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Tja, lieber Esra,
erstmal ist das richtig und positiv, seine Kinder nach den Grundsätzen seines Glauben zu erziehen.
Meine Eltern haben mich nach den Grundsätzen der Bergpredigt des Christentums erzogen: Toleranz, Respekt vor den Ansichten Anderer, seinen Besitz mit Anderen teilen. Da meine Eltern in der Nazi-Zeit selbst Kinder/Jugendliche waren, da mein Vater in Frankfurt erlebt hat, wie seine Freunde aus der Schule geprügelt wurden, weil sie Juden waren, da mein Opa fast bei der Gestapo und im KZ gelandet wäre (er war als einzigster nicht eingezogener Metzger "kriegswichtig" für die Versorgung der Bevölkerung im "Hohen Westerwald"; deswegen haben die Kerle ihn 1944 unter Auflagen laufen gelassen...), tja, da deren Kindheit also nicht so "unbefangen" war, haben sie mich also auch noch dazu erzogen, kritisch alles das, was man "vorgesetzt bekommt", auch zu hinterfragen.
Der "typische Mensch" meiner Generation war entweder "Revoluzzer"
oder "Obrigkeitshöriger" - obwohl ich mehr zum Revoluzzer tendiert habe, war ich es in letzter Konsequenz nicht (...das war der olle Joschka Fischer - erst "Möchtegernterrorist", dann Minister, und somit genau das, was er in frühster Jugend bekämpft hat ). Und Obrigkeitshöriger war ich noch nie (und werd' s auch nicht sein!): Mein Couseng, erst JU-Mitglied, dann CDU-Mitglied, heute im Vorstand eines internationalen Chemie-Konzerns, hat mich mit 16 Jahren gefragt, wie ich es mir "erlauben" könnte, dem damaligen Bildungsminister einen gepfefferten Brief bezüglich der Schlampereien im Bildungswesen zu schicken...
Meinem Väterchen - Postbeamter - ist der Verfassungsschutz in' s Büro gelatscht, weil ich mich als Jugendlicher für die Gewerkschaft, genauer für die IG-Metall engagiert habe - mein Väterchen hat ' se mit Hinweis auf das Grundgesetz 'rausgeschmissen...
Und vor diesem Hintergrund wurde ich erzogen - zur Offenheit, zur Freiheit des Geistes, des Denkens - und auch des Fühlens. Und es hat mir überhaupt nichts geschadet; im Gegenteil, es nutzt mir bis heute. Diese Erziehung basierte auf christlichen Werten, mit dieser Erziehung konnte ich als Jugendlicher wie als Erwachsener -trotz einiger "Irrungen und Wirrungen", wie man sie als junger Mensch halt durchmacht - Baha' u' llah als den Offenbarer für dieses Zeitalter annehmen.
Wenn Du nun Deine Kinderchen mit dem Fundament des Qur' an ausrüstest, mit der Weisheit des Propheten, dann werden Deine Kinderchen genauso offen und tolerant werden, wie Du es selbst bist. Das Problem, das grundsätzlich in jeder Religion besteht, ist jedoch, das in gutem Glauben auch manche Eltern ihre Kinder mehr in Traditionen als im Wesensinhalt der Religion erziehen - und dann werden aus den Kinderchen Extremisten. Und das gibt' s halt nicht nur in der Religion so, sondern auch in der Gesellschaft, in der Politik. Da liegt eine grosse Schwierigkeit; eine Bedrängnis, unter der wir alle - egal welcher Religion oder welcher Weltauffasung wir anhängen - zu leiden haben.
Den Kinderchen moralische, ethische und religiöse Werte sowie Offenheit und Toleranz beibringen zu wollen, ist leider nicht ganz so einfach - vor allem. wenn gleichzeitig die verschiedensten weltanschaulichen und religiösen Fanatiker gegeneinander hetzen und den Kampf zum Lebensziel erklären wollen. Und damit machen diese ja nicht vor der Haustür, vor der Kirche oder vor der Moschee halt - nein, rotzfrech maschieren sie auch noch hinein und predigen den Hass. Das macht Erziehung dann wirklich schwierig.
Ich habe 4 Stiefkinder und eine leibliche Tochter. Meine Stiefkinder kommen aus einem eher laxen muslimischen Umfeld (meine Frau und ihr Ex-Mann wissen zwar, was eine Moschee ist, waren aber selbst nocht nicht 'drinn...); alle 5 werden von meiner Frau und von mir interreligiös erzogen. Das heisst im Klartext: Wenn sie Fragen haben, beantworten wir diese, laden auch mal einen Iman, einen Rabbi oder den Pfarrer um die Ecke ein. Und, wir erziehen die Kinderchen zur Toleranz, zur Offenheit, so wie das meine bosnischen Verwandten (die Verwandten meiner Frau) traditionell machen, und so wie das meine Eltern, meine Grosseltern ebenfalls gemacht haben. Und damit, denke ich, haben die Kinderchen einen guten Start für' s Leben - ich kann zwar nicht in die Zukunft sehen, bin mir aber sicher, das die lieben Kleinen weder einer politischen, noch einer religiös geprägten Terrororganisation folgen werden. Und damit haben wir schon eine ganze Menge für unsere Kinder erreicht.
Inwieweit unsere Kinder nun einem bestimmten religiösen Weg folgen wollen, liegt ganz allein in deren Ermessen. Wir als Eltern können und dürfen nicht bestimmen, ob sie Muslime, Baha' i, Christen oder Buddhisten werden - es ist das Leben der Kinder, und sie müssen selbst entscheiden. Egal wie deren Entscheidung sein wird - wir werden sie respektieren und akzeptieren.
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