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Keuschheitsgebot in der Bahai-Religion












Ich beschäftige mich nun seit einigen Monaten mit der Bahai-Religion und obwohl mir das noch gar nicht so lange vorkommt, stehe ich eigentlich schon kurz davor, zu konvertieren. Doch ich spüre in mir mittlerweile auch leise Zweifel aufkommen und das vor Allem in Bezug auf das Keuschheitsgebot. Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal einige Bahai fragen, wie sie damit umgehen, außerhalb der Ehe keinen Geschlechtsverkehr haben zu dürfen.

Ich bin gespannt auf eure Antworten
Lieber Rob,

Zitat:
Ich beschäftige mich nun seit einigen Monaten mit der Bahai-Religion und obwohl mir das noch gar nicht so lange vorkommt, stehe ich eigentlich schon kurz davor, zu konvertieren.


Zugegeben freut mich das als Bahá'í, aber diesen letzten Schritt solltest du auf jeden Fall erst tun, wenn du dir ganz sicher bist. Letztendlich ist der Beitritt ja ein formelles Ereignis, ob man nun an Bahá'u'lláh glaubt oder nicht, entscheidet sich ja im Herz.

Zitat:
Doch ich spüre in mir mittlerweile auch leise Zweifel aufkommen und das vor Allem in Bezug auf das Keuschheitsgebot. Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal einige Bahai fragen, wie sie damit umgehen, außerhalb der Ehe keinen Geschlechtsverkehr haben zu dürfen.


Ich denke da bist du nicht der Einzige. Besonders im Westen, scheint dies die größte Herausforderung für die Bahá'í zu sein. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft in der kaum ein Thema mehr Beachtung findet als Sexualität: Musik, Filme, Bücher etc... auch die Werbung hat dies entdeckt, so wird oft mit sexualisierten Inhalten für Produkte geworben, welche eigentlich gar nichts mit Sexualität zutun haben.

Doch warum ist dies so? Ich denke die Erklärung dafür ist komplexer als man denkt. Zuerst ist Sexualität ein Urinstinkt des Menschen, sie wird für die Vermehrung benötigt, ebenso wie für das Gründen einer Familie.

Desweiteren macht das, ich nenne es einmal 'erfolgreiche', Ausleben von Sexualität Spaß und Spaß wird uns immer wieder als das höchste Gut vermittelt, unsere heutige Gesellschaft ist eindeutig Hedonistisch geprägt. Dies erklärt auch, warum Sexualität so oft völlig losgelöst von ihrem Kontext vorkommt, man versucht die Freude der Sexualität, mit dem eigenen Produkt in Assoziation zu bringen.

Desweiteren definiert man sich durchaus über seine Sexualität, sie ist nämlich wohl das offensichtlichste Trennungsmerkmal zwischen Frauen und Männern. Was auf der anderen Seite dazu führt, dass Sexualität eine große Verbindung zwischen Frauen und Männern darstellt. Oft geht dies soweit, dass sie als das einzige verbindende Element dargestellt wird. Damit wird die Beziehung zwischen Männern und Frauen oft generell sexualisiert.
Doch auch in der Vergangenheit war die Einstellung gegenüber der menschlichen Sexualität nicht gerade gesund. Statt der heutigen Übertreibung der Sexualität, gab es eine negative Verurteilung der Sexualität. Sie wurde als eine Art Erbsünde angesehen, Frauen wurden oft generell als Verführerinnen des Mannes dargestellt und wurden deswegen als schlecht oder minderwertig angesehen. Sie sollten sich verhüllen, sich vor der Gesellschaft zurückhalten, oft wurden sie sogar verstümmelt und für jedes Problem mit Sexualität verantwortlich gemacht.

Ich denke das Keuschheitsgebot in der Ehe stellt hier den gesunden Mittelweg dar. Sexualität wird nicht generell als negativ angesehen, sehr wohl wird sie aber nicht in den Mittelpunkt des menschlichen Lebens und der menschlichen Existenz gerückt. Im Rahmen der Gebote sollen wir die weltlichen Dinge sogar genießen:

Genießet, o Menschen, die guten Dinge, die Gott euch erlaubt, und beraubt euch nicht selbst Seiner wunderbaren Gaben. Bringet Ihm Dank und Preis, und gehöret zu den wahrhaft Dankbaren. (Bahá'u'lláh, Ährenlese 128:4)


Schließlich sind die Gebote Bahá'u'lláhs ja auch nicht da um uns zu ärgern oder zu quälen, sondern sie sind eine liebevoller Vorsehung:

O ihr Völker der Welt! Wisset mit Gewißheit, daß Meine Gebote die Lampen Meiner liebevollen Vorsehung unter Meinen Dienern und die Schlüssel Meiner Gnade für Meine Geschöpfe sind. So ist es aus dem Himmel des Willens eures Herrn, des Herrn der Offenbarung, herabgesandt. Sollte ein Mensch die Süße der Worte kosten, welche die Lippen des Allbarmherzigen zu äußern beliebten, und wären die Schätze der Erde in seinem Besitz, so würde er sie allesamt aufgeben, um die Wahrheit auch nur eines Seiner Gebote zu verteidigen, die über dem Morgen Seiner gnädigen Fürsorge und Güte leuchten. (Bahá'u'lláh, Kitáb-i-Aqdas 3)


Ich hoffe das hilft dir etwas weiter.
Lieber rob85,

Jetzt mal unter uns:

Wie Tobias schon sagte, auch wir Bahá'i haben alle Probleme mit dem Keuschheitsgebot, denn die ganze Welt hat das. Wem ist Sexualität nicht zu wertvoll, als es sich verbieten zu lassen.

Sexualität ist wie ein Messer. Es kann den Menschen verletzen oder ihm eine Scheibe Brot abschneiden.

Sieh Dir an, wie viele Menschen unter der fehlenden Liebe ihrer Mitmenschen leiden. Überlege, haben wir eine vollkommene Welt, in der jeder dem Nächsten vollkommene Nähe und Liebe zeigt und wir somit alle geistigen Probleme lösen können ? Schaue Dir doch die Oberflächlichkeit und Unverbindlichkeit der menschlichen Beziehungen im allgemeinen an, siehst Du nicht auch das, was Bahaullah sieht ?

Die Institution der Ehe und das Konzept eines Familienclans ist eine sichere Burg für den Menschen, in einer Epoche der Menschheit, wo Nächstenliebe immer noch nichts selbstverständliches ist.

Die Sexualität ist ein Privileg der Ehe, auf dass sie eben auch pragmatisch betrachtet attraktiv für den Menschen ist.

Lieber rob85, Du musst die Nöten der Welt erforschen und dann wirst Du auch die heilende Magie der Ehe verstehen. So wirst Du auch verstehen, warum Sexualität nicht ausserhalb dieser Institution ablaufen sollte.

Liebe Grüße,
Rahiym
Vielen Dank für die netten Antworten. Es ist sehr wohltuend, wenn man man merkt, dass die eigenen Fragen von anderen ernst genommen werden.
Ich werde mich in nächster Zeit einfach noch weiter mit dem Glauben, den Heiligen Schriften und deren Wirkung auf mich beschäftigen, bevor ich zu einer endgültigen Entscheidung gelangen kann.
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