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Analyse der Religionen












(Teil 1)
Hallo,

Was ist Religion? Warum gibt es Religionen? Wieviel haben deren Inhalt mit der Wahrheit zu tun?
Wie entsteht eine Religion? Warum sind Religionen so maechtig in ihrem Einfluss?

Gustave Le Bon, der Vater der Massenpsychologie gab auf diese Fragen recht gute Antworten:

Aus seinem Werk Psychologie der Massen:

Bildung von Legenden
...
Um aber auf die Beobachtungen zurückzukommen, die von den Massen gemacht werden, so können wir daraus schließen, dass die Kollektivbeobachtungen die verfehltesten von allen sind, und dass sie meistens nur die einfache Täuschung eines einzelnen sind, die durch Übertragung alle andern beeinflußt hat.
Unzählige Fälle beweisen, dass man gegen die Zeugenschaft der Masse das größte Mißtrauen hegen muß.
...
Zu erklären, eine Tatsache sei von Tausenden von Zeugen gleichzeitig festgestellt worden, heißt erklären, dass das wirkliche Ereignis von dem angenommenen Bericht im allgemeinen erheblich abweicht.
...
Die Phantasie der Massen formt (Legenden) je nach den Zeiten und den Rassen um. Vom grausamen Jehova der Bibel bis zum Gott der Liebe der heiligen Therese ist ein großer Schritt, und der in China verehrte Buddha hat mit dem in Indien angebeteten keinen Zug gemein.
...
Wir haben gesehen, dass die Massen nicht überlegen, dass sie Ideen in Bausch und Bogen annehmen oder verwerfen, weder Auseinandersetzung noch Widerspruch dulden, und dass die Einflüsse, die auf sie wirken, den Bereich ihrer Vernunft gänzlich erfüllen und danach streben, sich sogleich in die Tat umzusetzen.
Wir haben gezeigt, dass die entsprechend beeinflußten Massen bereit sind, sich für das Ideal zu opfern, das man ihnen suggeriert hat. (Anm.: Selbstmordattentaeter)
Wir haben schließlich festgestellt, dass sie nur heftige und extreme Gefühle kennen. Die Zuneigung wird bei ihnen schnell zur Anbetung, und kaum geborene Abneigung wandelt sich in Haß. Diese allgemeinen Merkmale lassen uns die Art ihrer Überzeugungen ahnen.
Die nähere Untersuchung der Überzeugungen der Masse, sowohl in den Zeiten des Glaubens, als in den großen politischen Erhebungen, wie etwa im vorigen Jahrhundert, ergibt, dass diese Überzeugungen stets eine besondere Form aufweisen, die ich nicht besser zu bezeichnen weiß als mit dem Namen religiösen Gefühls.

Dies Gefühl besitzt sehr einfache Kennzeichen:
- Anbetung eines vermeintlichen höheren Wesens,
- Furcht vor der Gewalt, die ihm zugeschrieben wird,
- blinde Unterwerfung unter seine Befehle,
- Unfähigkeit, seine Glaubenslehren zu untersuchen,
- die Bestrebung, sie zu verbreiten,
- die Neigung, alle als Feinde zu betrachten, die sie nicht annehmen.
(Teil 2)
Ob sich ein derartiges Gefühl auf einen unsichtbaren Gott, auf ein steinernes Idol, auf einen Helden oder auf eine politische Idee richtet — sobald es die angeführten Merkmale aufweist, ist es immer religiöser Art. Das Übernatürliche und das Wunderbare sind überall darin wiederzuerkennen.
...
Nicht nur dann ist man religiös, wenn man eine Gottheit anbetet, sondern auch dann, wenn man alle Kräfte seines Geistes, alle Unterwerfung seines Willens, alles Gluten des Fanatismus dem Dienst einer Macht oder eines Wesens weiht, das zum Ziele und Führer der Gedanken und Handlungen wird.
Mit dem religiösen Gefühl sind gewöhnlich
- Unduldsamkeit und
- Fanatismus verbunden.
Sie sind unausbleiblich bei allen, die das Geheimnis des irdischen und himmlischen Glückes zu besitzen glauben.
Die beiden Eigenschaften sind bei allen in einer Gruppe vereinigten Menschen wiederzufinden, wenn irgendein Glaube sie erhebt. Die Jakobiner der Schreckenstage waren ebenso tief religiös wie die Katholiken der Inquisition, und ihr grausamer Eifer entsprang der gleichen Quelle.
...
Auch ist es eine überflüssige Banalität, zu wiederholen, die Massen bedürften einer Religion. Denn alle politischen, religiösen und sozialen Glaubenslehren finden bei ihnen nur Aufnahme unter der Bedingung, dass sie eine religiöse Form angenommen haben, die sie jeder Auseinandersetzung entzieht.
Wenn es möglich wäre, die Massen zu bewegen, den Atheismus anzunehmen, so würde er ganz zum unduldsamen Eifer eines religiösen Gefühls und in seinen äußeren Formen bald zu einem Kultus werden. (Anm.: wie in den 60er Jahren an den Sektenbewegungen gesehen)
...
Die Gewalttaten der Revolution, ihre Metzeleien, ihr Bedürfnis nach Verbreitung, ihre Kriegserklärung an alle Könige sind nur zu erklären, wenn man bedenkt, dass sie zur Befestigung eines neuen religiösen Glaubens dienten. Die Reformation, die Bartholomäusnacht, die Religionskriege, die Inquisition, die Schreckenstage sind Erscheinungen derselben Art unter dem Einfluß dieser religiösen Gefühle, die notwendig dazu führen, mit Feuer und Schwert alles auszurotten, was sich der Einführung des neuen Glaubens entgegenstellt.
Das Verfahren der Inquisition und der Schreckenstage ist das aller wahrhaft Überzeugten; sie wären keine Gläubigen, wenn sie anders verführen.
...
Nicht die Könige haben die Religionskriege verursacht, und nicht Robespierre, Danton oder Saint-Just waren die Urheber der Schreckenstage. Hinter solchen Ereignissen findet man immer wieder die Seele der Massen.
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Es lohnt sich ueber diese Analyse einmal nachzudenken.
Ist es die Seele der Massen, die eine Religion entstehen laesst?
Gibt es Religionen weil dar unduldsamen Eifer eines religiösen Gefühls die Massen dazu zwingt?
Formt die Phantasie der Massen die Legenden und somit religioese Inhalte?
Entsteht eine Religion einfach deshalb weil sie ein beduerfnis der Massen ist?
Sind Religionen so maechtig in ihrem Einfluss, weil Ueberzeugingen zu religiösen Gefühl werden?

lg
@Solution_1

Um eine mögliche Antwort zu geben und ein Erkennen der Wahrheit zu Deiner Frage passt glaube ich auch diese Sufi Geschichte ...


Der Gebirgspfad

Ein intelligenter Mann, ein Gelehrter mit schultem Verstand, kam eines Tages in ein Dorf.
Zu Übungszweicken und als Studie wollte er die verschiedenen Anschauungen, die hier vertreten sein mochten, miteinander vergleichen.

Er ging in die Herberge und fragte nach dem wahrhaftigsten Einwohner sowie nach dem grössten Lügner des Dorfes. die Leute, die dort beisammen waren, bezeichneten übereinstimmend einen Mann namens Kazzab als ihren grössten Lügner; und ein gewisser Rastgu sei der wahrhaftigste.
Der Gelehrte besuchte erst den einen und dann den anderen und stellte jedem eine einfache Frage: "Welches ist der beste Weg zum nächsten Dorf?"

Rastgu, der Wahrhaftige sagte: "Der Gebirgspfad."
Kazza, der Lügner, sagte auch: "Der Gebirgspfad."

Es war nur natürlich, dass dies dem Reisenden grosses Kopfzerbrechen bereitete.

Darum stellte er einigen anderen gewöhnlichen Bürgern dieselbe Frage. Einige sagten: "Der Fluss", andere "Quer über die Felder." Und andere sagten ebenfalls: "Der Gebirgspfad."

Er wählte den Gebirgspfad, aber zusätzlich zum eigentlichen Zweck seiner Reise quälte ihn das Problem der Wahrhaftigen und der Lügner dieses Dorfes.

Als er ins Nachbardorf kam und seine Geschichte in der Herberge erzählte, schloss er mit den Worten:
"Ich habe offensichtlich den grundlegenden logischen Fehler gemacht, die falschen Leute nach den Namen des Wahrhaftigen und des Lügners zu fragen.
Ich kam auf dem Gebirgspfad recht bequem hierher."

Ein Weiser Mann der zugegen war, sagte: "Logiker, so muss man zugeben, neigen zu Blindheit und müssen andere Leute bitten, ihnen zu helfen. Aber hier liegt die Sache anders. Die Tatsachen sind folgende: Der Fluss ist der bequemste Weg, daher schlug der Lügner den Gebirgspfad vor. Aber der wahrhaftige Mann war nicht nur wahrhaftig. Er bemerkte, dass du einen Esel hast, der dir die Reise noch angenehm macht.
Der Lügner beobachtete zufällig nicht die Tatsache, dass du kein Boot hast, sonst hätte dir den Fluss vorgeschlagen."

Die Leute finden, dass sie an Fähigkeiten und Segnungen der Sufis unmöglich glauben können. Aber das sind die Leute, die nichts von wahrem Glauben entweder aus Gewohnheit oder weil es ihnen von Leuten, die Autorität besitzen, erzählt wird, alle möglichen Sachen, die nicht wahr sind.

"Wahrer Glaube ist etwas anderes. Die fähig sind, wirklich zu glauben, sind jene, die eine Sache erlebt haben. Wenn sie diese tatsächlich erlebt haben ... sind Fähigkeiten und Segnungen von denen nun erzählt wird, nutzlos für sie."

Diese von Sayed Shah ( Qadiri, er starb 1854 ) berichteten Worte leiten manchmal die Geschichte vom Gebirgspfad ein.

ISBN 978-3-451-07065-5, Idris Shah, Die drei Wahrheiten.


Gruss
Nasruddin
Lieber Solution,

Gut das die Wissenschaft, insbesondere die Psychologie, Soziologie und Religionswissenschaft, schon Fortschritte nach Le Bon gemacht hat.

Auch sollte hier geschaut werden was Le Bon unter Religion verstanden hat. Zu seiner Zeit hat man nämlich nur alle Religionen außer das Christentum als Religionen gesehen und das Christentum als den Glauben.

Somit wurde Religion zu der Sache der Ungläubigen erklärt und alles positive in ihr liegt nur in einer legislativen Funktion, welche die Gesellschaft ordne.

Ich hoffe das du sein Werk aus dem 19. Jahrhundert auch kritisch reflektierst.


Liebe Grüße, Tobias
@Tobias

Zitat:
Gut das die Wissenschaft, insbesondere die Psychologie, Soziologie und Religionswissenschaft, schon Fortschritte nach Le Bon gemacht hat.

LeBon gilt nach wie vor als Standardwerk der Psychologie.
Wieder versuchst du laengst anerkannte wissenschaftliche Schriften abzuwerten.

Zitat:
Zu seiner Zeit hat man nämlich nur alle Religionen außer das Christentum als Religionen gesehen und das Christentum als den Glauben.

Falsch! er gebraucht beide Begriffe synonym zueinander.
"Die Jakobiner der Schreckenstage waren ebenso tief religiös wie die Katholiken der Inquisition, und ihr grausamer Eifer entsprang der gleichen Quelle. "

Zitat:
Somit wurde Religion zu der Sache der Ungläubigen erklärt und alles positive in ihr liegt nur in einer legislativen Funktion, welche die Gesellschaft ordne.

Richtig! Religion wird als notwendige Eigenschaft der Massen erkannt.(egal ob Christentum, Hinduismus, Islam, Budhismus oder irgendein Polytheismus) "Auch ist es eine überflüssige Banalität, zu wiederholen, die Massen bedürften einer Religion. "
Damit steht er in einer Linie mit Singer und anderen Anthropologen und Neurotheologen, die nachweisen das Religionen sogar einen evolutionaeren Vorteil bieten.

LeBons Kernaussagen hier sind
1. "Zu erklären, eine Tatsache sei von Tausenden von Zeugen gleichzeitig festgestellt worden, heißt erklären, dass das wirkliche Ereignis von dem angenommenen Bericht im allgemeinen erheblich abweicht."
Eine Erkenntnis, die hinlaenglich bekannt ist und die schon jeder Schueler in Sozialkunde lernt.
2. Die Phantasie der Massen formt (Legenden) ... um. (religioese Inhalte)
3. Die Gewalttaten der Revolution, ...sind nur zu erklären, wenn man bedenkt, dass sie zur Befestigung eines neuen religiösen Glaubens dienten. (Die juemgere deutsche Geschichte liefert viele Beispiele)

lg
Forum -> Gott


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