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Das Geheimnis der Kraft












Aber während seine Hände und Füsse so ihre Aufgaben erfüllen, werden neue Augen und Hände und Füsse in ihm geboren. Denn sein leidenschaftliches und unaufhörliches Verlangen richtet sich darauf, jenen Weg zu gehen, auf welchem diese feineren Organe allein ihn führen können.

Die physische Welt hat er kennen gelernt und weiss, wie er sie zu gebrauchen hat; nach und nach wächst seine Kraft und er erkennt die psychische Welt. Aber er muss diese Welt kennen lernen und fähig werden, sie zu gebrauchen, und er darf nicht den Halt des Lebens verlieren, das ihm vertraut ist, bis er Fuss gefasst hat in jenem, das ihm fremd ist. Wenn seine psychischen Organe solche Kraft erworben haben, wie sie die physischen Organe des Kindes besitzen, welches zuerst die Lungen öffnet, dann ist der Augenblick für das grosse Wagnis gekommen. Wie wenig tut not -- und doch auch wie viel! Der Mensch bedarf nur des in allen seinen Teilen ausgebildeten psychischen Körpers, wie es der Körper eines Kindes ist; er bedarf nur der tiefen und unerschütterlichen Überzeugung, welche das Kind antreibt, dass das neue Leben ein wünschenswertes ist. Hat er einmal diesen Standpunkt gewonnen, mag er sich heimisch machen in der neuen Atmosphäre und zu der neuen Sonne emporblicken. Aber dann muss er daran denken, dass er die neue Erfahrung durch die alte im Zaum hält. Er atmet eben noch immer, wenn auch anders; er zieht die Luft in seine Lungen und erhält das Leben von der Sonne. Er ist in die psychische Welt hineingeboren worden und hängt jetzt ab von psychischer Luft und psychischem Licht. Sein Ziel liegt aber nicht dort; dieses Leben ist nur eine verfeinerte Auflage des physischen Lebens; er hat dasselbe nach ähnlichen Gesetzen zu durchschreiten. Er muss studieren, lernen, wachsen und erobern; während der ganzen Zeit darf er aber niemals vergessen, dass sein Ziel jene Stelle ist, wo es keine Luft, keine Sonne oder Mond gibt. Glaube nicht etwa, dass der Mensch bei dieser Wanderung sich fortbewegt oder seinen Platz wechselt. Nein. Die genaueste Beschreibung des Vorgangs stellt das Abwerfen von Rinden oder Hautschichten dar.
Der Mensch, der seine Lektion vollständig gelernt hat, wirft das physische Leben fort; nachdem er die nächste Lektion vollständig gelernt hat, wirft er das psychische Leben fort; hat er auch die nächstfolgende Lektion vollständig gelernt, so wirft er auch das kontemplative Leben oder das Leben der Andacht fort. Alles wird zuletzt beiseite geworfen, wenn er den grossen Tempel betritt, wo jede Erinnerung an das Selbst oder an die Empfindung draussen gelassen wird, wie die Schuhe abgestreift werden von den Füssen der Andächtigen. Dieser Tempel ist der Ort seiner eigenen reinen Göttlichkeit, die Zentralflamme, welche, verdunkelt wie sie auch war, ihn doch in allen diesen Kämpfen belebt hat. Wenn er dieses erhabene Heim gefunden hat, ist er sicher wie der Himmel selbst. Dabei bleibt er ruhig, erfüllt mit allem Wissen und aller Kraft. Der äussere Mensch, die andächtige, handelnde und lebende Persönlichkeit, geht ihren eigenen Weg Hand in Hand mit der Natur und zeigt die ganze erhabene Stärke ungehinderten natürlichen Wachstums der Erde, erleuchtet von jenem Instinkt, der das Wissen enthält. Denn in dem innersten Heiligtum, in dem wirklichen Tempel, hat der Mensch die unsichtbare Lebensessenz der Natur selbst gefunden. Nicht länger kann irgend ein Unterschied zwischen ihm und der Natur bestehen oder halbe Arbeit ausgeführt werden. Dann kommt die Stunde der Tätigkeit und der Macht. In jenem innersten Heiligtum ist alles zu finden: Gott und seine Geschöpfe, die Feinde, welche dieselben zu ihrer Beute machen, diejenigen unter den Menschen, die geliebt worden sind, und diejenigen, welche gehasst worden sind. Ein Unterschied besteht nicht länger zwischen ihnen. Dann lacht die Seele des Menschen in ihrer Stärke und Furchtlosigkeit, und sie schreitet vorwärts in jene Welt hinein, in welcher ihre Tätigkeit benötigt wird, und übt diese ihre Tätigkeit aus ohne Befürchtung, Unruhe, Furcht, Bedauern oder Freude.
Dieser Zustand ist dem Menschen erreichbar noch während seines Lebens im Physischen; denn es gibt Menschen, die ihn bei ihren Lebzeiten erlangt haben. Dieser Zustand allein kann unsere Handlungen auf der physischen Ebene göttlich und wahrhaft machen.

Das Leben in der Sinnenwelt muss immer nur eine äussere Form für die erhabene Seele sein -- es kann nur dann zu einem machtvollen Leben, dem Leben der Vollendung werden, wenn es belebt wird von dem gekrönten gleichmütigen Gott, der in dem Heiligtum sitzt.

Diesen Zustand zu erlangen ist so überaus wünschenswert, weil es dort von dem Augenblick an, wo man in ihn hineintritt, keine Unruhe, keine Sorge, keinen Zweifel oder Zaudern mehr gibt. Wie ein grosser Künstler sein Gemälde furchtlos malt und doch keinen Irrtum begeht, den er bedauern müsste, so findet sich der Mensch, der sein inneres Selbst gebildet hat, mit seinem Leben ab.
Aber das findet erst statt, wenn der erwähnte Zustand erreicht ist. Das, was wir, die wir nach den Bergen unsere Blicke richten, zu wissen begehren, ist die Art des Eintrittes und der Weg zu dem Tore. Es ist ein „Goldenes Tor", verriegelt mit einem schweren Riegel von Eisen. Der Weg zu seiner Schwelle macht den Menschen verwirrt und elend. Er sieht nicht wie ein Pfad aus; jeden Augenblick scheint er zu Ende zu sein; er führt an furchtbaren Abgründen vorbei und verliert sich in tiefes Wasser.

Sind wir einmal hinübergeschritten und haben den Weg gefunden, dünkt es uns wunderbar, dass die Schwierigkeit so gross geschienen. Denn der Pfad hat sich nur plötzlich gewendet an der Stelle, wo er zu verschwinden drohte. Am Rand des Abgrundes ist er breit genug für die Füsse, und über die tiefen Gewässer, welche so heimtückisch aussehen, findet sich immer eine Furt und eine Fähre. So verhält es sich mit allen ernstlichen Erfahrungen der menschlichen Natur. Wenn der erste Kummer das Herz auseinanderreisst, scheint es, dass der Pfad ein Ende hat und leere Dunkelheit an die Stelle des Himmels tritt. Und doch schreitet die Seele tastend weiter und jene gefährliche und anscheinend hoffnungslose Stelle auf der Strasse wird zurückgelassen. So auch sind viele andere Formen der menschlichen Qualen beschaffen. In einer langen Periode oder einer ganzen Lebenszeit wird der Pfad des Daseins manchmal beharrlich versperrt durch anscheinend unüberwindliche Hindernisse. Kummer, Schmerz, Leiden, der Verlust von allem, was wir lieben oder schätzen, bäumt sich auf vor der erschreckten Seele und hindert sie an jedem Schritt. Wer stellt diese Hindernisse dort hin? Die Vernunft weicht zurück vor jenem kindlichen dramatischen Bilde, welches Dogmatiker ihr vorhalten, -- vor dem Gott, der seine Geschöpfe zu ihrer schliesslichen Glückseligkeit dem Teufel zu quälen übergibt. Wann wird jene Glückseligkeit erlangt werden? Der Gedanke, der in diesem Bilde liegt, setzt ein Ende voraus, ein Ziel. Es gibt kein Ziel. Ein jeder von uns kann dem ohne weiteres beistimmen, denn so weit des Menschen Beobachtung, Vernunft, Denken, Intellekt oder Instinkt das Mysterium des Lebens zu ergreifen imstande ist, deutet alles darauf hin, dass der Pfad endlos ist, und dass die Ewigkeit von der trägen Seele selbst in einer Million von Jahren nicht umgangen oder verwandelt werden kann.
Im Menschen --, mag man ihn als Individuum oder als ein Ganzes nehmen --, ist ganz augenfällig eine doppelte Konstitution vorhanden. Ich drücke mich damit etwas allgemein aus, indem ich mir sehr wohl bewusst bin, dass die verschiedenen philosophischen Schulen ihn nach ihren verschiedenen Theorien zerlegen und die einzelnen Teile wiederum teilen. Was ich sagen möchte, ist, dass zwei grosse Wogen der Empfindung durch seine Natur hindurchfluten, zwei grosse Kräfte sein Leben leiten: die eine macht aus ihm ein Tier, die andere einen Gott. Kein wildes Tier auf der Erde ist so brutal wie der Mensch, welcher seine göttliche Kraft der tierischen unterwirft. Dies ist selbstverständlich, da die ganze Stärke der doppelten Natur nach einer Richtung hin in Anwendung gebracht wird. Das Tier an sich gehorcht nur seinen Instinkten und wünscht nur seine Neigung zum Geniessen zu befriedigen; aber es kümmert sich wenig um das Dasein anderer Wesen, wenn sie ihm nicht Veranlassung zum Genuss oder Schmerz bieten; es weiss nichts von der abstrakten Liebe zur Grausamkeit oder von irgend einer jener abscheulichen Neigungen des Menschenwesens, die in sich selbst ihre eigene Befriedigung finden. So ist der Mensch, welcher zum Tier wird, in seinem Lebensbereiche dem natürlichen Tiere millionenfach überlegen; das, was sich bei dem natürlichen Tier als ein ganz unschuldiger Genuss, der nicht durch eine willkürliche Moralrichtschnur unterbrochen wird, darstellt, wird im Menschen zum Laster, da es systematisch betrieben wird. Ja, er wendet alle göttlichen Kräfte seines Wesens dieser Richtung zu und erniedrigt seine Seele, indem er sie zum Sklaven seiner Sinne macht. Der Gott in seiner Entstellung und Verhüllung dient dem Tiere und zieht es gross.
Ob es nicht möglich ist, die Situation zu verändern? Der Mensch selbst ist der König des Landes, in welchem dieses seltsame Schauspiel zu sehen ist. Er lässt das Tier die Stelle des Gottes einnehmen, weil für den Augenblick das Tier seiner eigensinnigen königlichen Einfalt am meisten gefällt. Das kann nicht für die Dauer sein; weshalb es aber überhaupt noch länger andauern lassen? Solange als das Tier dort herrscht, werden die empfindlichsten Leiden ihren Piatz behaupten infolge des Schwingens zwischen Freude und Leid, infolge des Verlangens nach Verlängerung des physischen Lebens mit seinen Genüssen. Und der Gott, in seiner Eigenschaft als Diener, trägt tausendfältig dazu bei, dies noch zu mehren; denn er verschärft das raffinierte, ästhetische Geniessen des physischen Lebens, er verschärft den Schmerz in einer Weise, dass man nicht weiss, wo dieser endet und wo die Freude-Empfindung anfängt. Solange der Gott dient, solange wird das Leben des Tieres bereichert und von unschätzbarem Werte sein. Anders aber, wenn der König sich entschliesst, das Bild seines Hofes zu ändern und gewaltsam das Tier von dem Thronsessel herunterzustossen und so dem Gotte seine heilige Stelle wiederzugeben.
Welch tiefer Friede schwebt dann in dem Palast! Dann ist alles in der Tat anders geworden. Nicht länger herrscht dann noch das Fieber persönlicher Sehnsucht oder persönlicher Wünsche, dann gibt es keinen Trotz mehr noch Verzweiflung, kein Streben mehr nach Genuss, noch Furcht vor Schmerz. Es ist als wenn eine grosse Stille auf den stürmischen Ozean herniedersteigt; als wenn ein linder Sommerregen auf den ausgetrockneten Boden herniederfällt; es ist wie wenn man auf einen tiefen See stösst inmittten der öden und schmachtenden Labyrinthe eines unwirtlichen Waldes.

Aber es ist noch mehr als alles dieses. Der Mensch ist nicht nur mehr als ein Tier deshalb, weil der Gott in ihm lebt, sondern er ist mehr als der Gott deshalb, weil das Tier in ihm ist.

Zwingst du einmal das Tier in seine richtige Stelle hinein, die des Untergebenen, so findest du dich in dem Besitz einer grossen Kraft, von der du vorher nichts wusstest und nichts ahntest. Der Gott als Diener vermehrt tausendfältig die Genussfähigkeit des Tieres, das Tier aber als Diener trägt tausendfältig bei zu den Kräften des Gottes. Auf dieser Vereinigung, der rechten Beziehung dieser beiden in ihm waltenden Kräfte, steht der Mensch wie ein starker König, er ist befähigt, die Hand zu erheben und den Riegel des „Goldenen Tores" zurückzuschieben. Befinden sich diese Kräfte in unangemessenem Verhältnis zueinander, dann ist der König nichts weiter als ein gekrönter Genussmensch, ohne Macht, und seine Würde spricht ihm nur Hohn; denn die Tiere, ungöttlich wie sie sind, kennen wenigstens den Frieden und werden nicht von Laster und Verzweiflung zerrissen.

Das ist das ganze Geheimnis. Das ist es, was den Menschen stark, mächtig und fähig macht, Himmel und Erde in seiner Hand zu halten. Bilde dir gar nicht ein, dass das etwa leicht ist. Lass dich nicht von der Idee täuschen, dass der religiöse oder tugendhafte Mensch es fertig bekommt. Nein. Sie tun nichts weiter, als dass sie eine Richtschnur, eine Praxis, ein Gesetz feststellen, durch welches sie das Tier im Zaume halten. Der Gott wird gezwungen, demselben in einer bestimmten Weise zu dienen, und er tut es auch, indem er es erfreut mit dem Glauben und den liebgewonnenen Phantasien der Frommen, mit dem erhabenen Gefühl persönlicher Würde, welches die Freude des Tugendhaften ausmacht. Diese besonderen und gewissermassen gesetzlich gebilligten Laster sind zu tiefstehende und niedrige Dinge für das blosse Tier, welches einzig und allein von der Natur selbst, die immer frisch ist wie die Morgenröte, inspiriert wird.
Der Gott im Menschen, wenn er ausartet, ist etwas ganz Unaussprechliches in seiner schändlichen schöpferischen Fähigkeit
Das Tier im Menschen, wenn es emporgehoben wird, ist über alle Vorstellung erhaben in seinen grossen Fähigkeiten des Dienstes und der Kraft.

Ihr, die ihr euer tierisches Selbst darauflos leben lasst und es nur innerhalb gewisser Grenzen hindert und haltet, vergesst, dass es eine grosse Kraft ist, ein zugehöriger Teil zu dem tierischen Leben der Welt, in der ihr lebt. Mit demselben könnt ihr über Menschen herrschen und die Welt selbst beeinflussen, mehr oder weniger bemerkbar je nach eurer Stärke. Der Gott, im Besitz der ihm gebührenden rechtmässigen Stelle, wird dieses ungewöhnliche Wesen so inspirieren und leiten, es so erziehen und entwickeln, es zur Tätigkeit und Erkennung seiner Art zwingen, dass es dich zittern machen wird, wenn du die Macht erkennst, die in dir erwacht ist. Das Tier in dir wird dann ein König sein unter den Tieren der Welt.
Das ist das Geheimnis der uralten Magier, die die Natur zu ihrer Dienerin machten und Wunder wirkten jederzeit nach ihrem Gefallen. Das ist das Geheimnis der kommenden Rasse, welche uns Lord Lytton im „Geschlecht der Zukunft" als Zukunftsbild entwarf.

Aber diese Macht kann nur erlangt werden, wenn man dem Gott die Alleinherrschaft gibt. Lass das Tier über dich herrschen und es wird niemals über andere herrschen.
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