Was ist Gebet und wie betet man?


Gebet
aus Baha'u'llah und das Neue Zeitalter,
John E. Esslemont, Baha'i Verlag

"Das Gebet ist eine Leiter, auf der jedermann zum Himmel emporsteigen kann.“
Muhammad

Zwiesprache mit Gott

Abdu’l Baha sagt: „Gebet ist Zwiesprache mit Gott.“ Um die Menschen mit Seinem Gedanken und Willen bekannt zu machen, muß Gott in einer Sprache zu ihnen sprechen, die sie verstehen können, und dies tut Er durch den Mund Seiner heiligen Offenbarer. Während diese Offenbarer körperliche Gestalt besitzen, sprechen Sie zu den Menschen von Angesicht zu Angesicht und übermitteln ihnen die Botschaft Gottes. Nach Ihrem Tod gelangt Ihre Botschaft weiterhin zu den Menschen durch Ihre niedergelegten Reden und Schriften. Doch dies ist nicht der einzige Weg, auf dem Gott mit den Menschen sprechen kann. Es gibt eine Sprache des Geistes, unabhängig von Reden und Schriften, durch die Gott zu den Menschen sprechen und die nach Wahrheit suchenden Herzen inspirieren kann, einerlei, wo sie auch sein mögen und welcher Rasse oder welcher Sprache sie angehören. Mittels dieser Sprache bleibt die Manifestation Gottes auch nach Ihrem Weggang von dieser materiellen Welt mit den Gläubigen in Verbindung. Christus fuhr auch nach Seiner Kreuzigung fort, mit Seinen Jüngern zu sprechen und sie zu inspirieren. Ja in der Tat, Er beeinflußte sie noch mächtiger denn zuvor, und mit den anderen Offenbarern war es ebenso. Abdu’l Baha spricht viel über diese geistige Sprache. Er sagt zum Beispiel:

„Wir sollten in der Sprache des Himmels, in der Sprache des Geistes sprechen, denn es gibt eine Sprache des Geistes und des Herzens. Diese ist so verschieden von unserer Sprache, wie die unsrige verschieden ist von der Sprache der Tiere, die sich nur durch Schreie und Laute zu äußern vermögen.“

„Es ist die Sprache des Geistes, die zu Gott spricht. Wenn wir uns, befreit von allen äußerlichen Dingen, im Gebet zu Gott wenden, dann ist es, als hörten wir die Stimme Gottes in unserem Herzen. Ohne Worte zu reden, treten wir in Verbindung, sprechen wir mit Gott und vernehmen die Antwort ... Wir alle, wenn wir zu einem wahrhaft geistigen Zustand gelangen, können die Stimme Gottes vernehmen.“

Baha'u'llah erklärt, daß die höheren geistigen Wahrheiten nur durch diese geistige Sprache übermittelt werden können. Das gesprochene oder geschriebene Wort ist gänzlich unangemessen. In einem kleinen Buche mit dem Titel sieben Täler, in dem Er die Reise eines Pilgers von seiner seitherigen irdischen Wohnstatt nach dem göttlichen Heim beschreibt, sagt Er in bezug auf die höheren Stufen der Reise:

„Die Zunge ist nicht imstande, diese drei letzten Täler zu schildern, und die Sprache ist unzulänglich. Die Feder dringt nicht in ihr Gebiet, und die Tinte hinterläßt nichts als schwärzende Spuren ... Herz zu Herz allein kann von der Wonne der (um Gottes Geheimnisse) Wissenden sagen, kein Bote kann es künden, kein Brief es enthalten.“
Die andächtige Haltung

Um uns zu zeigen, wie wir jenen geistigen Zustand erlangen können, in dem es möglich ist, mit Gott zu sprechen, sagt Abdu’l Baha (Aus einem Gespräch, berichtet von Miss Ethel Rosenberg):

„Wir müssen danach streben, diesen Zustand dadurch zu erlangen, daß wir uns von allen Dingen und von den Menschen frei machen und uns zu Gott allein wenden. Es wird von seiten des Menschen etwas Anstrengung erfordern, diesen Zustand zu erlangen, denn er muß sich darum bemühen und danach streben. Wir können zu diesem Zustand gelangen, indem wir weniger nach materiellen Dingen trachten und weniger auf sie bedacht sind als auf das Geistige. Je weiter wir uns von dem einen entfernen, desto näher sind wir dem andern. Die Wahl steht bei uns. Unser geistiges Wahrnehmungsvermögen, unser inneres Gesicht muß geöffnet werden, so daß wir die Zeichen und Spuren des Gottesgeistes in allem schauen können. Alles kann uns das Licht des Geistes widerspiegeln.“

Baha'u'llah hat geschrieben:

„In der Dämmerfrühe eines jeden Tages sollte der Sucher mit Gott Zwiesprache halten und von ganzer Seele in der Suche nach seinem Geliebten verharren. Er sollte jeden eigensinnigen Gedanken mit der Flamme Seiner liebenden Erwähnung verbrennen.“

In derselben Weise erklärt Abdu’l Baha:

„Wenn der Mensch durch seine Seele dem Geist gestattet, seinen Verstand zu erleuchten, dann umfaßt er die ganze Schöpfung ... Wenn der Mensch jedoch nicht Sinn und Herz den Segnungen des Geistes öffnet, sondern seine Seele der materiellen Seite, dem leiblichen Teil seines Wesens zukehrt, dann ist er von seinem hohen Platz herabgesunken und wird geringer als die Bewohner des niedrigeren Tierreiches.“

Und wieder schreibt Baha'u'llah:

„O Menschen! Befreit eure Seelen von den Fesseln des Selbstes und läutert sie von aller Bindung an irgend etwas außer Mir. Meiner zu gedenken reinigt alle Dinge von Befleckung - könntet ihr es doch erkennen ! ...“

„O Mein Diener! Singe die Verse Gottes, die du empfangen hast, so wie jene sie singen, die sich Ihm genähert haben, damit die Süße deines Gesanges deine eigene Seele entflamme und die Herzen aller Menschen anziehen möge. Wer zurückgezogen in seiner Kammer die von Gott geoffenbarten Verse spricht, wird erfahren, wie die Engel des Allmächtigen den Duft der Worte, die sein Mund verkündet hat, überallhin verbreiten ...“

Die Notwendigkeit eines Mittlers

Abdu’l Baha sprach:

„Ein Mittler ist notwendig zwischen dem Menschen und dem Schöpfer - einer, der das volle Licht des göttlichen Glanzes empfängt und es über die Menschenwelt ausstrahlt, wie die irdische Atmosphäre die wärmenden Strahlen der Sonne empfängt und verbreitet.“

„Wenn wir beten wollen, müssen wir uns auf etwas Bestimmtes sammeln. Wenn wir uns zu Gott wenden, müssen wir unser Herz auf einen bestimmten Mittelpunkt lenken. Wenn der Mensch Gott auf eine andere Weise als durch Seine Manifestation anbetet, muß er sich zuerst eine Vorstellung von Gott machen, und diese Vorstellung ist nur ein Gebilde seines eigenen Geistes. Da aber das Endliche das Unendliche nicht begreifen kann, so kann Gott auf diese Weise nicht begriffen werden. Das, was sich der Mensch mit seinem eigenen Geist vorstellt, kann er begreifen. Aber das, was er begreifen kann, ist nicht Gott. Die Vorstellung, die sich ein Mensch von Gott macht, ist nur ein Trugbild, ein Bild, eine Einbildung, eine Täuschung. Es gibt keine Verbindung zwischen einer solchen Vorstellung und dem Allerhöchsten Wesen. Wenn jemand Gott erkennen will, so muß er Ihn in dem vollkommenen Spiegel Christi oder Baha'u'llahs finden. In jedem dieser Spiegel wird er die Sonne der Göttlichkeit widergespiegelt sehen. Wie wir die physische Sonne an ihrem Glanz, ihrem Licht und ihrer Hitze erkennen, so erkennen wir Gott, die geistige Sonne, wenn sie aus dem Tempel der Manifestation hervorstrahlt, an Seinen Kennzeichen der Vollkommenheit, an der Schönheit Seiner Eigenschaften und an dem Glanze Seines Lichtes.“

Er sagt ferner:

„Wenn der Heilige Geist nicht zum Vermittler wird, kann der Mensch nicht unmittelbar zu den Gaben Gottes gelangen. Überseht die unverkennbaren Wahrheiten nicht, denn es ist selbstverständlich, daß ein Kind nicht ohne Lehrer unterrichtet werden kann und daß Erkenntnis eine der Gaben Gottes ist. Ohne den Regen der Wolken wird der Erdboden nicht mit Gras und anderen Gewächsen bedeckt. Daher sind die Wolken die Vermittler zwischen den göttlichen Gaben und dem Erdboden ... Das Licht hat einen Mittelpunkt, und so es jemand anderswo als in diesem Mittelpunkt suchen wollte, würde er niemals zu ihm gelangen ... Wende deinen Blick zu den Tagen Christi. Manche bildeten sich ein, sie könnten ohne die messianische Ausgießung zur Wahrheit gelangen, aber gerade diese Einbildung wurde zur Ursache, daß sie jener verlustig gingen.“

Wer es versucht, zu Gott zu beten, ohne sich an Seine Manifestation zu wenden, gleicht einem Menschen im dunklen Kerker, der durch seine Einbildung versucht, in der Pracht des Sonnenscheins zu schwelgen.

Das Gebet ist eine unerläßliche Pflicht

Das Gebet ist den Baha'i in klaren Worten zur Pflicht gemacht. Baha'u'llah sagt in dem Kitab-i-Aqdas:

„Singt (oder sprecht) die Worte Gottes jeden Morgen und jeden Abend. Wer dies vernachlässigt, ist dem Bündnis Gottes nicht treu, und wer sich an diesem Tag davon abwendet, gehört zu denen, die sich von Gott abgewandt haben. Fürchte Gott, o mein Volk! Werde nicht stolz durch zu vieles Lesen (des heiligen Wortes). Nur einen Vers in Freude und Frohsinn zu singen ist besser für euch, als alle Offenbarungen des allmächtigen Gottes achtlos zu lesen. Singt die Tablets Gottes nur, solange ihr nicht von Müdigkeit und Schwäche befallen werdet. Überbürdet die Seele nicht bis zur Erschöpfung und Abspannung, sondern erquickt sie vielmehr derart, daß sie sich auf den Schwingen der Offenbarung zum Dämmerungsort der Beweise erheben möge. Dies bringt euch näher zu Gott - o gehörtet ihr doch zu denen, die dies verstehen.“

Abdu’l Baha sagte zu einem Briefschreiber:

„O du geistiger Freund! Du hast nach der Weisheit des Gebetes gefragt. Wisse, daß das Gebet eine unerläßliche Pflicht ist und daß der Mensch unter keinem Vorwand davon entbunden werden kann, es sei denn, er ist geistig krank oder ein unüberwindliches Hindernis tritt auf.“

Ein anderer fragte Ihn: „warum beten? Welchen Sinn hat das Beten, nachdem doch Gott alles weislich angeordnet hat und alle Angelegenheiten in bester Ordnung durchführt? Was für einen Sinn hat darum das Bitten und Flehen, das Vorbringen von Wünschen und Hilfesuchen?“

Abdu’l Baha antwortete:

„Wisse, daß es sich für den Schwachen geziemt, sich an den Starken zu halten, und daß der Sucher nach Gnade den Herrlichen, den Freigebigen, darum bitten soll. Wer zu seinem Herrn fleht, der wendet sich Ihm zu und sucht Gnade von Seinem Ozean. So ist dieses Flehen schon an sich Licht für sein Herz, Erleuchtung für sein Schauen, Leben für seine Seele und Erhöhung für sein Wesen.“

„Beachte also, wie dein Herz erquickt wird, wenn du zu Gott flehst und sprichst: ‘Dein Name ist meine Heilung’, wie dann deine Seele durch den Geist der Liebe Gottes entzückt wird und dein Gemüt zu dem Reiche Gottes sich hingezogen fühlt! Dadurch wachsen deine geistigen Anlagen und Fähigkeiten. Wenn das Gefäß vergrößert wird, nimmt das Wasser darin zu, und wenn der Durst sich steigert, empfindet der Mensch die Güte der Wolke angenehm. Dies ist das Geheimnis des Bittens und die Weisheit des Aussprechens der Wünsche.“

Baha'u'llah hat drei tägliche Pflichtgebete geoffenbart. Dem Gläubigen steht es frei, eines dieser drei Gebete auszuwählen, aber er hat die Pflicht, eines davon zu sprechen, und zwar in der Art, wie Baha'u'llah es vorgeschrieben hat.
Das Gebet, die Sprache der Liebe

Auf die Frage, ob das Gebet notwendig sei, da doch angenommen werden könne, daß Gott die Wünsche aller Herzen kenne, antwortete Abdu’l Baha:

„Wenn ein Freund für einen andern Liebe fühlt, so wird er es ihm sagen wollen. Obschon er weiß, daß der Freund seine Liebe empfindet, wird er doch den Wunsch haben, ihm dies zu sagen ... Gott kennt die Wünsche aller Herzen, aber der Drang zu beten ist ein natürlicher, er entspringt aus des Menschen Liebe zu Gott ...“

„Das Gebet bedarf nicht der Worte, aber der Gedanken und der Haltung. Wenn diese Liebe und dieses Verlangen fehlen, dann ist es nutzlos, sie erzwingen zu wollen. Worte ohne Liebe bedeuten nichts. Wäre es dir angenehm, dich mit jemandem zu unterhalten, der ohne Liebe und Freude über sein Zusammensein mit dir, nur aus einem ihm unangenehmen Pflichtgefühl heraus, mit dir spricht?“

Bei einem anderen Gespräch sagte Abdu’l Baha:

„Im reinsten Gebet beten die Menschen nur um der Liebe Gottes willen, nicht weil sie Ihn oder die Hölle fürchten oder auf die Güte oder den Himmel hoffen ... Wenn sich jemand in einen Menschen verliebt, so ist es ihm unmöglich, den Namen des geliebten Wesens nicht zu nennen. Wieviel schwieriger ist es für einen Menschen, sich der Erwähnung des Namens Gottes zu enthalten, wenn er dazu gelangt ist, Gott zu lieben! Der geistige Mensch findet an nichts Freude außer im Gedenken Gottes.“

Befreiung aus Trübsalen

Nach den Lehren der Offenbarer rühren Krankheit und alle anderen Arten von Trübsal von dem Ungehorsam den Geboten Gottes gegenüber her. Selbst Unglücksfälle, die von einer Flut, einem Orkan oder einem Erdbeben herrühren, sind nach Abdu’l Baha mittelbar dieser Ursache zuzuschreiben.

Das Leid, das dem Irrtum folgt, ist nicht rächender, sondern erzieherischer und heilsamer Natur. Es ist Gottes Stimme, die dem Menschen ankündigt, daß er vom rechten Weg abgeirrt ist. Wenn das Leid schrecklich ist, so nur deshalb, weil die Gefahr des Unrechttuns noch schrecklicher ist, denn „der Tod ist der Sünde Sold“.

So wie Trübsal dem Ungehorsam zuzuschreiben ist, so kann die Befreiung von Trübsal nur durch Gehorsam erlangt werden. Es gibt hierin weder Zufall noch Zweifel. Sich von Gott abzuwenden bringt unvermeidlich Mißgeschick, und sich Gott zuzuwenden bringt ebenso unvermeidlich Segen.

Da die ganze Menschheit ein Organismus ist, so hängt die Wohlfahrt jedes einzelnen nicht nur von seinem eigenen Betragen, sondern auch von dem seines Nächsten ab. Wenn einer Unrecht tut, so leiden alle mehr oder weniger darunter; tut aber einer Gutes, so haben alle davon Nutzen. Jeder hat bis zu einem gewissen Grad seines Nächsten Lasten zu tragen, und die Besten der Menschheit sind jene, welche die schwersten Bürden tragen. Die Heiligen haben immer überaus schwer gelitten, die Offenbarer haben im höchsten Maße gelitten. Baha'u'llah sagt im Buch Iqan:

„Denn du bist doch zweifellos unterrichtet über die Trübsale, die Armut, die Übel und die Erniedrigung, die über jeden Propheten Gottes und Seine Gefährten kamen. Du hast doch gehört, wie die Köpfe Ihrer Anhänger als Geschenke in verschiedene Städte gesandt wurden.“

Dies ist aber nicht so zu verstehen, als ob die Heiligen und Offenbarer mehr Strafe verdient hätten als andere Menschen. Nein, diese leiden oft für die Sünden anderer und wählen das Leiden für Sich um der anderen willen. Es geht Ihnen um das Wohl der Welt und nicht um Ihr eigenes Wohl. Der, welcher die Menschheit wahrhaft liebt, bittet nicht darum, daß er als einzelner von der Armut, der Krankheit oder dem Ungemach verschont bleibe, sondern daß die Menschheit von der Unwissenheit, dem Irrtum und den Übeln, die diesen unvermeidlich folgen, befreit werden möge. Wenn er für sich Gesundheit oder Reichtum wünscht, dann nur, um damit dem Königreiche Gottes dienen zu können, und wenn ihm physische Gesundheit und Reichtum versagt sind, nimmt er sein Los mit „strahlender Ergebung“ an, wohl wissend, daß in allem, was ihn auf dem Pfade Gottes befällt, eine rechte Weisheit liegt.

Abdu’l Baha sagt:

„Kummer und Sorge überkommen uns nicht zufällig, sie werden uns vielmehr durch die göttliche Gnade zu unserer eigenen Vervollkommnung gesandt.“

„Solange ein Mensch glücklich ist, mag er wohl Gott vergessen, doch wenn ihn Kummer ankommt und Sorge überwältigt, wird er sich des Vaters, der im Himmel ist und ihn aus seiner Erniedrigung zu befreien vermag, erinnern ... Je mehr ein Mensch geläutert wird, desto größer ist die Ernte der geistigen Tugenden, die aus ihm hervorgehen.“

Auf den ersten Blick erscheint es uns sehr ungerecht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leiden soll, aber Abdu’l Baha versichert uns, daß diese Ungerechtigkeit nur eine scheinbare ist, daß aber auf weite Sicht vollkommene Gerechtigkeit herrscht. Er schreibt:

„Was nun die Säuglinge und Kinder betrifft, die unter den Händen der Unterdrücker leiden und umkommen ... so gibt es für diese Seelen eine Belohnung in einer anderen Welt ... Dieses Leiden ist die größte Gnade Gottes. Wahrlich, diese Gnade des Herrn ist weit besser, als alle Annehmlichkeiten dieser Welt und als das Wachstum und die Entwicklung, welche dieser Stätte der Sterblichkeit eigen sind.“

Gebet und Naturgesetz

Manche finden es schwierig, an die Wirksamkeit des Gebets zu glauben, weil sie denken, die Erhörung des Gebets bedeute eine willkürliche Einmischung in das Naturgesetz. Ein Gleichnis möge dienen, diese Schwierigkeit zu beseitigen. Wenn ein Magnet über Eisenspäne gehalten wird, so werden diese auffliegen und an dem Magnet haften. Dies bedeutet aber keine Einmischung in das Gesetz der Schwerkraft. Die Schwerkraft wirkt auch jetzt noch wie zuvor auf die Eisenspäne ein. Was sich ereignete, ist nur, daß hier eine stärkere Kraft einsetzte - eine andere Kraft, deren Wirkung ebenso regelrecht und berechenbar ist wie die der Schwerkraft. Die Baha'i-Anschauung ist, daß das Gebet höhere Kräfte auslöst, die noch verhältnismäßig wenig bekannt sind. Es scheint aber kein Grund zu der Annahme vorzuliegen, daß diese Kräfte in ihrer Tätigkeit willkürlicher als die physischen Kräfte seien. Der Unterschied ist nur der, daß diese Kräfte noch nicht genügend und nicht experimentell erforscht sind, und wegen unserer Unkenntnis erscheint uns ihr Wirken geheimnisvoll und unberechenbar.

Eine andere Schwierigkeit, die manche als verwirrend ansehen, ist die, daß ihnen das Gebet als eine zu schwache Kraft erscheint, um die großen Wirkungen, die oft damit erstrebt werden, hervorzubringen. Auch hier mag ein Gleichnis dazu dienen, diese Schwierigkeit zu beheben. Wenn eine schwache Kraft auf das Schleusentor eines Stauwerkes gerichtet wird, so ist sie imstande, eine gewaltige Flut von Wasserkräften zu entfesseln und zu regeln, oder wenn eine solche schwache Kraft bei dem Steuerungswerk eines Ozeandampfers eingesetzt wird, so ist sie imstande, den Kurs dieses Riesenfahrzeuges zu bestimmen. Nach der Baha'i-Anschauung ist jene Macht, die auf unsere Gebete antwortet, die unerschöpfliche Macht Gottes. Dem Betenden kommt es nur zu, die schwache Kraft anzuwenden, die nötig ist, um die Flut zu befreien oder den Lauf der göttlichen Gnadenfülle zu bestimmen, die immer bereit ist, jenen zu dienen, die gelernt haben, wie man sich an sie wendet.
Gebet
aus Wikipedia

Das Gebet ist eine zentrale Handlung aller theistischen Religionen. Im Gebet wendet sich der Mensch an Gott.
Gebetet wird im Gottesdienst, in einer Gruppe oder allein. Ganze Gottesdienste können als Gebet verstanden werden, wie der jüdische Shacharit am Shabbat, die Eucharistiefeier der orthodoxen Kirchen, das Stundengebet, oder das Freitagsgebet der Muslime. Manche Religionen kennen festgesetzte Gebetszeiten.
Gebete werden gesungen, laut ausgesprochen oder nur in Gedanken sprachlich formuliert. Es gibt dabei je nach Religion und Konfession unterschiedliche Körperhaltungen und Gesten - stehen, knien, niederwerfen, den Kopf senken, die Hände falten oder erheben. Ebenso mag die Haltung individuell völlig frei gewählt werden.
Es gibt tradierte liturgische Gebete mit feststehenden Wortfolgen, manchmal mit Rede und Antwort, Gebete mit Vorlagen oder spontan formulierte Gebete.

Judentum

Das Judentum ist eine Religion des Gebets. Ein konservativer oder orthodoxer jüdischer Mann betet drei Mal täglich, morgens, mittags und abends. Gebetet wird stehend, mit bedecktem Kopf, beim Morgengebet mit dem Tallit (Gebetsschal) und Tefillin.

Die Gebete werden nach einem Grundmuster gebetet, das sich je nach Wochentag oder Festtag leicht variiert. Das Gebetbuch, das diese Gebete enthält, ist der Siddur. Zu den Gebeten gehören Tehillim (Psalmen), das Schema Israel (Höre, Israel), das Amidah (Achtzehn-Segen-Gebet) und das Aleinu, alles in hebräischer Sprache.

Zum häuslichen Sabbat, höchster Feiertag des Judentums und Zeichen des Bundes Gottes mit dem Volk Israel (Geschenk der Liebe Gottes), in der Familie gehören der Segen, der von der Mutter gesprochen wird, und der Kiddusch über dem Sabbatwein, der vom Vater gesprochen wird, es liegen drei zopfartig geflochtene Sabbatbrote, die Barches auf dem Tisch, das in der Mitte heißt Challa .

Für Festtage gibt es weitere besondere Gebete.

Ein auch innerhalb des Judentums umstrittenes Gebet ist das Kol Nidre, das am Versöhnungstag gesprochen wird:

"Alles Gelübde", Eröffnungsgebet an Jom Kippur.

Das Kol Nidrej-Gebet am Abend von Jom Kippur

„Alle Gelübde, Entsagungen, Bannungen, Koname, Kinnuje, Kinnuse (gelübdeähnliche Ausdrücke. Anmerkung des Verfassers) und Schwüre, die wir angeloben, schwören, bannartig sprechen und auf unsere Seelen binden werden, von diesem bis zum nächsten uns zum Heile kommenden Versöhnungstage: sie alle bereuen wir (im voraus), sie alle sollen (schon jetzt) aufgelöst, aufgehoben, nichtig und vernichtet, ohne Kraft und ohne Geltung sein. Unsere Gelübde sollen keine Gelübde und unsere Schwüre keine Schwüre sein.”
Nach rabbinischer Auslegung sind damit ausschließlich religiöse Gelübde gemeint, die nur die Person selbst betreffen (z. B. sich für einige Zeit des Weins zu enthalten) und die nicht voll bewusst ausgesprochen werden (sondern z. B. als Redensart). Von Antisemiten wurde dieses Gebet jedoch oft als Argument dafür verwendet, dass man Juden nicht trauen könne.

Christentum

Das Gebet gehörte von Anfang an zu den wichtigsten Ausdrucksformen des christlichen Glaubens. Bereits im Neuen Testament sind viele verschiedene Gebetsformen erwähnt: Psalmen, Bitte, Dank, Fürbitte, Anbetung. Einige der am häufigsten gebrauchten christlichen Gebete stammen aus dem Neuen Testament, z. B. das Vaterunser und das Magnificat. Besonders viele Lobeshymnen sind in der Offenbarung des Johannes enthalten.

Bis heute hat das Gebet einen zentralen Platz in der Praxis aller christlichen Konfessionen.

Alle kennen das Vaterunser und die Psalmen ebenso wie persönlich formulierte Gebete und Kirchenlieder in Gebetsform. Die orthodoxen, katholischen und anglikanischen Kirchen haben eine reiche Tradition von vorformulierten Gebeten für den liturgischen und persönlichen Gebrauch, im Pietismus und im freikirchlichen Raum sind die Gebete in der Regel spontan formuliert.

Alle christlichen Konfessionen wenden sich im Gebet direkt an Gott und gehen davon aus, dass Gott Gebete hört. Christen wenden sich im Gebet an den Dreieinigen Gott, beten zu Gott dem Vater, zu Jesus Christus und manche auch zum Heiligen Geist, wobei es in den meisten Konfessionen, von fest formulierten liturgischen Gebeten abgesehen, dem einzelnen überlassen ist, an wen er sich im Gebet wendet. In der katholischen und der orthodoxen Kirche können Gebete auch an Maria und an Heilige gerichtet werden, wobei diese Gebete eine Bitte um Fürsprache beim dreieinigen Gott sind.

Christen glauben, dass Gott Gebete erhört, wobei es über die Art und Häufigkeit der Erhörung sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt.

Ebenso glauben viele Christen, dass Gott im Gebet durch den Heiligen Geist zum Beter reden kann. Dabei kann es sich um Prophetie, Erleuchtung und persönliche Eingebungen handeln, aber ebenso um alltägliches, wie dass Gott z. B. die Aufmerksamkeit auf einen Bibelvers lenkt, der in die Situation passt, oder ein allgemeines Gefühl des Getröstetseins gibt. Praktisch alle Konfessionen, bei denen Prophetie oder Erleuchtung eine Rolle spielen, haben allerdings gewisse Sicherheitsregeln, um allzu wilde Fantasie in Grenzen zu halten, z. B. Beurteilung durch erfahrene Christen oder Gemeindeleiter, Beurteilung durch die Gemeinschaft anhand der Bibel, Beurteilung durch die kirchliche Lehre.

Das Christentum kennt viele Gebetsformen.

Im Gottesdienst: bei fast allen Konfessionen gehört das gemeinsam gesprochene Vaterunser zum Gottesdienstablauf. Daneben gibt es je nach Konfession liturgische Gebete, oft im Wechsel zwischen Einzelnen und der Gemeinde, freie oder vorformulierte Gebete des Gottesdienstleiters oder gemeinsames freies Gebet der Gemeinde.
In Gruppen: Es gibt feststehende Gebetsliturgien, z. B. der Rosenkranz in der katholischen Kirche, der Evensong in der anglikanischen Kirche oder das Stundengebet. Im März gibt es jedes Jahr einen ökumenischen Frauengebetstag, wo jedes Jahr überall die gleiche Liturgie gebetet wird, die von Frauen eines bestimmten Landes zusammengestellt wurde. Die Evangelische Allianz hat im Januar jeweils eine Gebetswoche und regelmäßige überkonfessionelle Gebetsabende, die reihum in den Gemeinden der Allianz stattfinden. Im Umfeld der charismatischen Bewegung gibt es ebenfalls zahlreiche Gebetsgruppen, darunter auch solche, die für ganz spezifische Anliegen beten, z. B. Friedensgebete.
In der Familie: in manchen christlichen Familien sind noch Tischgebete üblich, häufiger noch gibt es ein Nachtgebet mit den Kindern. Gemeinsame Familienandachten sind heute eher selten.
Einzelne: Hier geht das Spektrum von einem Vaterunser vor dem Einschlafen über eine tägliche Stille Zeit bis zu den Exerzitien des Ignatius von Loyola.
Das Gebet beinhaltet aber nicht nur eine Bitte, der Bittcharakter ist nur ein Aspekt des Gebetes. Beispielsweise sehen die Mystiker im Gebet vielmehr eine Kontaktaufnahme oder gar ein Zwiegespräch mit Gott, da sie auf das Bibelwort vertrauen, dass Gott selbstverständlich weiß, was der Betende benötigt: »Denn euer Vater weiß, was ihr nötig habt, ehe ihr ihn bittet« Mt 6,8

Islam

Siehe Salat.

Baha'i Religion

In der Baha'i Religion spielt Gebet eine wichtige Rolle, so wurden von den drei Zentralgestalten der Baha'i Religion zahlreiche Gebete geoffenbart. Abdul Baha sagt: "Es ist die Sprache des Geistes, die zu Gott spricht. Wenn wir uns, befreit von allen äußerlichen Dingen, im Gebet zu Gott wenden, dann ist es, als hörten wir die Stimme Gottes in unserem Herzen. Ohne Worte zu reden, treten wir in Verbindung, sprechen wir mit Gott und vernehmen die Antwort ... Wir alle, wenn wir zu einem wahrhaft geistigen Zustand gelangen, können die Stimme Gottes vernehmen."

Ein Beispiel für ein Baha'i Gebet, geschrieben von Baha'u'llah: O Du gütiger Herr! Du hast die ganze Menschheit aus dem gleichen Stamm erschaffen. Du hast bestimmt, daß alle der gleichen Familie angehören. In Deiner heiligen Gegenwart sind alle Deine Diener, die ganze Menschheit findet Schutz in Deinem Heiligtum. Alle sind um Deinen Gabentisch versammelt; alle sind erleuchtet vom Lichte Deiner Vorsehung. O Gott! Du bist gütig zu allen, Du sorgst für alle, Du beschützest alle, Du verleihst allen Leben. Du hast einen jeden mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet, und alle sind in das Meer Deines Erbarmens getaucht. O Du gütiger Herr! Vereinige alle. Gib, daß die Religionen in Einklang kommen und vereinige die Völker, auf daß sie einander ansehen wie eine Familie und die ganze Erde wie eine Heimat. O daß sie doch in vollkommener Harmonie zusammenlebten! O Gott! Erhebe das Banner der Einheit der Menschheit. O Gott! Errichte den Größten Frieden. Schmiede Du, o Gott, die Herzen zusammen. O Du gütiger Vater, Gott! Erfreue unsere Herzen durch den Duft Deiner Liebe. Erhelle unsere Augen durch das Licht Deiner Führung. Erquicke unsere Ohren mit dem Wohlklang Deines Wortes und beschütze uns alle in der Feste Deiner Vorsehung. Du bist der Mächtige und der Kraftvolle, Du bist der Vergebende und Du bist der, welcher die Mängel der ganzen Menschheit übersieht.

Zitate

Das Werk gibt dem Wort innere Stärke, doch das Gebet erwirbt für Taten und Worte innere Kraft. Bernhard von Clairvaux

Der Mensch ist von Gott nie weiter entfernt als ein Gebet. Mutter Teresa

Wenn ihr betet, macht es nicht so wie die Heuchler, die sich dazu gern in die Synagogen und an die Straßenecken stellen, damit sie von den Leuten gesehen werden. Ich versichere euch: Mit dieser Ehrung haben sie ihren Lohn schon kassiert. Wenn du betest, geh in dein Zimmer, schließ die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dann wird dein Vater, der ins Verborgene sieht, dich belohnen. Beim Beten sollt ihr nicht plappern wie die Menschen, die Gott nicht kennen. Sie denken, dass sie erhört werden, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie! Denn euer Vater weiß ja, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn bittet. Jesus Christus in der Bergpredigt, Matthäus 6,5-8; Neue Evangelistische Übersetzung (NeÜ)
Du weißt nicht, wie man beten soll? - Besinne dich auf die Gegenwart Gottes, und kaum dass du sagst: "Herr, ich kann nicht beten", kannst du gewiss sein, dass du schon mitten im Gebet bist.

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