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Barzach






Selam und Hallo,

der 1165 geborene Muhyi`ddin Ibn Arabi, auch bekannt unter shaikh al- akbar, entwickelte die Lehre "wahdat al- wudschud" (welche von seinen Kommentatoren "Einheit des Seienden, der Existenz" interpretiert wurde).
Man könnte dieses System nun als Sein- Monismus bezeichnen, wobei bei der Übersetzung des Wortes "wudschud" Schwierigkeiten auftreten. Es bedeutet "Finden, Gefundenwerden" und dient zur Bezeichnung des unerreichbaren Urgrundes, auch des deus absconditus. Das bedeutet nun, dass alles Geschaffene irreal ist, aber jedes Wesen einen gewissen Anteil am wudschud besitzt, es spiegelt etwas von den Gottesnamen wieder und kann so mit als barzach bezeichnet werden- das ist der Isthmus, der zwei Dinge trennt und gleichzeitig verbindet; jedes geschaffene Wesen hat am wudschud und am Nichtsein Anteil.
Daher gibt es kaum eine einheitliche Aussage Ibn Arabis zu irgend etwas, denn alles kann von zwei Seiten gesehen werden.
Das trifft auch auf den Gottesbegriff zu, wie er von Menschen formuliert wird; der Verstand betont und besteht zwar auf Seiner Unzugänglichkeit und Unbegreiflichkeit; die Imagination ---> (Der Aql (Verstand) ist für Ibn Arabi ein Geschenk Gottes zur Erlangung weltlichen Wissens. Doch irgendwann stößt der Verstand an eine Grenze. Daher bedarf es der "abhängigen Imagination" (i.U. zur "unabhängigen Imagination" Allahs: der Schöpfung, allem potenziell Möglichen), einer inneren "Zwischenwelt" zwischen Dasein und Sein, um mit Gott immer mehr eins zu werden. Auch viele mittelalterliche christliche Mönche propagierten diese Unio mystica, um durch Entsagung des Weltlichen im Gebet mit Gott aufzugehen) jedoch sieht Seine Erscheinung in allem, was existiert.
Der bekannte Kontrast von deus absconditus und deus revelatus ist hier in etwas komplizierter Weise angedeutet. Doch muss man beide Aspekte Allahs (ta`ala) sehen; wer nur einen davon sieht, gleicht einem Schielenden oder Einäugigen.
Unter allen Geschöpfen ist es nur der Mensch, der an allen Bedeutungen des wudschud seinen Antweil hat und er ist gerufen, die endlichen Möglichkeiten des göttlichen Wesens zu erkennen und, wenn möglich, zu manifestieren.
Vergleicht man nun wudschud mit dem farblosen Licht, das von jedem Medium in anderer Farbe zurückgestrahlt wird, so ist der Gegensatz zur wahdat al- wudschud (Einheit des Seins), kathrat al- ilm (Vielheit des Wissens), wie es sich in der Schöpfung reflektiert.
Obwohl Kritiker Ibn Arabis darauf hingewiesen haben, dass es in seinem System keine konkrete Trennung zwischen Gut und Böse gebe, da Allah (ta`ala) und Mensch völlig voneinander abhängig seien und "alles am richtigen Platz" sei, war sich Ibn Arabi immer der Bedeutung der Sheriat bewusst und ihr gehorcht. Denn nur wer der Sheriat folgt, ist auf dem Weg zur Glückseligkeit.
Barzach ist demnach auch keine Uminterpretierung des verschriftlichen Gotteswort, dem Qur`an, sondern in diesem normiert:

Qur`an Al-Furqan/ 25; Aya 53:
Und Er ist es, Der den beiden Gewässern freien Lauf gelassen hat zu fließen - das eine (ist) wohlschmeckend, süß, und das andere salzig, bitter; und zwischen ihnen hat Er eine Scheidewand und eine sichere Schranke gemacht.
Im übertragenden Sinn kommt das Wort auch in Sura Al-Mu'minun / 23, Ayat 99- 100 vor:
Wenn dann der Tod an einen von ihnen herantritt, sagt er: "Mein Herr, bringe mich zurück , [23:99]
auf daß ich Gutes tue von dem, was ich unterlassen habe." Keineswegs, es ist nur ein Wort, das er ausspricht. Und hinter ihnen steht eine Schranke bis zu dem Tage, an dem sie auferweckt werden. [23:100]

So spricht auch der Kommentar des Al- Dschalalain vom Hadschiz, dem Hades der Griechen: Im Reich der Toten sollen die muslimischen Gläubigen ungestört in ihren Gräbern ruhen, während "für das Grab des Ungläubigen 99 Schlangen bestimmt sind, die ihn bis zum Tage der Auferstehung beissen sollen". (Mischkat 1. Buch 5/ 12)

Ibn Arabis Schöpfungstheorie basiert auf dem barzach- Begriff. Allah (ta`ala), das unerkennbare, unnennbare wudschud, war allein in der anfangslosen Ewigkeit, obgleich die künftigen Dinge in ihrer in der Zeit entstehenden Form bereits in Seinem Wissen feststanden. Die in Ihm verborgenen Namen sehnten sich danach, sich zu manifestieren. Ein ausserquranisches Gotteswort lässt Allah (ta`ala) sagen:

" Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; darum schuf Ich die Welt."

So brachen die Namen infolge ihrer Sehnsucht, erkannt und geliebt zu werden, aus dem verborgenen und niemals zugänglichen göttlichen Sein hervor, wie zu lange angehaltener Atem aus dem Körper bricht. Das ist es, was als nafas ar- rahman, "der Atem des Barmherzigen", bezeichnet wird- jener Atem, der die ganze Schöpfung durchweht und die göttlichen Worte wirken lässt.
Resulullah (sav) sagte z.B.: "Ich fühle den Atem des Barmherzigen, wie er vom Jemen zu mir kommt." Aufjedenfall trafen die Namen auf das Nichtsein, das sie gleichsam wie Spiegelstücke, reflektierte, und so ist die Welt gewissermassen eine Spiegelung der göttlichen Namen. Muhammad Abduh und andere islamische Denker sahen z.B. im Islam eine Spiegelung von Musa (Gottes Gesetz) und Isa (Liebe und Gnade Gottes, die ihm verkündet wurden) und die Brücke zwischen beiden Lehren.
Die Welt existiert nur, solange ihr Gesicht, die Oberfläche des Spiegels, Allah (ta`ala) zugewandt ist, sonst verschwindet sie, denn sie ist absolut von Allah (ta`ala) abhängig. Oder anders, die Schöpfung existiert nur so weit, als sie Anteil am wudschud hat. Allah ( ta`ala) aber in Seiner Einzigkeit bleibt unberührt von der Welt und ist ausschliesslich durch die Spiegelungen zu ahnen, und so erkennt jeder Ihn auf seine eigene Weise, je nach dem Namen, der sich in ihm am stärksten manifestiert. Also ist Allah (ta`ala) nur da, weil Er erkannt wird.

Diese Gedanken waren auch einem Angelus Silesius nicht fremd:
"Wir selbst sind die Attribute, mit denen wir Gott beschreiben; unsere Existenz ist geradezu eine Vergegenständlichung Seiner Existenz. Gott ist für uns notwendig, damit wir existieren können, während wir für Ihn notwendig sind, damit Er sich für Sich Selbst maifestiert. Ich gebe Ihm auch Leben, indem ich Ihn in meinem Herzen kenne."

Barzach ist also eine Wesenheit, die weder existiert, noch nicht existiert. In diesem dazwischenliegendem Bereich geht jede Eigenschaft notwendigerweise zurück zu Allah (ta`ala), der der Ursprung jeder Wirklichkeit ist, sogar der Realität der "Nichtexistenz".


Liebe Grüsse Zahra
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