Pantheismus


Pantheismus
Auszug aus Abdu'l Baha, "Beantwortete Fragen", Baha'i Verlag

Frage: Wie verstehen Theosophen und Sufi das Problem des Pantheismus? Was bedeutet er, und wie weit kommt er der Wahrheit nahe?

Antwort: Wisse, daß die Frage des Pantheismus sehr alt ist. Es ist ein Glaube, der nicht auf Theosophen und Sufi beschränkt ist, vielmehr glaubten schon einige der Weisen Griechenlands daran, wie Aristoteles, der sagte: „Die einfache Wirklichkeit ist die Gesamtheit der Dinge, nicht aber irgendeines von ihnen. In diesem Fall ist „einfach“ das Gegenteil von „zusammengesetzt“; es ist die einmalige Wirklichkeit, die geheiligt und erhaben über Zusammensetzung und Teilung ist und sich in zahllose Formen auflöst. Darum ist das wirkliche Sein die Gesamtheit der Dinge, nicht aber nur eines von ihnen.

Kurz, die Anhänger des Pantheismus glauben, daß das wirkliche Sein wie das Meer sei und alles Erschaffene wie seine Wellen. Diese Wellen, die alles Erschaffene darstellen, seien die unzähligen Formen jenes wirklichen Seins; die heilige Wirklichkeit sei also das Meer der Präexistenz, und die zahllosen Formen der Geschöpfe seien die Wellen, die erscheinen.

Sie vergleichen diese Theorie auch mit der wirklichen Einheit und der Unendlichkeit der Zahlen; die wirkliche Einheit zeige sich in den Stufen der endlosen Zahlen, denn Zahlen seien die Wiederholung der wirklichen Einheit. So sei die Zahl zwei die Wiederholung von eins, und ebenso sei es mit den anderen Zahlen.

Einer ihrer Beweise ist der: Alles Erschaffene seien Dinge, die Gott bekannt sind; und Wissen ohne bekannte Dinge gäbe es nicht, denn Wissen beziehe sich auf Vorhandenes und nicht auf Nichtsein. Völliges Nichtsein könne auf den Stufen des Wissens weder beschrieben noch im einzelnen betrachtet werden. Die Wirklichkeiten alles Erschaffenen, also die Dinge, die Gott, dem Höchsten, bekannt sind, hätten darum die Seinsstufe, die das Wissen hat, denn sie hätten die Erscheinungsform des göttlichen Wissens und seien präexistent, weil das göttliche Wissen präexistent ist. Wie nun das Wissen präexistent ist, so seien es auch die bekannten Dinge, und die Einzelwesen und Arten, die das präexistente Wissen des Wesens der Einheit seien, seien das göttliche Wissen selber. Denn die Wirklichkeiten des Wesens der Einheit, das Wissen und die bekannten Dinge, stellten eine völlige Einheit dar, die wirklich und festbegründet sei. Sonst würde ja das Wesen der Einheit zum Ort vielfacher Erscheinungen werden, und eine Vielfalt von Präexistenzen würde notwendig, was sinnwidrig sei.

So sei bewiesen, daß die bekannten Dinge das Wissen an sich und das Wissen das innerste Wesen selber darstellten, daß heißt, daß der Wissende, das Wissen und die bekannten Dinge eine einzige Wirklichkeit seien. Und wenn man sich außer ihr noch irgend etwas vorstellte, müßte man wieder auf die Vielfalt der Präexistenzen und die Verkettung kommen, und die Präexistenzen würden schließlich unzählig werden. Da die Einzelwesen und Arten Gottes identisch mit dem Wesen der Einheit gewesen seien und es zwischen ihnen keinen Unterschied gegeben habe, sei nur eine echte Einheit gewesen, und alle bekannten Dinge seien in der Wirklichkeit des einen innersten Wesens vermischt und eingeschlossen gewesen. Das hieße, daß sie im Sinne der Einfachheit und Einheit das Wissen Gottes, des Höchsten, und das innerste Wesen der Wirklichkeit bilden. Als Gott Seine Herrlichkeit offenbarte, hätten diese Einzelwesen und Arten, die ja nur dem Wesen nach existierten, das heißt nur eine Gestalt im göttlichen Wissen gewesen seien, ihr Dasein in der äußeren Welt verwirklicht gefunden; und dieses wirkliche Sein hätte sich in unzählige Erscheinungsformen aufgelöst. Dies ist die Grundlage ihrer Beweise.

Die Theosophen und Sufi sind in zwei Richtungen gespalten. Die eine, die die Mehrzahl umfaßt, glaubt an den Pantheismus einfach aus dem Geist der Nachahmung heraus, ohne die Meinung ihrer bekannten Gelehrten zu verstehen; denn die meisten Sufi glauben, daß die Bedeutung des Seins das allgemeine und als wesentlich genommene Dasein sei, das von Vernunft und Verstand begriffen würde, das heißt, daß der Mensch es begreife. Stattdessen ist dieses allgemeine Dasein aber eine der Nebensachen, die die Wirklichkeit des Erschaffenen durchdringen, und das Wesen des Erschaffenen ist die Hauptsache. Dieses nebensächliche Dasein, das vom Erschaffenen abhängt, ist wie andere Eigentümlichkeiten der Dinge, die von ihnen abhängen. Es ist etwas Unwesentliches unter anderem, und zweifellos steht das, was das Wesentliche ist, über dem, was das Unwesentliche ist. Denn das Wesen ist der Ursprung, und das Unwesentliche ist die Folge; das Wesen hängt von sich selbst ab, und das Unwesentliche hängt von etwas anderem ab, das heißt, es braucht ein Wesen, von dem es abhängt. Nach der oben erwähnten Anschauungsweise aber wäre Gott die Folge der Schöpfung: Er würde sie brauchen, und sie wäre unabhängig von Ihm.

Zum Beispiel kommt jedesmal, wenn sich einzelne Elemente nach der allumfassenden göttlichen Ordnung verbinden, eines der Geschöpfe in die Welt. Das heißt, wenn sich bestimmte Elemente verbinden, kommt ein pflanzliches Dasein hervor, und wenn sich andere Elemente verbinden, so geht ein Tier hervor, und wenn sich wieder andere verbinden, erzeugen sie wieder andere Geschöpfe. In diesem Fall wäre das Dasein der Dinge die Folge ihrer Wirklichkeit. Wie könnte es aber sein, daß dieses Dasein, das eine Nebensache unter anderen ist und ein anderes Wesen braucht, von dem es abhängt, das präexistente Wesen, der Schöpfer aller Dinge sei?

Aber die eingeweihten Gelehrten der Theosophen und Sufi, die diese Frage untersucht haben, glauben, daß es zwei Arten des Seins gäbe. Die eine sei das allgemeine Dasein, das vom menschlichen Verstand begriffen werde; dies sei eine Erscheinung, etwas Unwesentliches unter anderem, und die Wirklichkeit der Dinge sei das Wesentliche. Der Pantheismus beziehe sich aber nicht auf dieses allgemeine und eingebildete Dasein, sondern nur auf das echte Sein, das von jeder anderen Deutung befreit und geheiligt sei; durch es existierten alle Dinge, und es sei die Einheit, durch die alle Dinge in die Welt gekommen seien, wie Materie, Energie und dieses allgemeine Dasein, das vom menschlichen Verstand begriffen würde. Dies ist nach den Theosophen und Sufi die Wahrheit über diese Frage.

Kurz, dieser Theorie, daß alle Dinge durch die Einheit existierten, stimmen alle, das heißt die Gelehrten und die Propheten, zu. Es besteht aber doch ein Unterschied unter ihnen, denn die Propheten sagen: Das Wissen Gottes bedarf nicht des Daseins der Geschöpfe, aber das Wissen des Geschöpfes braucht das Dasein von bekannten Dingen; bedürfte das Wissen Gottes irgendeines anderen Dinges, dann wäre es das Wissen des Geschöpfes und nicht das Wissen Gottes. Denn das Präexistente unterscheidet sich vom Erscheinenden, und das Erscheinende ist dem Präexistenten entgegengesetzt; das, was wir dem Geschöpf zuschreiben, nämlich die Bedürfnisse der abhängigen Wesen, verneinen wir für Gott; denn Läuterung oder Heiligung über Unvollkommenheiten ist eine Seiner unerläßlichen Eigenschaften. So sehen wir im Erscheinenden Unwissenheit, im Präexistenten erkennen wir Wissen; im Erschaffenen sehen wir Schwäche, im Präexistenten erkennen wir Kraft; im Erscheinenden sehen wir Armut, im Präexistenten erkennen wir Reichtum. So ist die Erscheinungswelt die Quelle der Unvollkommenheiten, und die Präexistenz ist der Inbegriff der Vollkommenheiten. Das erschaffene Wissen bedarf der bekannten Dinge, das präexistente Wissen ist von ihrem Dasein unabhängig. Darum besteht keine Präexistenz für die Arten und Einzelwesen der Geschöpfe, die die Dinge sind, die Gott, dem Höchsten, bekannt sind; und diese göttlichen und vollkommenen Eigenschaften werden vom Verstand nicht so begriffen, daß wir beurteilen können, ob das göttliche Wissen der Dinge bedarf oder nicht.

Das weiter oben in Kürze Gesagte ist der Hauptbeweis der Sufi; wenn wir alle ihre Beweise erwähnen und ihre Antworten erklären wollten, würde es sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Dies ist ihr entscheidender Beweis und ihr Argument schlechthin - zum mindesten der Gelehrten der Sufi und Theosophen.

Über die Frage des wirklichen Seins, durch das alle Dinge bestehen, das heißt der Wirklichkeit des Wesens der Einheit, durch die alle Geschöpfe in die Welt kamen, herrscht Übereinstimmung. Ein Unterschied besteht nur darin, daß die Sufi sagen: „Die Wirklichkeit der Dinge ist die Offenbarung der wirklichen Einheit.“ Aber die Propheten sagen: „Sie geht aus der wirklichen Einheit hervor“; und groß ist der Unterschied zwischen Manifestation und Emanation. Die Erscheinung durch Manifestation bedeutet, daß ein einzelnes Ding in unendlich vielen Formen erscheint. Zum Beispiel ist das Samenkorn ein Einzelding, dem die Vollkommenheit des Wachstums eigen ist; wenn sie sich offenbart, wird es in unendlich viele Formen, in Zweige, Blätter, Blüten und Früchte aufgelöst. Dies nennt man Erscheinung durch Manifestation. In der Erscheinung durch Emanation dagegen verbleibt und verharrt diese wirkliche Einheit in der Höhe ihrer Heiligkeit, aber das Dasein der Geschöpfe emaniert aus ihr und wird nicht durch sie manifestiert. Dies kann mit der Sonne verglichen werden, aus der das Licht, das sich über alle Geschöpfe ergießt, emaniert; aber die Sonne verbleibt in der Höhe ihrer Heiligkeit; sie steigt nicht herab und löst sich nicht in leuchtende Formen auf; sie erscheint nicht in der Substanz der Dinge durch deren Beschreibung und Einzelbetrachtung. Das Präexistente wird nicht zum Erscheinenden, unabhängiger Reichtum wird nicht zu verketteter Armut, reine Vollkommenheit wird nicht zu absoluter Unvollkommenheit.


Zusammengefaßt: Die Sufi anerkennen Gott und Geschöpf und sagen, daß Gott Sich in die unendlichen Formen der Geschöpfe auflöse und Sich wie das Meer offenbare, das in den unendlichen Formen der Wellen erscheint: Diese erscheinenden und unvollkommenen Wellen seien das gleiche wie das präexistente Meer, das der Inbegriff aller göttlichen Vollkommenheiten ist. Die Propheten hingegen glauben, daß es die Welt Gottes, die Welt des Königreichs und die Welt der Schöpfung gibt: drei Dinge. Die hauptsächliche Emanation Gottes ist die Gnade des Königreichs, die in die Wirklichkeit der Geschöpfe ausströmt und sich wie das Licht widerspiegelt, das aus der Sonne strömt und in den Geschöpfen glänzt; und diese Gnade, die das Licht ist, wird in unendlichen Formen in der Wirklichkeit aller Dinge widergespiegelt und sondert und vereinzelt sich entsprechend der Fähigkeit, der Würdigkeit und dem eigentlichen Wert der Dinge. Aber die Behauptung der Sufi erfordert, daß der unabhängige Reichtum zur Stufe der Armut herabsteige, daß der Präexistente sich auf Erscheinungsformen beschränke und daß reine Kraft auf den Zustand der Schwäche begrenzt werden müsse, je nach den Grenzen der bedingten Geschöpfe. Dies aber ist offensichtlicher Irrtum. Bedenke, daß die Wirklichkeit des Menschen, der das edelste der Geschöpfe ist, nicht zur Wirklichkeit des Tieres herabsteigt, daß das Wesen des Tieres, das mit den Sinneskräften ausgestattet ist, sich nicht zur Stufe der Pflanze erniedrigt und daß die Wirklichkeit der Pflanze, die die Kraft des Wachstums ist, nicht zur Wirklichkeit des Minerals herabsteigt.

Kurz, die höhere Wirklichkeit erniedrigt sich nicht und steigt nicht zu niedrigeren Stufen herab; wie könnte es also sein, daß die allumfassende Wirklichkeit Gottes, die über alle Beschreibungen und Einschränkungen geheiligt ist, ungeachtet ihrer absoluten Reinheit und Heiligkeit, sich in die Formen der Wirklichkeiten der Geschöpfe auflöse, die die Quelle der Unvollkommenheiten sind? Dies ist bloße Einbildung, die man nicht begreifen kann.

Jenes heilige Wesen ist vielmehr der Inbegriff der göttlichen Vollkommenheiten, und alle Geschöpfe werden durch die Gnade des Ihm entströmenden Glanzes bevorzugt und erhalten die Lichtesfülle, die Vollkommenheit und die Herrlichkeit Seines Königreiches; in gleicher Weise erhalten alle irdischen Geschöpfe die Gnade des Lichtes der Sonnenstrahlen, aber die Sonne erniedrigt sich nicht und steigt nicht zu den begünstigten Wirklichkeiten der irdischen Wesen herab.

Jetzt nach Tisch und in Anbetracht der späten Stunde ist keine Zeit, mehr darüber zu sagen.

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