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Entwicklungshilfe - ein schwerer Weg












Heute im Spiegel:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,521886,00.html

Zitat:
Elend, Rache, Tod

Eine Schule ohne Dach, eine Klinik ohne Toiletten, stinkende Märkte und der ewig-tödliche Konflikt zwischen Hirten und Bauern. In Lagawa, einem Ort im Sudan, herrscht die Hoffnungslosigkeit. Die Entwicklungshelfer sind nahezu machtlos in einer für sie unzugänglichen Welt.

Lagawa - Aus den Ständen der Metzger hinter dreck- und blutverschmierten Bretterverschlägen dringt der Gestank von Innereien und verdorbenem Fleisch. Auch die auf der Erde in der prallen Sonne liegenden Fische verpesten die Luft auf dem Markt von Lagawa.

Überall Abfall: ausgediente Schuhe, Kleidungsreste, Plastikflaschen und zerrissene Pappschachteln. Zwischen den Ständen und den auf dem Boden feilgebotenen Waren suchen Ziegen, Kühe und Esel nach Fressbarem: verrottendes Obst, dreckiges Papier, die letzten halbwegs grünen Blätter von Büschen und Stauden. Auf den Wegen Kot und Urin. Die Köpfe geschächteter Schafe und die Unterschenkel von Kühen und Kälbern liegen herum.

Hier liegt alles im Argen. Seit Jahrhunderten wird das Gebiet um Lagawa von Raubzügen und Kriegen heimgesucht. Der letzte endete nach einem Friedensabkommen 2004. Meist mussten die Menschen in den Nuba-Bergen ums nackte Überleben kämpfen. Wer dächte da an so etwas wie an ein Gemeinwesen? Wer wollte da zusätzliche Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen? Der Sinn fürs Allgemeinwohl und für die öffentliche Ordnung ist völlig abhanden gekommen.

Lagawa ist ein abgelegenes Nest im westlichen Teil der Nuba-Berge, Zentralsudan, Provinz West-Kardofan. Zweifellos eines der dreckigsten auf dem schwarzen Kontinent. Es ist ein Ort, in dem sich jeweils drei Schülerinnen des lokalen Internats ein Bett teilen müssen. Ein Sturm hatte vor Monaten das Dach von einem der Schlafsäle gerissen, und es ist noch immer nicht repariert. Es ist ein Ort, in dem das Krankenhaus zwar einen nagelneuen Notarztwagen hat, jedoch keine Toiletten.

Lagawa liegt in einer Gegend, in der die Frauen beschnitten werden - und zwar auf die radikale Art. Infolgedessen ist es eine Gegend mit der höchsten Frauensterblichkeit der Welt, weil viele Gebärende verbluten. Es ist eine Gegend, in der Durchfallerkrankungen und Infektionen an der Tagesordnung sind, weil die Menschen den Zusammenhang zwischen der Benutzung sauberen Wassers und ihrem Gesundheitszustand nicht verstehen. Statt reines Grundwasser aus Brunnen zu schöpfen, trinken die Dorfbewohner lieber aus den spärlichen Wasserläufen, aus denen auch das Vieh säuft, und in die es kotet und uriniert. Das Wasser aus dem Bach sei "more tasty" als das aus dem Brunnen, sagen sie, es habe "mehr Geschmack".

Die Entwicklungshelfer der Deutschen Welthungerhilfe tun sich schwer. Sie bohren Brunnen und gründen in den Dörfern Wasserkomitees, doch die Brunnen werden nicht sauber gehalten. Die Nachhaltigkeit der Hilfsprojekte ist fraglich.

Die hier ansässigen ehemaligen Nomaden haben traditionell kaum ein Umweltbewusstsein: Wieso etwas sauber halten, zieht die Karawane doch schon morgen an einen anderen Ort? "Das ist tief in ihnen drin, auch wenn sie sesshaft geworden sind", sagt Johann van der Kamp, Leiter der Deutschen Welthungerhilfe im Sudan. Die Gleichgültigkeit gegenüber der unmittelbaren Umgebung und gegenüber ihrer Zukunft geht einher mit einem Islam-typischen Fatalismus: Inschallah - was passiert, ist Gottes Wille.

Die Amire sehen ihr Dorf mit dem Auge aus dem All


Zwei der Dorfältesten von Lagawa haben sich heute in Schale geworfen. Amir Achmed Kuka und Amir Ismail Bushara tragen Dschellabijas in blütenreinem Weiß, dazu einen Schal. Ihr weißer Turban sitzt sauber gewickelt auf dem Haupt, und in der Hand halten sie einen dünnen Stock, eine Art Zepter, das sie als Würdenträger auszeichnet.

Die beiden Amire - Amir bedeutet Anführer - sind zu Gast im Camp der Welthungerhilfe. Im Bestreben, den Leuten von Lagawa ein besseres Leben zu ermöglichen, soll es heute um die Verbesserung des "Konflikt-Managements" zwischen den Stämmen in der Gegend gehen. Dazu wird ein junger deutscher Kartograf den Notabeln ihre Heimat vorführen, wie sie sie noch nie gesehen haben.

Das Zaubermittel dafür heißt GIS, Geografisches Informationssystem. Der junge Kartograf präsentiert den Amiren Daten, Karten und Satellitenaufnahmen dieses einsamen Winkels der Welt, in den man aufgrund der miserablen Straßen nur schwer kommt. Hightech-Zeitalter trifft auf Mittelalter. Dank des Auges aus dem All macht der Geograf Weidegründe sichtbar, Flussläufe, Tränken und Wanderpfade der Herden - die entscheidenden Parameter des Konflikts zwischen Nomaden und Bauern.


Es ist ein für uns unvorstellbares Elend - ein Leben, daß man im schlimmsten Fall nicht erleben möchte.

Wer gibt diesen Menschen Hoffnung und Kraft ?
Wenn es den Menschen dort schon so elend geht, wie wird es wohl den Tieren gehen ? Wird der Mensch dadurch innerlich hart ?

Zitat:


2. Teil: Die Nomaden rüsten gegen die Bauern auf - mit Pferden statt Eseln, MGs statt Kalaschnikows


In diesem Jahr haben die Feindseligkeiten zugenommen. 2006 kamen allein in Lagawa 34 Menschen nach Streitigkeiten zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern ums Leben. Dieses Jahr sind es bereits 51 Tote. Und es ist zu befürchten, dass der Konflikt an Schärfe und Opfern zunehmen wird. Clothilde Lebreton, eine Französin in Diensten der Welthungerhilfe in Lagawa, sagt: "Die Misirija rüsten auf: Die ersten Clans benutzen jetzt Pferde statt Esel und MGs statt Kalaschnikows. So verschaffen sie sich Vorteile gegen die Nuba."

Die Entwicklungshelfer erkennen mittels der Schaubilder aus dem Satelliten, wo es regelmäßig zu tödlichen Zusammenstößen kommt. Meist an Wasserstellen und dort, wo Viehherden auf ihren Wanderungen Ackerland zerstören. Doch die Methoden der Konfliktbewältigung - Mediation und ein klarer, aber humaner Strafenkatalog - wollen nicht greifen. Zwar räumt Amir Bushara ein, dass die Zeiten andere sind und sich damit auch die Verhaltensweisen ändern sollten. Doch da meldet sich Amir Kuka zu Wort und erklärt mit Nachdruck: "Wenn jemand getötet wird, muss irgendeiner vom anderen Stamm auch getötet werden. Das ist sehr wichtig!"

Die Blutrache herrscht zwischen den bäuerlichen Stämmen der Nuba - der größten nichtarabischen Volksgruppe im nördlichen Sudan - , den Daju und dem Nomadenstamm der Misirija seit Urzeiten.

Krieg an der Schnittlinie zwischen Nord- und Südsudan


Und weil der Konflikt in dem 80.000 Quadratkilometer großen Gebiet des östlichen und westlichen Jebel-Gebirges, in dem rund 1,4 Millionen Menschen aus 50 Ethnien leben, so tief eingewurzelt ist, ist er kaum zu lösen. Die arabischstämmigen Baggara, zu denen die Misirija gehören, zogen seit dem 16. Jahrhundert gegen die schwarzstämmigen Nuba zu Felde. Lange war das Gebiet, über deren Bewohner die von Hitler verehrte Leni Riefenstahl ins Schwärmen geriet, Sklavenrevier der Menschenhändler aus dem 400 Kilometer nördlich gelegenen El Obeid.

Die Hauptstadt Nord-Kardofans war im 19. Jahrhundert durch den Gold-, Elfenbein- und Straußenfederhandel zur Blüte gekommen - und eben durch den Sklavenhandel. Später war die Stadt Hochburg des Mahdi, jener islamischen Messiasgestalt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die türkischen und ägyptischen Truppen aus dem Land jagte und in Khartum General George Gordon, Statthalter des britischen Empire, eine vernichtende Niederlage beibrachte.

Doch die Gräuel der Vergangenheit waren nichts im Vergleich zum letzten Krieg, der zwischen 1986 und 2002 in den Nuba-Bergen tobte, wo die verfeindeten Teile Sudans aufeinanderprallten. Drei Jahre zuvor war die SPLA (South Sudan People's Liberation Army) unter der Führung von John Garang gegen die Regierung in Karthum aufgestanden, die das Scharia-Recht einführte. Nach Angaben der Gesellschaft für Bedrohte Völker in Göttingen vertrieb, verschleppte, folterte, vergewaltigte und ermordete die sudanesische Armee seit 1987 rund eine Million Nuba. Es galt, so die Menschenrechtler, die Jahrtausende alte Kultur der Nuba zu vernichten, "um die Arabisierung und Islamisierung des Sudan fortzusetzen".

John Garang schaut Mekki Kofi Mekki über die Schulter


Im Januar 2002 vereinbarten die Kriegsparteien einen Waffenstillstand. Im Mai 2004 einigte man sich in einem Friedensabkommen (CPA, comprehensive peace agreement) auf ein Referendum, in dem die Bevölkerung in den Nuba-Bergen - und in der erdölreichen Provinz Abyei - binnen sechs Jahren entscheiden soll, ob sie zum nördlichen oder südlichen Sudan gehören will.

Doch die Einheit Sudans steht wieder auf der Kippe, seit die SPLM im Oktober ihre 18 Minister und drei Präsidentenberater aus der Regierung Muammar al-Baschirs zurückgezogen hat. Niemand weiß derzeit, ob und wann sich das Parlament in Juba, dem Zentrum des Südens unweit der ugandischen Grenze, für eine Abtrennung vom Norden entscheiden wird.

In Lagawa, an der Schnittstelle zwischen Nord und Süd, sitzt derzeit Mekki Kofi Mekki auf dem Stuhl des Commissioners, eine Art Landrat. Bis zum Referendum wechseln sich die hohen Provinzrepräsentanten alle zwei Jahre ab. Mekki Kofi Mekki ist ein Mann des Südens. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bild, das an dieser Stelle zu sehen vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Es ist eine Fotografie John Garangs, des Guerilla-Chefs der SPLM-Separatisten, der am 30. Juli 2005 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam, als er auf dem Rückflug von einem Treffen mit dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museweni und Vertretern der EU und der USA in Kampala war.

Rückkehr Zehntausender Flüchtlinge verschärft den Konflikt


Von der Gefahr eines neuen Krieges will Mekki Kofi Mekki nichts wissen - obwohl es Anlässe für neue Kämpfe zwischen der SPLA und Einheiten der Regierung gäbe, denn Khartum kommt Abmachungen aus dem Friedensabkommens nicht nach: Abzug seiner Einheiten aus den Ölfeldern des Südens, gerechte Beteiligung des Südens am Ölreichtum. Stattdessen zieht die Regierung Nutzen aus der derzeitigen Ruhe: Sie zog Einheiten aus den Nuba-Bergen ab, um sie in der Krisenregion Darfur im Westen des Landes gegen die dort operierenden Rebellen einzusetzen.

Das derzeitige Morden in den Nuba-Bergen nimmt Mekki Kofi Mekki locker. Das seien lediglich lokale Konflikte. "Es sind Stammesauseinandersetzungen zwischen Nomaden und Bauern, wie es sie seit Jahrzehnten gibt", beschwichtigt er, so, als ob damit alles in bester Ordnung sei.

Doch auch wenn der fragile Friede zwischen Nord und Süd gegenwärtig hält: Nach dem Waffenstillstand sind viele Flüchtlinge - von 120.000 ist die Rede - in die Nuba-Berge zurückgekehrt, wodurch das Land knapp wird. Seitdem hat sich der Konflikt zwischen Nomaden und Sesshaften wieder verschärft.


Wie kann Europa helfen und ist Einmischung überhaupt gewünscht ?
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