Dreijährige verstehen u.U. mehr von Toleranz als Erwachsene


Ich kam mit drei Jahren in den Kindergarten. In meiner Gruppe war ein Mischlingsjunge, Henry. Sein Vater war Schwarzafrikaner, seine Mutter Deutsche. Ich mochte ihn und ansonsten hatte ich auch zu den anderen Kindern der Gruppe gute Kontakte.

Mittags holte mich meine Mutter meistens mit dem Auto ab. Ich durfte dann immer ein paar Kinder mitnehmen. Jedes dieser Kinder setzte meine Mutter dann wohlbehalten an seinem jeweiligen Zuhause ab.

Eines Tages stand ich ganz alleine vorm KG und wartete. Meine Mutter vermutete einen Streit und fragte mich, warum ich alleine sei, ob wir uns gezankt hätten und ob nun keines der Kinder mitfahren wolle.

Ich antwortete ihr: Nein, so ist es nicht! Ich habe sie bestraft!

"Warum denn?"

"Weil sie böse zu Henry waren! Und da habe ich ihnen gesagt, so lange sie das tun und ihn beschimpfen, dürfen sie auch nicht mehr mitfahren und so lange rede ich auch nicht mehr mit ihnen, sondern nur noch mit Henry."

"Aber warum haben sie ihn denn beschimpft?"

"Wegen seiner Hautfarbe. Und das macht man nicht!"

Meine Mutter musste schmunzeln, und fand mein Verhalten absolut korrekt. Sie unterhielt sich dann mit der Kindergärtnerin über den Vorfall. Diese bestätigte ihr das Vorkommnis genau so, wie ich es meiner Mutter erzählt hatte.

Es ging wohl darum, dass ein Zank entstand und dass dann einige Kinder hinsichtlich der Hautfarbe dieses Jungen ausarteten, also ihn deswegen beschimpften.

Nun, so etwas kannte ich von zuhause nicht, dass Menschen attackiert wurden wegen ihrer Hautfarbe, einer Krankheit oder Behinderung oder dergleichen und deshalb hatte mich dieses so extrem wütend gemacht.

Das tollste aber daran war, dass ich mit meiner konsequenten "Strafaktion" das erreichte, was ich wollte: Henry wurde voll und ganz integriert und angenommen, keines der Kinder hatte ihn jemals wieder dumm "angemacht" wegen seiner Hautfarbe. Die Kindergärtnerinnen brachten das leider nicht zustande. Anscheinend ist wohl doch etwas daran, dass Kinder sich auch durchaus untereinander zu erziehen in der Lage sind

Dasselbe "Schema" wandte ich später auf der Handelsschule an. In unserer Klasse war ein gehbehinderter Junge, Michael. Er wurde diskriminiert und beschimpft auf die übelste Weise. Ich hielt mich dann provokativ in jeder Pause grundsätzlich nur noch bei ihm auf. Nach ein paar Tagen kamen einige Klassenkameraden auf mich zu und meinten: "Wieso stehst du eigentlich nur noch bei <dem>? Sind wir dir nicht gut genug?" Ich habe geantwortet: "Und so lange ihr einen solchen hirnlosen Schwachsinn von euch gebt und ihn grundlos niedermacht, werde ich mich ganz sicher nicht zu euch stellen. Mit solchen Typen will und werde ich nichts zu tun haben!"

Es funktionierte auch hier: Sie ließen in endlich in Ruhe.

Es kann also nicht pauschalisiert werden, dass "man" sich einem Gruppenverhalten anpasst, um nicht ausgesondert zu werden. Mir war das von Kind an herrlich schnuppe und ich habe mich immer gegen Anfeindungen jeglicher Art gestellt. Zu solch einer "Gruppe" zu gehören, das war und ist für mich jedenfalls nicht erstrebenswert.
Zitat:
Ich habe sie bestraft!




Recht so! Wenn es die Erwachsenen nicht tun, dann eben die Kinder

Aber im Ernst: Es ist schön, wenn Kinder von klein an einen Sinn für Gerechtigkeit und Sympathie entwickeln. Dieser Gerechtigkeitssinn - wenn er einmal da ist von klein an - geht dann sicher nie wieder weg! Es entwickelt sich zu einem Gewissen, das ständig geprüft wird und unser Verhalten in die richtige Richtung lenkt.
Mein (damals) sehr kleiner Bruder war im Kindergarten und erzählte mir auch, dass ein neues Kind gekommen wäre. Aber keiner würde mit ihm sprechen. Warum fragte ich ihn. "Weil er so dunkel im Gesicht ist und so einen komischen Namen hat. Und er spricht nicht so gut deutsch". Ich hab ihm dann erklärt, dass das nicht schön ist, wenn jemand allein gelassen wird und ihm vor Augen gehalten, wie es ihm damit gehen würde, wenn ihn alle so behandeln würden. Am nächsten Tag "freundete" er sich mit dem neuen Jungen an
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi
Liebe suchende,

das ist ja richtig heldenhaft was du da gemacht hast. Alle Achtung und allen Respekt. Ich wüßte im Moment nicht, wo ich etwas vergleichbares gehört oder gesehen hätte. Das ist die Tat einer Seelenkönigin. Glücklich der, den du liebst.

Alles Liebe von Yojo
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"Es ist die Sehnsucht Gottes an diesem Tage, alle Menschen als eine Seele und einen Körper zu betrachten" (Bahá'u'lláh)