanische Gesellschaft getrieben werden. Wissenschaftler, Journalisten und Politiker sollen rekrutiert, die öffentliche Meinung mobilisiert werden, und in 20 Jahren soll ID die »beherrschende Perspektive der Wissenschaft« sein. »Denker wie Charles Darwin, Karl Marx und Sigmund Freud haben Menschen als Tiere oder Maschinen dargestellt, deren Verhalten nur durch Biologie, Chemie und Umwelt diktiert wird«, heißt es in dem Papier, »wir möchten nichts weniger, als den Materialismus zu stürzen. Denn er leugnet moralische Standards.«

Hinter dieser Attacke gegen Darwins Lehre, nach Meinung der meisten Wissenschaftler die wichtigste Bastion eines humanistisch-freiheitlichen Weltbilds, verbirgt sich nichts weniger als ein Kulturkampf um eine religiöse Bevormundung, die eigenständige Meinungen, selbstständiges Denken und ein selbstbestimmtes Leben wieder verbieten möchte. Fällt dieses Bollwerk tatsächlich, ist es wohl auch nicht mehr weit bis zur Ächtung von Linken, Homosexuellen, Abtreibungsgegnern oder anderen Menschen mit abweichenden Meinungen oder Verhalten.

Die potenzielle Zielgruppe der ID-Bewegung ist riesig: 53 Prozent der US-Amerikaner glauben, Gott habe den Menschen in seiner jetzigen Form geschaffen, genau wie es in der Bibel steht. 31 Prozent glauben an eine über Millionen Jahre sich entwickelnde Evolution, aber nur zwölf Prozent davon glauben, dass Gott darauf keinen Einfluss hatte. Eugenie Scott, Direktorin des National Center for Science Education, erklärt dazu: »Vielen hat man eingeredet, sie könnten keine guten Christen sein, wenn sie die Evolutionstheorie akzeptieren. Darum ist es so wichtig, dass vor kurzem 10000 Geistliche der großen Kirchen einen offenen Brief unterschrieben haben, es gäbe keinen Konflikt zwischen dem Glauben und den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Evolution.«

2004 hat eine Theologenkommission unter Kardinal Ratzinger auch für den Vatikan ein »Orientierungspapier« veröffentlicht, in dem es heißt, die Urknall-Theorie und Darwins Evolutionslehre seien mit dem katholischen Glauben vereinbar. Geradezu wohltuend klingt, was der Chef des päpstlichen Kulturrats, Kardinal Paul Poupard, im November 2005 verkündete: »Die Gläubigen tun gut daran, zuzuhören, was die säkulare moderne Wissenschaft anzubieten hat.«

Auch in Deutschland gibt es ID-Theoretiker – so nennen sie sich selbst –, zusammengefasst in der »Studiengemeinschaft Wort und Wissen e.V.«, aber sie haben bisher in der Öffentlichkeit kein Gehör gefunden. Auch ihr »evolutionskritisches« Biologiebuch, das sie an die Schulen bringen wollen, ist zum Glück ohne Erfolg geblieben. Offenbar ist unser Biologieunterricht doch so gut, dass keine Zweifel an dem seit Milliarden Jahren ablaufenden Evolutionsgeschehen geweckt werden können.

Bei überzeugten ID-Anhängern dagegen stößt jede noch so prägnante und ausführliche Argumentation der Wissenschaftler auf taube Ohren. Sie wollen ihr angestammtes Weltbild unter allen Umständen bewahren. Und vor allem: Sie wehren sich mit allen Mitteln gegen die Evolutionstheorie.

Warum aber löst gerade diese Theorie noch immer und bei vielen Menschen so viel Widerwillen aus? Der Innsbrucker Sozialpsychologe Josef Berghold nennt dafür drei Motive. Zum Ersten ist sie eine Verletzung der Selbstliebe. »Denn im Lichte der Evolution war es ja nur ein Zufall, der zu unserer Existenz geführt hat. Das heißt also, dass unser Leben — außer dem, was wir selbst daraus machen — keinen höheren kosmischen Sinn hat.« Statt von irgendeinem Urprotoplasma abzustammen, wäre es für das Ego viel schmeichelhafter, das Geschöpf eines allmächtigen liebenden Schöpfers zu sein. Zweitens brachte Darwin – so Josef Berghold – für unsere Allmachts-Illusionen eine herbe Einbuße. »Nicht ein weit über den Tieren stehendes Ebenbild Gottes zu sein, das uns berechtigt, uns die Erde untertan zu machen, das musste unser Machtgefühl gehörig ankratzen und zwingt uns zu einem viel bescheideneren Bild von unseren Möglichkeiten. Ganz zu schweigen vom erschütterten Glauben an die Unsterblichkeit unserer Seele: Unsere Sterblichkeit liefert ja die am schwersten erträgliche Widerlegung unserer Allmachts-Illusionen.«

Für viele christliche Fundamentalisten ein besonderer Graus: Auch mit unseren Trieben müssen wir uns abfinden. Weil wir ein Teil des Tierreichs sind, ist es wohl illusorisch, die als »unmoralisch« verurteilten Triebregungen durch bloße Willensentschlüsse beherrschen oder beseitigen zu können.

Zwar hatten wir inzwischen 150 Jahre Zeit, uns an diese Kränkungen zu gewöhnen, doch sind sie, wie man am Erfolg von ID sieht, immer noch wirksam. Weitere Ursachen für das Verdrängen unerwünschter Realitäten wurzeln in der frühen Kindheit. »In der Kindheit der meisten Menschen gibt es zahlreiche Erlebnisse, bei denen ihre ursprünglichen Allmachtsgefühle allzu plötzlich abstürzen — mit der Folge, dass sie sich in überwältigendem Maße hilflos, allein gelassen, ungeliebt, verächtlich fühlen«, stellt Josef Berghold fest. »Eine wesentliche Auswirkung solcher traumatischen Erfahrungen besteht in einer tiefen inneren Spaltung: Das überwältigend, ängstigend, kränkend Erlebte bleibt meist unbewusst und führt ein Eigenleben in einem ›ausgesperrten‹ Teil der Seele, während man sich im bewussten Denken umso verzweifelter an die verlorenen Illusionen klammert.«

Was so entsteht, kann man als Anfälligkeit für »magisches Denken« bezeichnen. »Wir wollen glauben, dass wir über verschiedene ›magische‹ Formeln verfügen, mit denen wir die Welt und das Leben ganz einfach erklären und in den Griff bekommen können, oder dass wir die Zwänge der Realität nicht so sehr beachten müssen, weil wir in unserer narzisstischen Einzigartigkeit darüber erhaben wären.«

Nach Josef Berghold verstärken sich darüber hinaus bornierter Narzissmus und Allmachtsdenken wechselseitig und führen zu Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen und der Umwelt. »Im Wahn einer gottähnlichen Souveränität sperrt man sich gegen die Erkenntnis, wie sehr wir Teil der unterschiedlichsten sozialen und ökologischen Systeme sind, deren Gleichgewicht wir im ureigensten Interesse respektieren müssen.«

Dann ist es nicht mehr weit zum Abbau der sozialen Netze oder der Verweigerung auch nur minimaler Umweltstandards, wie man in den USA überdeutlich beobachten kann. Der zunehmende Einfluss der Evolutionskritiker geht einher mit einem Vormarsch des »Neoliberalismus«, wie der Marktwirtschaftsfundamentalismus verharmlosend genannt wird. »Ebenfalls eine Art von magischem Denken«, sagt Josef Berghold. »Zu glauben, man könnte die Lösung (fast) aller Probleme dem ›freien Spiel‹ der Marktkräfte überlassen und die Verantwortung des öffentlichen Gemeinwesens getrost immer mehr beseitigen, ist zweifellos hochgradig magisch.«

Am besten nichts hinterfragen, einfache Lösungen bevorzugen und alles »Böse« auf »Sündenböcke« abwälzen. Kritische Einwände, Alternativtheorien, Analysen und alle Arten von rationalen Überlegungen sind unerwünscht.

Dass dies nicht übertrieben ist, zeigt die Situation der Naturwissenschaften in den USA. »Der Krieg der Republikaner gegen die Wissenschaft« heißt ein Politik-Thriller, in dem der renommierte Wissenschaftsjournalist Chris Mooney nachweist, dass die Bush-Partei systematisch Krieg gegen unbequeme wissenschaftliche Erkenntnisse und deren Autoren führt. Gezielte Desinformation der Bevölkerung, Drohbriefe und vor allem Verweigerung von Forschungsgeldern sind wirksame Mittel gegen unliebsame Wissenschaftler. Nicht nur die Evolutionsforschung ist betroffen, zum Beispiel werden auch die Erderwärmung und alle Zusammenhänge mit der Autoindustrie geleugnet. Untersuchungen über Sexualverhalten, Drogenmissbrauch oder Aids werden kaum noch gefördert, manche Forschungsprojekte sogar verboten. Es ist ein Kulturkampf, der sich zwar an Darwin entzündet hat, der aber auf das Gedankengut der Aufklärung zielt, auf den gesamten Reigen bürgerlicher Freiheiten, angefangen mit Gedanken- und Religionsfreiheit über Presse- und Forschungsfreiheit, die Freiheit bei der Wahl von Sexualpartnern bis hin zur Gleichheit vor Gericht. Mund halten, brav sein, dumm bleiben – das uralte Rezept der Herrschaft.

Noch sind wir in Deutschland vor den ID-Attacken gegen die Wissenschaft verschont. Wir müssen sehr wachsam sein, damit dieser Kulturkampf nicht zu uns überspringt! Wehret den Anfängen!

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